Welch ein Buch! Nach der Halbzeit zu Ulrich Bechers Murmeljagd, ff. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 22. April 2018. Schon jetzt eine Hommage.

[Arbeitswohnung, 8.38 Uhr
Jarrett, Wien 1991]

Dieses Konzert ist dabei, zu den mir liebsten Jarretts überhaupt zu gehören, aufgenommen 1991 in Wien. Nachdem meine CD nun zum dritten Mal abgetastet wird und sich die ProAcs auf sie eingeschwungen haben, das heißt, meine Ohren sich eingeschmiegt in die Musik, höre ich sogar schon die ungeheure, furchtbar -ecco! – innige Neapelmusik heraus, die Jarrett erst fünf Jahre später improvisiert hat; sie gibt es immer noch nicht im Handel, immer noch läuft nur ein, ich weiß nicht ob  Privatmitschnitt um, deren eine Kopie irgendwann auch bei mir gelandet ist – ein Umstand, der mich mit bleibendem Dank erfüllt.
Doch das ist persönlich. Ich möchte von etwas anderem erzählen, obwohl es – noch – nur eine Zwischenerzählung sein wird.

„Großes Buch!“ schrieb ich meinem Verleger Christofero Arco. „Auch wenn es nicht die ungemeine Poesie des Haiherzens oder der dritten New-York-Novelle hat.“ Ach, wie ich mich täuschte! Denn wenn ich zwar schon vorher, ich bin jetzt auf S.389 der 631 meiner wundervollen DDR-Ausgabe, etwa bei der, so muß ich sie nennen, Schußfahrt des falstaffschen Advokaten Gaudenz de Colana ins Tal wie hingerissen ward – der Triumph des Zirkusreites Giaxa bei seinem, so muß ich ihn nennen, Einritt in das Konzentrationslager Dachau, welchjenen den inhaftierten und dort zwangshaft hinverschleppten großen Mann zu einer Art Villa-Lobos Ramírez macht, lange bevor Gregory Widen ihn erfunden – diese ziemlich genau zwanzigseitige Szene, spätestens sie, machte mir unmißverständlich klar, was ich hier eigentlich in der Hand hielt, nämlich den wahrscheinlich besten Roman, den ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gelesen habe, bzw. immer noch lese. Ich möchte sogar weitergehen und dafür einstehn, daß „Murmeljagd“ einer der besten Romane überhaupt der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts ist, in deutscher Sprache, wohlgemerkt, wenn nicht sogar der beste. Ich stelle ihn weit, weit über Joyce und stelle ihn vielleicht sogar über Musil, ganz sicher aber über Kafka. Wobei letztres am Leben liegt, das dieses Buch erfüllt, an seiner H e l l i g k e i t – einer Haltung, fast ungeheuren Haltung fast aller Hauptpersonen, ob des Erzählers selbst, ob seines Großvaters Kujath oder de Colanas, ob Giaxas oder seiner Tochter Xenia, ob selbst des marxistischen Widerstandskämpfers Valentin Tiefenbruck, der die besagte Szene, derweil er quasi nebenhin gegen sich selbst eine Partie Carambolage spielt, dem Großvater und seinem Enkel berichtet (unterbrochen stets vom Klack-Klack-Klack der Billardkugeln und des Enkels Innenkommentaren). Wobei dieser, der Enkel, in Tiefenbrucker Florian Geyer erkennt, und zwar nach einem Gemälde Lovis Corinths:

 

 

Daß er, Becher, dabei eine Neigung hat, Sozialisten und Marxisten vielleicht ein wenig zu romantisch zu verklären, in diesem Fall zu einem Ritter, ist ihm für die Zeit des National-sogenanten-sozialismus, von der die Murmeljagd erzählt, nicht nur nachzusehen, sondern hat ein menschlich völlig unantastbares Recht. Becher ist parteiisch, so, wie ich es ebenfalls wäre und bin. Dem darf ein Dichter nicht nur, sondern sollte ihm den Ausdruck geben. Denn zugleich – und/oder deshalb – ist dieser Roman wie gesättigt von gelebter und erforschter Geschichte und aber auch sprachlich prall von virtuosesten Formulierungen, manche schon allein für sich ein kleines Kabinettstück:

Wir fuhren aus Thusis und ins Domleschgtal ein, und der Föhn blies nicht nur die äußerst spärlich über den Fuß des Heinzenbergs verstreuten Lichter zu trughafter Nähe auf, sondern auch die Geräusche. Besser: das Gerausche. Das Rauschen des Hinterrheins aus der Monsterschlucht der Via Mala.
242/243

Großmama Kujath, gebürtige Diethelmine von Plessenow, Tochter eines brandendurgischen Krautjunkers, von Großpapa unentwegt sarkastisch „Helma, die Kummersdorfer Kürrassiertochter“, zuweilen „Burgfrau“ genannt, gehörte zum preußischen Frauentyp, der im Alter seine Gesichtszüge einbüßt.
245/246

„Und mir hülfe ’ne zweite Holandeza, aber … ich Knickstiebel habe ja Herzgeschichten und werde übermorgen siebzig. Hüte dich davor, Trebla. Übermorgen siebzig zu werden. Nur raus aus den Siebzigern! da soll die Sterberate so hoch sein …“
273

„Wie er durch die blühenden Linden hinabreitet, der Zentaur im blauen Janker, ist das der Gutsherr selbst. Ist das Dachau in einer anderen Zeit. Ist das Dachau als Gut. Nicht als Bös.“
325

Ich kann blind einen Finger zwischen die Seiten stecken und finde immer, immer so etwas. Für einen Autor-selbst, neben dem Berauschenden daran, hat das auch etwas Erschreckendes. Denn wie soll man da weiterschreiben, wie jemals auf solche Höhe gelangen? Jede Becherseite erfüllt mich mit Zweifeln gegenüber meiner eigenen Arbeit. Aber es sind gute Zweifel, weil völlig ohne Neid, Für einen solchen läßt meine Bewunderung einfach keinen Raum. So sind es auch liebevolle, dankbare Zweifel. Daß ich so etwas lesen darf, daß mir noch einmal sowas geschieht!

Liebe Freundin, ich bitte Sie – und bitte alle meiner Leser:innen -, sich dieses Buch zu besorgen, egal ob in der neuen Ausgabe von Schöffling, die ich nicht kenne, oder antiquarisch in meiner alten wunderbaren des Aufbau-Verlags, DDR. Wer deutsche Romankunst lesen will – und zittern, mitbangen, sich erheben, traurig werden, wütend werden, begeistert sein -, für alle die und den wäre es geradezu tragisch, entginge ihnen – entginge euch – dieses stupende Wunderwerk. Und … ja, ja! selbstverständlich werden die #meetooer Einwände gegen Bechers Frauenlieben erheben … ja, er ist ein dezidiert männlicher Autor, der rasend gerne vögelt und es auch seine „Helden“ tun läßt, einer, der Frauen n i c h t neutral, sondern erotisch wahrnimmt, die Männer, ob Falstaff, ob Ramírez aber auch, und einer, der den Kleingeist verspottet – noch dort, wo er sich, unter des Kleinhäuslers Bellerei, am furchtbarsten, widerlichsten, vernichtendsten gebärdet. Die Kanaille Mensch erfaßt Becher a u c h.
Ja, es kann sein, daß, bekommt dieses Buch eines Tages den ihm gebührenden Weltrang, aus der cleanenden Richtung gecleant werden wird, was das Zeug hält – wie schon bei Twain geschehen, wie selbst bei Astrid Lindgren. Auch deshalb sollten Sie sich das Buch schon jetzt kaufen. Denn nein, keiner der großen Männer, von denen Murmeljagd erzählt, ist Vergewaltiger, nicht einmal übergriffig – Verführer aber s i n d sie -: Vielleicht, zugegeben, fallen die Frauen dem Erzähler immer ein bißchen zu schnell in den Arm. Doch darob mag man lächeln, und frau. Er hat sich, Ulrich Becher, diese kleinen Eitelkeiten durch seine Sprach- und übrigens auch, in selbem staunenmachenden Ausmaß, Konstruktionskunst verdient. So sind sie also berechtigt und manchmal, überdies, die Folge eines einfach süßen Irrtums:

Für mich waren in der Minute weder Frage noch Antwort. Nach kurzem, dasmal wie krampfhaft heftigem Zögern drängte sie ihre sonderbar kleinen und festen Brüste gegen mich, und der Türkisohrring flackerte wie ein mir ins Auge fliegender Leuchtkäfer, und sie küßte mich; mit der sakralen Intensität einer Irren, Intensität, die mich ansteckte. In der Minute waren weder Antwort noch Frage.
Notre terre brulée – et sanglante,“ gurgelte dieses fabelhafte, wiewohl irre Fräulein Ithurra y Azkue in meinen Mund hinein. „Unsre verbrannte – blutige Erde.“
257

 

Ihr, verehrte Freundin,

ANH
[Jarrett, Lausanne 1973]

Und jetzt will ich zum Laufen.

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal, Hauptseite, Rezensionen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Welch ein Buch! Nach der Halbzeit zu Ulrich Bechers Murmeljagd, ff. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 22. April 2018. Schon jetzt eine Hommage.

  1. franzsummer sagt:

    „und sie küßte mich; mit der sakralen Intensität einer Irren,“
    manche Frauen lieben so, da kann man als Mann Angst bekommen 🙂 soweit ich mich erinnere. Aber grundsätzlich war ich mal der Ansicht, Frauen haben mehr von der Liebe und erleben alles viel intensiver. Männer bleiben allenfalls nur als staunende Beobachter dabei anwesend.
    Auf das Buch bin ich jetzt neugierig und habe es mir bestellt, es ist aber auch auf fast unanständige Art billig zu haben.
    Aber danke für den Tipp.

  2. lächelnd @franzsummer:
    Hätten Sie sich für Schöfflings Ausgabe entschieden, wäre es so unanständig billig nicht gewesen. Andererseits bin ich in diese DDR-Ausgabe tatsächlich vernarrt. Allein der Satzspiegel ist hinreißend. Da der Roman bei Schöffling 704 Seiten hat, rund achtzig also mehr, wird dort die Type – „modernen“ Erwartungen entsprechend – größer und der Satzspiegel nicht ganz so, sagen wir einmal, konservativ wie bei Aufbau sein. Vielleicht hat er, Schöffling, aber auch eine besonders schöne Lösung gefunden. Ich werde mir die Ausgabe ganz sicher anschauen, schon weil ich sie, anständigerweise, auch bewerbe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.