Von Schleiern, Vulkanen und Demut. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 7. Dezember 2017. Mit Lulubé von Becher, Ioma Mangold, der Frage einer Leserin und einer Handicap-Parabel.



Wenn einmal die Bogensehne meiner Leidenschaftlichkeit,
welcher echte Künstler wäre ohne sie? er kann sie formen
oder wird von ihr geformt, jedenfalls muß sie ihm eigen sein,
wenn diese Sehne einmal schlaffer hängen sollte bin ich
bereits gestorben.

Aus Lulubés Abschiedsbrief an Angelus
Ulrich Becher, >>>> Das Herz des Hais



[Arbeitswohnung, 8.13 Uhr
Stille. Verhangen-feuchter Tag.]


Es ist schon allerhand, auf was heute >>>> Bruno Lampe hinweist; ich konnte >>>> zu kommentieren nicht umhin. Es ist ja, Freundin, nicht so, daß Herr Mangold ein übelwilliger Kritiker wär; es ist „nur” Geschluder des Blicks, wobei Karl Kraus durch das „nur” einen fetten Strich gemacht und an ihm genau das Übel festgemacht hätte, und o h n e den Konjunktiv, der hier Irrealis ist. Wobei ich abermals darauf hinweisen möchte, daß Kopftuch und Schleier auch Ausdrucksformen der christlichen, nicht allein islamischer Ikonographie sind, siehe >>>> eines der innigsten Bilder der Christenheit überhaupt (und, ecco, einem der geheimnisvollsten):


Ich hätte es eines Tages gerne als Buchumschlag, am liebsten des >>>> Béartzyklus.

Das Herz des Hais zuende gelesen. Furchtbar innig der Abschiedsbrief, den Lulu B. Turian ihrem Ehemann hinterläßt, furchtbar wahrhaftig in seiner Lebenszugewandtheit und berückend ihre Erkenntnis und ihr Beharren; ich fürchte – aber weshalb? –, daß >>>> dieses Buch neben >>>> Aragons Blanche nunmehr zu meinen Lieblingsromanen gehören wird, wie Niebelschützens Blauer Kammerherr, wie Nabokovs Ada, auch (oder vielleicht gerade), wenn es – verglichen mit den beiden Weltentwürfen – auf Zehenspitzen geht und nur von einem Zimmer in das andre: „Allein das flache Klatschen der Brandung antwortete ihm”. Sollte es zu dem für >>>> Arco „angedachten” Bändchen mit meinen Kleinen Poetiken kommen, werde ich für Lulubé eine neue hinzuschreiben.

Arco, Freundin, ja. Nun steht der Umschlag, ohne den, wie wir, meine Eckermännin und ich, „ursprünglich” wollten, Kiefer – der Verlag hätte die Bildrechte rechtzeitig, nämlich bis heute, nicht mehr bekommen –, statt dessen glüht nun Arnold Böcklin:

Aeolia Wiener Ausg Umschlag Böcklin (vor 061217)

Im März wird das Buch da sein.
Aber vielleicht gehen wir auf den Kiefer nochmal zurück; wie ich‛s der Eckerfrau schrieb: Es wäre nicht das erste Mal, daß ein Buch mit anderem Umschlag erscheint, als es angekündigt war; dies gilt ja sogar für Schulzes und meine >>>> Kammermusik von Joyce, die anders als angekündigt nunmehr im Querformat erschien. (Aufgrund eines Fehlers der Druckerei muß neu nochmal nachgedruckt werden, also verschiebt sich die Auslieferung, und also habe ich die Nachdichtungen hier in Der Dschungel noch immer nicht annonciert).
Für die Arbeit an der Aelioa beginnt die vorletzte Phase; zurückgekehrt aus Paris, wird sie, die Eckerfrau, das nach dem Lektorat fertiggestellte Typoskript in ihrem Postfach finden, es noch einmal ganz durchgehen, und am Montag oder Dienstag versende ich‛s dann an Setzer und Verleger. Die letzte Phase werden die Korrekturen in den Druckfahnen sein. Bis dahin werde ich auch die Thetis-Überarbeitung abgeschlossen und an >>>> Elfenbein geschickt haben. Dann geht es, neben der Contessa-Arbeit, volle Kraft voraus an die im Frühjahr 2018 bei >>>> Septime erscheinenden Gesammelten Erzählungen. Offen aber, nach wie vor, ist, wer meine in den vergangenen Jahren – unabhängig von der Béart – entstandenen Gedichte herausbringt.

Schon zwei Cigarillos geraucht. Ich wollte das eigentlich einschränken, verstärkt auf die eCigarren zurückgreifen, weil sich auf der vorgestrigen Veranstaltung zu Ursula Krechels Siebzigstem >>>> Wend Kässens, den ich schätze, von mir wegsetzte: „Verzeih, aber du riechst so nach Rauch.” Ich dachte sofort, was, wenn sich die Löwin, wenn sich die Eckerfrau, wenn लक्ष्मी sich aus solchem Grund von mir fortsetzen würde, wenn Sie sich von mir fortsetzen würden, was dann? Schwerlich nur hielte ich‛s aus.

Sehr, nun jà, „schön” dafür eine Frage, die mir in FB eine Leserin zum >>>> Traumschiff stellte: „… wie kann man das Schreiben eines solchen Textes überleben ? Da man ja schon als Leser aufpassen muss, nicht mit hinüber geschwemmt zu werden”. Irrerweise antwortete ich falsch, nämlich auf >>>> Meere bezogen, weil ich ihren, der Leserin, Anfangssatz überlesen hatte: „Es ist wohl eher anders herum: Ich habe (wahrscheinlich) überlebt, w  e  i  l ich diesen Roman schrieb.” – Mein Fehler zeigt allerdings, daß diejenigen sehr recht haben, die zwischen den zwei Büchern einen engen Zusammenhang sahen und sehen, auch wenn zwölf Jahre beide trennt. – Wie sehr allerdings die Entstehung des Traumschiffs in meine Existenz eingegriffen, sie bestimmt, mich verändert hat, das wissen Sie, verehrte Freundin, ebenso genau wie viele weitere Leser:innen Der Dschungel. Es hat etwas einen Riß bekommen, er geht bis heut durch mich hindurch und wird sich wohl allenfalls kitten, nicht aber wieder schließen lassen – ein Umstand, der poetische Folgen hat. Der pralle Vitalismus, mit dem ich die Béartgedichte begann, will sich nicht mehr einstellen. Daß der Erzähler der Aeolia die Hauptperson gar nicht ist, für die er sich hielt, sondern – wie er am Ende des Buches erkennt – „nur” Zeuge des mythischen Geschehens, paßt auf geradezu unheimliche Weise dazu, wie erst recht, daß jetzt diese Neufassung des Gesanges erscheint. Alledies hat eine Demut, die mir vor dem Traumschiff wesensfremd war.

Ihr
ANH

P.S.: Ohichvergaß das Wesen der Buddha-Natur in >>>> Christopher Morgeneckers Erzählung. Wer sich erfolgreich wehren will, gebe sich schwächer, als er ist. Eine Handicap-Parabel.



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