Waisenmädchenhaar. Aus Frankfurtmain das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 18. April 2018. Mit Ekkehard Faude im Nebenbei. Darüber das Licht Ulrich Bechers.

[Roter Tisch, 9.20 Uhr]

Seit einem Viertel nach fünf auf, Café Crème – und gleich die allfällige Rezension zu Ekaterine Togonidzes Einsame Schwestern geschrieben, zu der ich, nachdem ich nun Ulrich Bechers Murmeljagd begonnen, kaum noch gekommen – so sehr hält dieser Romancier und Erzähler mich derzeit gefangen. Allerdings lese ich den „Murmeljägerjäger“ nicht in Schöfflings vergleichbar neuer Ausgabe, sondern, ich erzählte es schon, in der des Aufbau Verlages von 1977, an der mir wieder einmal auffällt, wie schön, nämlich seriös diese Bücher gemacht sind; das Satzbild ist niemals aufgemotzt (Suhrkamps berüchtigte Halbblindenschrift), 640 Seiten sind wirkliche 640 Seiten und gründen sich nicht auf einem knapp 300-S.-Typokript (bei Suhrkamp 150); überdies liegt das Buch mit Gewicht in der Hand: hier können Sie, Freundin, Dichtung fühlen.
Im Zug hierher las ich die ersten 76 Seiten am Stück und lernte sogleich wieder neue Wörter, Maskotte statt Maskottchen, großartig, Waisenmädchenhaar, boulversiert oder auch aus der Schützensprache das Einfluchten des Korns. Und dann der K l e i n h ä u s l e r! Kommen Sie drauf?

Unter den „Familiennachrichten aus Braunau, Geburten“ vom 20. April 1889 figuriert neben einem Mauteinnehmerskind, einem Glockengießergehilfenkind, den unehelichen Kindern Meirleitner und Grabmeier das k.k.Zollamtsoffizialskind Adolf Hittler. Mit Doppel-t, früher hatte die Familie sich Hüttler geschrieben. Von „Zollamtsoffizialskind“ zum „Volkskanzler“ führten viele krumme Wege, die einen graden ergaben. Der Hüttenkleinbürger, KLEINHÄUSLER, der Hitler partout nicht sein wollte – schon in diesen Geburtsnachrichten steckt ein Hinweis auf die Pathogenese seiner Geisterkrankheit.
Murmeljagd, 40/41

 

Schon wieder von, insgesamt, höchster Eleganz, auch in den mitunter trotzig hingeworfenen Sottisen, die den Charakter des Erzählers beschreiben, ohne ihn zu erklären: „ich pflege Kinder von sieben Jahren aufwärts zu siezen“ —- nein, ich mußte die Togonidze-Rezension sofort schreiben, weil ihr schöner kleiner Roman gegen Bechers ungemeine Virtuosität notwendigerweise verblassen muß. Was höchst ungerecht wäre. Er ist ein Richtwert für Erzählung, wie ich mittlerweile – spät, ach spät erst! – weiß. Unwahrscheinlich indes, daß die junge Togonidze ihn hätte kennen können.
Ich habe die Rezension zu Faustkultur geschickt, nachdem mir Der Freitag, der mich auf der Buchmesse gefragt hat (nicht er, sondern seine Chefredakteurin), weshalb ich nicht mehr für ihn schriebe, mir auf ein Angebot nicht einmal mehr antwortet. Die Leute hatten Kinderstube.

Wie auch immer. Wenn wir Romane schreiben, haben wir uns an den Weltromanen zu orientieren; alles andere ist Kiki („kiki“, also klein? und woher kommt das Wort? von, was es meint, „Kinkerlitzchen“ vielleicht? dann d o c h groß). (Ein Herr Ekkehard Faude, Ex-Miniaturverleger und Buchhändler heute, meinte bei Facebook, mir eins auswischen zu müssen: „wie öfter mal oberpeinlich“ schreibt der peinliche Oberlehrer; so sei sein Name hier für immer genannt, mehr wird von ihm kaum bleiben. – Was die verklemmten Leute alles so peinlich nennen; er wäre, der Herr Faude, für Becher ein prima Nebenbeiziel gewesen.)

Aber ich bin nicht hier, um zu fluchen, also nicht jetzt, in Frankfurt. Geflucht habe ich gestern im ICE, als zwei Emails wegen des Umschlags meines neuen Gedichtbandes hin- und herflogen. Ich will kein Buch in Schwarzweiß, nicht nochmal Depressionen. Da ich ziemlich heftig reagierte, antwortet der Verlag grad nicht – klug wahrscheinlich; meine Verstimmung soll sich wohl erst einmal legen. Dennoch, kein Buch in Schwarzweiß, lieber schlucke ich den Schmerz, daß es nicht erscheint. – Nein, ich bin aus Trauergründen, Beistehgründen hier. Um zwölf werde ich aufbrechen, anderthalb Stunden später stehe ich am Grab.

Mehr also heute nicht.

Ihr ANH

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