Rasend und gischtend sprudelt Facebook durch im Fiebertraume aufgerissene Schleusen. Das Arbeitsjournal des Montags, den 9. April 2018. Darinnen Ulrich Bechers dritte New Yorker Nacht.

[Arbeitswohnung, 7.02 Uhr]
Das war heftig gestern; als ich dann darniederlag und träumte, derweil das Fieber anstieg, öffnete sich eine so furiose wie rasende Schachtelwelt; ich weiß gar nicht, ob ich sie noch zusammenbekomme.
Morgens, also noch vor dem Training, hatten Benjamin Stein und ich ein Gespräch nicht bei, sondern wirklich über Facebook geführt, und einmal mehr warnte er mich. Er arbeite an einem Artikel über dieses „soziale“ Netzwerk, müsse ihn endlich, endlich fertigstellen. „Facebook ist der Totalitarismus.“
Ein wirtschaftlicher, da bin ich einverstanden: Logik der von Marx bezeichneten Konzentrationskräfte. Ein politischer aber nicht: Facebook läßt meines Wissens Menschen, die ihm die kalte Schulter zeigen, nicht in Lager ensperren, nicht in Gefängnisse einsperren und läßt sie auch nicht töten. Allerdings sind sie in Gefahr, in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen, bei jungen Leuten sogar in die Isolation – wobei die meisten jungen Leute Facebook längst verlassen haben. Es sind vor allem meine und meine Vorgeneration, die das Netzwerk frequentieren. Allerdings hat Facebook über Whatsapp die jungen Leute schnell wieder einzufangen versucht, die allerdings auch Whatsapp schon wieder verlassen. Erst wenn Facebook und den andern Herrscherhäusern der westlichen Moderne – im Netz noch Google und Apple; in der anderen Realität heißen sie z.B. Nike, Deutsche Bank und Samsung – – sowie ihnen alles gehört, was das Netz bestimmt, wäre die erstrebte Totalität auch erreicht. Es machte aber immer noch nicht die Rechnung mit den weltpolitischen Umständen, bliebe auf die westliche Welt begrenzt.
Politische, bzw. religiöse Totalität gegen ökonomische Totalität – so etwa im Fieber mein Wahntraum. Es öffneten sich Fenster, in rasender Folge, sie griffen in sämtliche Netzwerke ein, in die der Banken, der Versicherungen, der Exekutiven, öffneten ganze Schleusen von Informationen, durch die sie nun wie aufgewirbeltes Wasser brachen, über den in einem Kanu mein Traum raste, ich konnte kaum das Paddel führen. Und wieder erschien eine Schleuse, Unfug, die Schleusen erschienen in rasender Folge.
Aber um eine ging es letztlich, eine, die, daß sie geöffnet werde, Facebook unbedingt verhindert wollte. Sie trug die Nummer 1600 und noch irgendetwas, das ich nicht mehr weiß, davor. Ein Symbol, eine Metapher? Ich wußte es noch, als ich glühend erwachte, so daß ich das Fieberthermomenter holte, das nun diese 39,1 anzeigte. Ich wußte ebenfalls, daß die 1600 sich geöffnet hatte, doch eben das es war, was mich erwachen erst ließ.
Mit Fieber an den Schreibtisch? Sicherlich nicht.
Nach einer Stunde weiteren Liegens war das Fieber wieder runter. Arbeiten freilich konnte ich immer noch nicht, starrte quasi vor mich hin, nahm dann die Nottür in Ulrich Bechers dritte New Yorker Nacht zurückdie von einer sprachgestalteten Grandiosität ist, daß es mich wirklich bescheiden macht, etwa diese Frauenbeschreibung:

Um eine elfenbeinglatte Stirn, auf deren Mitte allein sich der Hauch eines Schattens, die Ahnung eines Stirnrunzelns schrieb, dunkelseidiges, ins Kastanienrote spielendes Haar, hinten aufgesteckt, die mit kleinen Korallenohrringen geschmückten Ohren freilassend. Diese Korallenohrringe ihre einzige Verzierung. Armbandlose lange, aber nicht magere Arme, unberingte zartgliedrige, aber nicht schwächliche Hände. Auf dem anmutig gebogenen langen Handrücken der Linken ruhte ihr Kinn. Sah nie schönere Kinnbacken über einem halsbandlos-schöneren Hals, vermerkte Slocum zerknirscht. Ein ärmelloses Kleid aus schwarzer, ins Meeresgrüne irisierender Atlasseide, davon sich Arme und Halsausschnitt scharf abhoben. Dunkel, wie Südländerinnen sich sommers kleiden, Südländerinnen in europäischer, nicht in amerikanischer Bedeutung.

Alleine das schon hat’s in sich: „in europäischer, nicht in amerikanischer Bedeutung“ – diesen Unterschied noch zu sehen! und formulieren zu können und zu wollen… – Aber weiter:

War`s Hochmut, daß sie die meergrünen Augen stets an den safrangelben Kacheln der niedern Decke hängen ließ, daß sie nie lächeln zu wollen schien, daß sie auf alle Einflüsterungen ihres Begleiters so wenig erwiderte? Hochmut nicht, denn Hochmut ist immer einer Pose verbunden, sie aber war posenlos. Mürrischkeit? Mürrische Schönheit ist nie ganz schön. Oder Melancholie, jene berühmte heimliche, zuweilen mit Stolz getarnte Trauer?

Dann die erste Kehre auf der übernächsten Seite:

„Genug!“ sagte mit eins die Schönheit in vollendetem Yankee-Englisch, knallte ihr leeres Glas jähzornig aufs Blech. „Jetzt halten Sie sofort die Klappe oder Sie erleben was von mir.“
Zornige Schönheit kann vollkommen schön sein.

„Zornige Schönheit kann vollkommen schön sein“ – ja, auch ich habe das schon erlebt; es sitzt mir weiter in Knochen, Sehnsucht, Geschlecht und Gemüt(h).

Und dann die heftigste Wendung (alles spielt in einer Manhattaner Franzosenkneipe):

Da trat der Tod in Ydas Bar.

Indirekt eingeleitet – das heißt, ohne daß Leserin und Leser da schon was ahnen – hat diesen schockierenden Satz, der das Kapitel 4 beendet, eine Kriegserinnerung des jetzt entlassenen Kampffliegers Slocum, auch sie sprachlich von im Wortsinn ungeheuerer Vortuosität:

Manchmal hatt ich das Gefühl, wir sind gar keine Menschen mehr von dieser Erdenwelt … wir nicht und die nicht … Meine P-51 kam mir so – so fremd vor, gar nicht mehr wie ’n Flugzeug, sondern … und das Gequassel aus’m Radio, die wichtigsten Anweisungen, wie Stimmen aus einer andern Welt, die du nicht begreifst … Und dann fängt dein Fünfzig-Kaliber-Maschinengewehr an, – mit Verlaub gesagt – loszuscheißen, nicht zu schießen: zu scheißen und zu kotzen wie ’n wahnsinniger Brechdurchfall … Und nun – Tschuldigung – schießt’s und kotzt’s wieder mörderisch gegen d-i-c-h los, wie verrückt … Manchmal hatt ich richtiggehend den Verdacht, wir sind keine Erdenmenschen mehr, sondern irgendso fremde Himmelskörper, die irgendwo im Dings, im Raum mit Feuerdiarrhöe aneinander vorbeisausen, bis in alle Ewigkeit …

Da trat der Tod in Ydas Bar. – Jedenfalls ist dies der zweite Text Ulrich Bechers, nach dem Herz des Hais, der mich extrem gepackt hat; ich bin mir sogar nicht mal sicher, ob dieser die Qualität jenes nicht sogar noch weit übersteigt. Verliebt indes, wie ich in die Protagonistin des Haienherzens gewesen, gäbe ich’s nicht gerne zu. Andererseits bestätigt diese neue, hier in der dritten New Yorker Nacht, vor mir aufgestiegene Frau meine eigene Anima, schmiegt sich in sie, wird zu ihr – was bei der Lulubé nicht der Fall war und es auch nicht sein konnte. Insofern urteile ich möglicherweise parteiisch. Andererseits ist allein die Virtuosität der mehrfach-Dialogführung Bechers ganz zu Anfang dieser New-York Erzählung atemberaubend, ganze zwei Kapitel hindurch, in denen die Anima noch gar keine Rolle gespielt.

Wie, Freundin, konnte es angehen, daß ich achtundvierzig bewußt-lesende Jahre hindurch nie auf diesen großen Erzähler stieß und spätere Hinweise auf ihn, von Freunden, etwa Ulrich Faure, einfach ignorierte – bis mir Cristofero Arco die Bücher direkt vor die Nase legte? Aber vielleicht ist es auch wieder ein Glück.
Denn kann ich mir sicher sein, hätte ich Becher früh gekannt, dann noch den Mut zu eigener literarischer Arbeit aufgebracht zu haben? Zumal es seltsame Ähnlichkeiten gibt, etwa in der Neigung, Hilfsverben zu verkürzen, oft aus rhythmischem Grund („hatt“ statt „hatte“, „hab“ statt „habe“ usw.), oder auch, Ich- und Er-Perspektiven miteinander zu mischen. Hätte ich Becher schon früher gekannt, hätt ich dergleichen vielleicht nicht mehr gemacht, weil ich’s als Plagiat empfunden hätte, zumindest als epigonal (und also hätte es niemals Hans Er-ich Deters gegeben…):

Außerdem, ich mag es hedonistisch betrachten … außerdem … also ..: Außerdem komme ich jetzt in diesen Genuß und diese Erregung als Genuß und Erregung späterer Jahre, für die sie von den Göttinnen mir aufbewahrt worden sind. (Frauen, fast immer, meinten es gut mit mir, egal, ob sie weltlicher, ob überweltlicher Herkunft).

Ärgerlich ist nur, daß es mich momentan, schau ich hinter mir aus dem Fenster, schon wieder zum Laufen drängt, und weiß nun aber doch, heute auf jeden Fall wieder pausieren zu müssen. Es macht mich wirklich fuchsig, so eingeschränkt zu sein, und doch auch habe ich Angst.

ANH

P.S.: Was ich interessant finde, übrigens, als Frage: Haben auch Schwule Animae, also Animi? Nach C.G.Jung, wie ich gerade las, ja. Aber haben Schwule, und auch Frauen, männliche Musen?

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal, Hauptseite, Traumprotokolle veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Rasend und gischtend sprudelt Facebook durch im Fiebertraume aufgerissene Schleusen. Das Arbeitsjournal des Montags, den 9. April 2018. Darinnen Ulrich Bechers dritte New Yorker Nacht.

  1. Niemand sagt:

    Was für ein Schwulst, Kitsch. Man möchte glatt schwul werden, wenn man solch ein Gesülze dann nicht mehr lesen müsste. Und Augen, die an Kacheln hängen. Ist es zu glauben?

  2. Welch einen Schwulst meinen Sie? Einen bei Becher oder einen bei mir? Was indes die an Kacheln hängenden Augen anbelangt, wenn Sie solche Sätze nicht metaphorisch verstehen, dürften Sie auch nicht sagen, zum Beispiel, „seine Augen folgten ihren Bewegungen“. Es sind idiomatische Sätze. Ich fürchte, Sie verwechseln Pathos mit Schwulst und Ergriffensein mit Kitsch. Das tut mir für Sie herzbeengend leid: welch eine Armut!

    Interessant auch, daß solche aggressiven Kommentare nahezu stets anonym gepostet werden. Das erinnert sehr, sogar sehr sehr, an die sich verdrängend neu etablierenden Austrofaschisten des Nachkriegs, über die ich gerade las – ich meine den Weltkrieg II.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.