III, 398 – Aquarien und B-Erden

Gestern abend die Quizsendung mit einem gewissen Jauch und dem Wort “Millionär” im Titel. Schon neulich eine solche gesehen, als ich die Reise endlich hinter mir hatte. Der Unterschied zwischen den beiden Sendungen lag an den Kandidatinnen. Diejenigen der ersten Sendung waren durch die Bank reichlich übergewichtig, gestern waren sie allesamt normalgewichtig, ein Verhältnis etwa von eins zu drei bis vier. Und wie das so ist: in Gesellschaft ist man sowieso klüger, wenn man denn davor sitzt und zuschaut. Weitere Einzelheiten wiederzugeben ist müßig und hieße, sich klüger zu gerieren als die Kartoffel, die dem Vater einst beim Fernseh‘ aus das Maul fiel, wie sinngemäß es einst Herr Henscheid beschrieben.
Als ich die Reise endlich hinter mir hatte… Ja, ich hatte eine Reise, so wie man eine Grippe bekommt, weil man nicht anders kann, als sich unter Leute zu begeben, wo man sich zwangsläufig anstecken läßt. Man sucht förmlich die Ansteckung, um so leichter passiert es dann.
Die erste Gelegenheit nach dem Ende der Reise (so siebzehn Stunden Autobahnfahrt) bot sich gleich am Tag nach der Ankunft. Meine alte ZBW-Schule in WOB, wo ich das Abitur nachgemacht hatte, feierte 50jähriges Bestehen. Im Vorfeld hatte eine gute alte Freundin von damals ziemlich viel Tamtam gemacht, um zusammenzutrommeln, was zusammenzutrommeln war, und verstand es gut, es in mir als eine Art Verlockung zu hinterlassen (locked together). Und als ich dann anrief, um die Frohbotschaft zu verkünden (welch eine Hybris, sich als Frohbotschaft zu begreifen!), ich soi in der Hoimat, da hustete sie mir ins Telefon, sie habe sich im Allgäu eine Grippe zugezogen und komme nicht zur Feier, um niemanden anzustecken.

bis rüpelhaft die bergesluft
sich kräuselt in dein haar als schuft

Es wurden aber dann doch mehr alt-bekannte Gesichter (nein, nicht immer, es war zweimal zu überlegen, wer es denn nun sei, der da vor einem steht, und einmal hörte ich einen bekannten Namen und mußte mir dann den Namensträger erst zeigen lassen) von vor 43 oder weniger Jahren, falls Kontakt noch ein Weilchen weiterbestand, als ich vermutet hatte. Wie so etwas abläuft, kann man sich denken: es ufert ins Anekdotenhafte aus. Meine eigenen passen nie zu so etwas: eigene Tragik und privates Glück eignen sich eher nie zu einem Tradieren in Gesellschaft. Das kam damals aufs Papier und noch später in einen Umschlag an matthes & seitz (damals München), die schenkten mir ein Buch, und das war’s dann.
Merkwürdige Anekdote zu mir: mehr als eine(r) meinte sich zu erinnern, ich habe damals, bevor ich nach Berlin ging, bei VW gearbeitet, um mir Zettels Traum kaufen zu können. Sicher, der Schinken ist dabei abgesprungen, aber drei Monate Fließband kostete er nun auch wieder nicht, geschah eher, um eines kleines Geldpölsterchen zu haben. Niemand aber kam darauf zu sprechen, daß ich bei Feiern, wenn ich genügend alkoholisiert war, den Gesang vom Manne Baal, den ich auswendig kannte, herunterklampfte, woraus sich schließen ließe, es habe sie doch eher gelangweilt. Indes war Baal tatsächlich eine meiner damaligen Identifikationsfiguren.

Denn Genießen ist bei Gott nicht leicht!
(Choral vom Manne Baal)

Am Abend gab’s leider keine Quizsendung. Wir schauten uns Bilder an vom Bayerischen Wald hier im Dorfe, der indes nicht hier im osthannöverschen Dorfe liegt, in das ich wieder zurückgefahren war, um am nächsten Tag den Zug nach Berlin zu nehmen von WOB aus.
Da wurde es plötzlich kompliziert, zwar wußte ich schon, wie ich sicher am Bahnhof parken konnte, weil ich das schon einmal geübt hatte. Am Fahrkartenschalter schon scheiterte ich kläglich, der war nämlich zu (Sonntag). Es dauerte dann eine Viertelstunde, bis ich begriff, wie der Automat tickt. Und immer mal wieder mein Adressbüchlein herausholen, um den PIN-Code der Kreditkarte ja nicht zu vergeigen, der da – Dear Prudence – verzeichnet ist. Gelegenheit, nach Tagen wieder über eine längere Zeitspanne hinweg lesen zu können. Nabokov, Erzählungen (der erste der beiden bei Rowohlt erschienenen Bände (zuvor in Amelia hatte ich angefangen, einen nie gelesenen Band Böll-Erzählungen nachzuholen: eine B-eRDe im Vergleich zur ангел (ein solcher schon in der zweiten Erzählung), mit der Nabokov dem Leser seine Haken hinwirft).
Einfahrt nach Berlin: Sightseeing: Siegessäule, Fernsehturm, Reichstagskuppel. Wie die ersten zaghaften Töne, um mit den Aliens zu kommunizieren, um sich dann immer mehr zu einem Ganzen zu verschachteln. Aber dafür mußte ich noch tasten. Schon die S-Bahn sieht auf dem Plan kompliziert aus. Vollends dann schon die leichte Berliner Desorientiertheit, die ich schon vor zwei Jahren bemerkte. Eine mir nicht mehr vertraute Stadt. Was durchaus festzustellen ist. Allein schon die Unsicherheit über die Wege, die vom Bahnhof Zoo zum Kudamm führen, der aber dann doch nicht zu verfehlen war.
Und stand dann tatsächlich, es war die Mittagszeit, vor dem Literaturhaus in der Fasanenstraße und betrat kurz entschlossen das Aquarium, mich ganz hinten auf den leeren Stuhl setzend, neben dem eine Mutter ihr Kind stillte, Kind, das später auf dem Boden krabbelte und auch mal jauchzte. Guter Beginn. Eine quasi verbale Situation, auch wenn oben auf dem Podium gesprochen wurde von etwas, von dem ich nicht sagen konnte, daß es mich irgendwelche Fäden verlieren ließ.
Der ganze Tag, es ging der offizielle Teil bis halb zehn bzw. elf abends, ich weiß es nicht mehr genau, dazwischen Pausen, in denen man gemeinsam etwas zu sich nahm, unter anderem tatsächlich auch wieder Worte, die dann immer mehr wurden, auch in den Pausen, gemäß der zunehmenden Verständigung mit den Aliens in der unheimlichen Begegnung der dritten Art. Denn man lebt nicht ungestraft in Amelia (denn j.w.d. ist ja für den Berliner eigentlich relativ dichte bei), ohne damit sagen zu wollen, daß es eine Strafe ist, dort (ich bin gezwungen, “dort” zu schreiben in diesem Moment, denn auf dem Nachbargrundstück weht die deutsche Fahne, was sich nicht übersehen läßt, etwas, was für Amelia schwer vorstellbar ist)) zu leben, wohin die Aliens aufgrund eines bereits eingespielten Codes eher zu mir kommen, so daß es sich mit ihnen gut leben läßt.
Diesmal war es nun umgekehrt, und der Code war erst mal zu finden. Denn von wem sollte ich sonst sprechen als von mir. Es war gut, daß ich incognito gereist war. Das erleichterte die Sache natürlich. Erst am späten Abend wurde ich erkannt, aber nicht wirklich verraten, so konnte ich auch tatsächlich etwas dazu sagen. Das geschah eher am Rande einer abschließenden Runde vor einer Kneipe in diesem desorientierenden Berlin, die “Diener” hieß bzw. heißt. Der Wirt wies die straßenseitig Sitzenden, also auch mich, darauf hin, man dürfe die “Linie” nicht überschreiten mit den Stühlen, so daß alle brav ihre Stühle so weit vorrückten, daß die vermeintliche “Linie” (sprich, man durfte nicht zu weit auf den Bürgersteig hinaus) und die Lizenz des Wirtes erhalten blieb. Gehörte in die Rubrik: B-Erde. Die dennoch das A-quarium, in dem ich den ganzen Tag gesessen hatte weiterführte, denn so ein A-quarium wie das am Sonntag und A-quarien im Allgemeinen hypnotisieren, nur daß am Sonntag die Fische plötzlich anfingen zu sprechen von Dingen, denen man so konzentriert sonst nicht ausgesetzt ist, die aber ebenfalls etwas von A-quarien haben: also Aquariengespräche über Aquariengegenstände. Ich meine das durchaus positiv. Einzelheiten wiederzugeben ist wie bei der Quizsendung mutatis mutandis müßig. Immerhin gelang es den anderen Fischen, mein Incognito aufs Podest zu nötigen, um selbst ein paar Sprechblasen abzulassen.
Die B-Erde übte dann eher einen magnetischen, also gravitationsmäßigen Einfluß aus, und ließ uns nicht los, so daß der letzte Run zur S-Bahn zur Vergeblichkeit ausartete. Und es begann, wir waren noch zu sechst oder siebt, eine B-Odyssee (bodysea) und zunächst ein langes Warten auf einen N-Bus. Ob nicht einer was singen könne. “Non voglio mica la luna…” fing ich an, aber ich kann immer nur die ersten Worte. Na, immerhin die Melodie. Ließ es aber dann bald sein. Dann im Faltenbalgübergang eines Gelenkbusses. Und Laufen, wir waren am Ende nur noch zu Dritt in dieser Allerweltsgegend aus Häusern, Straßen, Verkehrsmitteln, Umherreisenden, Unterschiedslosigkeiten, an einer Stelle drahtige Teufelsgebilde, wölbten sich aus gelben S-Bahn-Bauten hervor, konnten aber weder sprechen noch gehen noch die Hand heben noch ein bißchen winken wie die Teufel in Martina Hefters ‘Es könnte auch schön werden’, was mir unverhofft im Aquarium in die Hände geschmuggelt wurde bzw. meinem Incognito (jetzt komm’ ich selber durcheinander): “da kam aus jeder Ecke ein Teufel”. Und froh, doch noch neue Schuhe gekauft zu haben vor der Reise.
In the middle of the night endlich flachgelegen bei meinem Gastherrn, dem ich hier auch noch mal danke, denn am nächsten Morgen sah ich ihn nicht mehr: zu früh wach gewesen für ihn. Ich ging einfach.
Immerhin, das Incognito hat mir geholfen. Es kam damit besser zurecht und hatte auch die Fähigkeit, sich einigermaßen aufgehoben zu fühlen.
Wie gesagt, gestern dann die Quizsendung. Und tagsüber die wetterwendische deutsche Fahne, der ich draußen rauchend öfter zuschaute, während der Wind zumeist von rechts kam oder eben kapriolte.
Alles, was oben mit “gestern” bezeichnet ist, ist heute schon “vorgestern”. “Nur der Himmel, aber immer Himmel” (Baal):
III, 397 – chiodo

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3 Kommentare zu III, 398 – Aquarien und B-Erden

  1. Aikmaier sagt:

    als sonntags-frosch unter lauter fischen: mi ha piacuto molto finalmente incontrar l’incognito.

    Buon ritorno a casa!
    A

  2. Bruno Lampe sagt:

    a una settimana di distanza direi: un viaggio così lo rifarei. nicht vergessen: im fischen gilt’s mischen. ganz zu schweigen von Bashos frosch.

    un carissimo saluto da Amelia (arrivato un’ora fa)
    BL

  3. Pingback: III, 399 – Lachen | Die Dschungel. Anderswelt.

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