III, 397 – chiodo

Hinaus ging’s dann doch noch. Kein Zucker mehr für morgen. Ich brauchte aber einen bestimmten Zucker, Rohrzucker nämlich aus dem Bioladen, der ist derzeit nur am Nachmittag geöffnet. Eine ganz bestimmte Sorte von den Philippinen. Mein normaler Gang hätte mich zweimal an den kartenspielenden alten Frauen vorbeigeführt. Die nutzen heute natürlich die Abendsonne aus, che inonda la piazza.
Da fiel mir der “chiodo” wieder ein, den ich schon immer fotografieren wollte. Das hieß, einen kleinen Umweg machen. Der Standpunkt dann des Fotografen ist nicht unriskant: gleich zehn Meter hinter einer Ecke, um welche die Autos biegen. Tatsächlich mußte ich mich ein paar Mal in den Eingang zu einer Seitengasse stellen. Bog auch einer um die Ecke, den ich lange nicht gesehen: gerade aus Griechenland zurück.
Immerhin ist die Überlegung interessant: Wie würde es ich anfühlen, nach einem weiteren Abstand von etwas mehr als zwanzig Jahren wieder dort zu sein, nachdem ich mit 18 und 40 dort gewesen. Das erste Mal noch zur Zeit der Diktatur. Dem ersten Mal ging sogar meine Entjungferung voraus. Unmittelbar davor. Alles sehr konnotationsschwanger. E niente Παραλία (so jedenfalls beim zweiten Mal ein Spiro, der dorthin in unserem Auto mitgenommen werden wollte, ständig dieses Wort wiederholend) quest’anno.
Im Bioladen F. de Toulouse, telefonierend “a viva voce”, d.h. man hörte, was auf der anderen Seite gesprochen wurde. Ich nahm meinen Zuckerbeutel, zählte mein Geld ab, erhielt meinen Kassenbon und ging, während das Gespräch fortdauerte. Nichts Intimes, nur Geschäftliches.
Dann doch an den Kartenspielerinnen vorbei, artig grüßen, und entdecken, wie ein weiteres Mütterchen der Nachbarschaft auf der unteren Stufe des halbkreisförmigen Hofaufgangs Unkraut jätete, das da vor sich hin wächst. Schon, als ich hinausging, hatte sie dort einfach nur gesessen auf einer Stufe. An das Unkraut nur zu denken, mache es nur noch schlimmer, sagte ich. Und meinte damit mich und meine Neigung, nicht daran zu denken.
Wieder vor PC und Buch (Montale) Scherze der himmelungewohnten Augen: irisierende Einkreisung des Blicks, eine Art Strahlenkranz. Das Becken ein großer Kreis, darin sehe man Teichrosen, blaßrosafarbene Fischlein. Er beuge sich vor und falle hinein, doch ein Knabe seines Alters schlage Alarm. Wer wisse schon, ob da noch Wasser sei. Er beuge den Arm und berühre den Fußboden seines Zimmers. Schreibt der 1896 geborene Montale in den siebziger Jahren. Dies so gelesen mit dieser Art Strahlenkranz im Auge. “un bimbo della mia età”.
Das Irisieren ist mittlerweile vorüber. Und weiterhin Alptraum der Deadlines. Kann sein, daß ich erst Dienstag fertig werde. Es wäre sinnvoll, dann schon am Donnerstag zu fahren. Also irgendwas mit x -> 1/x – 1. Grenzwertig. Irgendwo bei minus 0,5.
Il chiodo:

[Eigentlich sollte der „chiodo“ senkrecht stehen, aber alles Herumbfuchteln vmbsvnst]. Um die Mittagszeit heute eine Blonde, die mir entgegenkam, hatte nicht allzuviel an, das Gesicht verriet, daß ihr das alles sehr wohl bewußt war (“e che una voce mi dice entri pure si paga anticipato” – Montale, Un sogno, uno dei tanti (und das spontane Wort, das mir einfiel, war “Liebedienerin” (neulich noch so eine aufreizend gekleidete: dieselbe?))). “Das leise Lachen am Ohr eines anderen” (Wondratschek), als ich meinen damaligen Stiefschwestern davon vorschwärmte (so siemunsiebzig), fingen die an zu kichern. Aber dann die Perseiden wie nie zuvor und nie danach, nachts um zwei, nachdem ich zurückgekommen war ins Dorf von Celle aus nach der letzten Begegnung mit ihnen.

III, 396 – blöd

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