III, 396 – blöd

Blöd! Die Kartoffel Nummer 6, die ich von denen, die ich neulich aus der Faulsuppe gerettet und auf den Küchentisch gelegt hatte, an den Fensterladen werfen wollte, um die Taube, die auf dem Fensterbrett meine Armbewegungen ignorierte und weiterhin dort ihr Taubenspektakel vollzog, in Panik zu versetzen, erreichte ihr Ziel nicht und fiel auf den Boden. Ich hatte keine Lust aufzustehen. Und die Taube flog nach ihrem Gutdünken davon. [Ich schreib’ einfach “die”, weil ich Taubengeschlechter nicht auseinanderhalten vermag].
Sie sind überhaupt sehr frech zur Zeit. Wahrscheinlich Paarungszeit. Den Katzen scheint’s dito zu gehen. Jedenfalls gelegentliches Fauchen. Die Tauben selbst fauchen nicht, sie schnabeln sich gegenseitig an, wie ich neulich sah, und schlagen mit ihren Flügeln ungehemmt gegen die Fensterscheibe. Bis ich wie der Liebe Gott erscheine, den sie provokant ignorieren, indem sie weitermachen, bis ich anfange zu klopfen.
Dann stieben sie auf die gegenüber liegenden Rastplätze, sei’s Dach, sei’s Fensterbank, sei’s mittlerweile der oben rechts ausgehebelte Fensterladen, was ich erst gestern bemerkte. Ich schaute hinab, aber nichts in der Gasse darunter, was auf ein Hinabfallen der entsprechenden Holzlamellen hindeutete.


Vielleicht neulich mit dem Regen, dem Hagelkörner untermischt waren, die ans Fenster klopften, aber sonst nichts ausrichteten. Jedenfalls haben die Tauben jetzt einen freieren Zugang zu dem Raum dahinter, den dennoch eine offensichtlich geschlossene Fensterscheibe begrenzt, was meine frühere Vermutung negiert, sie hätten Zugang zu der sich anschließenden, einer unbewohnten Wohnung, aus der sie dann gelegentlich aus einem anderen Fenster hinausschauen, dessen lädierte Läden offen stehen. Möglicherweise eine Einbildung meinerseits.
Ansonsten prekärer Ich-Aufbau in diesen Tagen. Verhält sich proportional zur Zeit, die mir bleibt, ans Ende der Arbeiten zu kommen, und der ausstehenden Entscheidung des Fahrens, die einer befreienden Geste gleichkäme, sofern sie denn getroffen wird. Was ich im Moment nicht abschätzen kann.
Blöd auch, dass das Gros der Arbeit eine Agentur betrifft, deren Zahlungen eine Seltenheit sind. Das passiert sehr gelegentlich. Eine ähnliche Arbeit wurde nach zwei Jahren bezahlt. Ich traue mich auch gar nicht, weiterhin Rechnungen auszustellen, denn ich arbeite ja weiterhin für sie. Nur, daß die Ausstellung einer Rechnung bedeutet, dann die Mehrwertsteuer zu bezahlen. Im Gegenzug zu: Nix.
Tauben und Gehörlose: ich schrieb schon des öfteren deswegen. Kleine Gabe lediglich zu Neujahr.
Ein Grund mehr zu fahren und dann in den Streik zu treten. (Ich komme mir ziemlich naiv vor).

tags zerrt
nordwind
vorm fenster
tauben-
schatten
in ein husches
hinab

gleiten ab
von der Majestät
des Herrn wie
der Staub seines
dunklen Engels
Flügelpaar

ach, herr, du
taubeneigner
es flügeln die
hände sich vor
dem munde nur

sprich: er nieset

von hier

III, 395 – Белые ночи

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2 Kommentare zu III, 396 – blöd

  1. Ach die Tauben! Sie besuchen uns jetzt seltener im grünenden Hinterhof.
    Amseln, Meisen, Spatzen haben sich verabschiedet.
    Dafür neulich ein großer Nachtfalter mit Flügeln, halb grau wie zerstoßener Pfeffer,
    halb schwarz-rot-weiß gebändert wie das Wappen meiner Großmutter Feilitzsch.
    Von der Taube fehlt uns auch das „e“:

    Meine Taube hat taube Füße,
    meine, dem Tauber seine, sind tauber.

  2. Pingback: III, 397 – chiodo | Die Dschungel. Anderswelt.

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