Das dritte Frankfurter Messejournal. Am Freitag, den 12. Oktober 2018.

[Schreibtisch hinter der Brücke, 7.10 Uh]
Wir trennten uns nachts noch vor elf; sie radelte zu ihren Gastgebern heim, ich flanierte über die Brücke ins Sachsenhäuser Quartier. Der Main glitzerte, ja funkelte wie einst, da ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder in dieser Stadt gekommen war: wie erwartungsvoll! wie von Bremen frei und befreit! Falbin war ich nachgefolgt, der da schon Laupeyeßer hieß, aber ohne eine Ahnung von dem, was er zwischenzeitlich in Münden erlebt. Diese eine ungeheure Woche!
Nun war ein andrer Urgeist als die Titania Anna davon, Erdgeistin – ach, Projektion! Männer, Frauen, Frauen, Männer, Begehren, Erhofft- und Ersehntes, auf das wir schließlich, nicht unbös, verzichten, weil’s als Ersehntes zu wert. Oder wir finden uns drein, dankbar, ihm überhaupt begegnet zu sein, oder ihr; es ist ein Privileg. Gewiß nicht viele Menschen stehen ihren Animae tatsächlich je gegenüber – wenn eine Projektion sich realisiert, Allegorien gleich, die durch die Menschen fahren und sie zeitlang besetzen. All das, ich weiß, ist unsrer Vorstellung von Autonomie ein Skandal.
Daß ich nicht lache, Autonomie
Hinter mir, wie ich so über dem und durchs Glitzern schritt, sank der Portikus schon ins Vergessen, vor dessen Säulenfront ich zu meiner Frankfurtmainer Zeit – da war das so gezierte Haus noch keines der Literatur – immer hatte Wildes Salome inszenieren wollen, achtels auf den Stufen, dreiviertels auf der Straße. Wozu es selbstverständlich nie kam, ich kam übers Kellertheater nicht raus. Da doch immerhin Artmann und Rühm. – Welche Zeiten! (: die sexualbesessene, hochedle B.; im Seminarraum Iris Radisch, die schönste Frau wohl damals an der Uni, von der Schärfe ihres Geistes mal abgesehen, auch von ihrer adornogeplagten Übermoral; und dann schon bald Do).
Das Literaturhaus sank aber nicht deshalb so schnell in mein Vergessen, weder der Erdgeistin noch meiner Erinnerungen wegen, sondern weil das Interieur solch eine Satire auf frühere Größe oder doch früheres Vorgeben von Größe war. Im Hauptsaal hatten sich ein paar bekannte Verlage zusammengefunden und Eckchen gebildet querdurch über Boden und drüber die Luft, mit wie selbstgebastelten Halteschildern, auf denen „S.Fischer“ stand, zum Beispiel, „Büchergilde“, weiße Schrift auf dunklem Karton, und mehr, in einem solchen Protzbau die Rückkehr in den Kleinbürgergeist.
Es war lärmig, und nicht auszuhalten, Elvira und ich stiegen die breiten Treppen hinan ins Lesekabinett, wo wir in zwei Clubsesseln Platz nehmen konnten und nahmen; es ist, das Kabinett, ein kleinerer Saal, in Glasvitrinen gibt es von Autor:inn:en handsignierte Bücher, Sitzgruppen sind im Raum verteilt, zweidrei außer der unsren waren besetzt, so sprachen wir miteinander in Vertrauen und Nähe; irgendwann kam Dagmar Fretter auf kurzes hinzu, die mittlerweise für die Kunststiftung NRW tätig ist, in meiner Frankfurtmainer Zeit den literarischen Geschehen allerdings unmittelbar zugehörte, eine Freundin wiederum Ulrich Faures, der jahrelang erst das Börsenblatt, dann den BuchMarkt zumindest deutlich mitgeprägt hat. Auch er war, nach seiner in freie Übersetzertätigkeit hinübergeglittenen Berentung, einmal wieder auf der Messe. Ich bin ihm noch einen Beitrag schuldig.
Familiensuppe also, wo man sich nicht mag, und frau, Familie, wo man’s tut. Das schwappt so ineinander. – Noch hatte ich die Brücke nicht überschritten.

Wichtig waren destags die Gespräche am Weinstand gewesen, dann in den Gängen zwischen Elfenbein und Arco, besonders auch für Elvira, indessen ich mit ihr auf dem Zuspruch schwimme, den der neue Gedichtband bei den Kennerinnen und Kennern findet, durchaus auch bei Kollegen. Was mich überraschte und überrascht, nach >>>> dieser Diskussion hatte ich manches befürchtet, aber man(n) bekommt unter der Hand andere Reaktionen als im öffentlich verschriftlichten Raum; zudem sind die Gedichte des Musenbuches tatsächlicg andere als die des Beartzyklus, „ich verstehe jedes Bild“, sagte Artur Becker so überrascht wie erfreut. Und aber Elvira, die nun wirklich Frau ist, fand und findet auch an den Béartgedichten, soweit sie sie kennt, gar nichts auszusetzen oder nur weniges, das lektoriert werden müßte, bzw. muß und, wenn die Zeit ist, auch werden wird; Handwerkliches also. Dennoch, wenn ich nun mit ihnen sogar >>>> franzsummer verloren haben sollte, der doch einige Texte von mir kennt und auch für gut befand, indessen nun eines einzigen, wenn auch neuen wegen Die Dschungel ganz verlassen will, dann scheine ich in etwas hineingestochen zu haben, das tatsächlich skandalös ist – in welchem Sinn auch immer; so skandalös, wie möglicherweise die Musik des Kreises um Schönberg ihrerzeit auf die feine Wiener Gesellschaft wirkte, skandalös wie Kleist für Goethe — einmal ganz davon abgesehen, daß der in nun solcher Diskussion stehende Text ein Entwurf ist, noch nicht einmal fertig und also nicht einmal als Entwurf, wie es scheint, zu ertragen. Texte, an denen selbst Freundschaften zerbrechen könnten, meine Güte, als hätte ich zum Massenmord aufgerufen und bei ihm mitgeholfen. Nein, es sind nicht meine Projektionen, um die es hier geht, sondern es sind die meiner Kritiker(innen), diejenigen, die der Text in ihnen auslöst, die sie also selbst zu verantworten haben, nicht etwa ich. Denn was steht eigentlich beschrieben? Eine Frau streift selbstverständlich mit der Hand über den Strumpf, autoerotisch versunken. Schlimm, meine Güte, wie schlimm! Oder die inneren Schamlippen streifen beim Abschluß des Akts die am Schaft haftende Flüssigkeit ins Ínnere des weiblichen Körpers. Zigfach in Pornos gesehen und bewundert, dieses organisch sich Einverleiben möglichen wie möglichst werdenden Lebens – ein gänzlich unbewußter leiblicher Prozeß. So hinreißend wie wunderbar. Wie dicht diese Lamellen schließen, wie, möchte ich denken, durchdacht der sinnliche Mechanismus! ach:

(…) Chemie ist sakral und die Physis, der Bios (fließ, Regnitz, fließe). Organisches Regen, Orgasmen, Regresse. Heiliges Progesteron, das die Uterusschleimhaut aufschüttelt wie für den Kopf eines Liebsten, der herziehen möchte, damit’s die Empfängnis bequem hat. Sagt: Niste dich ein, Ei, wo du auch her­kommst. So wächst es, und irgend ein Teil von Sizilien ist drin, das in spätren Jahrzehnten dem fremden Touris­ten in Enna heraussteigt. (…)
Neunte Bamberger Elegie

Davon erzählt das jetzt so skandalierende Gedicht. Sehr genaues Hinsehen wird zur geschlechterincorrecten Projektion im gleichsam Munde umgedreht: Genau so funktioniert die von mir gestern so genannte Diktatur der Correctness. Sie ist ein Medium der Unterdrückung.

Aber egal. Denn  gegen all diese Unfreiheit steht die Freiheit meiner Lektorin, wie sie —hinreißendste und bezauberndste Installation — auf einem Stuhl im Gang vor dem Weinstand saß und, den Kopf im Nacken, lachte:

Ich höre sie noch jetzt all den Kleingeist verhöhnen, einen Heinrich Heine, der Frau ward, in ihr und Frau drum grad blieb.

Heute abend essen mit ihr und dem Verleger von Septime, danach Empfang bei Dumont; Alissa Walser und Sascha Anderson luden uns ein, als sie gestern den Arco-Stand passierten und ein Ungeheuer Muse gleich mitnahmen.

 

 

 

Jetzt aber muß ich, bevor es wieder zur Messe geht (abermals mag ich hinspazieren), die Fahnen der vier Béartgedichte korrigieren, die gestern nacht noch von diaphanes kamen, fürs Magazin. Sie sehn jetzt tatsächlich nach vollen acht, statt „nur“ nach fünf der riesigen Druckseiten aus. Ganz so schrecklich scheint diese Lyrik denn doch nicht zu sein; ich muß sie nur, ja, durchhalten, mir nicht den Rücken krümmen lassen.

Ihr, Freundin, weiterhin und gerne wieder:

U n h o l d

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6 Kommentare zu Das dritte Frankfurter Messejournal. Am Freitag, den 12. Oktober 2018.

  1. xo sagt:

    „Denn was steht eigentlich beschrieben? Eine Frau streift selbstverständlich mit der Hand über den Strumpf, autoerotisch versunken. Schlimm, meine Güte, wie schlimm! Oder die inneren Schamlippen streifen beim Abschluß des Akts die am Schaft haftende Flüssigkeit ins Ínnere des weiblichen Körpers.“ jetzt hab ich wenigstens vor augen, was überhaupt gemeint ist. wenn du mir auch diese stelle noch übersetzen könntest, dann hab ich ja scho mal klar, was für eine szene ich mir denken soll, die, und ich glaube, das geht nicht nur mir so, das gedicht in seinen worten aber einfach nicht evoziert! es bleibt halt nur ein diffuser eindruck von erotik, ein zu diffuser, weil diffusität gar nicht angestrebt ist, wie man ja deinen jetzigen worten entnimmt, die aber was ganz anderes sagen, als dort steht. du gehst aber wie selbstverständlich davon aus, dass das gedicht das so auch sage, tut es aber nicht.

    „ihn über sich rief, und er streckte den glühenden Stab | aus,
    eines Propheten, fürwahr, den was führt, von Äskulapnattern
    adrig umwunden, drücken den Leib rücks aus dem Griff
    unterm, glansviolett und schimmernd vor gleitfeiner Nässe,
    schon bebenden, bis fast zum Platzen blutprallen Haupt —“

    wer über sich und wohin wird was wie gestreckt? nicht mal die laokoongruppe hilft mir da weiter 🙂

  2. @Xo: „wenn du mir auch diese stelle noch übersetzen könntest“ …
    Interessant. Denn ausgerechnet Sabine Scho hat sich über Jahre darüber beschwert, daß ihre Lyrik nicht wahrgenommen werde, weil sie angeblich „nicht zu verstehen“ sei. Und sich immer und immer wieder darüber empört, daß Verständlichkeit ein solches Kriterium bei der Leser(Verzeihung: *innen)schaft (: ecco!) sei. Das dreht sich plötzlich alles – sowie und wohl da sie nun Erfolg hat und „anerkannte“ Dichterin ward.
    Ich habe die gerügten Verse gestern mehrfach vorgetragen, auch Frauen. Nach Laokoon hat da keine gerufen, auch nach Genderpolitessen nicht. Oder sagt man (m u ß mann sagen?) -politess*innen? Dann werd ich fortan von den Essinnen sprechen.

  3. XO sagt:

    Nur, der Unterschied zu meinen Gedichten, sie zielen zumeist auch auf gar kein Setting, das verstanden werden will in seiner Handlungsabfolge. Das ist bei deinen Gedichten aber anders, sie sind bei Dir auch selten durch Sprachassoziationen geleitet, sie funktionieren viel filmischer und sie haben bei Dir häufig eine Botschaft. Oder eine Antibotschaft, sie sind für oder gegen was, agitatorischer. Das müsste man schon auch verstehen wollen dabei, wenn Du unsere Gedichte vergleichst. Wenn ich bei der Beárt zum Schluss doch mit einer Genderinkorrekten Botschaft versorgt werde, ist mir doch auch klar, dass mir das Gedicht vorher etwas Unerhörtes schildern möchte. Das so unerhört gar nicht ist, wie Du ja selber schreibst, aber das Gedicht macht etwas Besonderes daraus. Das Staunen vor der weiblichen Natur. Ich erinnere noch Spinnen, der immer hoffte, er bekomme mal ein Mädchen, der hat sich auch die seltsamsten Vorstellungen gemacht vom grundsätzlich anderen der Frau. Man muss sich die Frau als ganz anderes Wesen, als man selbst es ist, wohl denken, wenn man sie eben auch ganz anders gesellschaftlich behandeln will, zu viele Kulturen bauen darauf noch auf. Du bist mit den Frauen und Männer, die Deine Gedichte schätzen, doch zufrieden, dann ist es doch auch gut.
    Erfolg hast und hattest du doch auch, wie lange der währt, weiß man eh nie, damit hat es wenig zu tun.

  4. XO sagt:

    Das sind zwei ganz unterschiedliche Sportarten, wenn man so will, die lassen sich nicht vergleichen. So wenig, wie das, was man an ihnen verstehen könnte oder eben nicht.

  5. XO sagt:

    Schreib am besten nur noch Gedichte! Sie bringen einem nichts ein, oder nur wenig, setze drauf und zeige der Welt, dass Du auch darin der Beste, der Größte, der Verkannteste, der, der sich endlich mal was traut, bist, während der Rest der Welt Pop ist und nur brav übers Stöckchen springt, so kann man durchs Leben gehen, aber man müsste es nicht und vor allem muss man sich dann nicht wundern, wenn „der Pop“ abwinkt irgendwann. Du signalisierst doch immer, Du bist ganz anders und willst es auch sein und beklagst dann den Trend, der Dich nicht wahrnehmen will. Man kann aber schlecht immer Fußball scheiße finden und dann glauben, die anderen ändern die Spielregeln für einen, wenn man auch ein Ballspiel will, wird nicht passieren. Man muss sich dann wohl den Sport suchen, der zu einem passt. Du hast Verlage und Leserschaft, damit ist dann doch auch gut, muss ja nicht ich sein, die auf deine Gedichte steht.

  6. schlot sagt:

    kenne fast nur männer, die irgendwie immer alles richtig machen, keine fehler machen,
    und die schuld an offensichtlichen versagereien bei den anderen bishin zur gesamten species ( der soziopath ) sehen ( müssen )
    eine art zwanghaftigkeit, welches auch tiefergehendes einlassen verhindert :
    gefangen in den oberflächlichkeiten eines schwach-paranoiden selbstdarstellungszwangs.
    ( aus einer selbstbehaupterrolle, gar durchsetzerrolle heraus immer alles besser wissen müssend )
    mit frauen mach(te) ich sone erfahrungungen kaum.
    erinnert mich an meine jungend und die generation meines vaters.
    selbst wenn diese väter ganz offensichtlich von etwas so gut wie keine ahnung hatten, mussten sie durchblickerei simulieren, suggerieren – aus angst vor autoritätsverlust, womöglich attraktivitätsverlust.
    so verlor vor allem mein vater – aus nächster nähe – in meinen augen autorität oder respekt in toto.
    es war mir irgendwann nämlich scheissegal, was er wirklich draufhatte, vor allem beruflich.

    je mehr sich einer als quasi omnipotent darstellen muss, so gründlicher gucke ich hin.

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