TIP Berlin, 7. 2. 2019. Zu WANDERER, vorab. Von Thomas Hummitzsch.

 

 

 

 

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Viel unnötige „Personality“, darin überproportional der blöde „Ribbentrop“ wieder, der sich mit dem „Sprachfaschisten“ ungut suggestiv zum Schulterschluß addiert, und die literarbetriebliche Grabenkämpferei – wobei er, Hummitzsch, an einer Stelle ein wahrscheinlich kluges Wahres aufblitzen läßt:

So ist ein sich selbst bestätigendes System entstanden, in dem das gegenseitige Ressentiment eine fatale Wirkung zeitigt.

Hier trifft seine ausgesprochen helle Intelligenz ganz gewiß einen Punkt. Da wäre, w e n n schon Personality, systemisch weiterzufragen und darzustellen gewesen. Indes zu den Erzählungen, von denen sich Hummitzsch so angetan zeigte, konkret quasi nichts; nichts von der poetischen Formung, über die wir derart lange gesprochen haben, nichts von der emphatischen Wahrheit, um die es mir poetisch so geht, und schon gar nichts von der Schönheit – auch der, ja!, der Tragik -, in deren Orbit jeder Satz kreist, jeder Vers, um die Schwebe zu halten und leicht zu werden. Woran Elvira M. Gross, daß wir es erreichten, solch einen innigen Anteil hat, nie nachlassend, ja noch gestern nacht – unser Verleger wird fast verrückt geworden sein – zäh insistierend einen einzelnen Satz in den Fahnen monierend, bevor sie in den Druck gehen durften. Statt dessen wieder nur meine „Erscheinung“: dabei völlig absurd, nein, bizarr der klassische Dreiteiler mit Hemd als „hippieesk“ bezeichnet.

Aber vielleicht meinte Hummitzsch den Mantel nachher:

 

 

 

 

Wie auch immer, zwei so positionierte Abschlußsätze, daß meine Contessa vor Begeisterung durch den ganzen Whatsappbildschirm strahlte: „Was Besseres hätte dir gar nicht passieren können!“ Aber auch die Löwin zeigte sich, zwei Mäkelchen beiseite, durchweg zufrieden. Und übern Großen Teich hinweg ward die Personality sogar heftig verteidigt, auch wenn die mit Persönlichkeit nicht einmal das P teilt.

ANH
Mahler IX, Barbirolli

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14 Kommentare zu TIP Berlin, 7. 2. 2019. Zu WANDERER, vorab. Von Thomas Hummitzsch.

  1. xo sagt:

    das ist ein gutes proträt im tip, dachte der m und dachte ich gestern, als wir es lasen. und den entscheidenden hummitzschen satz dazu, hast du ja selber zitiert: „So ist ein sich selbst bestätigendes System entstanden, in dem das gegenseitige Ressentiment eine fatale Wirkung zeitigt.“ das bringt es auf den punkt. seit ich begeistert eduard louis lese, ließe sich deine geschichte eben auch ganz anders erzählen, daran hattest du aber selbst auch wenig interesse, schien mir immer. du möchtest auch in der ablehnung solitär herausgehoben sein, als, wie viele von uns, eben nur einer von vielen zu sein, die immer strebend sich bemühen, aber auch nicht erlöst werden. verständlich ist das allemal, ich wäre auch lieber ganz dezidiert nicht gewollt, weil ich so unbequem bin, aber ich bin gar nicht unbequem und einfach nur nicht genügend gewollt. so kommt es mir bei mir vor. bei dir ist es sicher anders gelagert, weil du ja auch mit viel mehr leuten aus dem betrieb zu tun hattest, zu einer ganz anderen zeit noch dazu, die noch dazu viel despotischer war und wo urteile von wenigen noch mehr zählten, aber die zeiten sind viel pragmatischer geworden, scheint mir. und da wirkt halt auch manchmal das verkannte genie wie ein narrativ aus vergangenen zeiten. so vielleicht.

  2. xo sagt:

    und wer ein bisschen was davon versteht, wie man leser*innen neugierig macht, dafür ist das gar kein schlechter aufhänger: gilt als schwierig, texte sprechen aber für sich. das eröffnet doch ein spannungsfeld. kamma eigentlich nicht meckern. findsch. wenn da stünde, züchtet kaninchen und schreibt drüber, erzeugte das wenig suspense.

    • Lacht.

      (Kriege grad von Freunden mal wieder den Vorwurf, daß ich überreagierte, ja überhaupt geantwortet hätte. Einer schreibt sogar, ich „strafte“ den Autor „ab“ – was völliger Unsinn ist. „Strafen“ kann ich eh nicht und wollte ich auch nicht. Aber es muß möglich sein, sich auch kritisch zu solchen Texten zu äußern, anstatt kleinbürgerlich-geduckt zu schweigen. – Daß der Tip-Artikel werblich durchaus einiges bewegen kann, habe ich dabei nicht verschwiegen; im Gegenteil machen es meine letzten Sätze ausgesprochen deutlich.
      Das eine ist aber die Werbung, das andere die Wahrheit (im Sinne der formalen Aussagenlogik: Übereinstimmung eines Satzes mit dem So-sein seines Gegenstands).

  3. xo sagt:

    alle autor*innen sind empfindlich, keiner kennt einen ja auch so gut, wie man selbst. dass dir deine erscheinung manchmal im weg steht, ist dabei so hinderlich, wie es nützlich sein kann. hippiesk ist sie eher nicht, dachte ich allerdings auch. du beauskunftest aber in der regel selber auch ganz gern, deinen stand im betrieb und wie du seine genese wahrnimmst. das könnte ja auch dazu führen, dass das manchem interessanter erscheint erst mal und darum findet sich davon da einiges in dem artikel wieder. manch ander/er verschweigt die zurücksetzungen und kehrt nur die erfolge hervor und würde von so einer werkschau beim ilb noch jahrezehnte zehren. es gibt leute mit der gabe, sich vieles schöner zu reden, als es ist und es gibt leute mit der ungabe, das gute zu schnell wieder zu vergessen. erstere gehen vermutlich etwas leichter durchs leben. es kommen gesammelte erzählungen, das ist doch was und bald noch ein zweiter band dazu. mach dir mal n schampus auf und stoß mit deinem sohn an. ist doch n cooles porträt im tip mit einem sehtr sympatischen foto dazu. so habe ich dich eigentlich immer gesehen, entspannt und lächelnd. vielleicht machen wir einfach mal n haken an den großen zurückgewiesenen und ebnen mal den weg für den werkhaltigen vielschreiber und publizierer, der leute wie walser seitenmäßig längst eingeholt haben dürfte. wenn man die dschungel dazu nimmt, sowieso.

  4. xo sagt:

    es ist ja auch viel psychologie dabei, denke ich oft, wenn jemand annehmen muss, die/der autor*in ist eh am besten über alles informiert, sinkt manchmal auch die lust, noch etwas ohne leichte spitzen zu schreiben, man möchte ja als feuilleton noch einen eigenen dreh finden, eine eigene lesart und sich nicht alles diktieren lassen. meist ist es klüger, die leute, die sich ja auch nicht für ganz dumm halten, was selber denken zu lassen und ihren eindruck formulieren zu lassen und ein paar knackige merksätze rauszuhauen dazwischen, so meine erfahrung. die ich natürlich alles andere als perfekt bedienen kann, au contraire. aber es perfekt reflektieren kann ich noch, was ich da immer wieder vermassel ;):

  5. Bruno Lampe sagt:

    Was mir den ganzen Tag aufgestoßen, war das Wort „Sprachfaschist“ gleich im Titel, zwar kursiv und in Anführungsstrichen, aber unangenehm klingend (wie ich gerade dachte: die eigentlichen Sprachfaschisten sitzen in der Duden-Redation, da hätte es Sinn, von Law & Order zu sprechen, zumal ich das selber merkte, als die neue Rechtschreibung eingeführt wurde, und ich mich noch wehrte bei meinen Übersetzungen. Denn da guckten alle gestreng in die neuen Regeln, und wehe dem…).
    Dein etwas ironisch in sich hinlächelndes Gesicht auf dem Foto scheint aber schon recht kontrastmäßig dazu eingesetzt.
    Ansonsten hat wahrscheinlich Xo recht. Gute Werbung. In dem Sinne. Andererseits ist es wohl unvorstellbar, daß in Magazinen wie dem Tip literaturwissenschaftlich argumentiert wird, es wird halt immer ein bißchen paparazzihaft abgehen.
    Natürlich müssen da auch die „Meere“ her und der Ribbentrop: halt so herausragende Curiosa.
    Aber denk auch an den wirklich diffamierenden Artikel in der Süddeutschen nach der Freigabe der „Meere“.
    Immerhin erscheinst Du als Tip im TIP.
    Erinnert mich jetzt an den Museumsbesuch in Finnegans Wake ziemlich am Anfang:

    This the way to the museyroom. Mind your hats goan in! Now yiz are in the Willingdone Museyroom. This is a Prooshious gunn. This is a ffrinch. Tip. This is the flag of the Prooshious, the Cap and Soracer. This is the bullet that byng the flag of the Prooshious. This is the ffrinch that fire on the Bull that bang the flag of the Prooshious. Saloos the Crossgunn! Up with your pike and fork! Tip. (Bullsfoot! Fine!) This is the triplewon hat of Lipoleum. Tip. Lipoleumhat. This is the Willingdone on his same white harse, the Cokenhape.

    Diese ständigen „Tip“ des Museumsführers. Tip, this is Alban, a Sprachfaschist, Tip, this is his face. Tip, this is his grand-uncle. Tip, this is the forbidden book.
    Tip, this is Kühlmeier. Tip, this „der fulminante Roman“ and this is „Reich-Ranicki“ undsoweiter.

  6. lobster sagt:

    die einsamkeit könnte verweigerung heissen.
    die verweigerung.
    leistungsverweigerung z.b.
    leistung gemäss der leistungsverordnungskonzepte administrativer provenienz nebst
    ausführender ( exekutiv wirksam sein könnender ) organe wie mund, nase ohren anus wie vulva.
    die haut.
    die haut weiss doch so gut wie alles.
    ich sollte dichten fern abdichterei.

    * läuft graD TALENTschuppen, ja die schuppen, fischick

  7. lobsy, call me lobster sagt:

    sone charismatik von avantgarde wie ( retrogarde ) ist halt abgeschafft.
    everychick her own ( chick )
    schixenrecht.
    hey, my problem not.
    wirksam sein wollen.
    ja klar, aber nicht selbstgerecht.
    autochton ?
    ich mach das, was mir gefällt.
    davon gehe ich aus, allerdings mache ich abstriche.
    ich halte es ganz allein nicht aus, davon gehe ich aus und im übrigen
    ziehe ich menschen katzen ( hausgetiert, getigert )
    vor.

    fin

  8. lobsy, dringlich drängelig sagt:

    es ist nicht die waHRNEHMBARE multi-lampe-welt-wahrnehmungswilligkeit
    alter
    es ist dieser gerchtigkeitstrip.
    menschsystem gerecht sein zu

    können,.

    es geht letztlich

    ums

    können
    can

    herzlichen dank und gerne wieder auf ebay

    hey ich brauch doch keinen

  9. Bruno Lampe sagt:

    all’s well that ends well in a much ado about nothing : fin : de partie

  10. Gaga Nielsen sagt:

    Habe das Heft wegen des Artikels gekauft (nach knapp zwanzig Jahren wieder einmal). Wie das Wörtchen „hippiesk“ in die Beschreibung Einzug erlangen konnte, ist schon ein enormes Rätsel. Ich muss zustimmen, dass sich der Text überdimensional mit dem Echo auf die Persönlichkeit des Autors anstatt gleichermaßen mit inhaltlichen Befunden zum Werk beschäftigt. Die Fotografie finde ich sehr schön, illustriert allerdings nicht vorgeblich sperrige Person. Ein paar schöne Sachen sind auch im Artikel, vor allem der Schlussakkord. Allerdings fürchte ich, dass kaum noch wer das auf Papier gedruckte Heft liest. Online scheint es nicht zu sein. Gehe hier natürlich verallgemeinernd von mir selber aus (kennt noch wer jemanden, der regelmäßig die Stadtzeitungen Tip oder Zitty in Printversion kauft?)
    Habe mir den Artikel dann aus dem Heft gerissen und hübsch gefaltet ins Meere-Buch gelegt!

  11. Pingback: Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 15. Mai 2019, nämlich Stella Goldschlag I. Mit einer kleinen privaten Erklärung. | Die Dschungel. Anderswelt.

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