Lolita 2 (Nabokov lesen 4): — als quasiganzes Arbeits-, nämlich Lesejournal des Sonntags, den 17. November 2019.

 

(Vorbemerkung:
Sämtliche Zitate nach der bei Rowohlt erschienenen
Ausgabe der Gesammelten Werke in Dieter E. Zimmers
Bearbeitung der Übersetzungen von Helen Hessel,
Marias Carlsson, Kurt Kusenberg, H.M.Ledig-Rowohlt
und Gregor von Rezzori.)

[Arbeitswohnung, 8.43 Uhr
Mieczysław_Karłowicz, Wiederkehrende Wellen op. 9}
{Familiäres Frühstück, लक्ष्मी und Zwillingskinder; danach Mittagsschlaf}
[Arbeitswohnung,  14.20  Uhr
Caffè, Schumann IV]

Es ist ein Sprachrausch, Rausch der Sätze, Satzkonstruktionen, des Rhythmus und der Präzision des Hinschauens, ohne das solche Imagination nicht möglich wäre:

 

 

Ich redete, blieb hinter meinem Atem zurück und holte ihn wieder ein (S.81) … Die kleinen kissenförmigen Eisblöcke – Kopfkissen für Eisteddybären, Lo – gaben krächzende, berstende, gequälte Laute von sich, als das warme Wasser sie aus ihren Metallwaben löste (S.137) … oder statt ihrer eine verstörte Lolita, die nach einem vertrauten Familienfreund barmt (S.152) … Das Bett war ein grauenvolles Durcheinander mit Obertönen von Kartoffelchips (S.199) … ihre schmalen florentinischen Hände (S.294) … der Körper eines unsterblichen Dämons, verkleidet als Kind (S.201) … Langsam, liebevoll putzte ein ältlicher Mann mit gebrochener Nase meine Windschutzscheibe – überall macht man das anders, mal Wildleder, mal Seifenbürste, und der hier benutzte einen rosa Schwamm (S.203) … Jenseits der bestellten Felder, jenseits der Spielzeugdächer breitete sich langsam eine nutzlose Lieblichkeit aus (S.219) … vielleicht war es auch ein strenger El-Greco-Horizont, trächtig von tintigem Regen (ebda) … und auf phänomenal dicken Beinen schritt er mit einer kuriosen, elefantenhaften Vorsicht fürbaß (S.262) … Sie steckte sich eine Zigarette an, und der Rauch, den sie durch ihre Nüstern blies, glich einem Paar Hauer (S.282) … ein paar Takte weiß liniierter Zeit (S.338) … Als sie auf den Ball zustürzte und ihn verfehlte, fiel sie auf den Rücken, und ihre obszönen jungen Beine radelten wie verrückt in der Luft herum; von wo ich stand, konnte ich nur den Moschusduft ihrer Erregung spüren, und dann sah ich (versteinert von einer Art heiligen Ekels), wie der Mann die Augen schloß und seine kleinen, entsetzlich kleinen, gleichmäßigen Zähne entblößte und sich dabei an einen Baum lehnte, in dessen Laub eine Menge kleiner gesprenkelter Priaps erschauerten (S.347) 

ganz abgesehen von den rhetorischen Wendungen, die zugleich ausgefeilt dramaturgische sind, etwa diese:

Im Hotel hatten wir getrennte Zimmer, aber mitten in der Nacht kam sie schluchzend zu mir herüber, und sehr sanft machten wir es wieder gut. Verstehen Sie, sie hatte ja sonst niemanden, zu dem sie hätte gehen können. (S.205)

Oder der Schock, wenn Humbert unversehens erkennt, daß Lolita – s i e sogar, seine Lo! – – a l t e r t:

Als sie da so hingelümmelt saß, an einem Niednagel knabberte, mir mit einem höhnischen Blick aus ihren herzlosen, rauchfarbenen Augen folgte und die ganze Zeit einen Hocker schaukelte, auf den sie die Ferse ihres ausgestreckten schuhlosen Fußes gestützt hatte, gewahrte ich plötzlich mit einem beklemmenden Gefühl der Übelkeit, wie sehr sie sich in den zwei Jahren, die ich sie jetzt kannte, verändert hatte. Oder war es in den letzten zwei Wochen geschehen? Tendresse? (…) Der dichte Nebel der Begierde war hinweggefegt und hatte nichts als diese schreckliche Klarsicht hinterlassen. Ja, sie hatte sich verändert! Ihr Teint war jetzt der irgendeines gewöhnlichen, unordentlichen Schulmädchens, das mit schmuddligen Fingern gemeinsam benutzte Kosmetika auf ein ungewaschenes Gesicht schmiert und dem es einerlei ist, mit welcher pickligen Epidermis ihre Haut in Berührung kommt. So köstlich war deren zarter Flaum früher gewesen, so tränenglänzend, wenn ich ihren zerzausten Kopf im Spiel auf meinen Knien hin und her gewollt hatte. Jetzt war eine rauhe Röte an die Stelle jenes unschuldigen Schimmers getreten. Der Frühjahrsschnupfen, den sie in jener Gegend „Kaninchenerkältung“ nennen, hatte die Ränder ihrer verachtungsvollen Nasenlöcher mit flammendem Rot überzogen. Als ich den Blick entsetzt senkte, glitt er mechanisch an der Unterseite ihres straff gestreckten, nackten Schenkels entlang – wie waren ihre Beine glatt und muskulös geworden! (S.297/298)

[Strawinski, Violinkonzert]

Und dennoch diese tiefen Liebeserklärungen:

Habe ich je erwähnt, daß ihr nackter Arm die 8 der Pockenimpfung aufwies? Daß ich sie hoffnungslos liebte? Daß sie erst vierzehn war?
Ein wissensdurstiger Schmetterling flatterte tauchend zwischen uns durch.
(S.342)

Oder

Die Zartheit deiner nackten Arme – wie verlangte ich danach, sie zu umfassen, all deine vier glatten, köstlichen Gliedmaßen, ein hingestrecktes Füllen, und deinen Kopf zwischen meinen unwürdigen Händen zu halten, die Schläfenhaut auf beiden Seiten zu straffen, deine nunmehr chinesischen Augen zu küssen, und … (S.280)

Dazu die Seitenhiebe, die Nabokov (übrigens laufend) verteilt, hier auf der Seite 222:

… John Galsworthy (eine Art Schriftsteller und mausetot) …

Und noch gar nicht gesprochen habe ich von Nabokovs fast unvergleichlichen, weil als Stilmittel der Beschleunigung gebrauchten … nein, eben nicht Hypotaxen, sondern in den „und“s ineinander amalgamierenden Hauptsatzfolgen:

Ich hielt sie an ihren knochigen Handgelenken, und sie wand und drehte sie hin und her und suchte heimlich nach einer Schwachstelle, um sich mit einem Ruck frei zu machen, aber ich hielt sie fest gepackt und tat ihr ziemlich weh und hoffte, daß das Herz in meiner Brust dafür verrotten wird, und ein- oder zweimal riß sie so heftig mit ihrem Arm, daß ich Angst hatte, ich könnte ihr das Gelenk ausrenken, und die ganze Zeit starrte sie mich mit diesen unvergeßlichen Augen an, in denen einige Wut und heiße Tränen miteinander kämpften, und unsere Stimmen überschrien das Telephon, und als ich das Läutern schließlich wahrnahm, riß sie sich sofort los.

Hypotaxen aber freilich a u c h (von denen Jordan Lee Schnee mir gestern sagte, im modernen US-Amerikanisch seien sie „unmodern“ (- wen, bitte, schert das, wenn doch so so ein Ausdruck gelingt, der anders für alle Zeit verloren wäre?):

Ich stellte den Motor ab und blieb mindestens eine Minute lang im Wagen sitzen, um mich für das Telephongespräch zu wappnen, und starrte durch den Regen auf den überschwemmten Gehsteig, auf den Hydranten – ein wirklich grauenvolles Ding, das dick mit silberner und roter Farbe bemalt war und seine roten Armstümpfe ausstreckte, um sich vom Regen lackieren zu lassen, der wie stilisiertes Blut auf das heraldische Silber der Ketten tropfte. (S.152)

Einmal davon abgesehen, daß er bereits 1955 (!) folgenden Satz schreibt:

Bert, ein Kameramann (…) behauptete, daß die Oberbosse unseres Unternehmens – die eigentlichen Leiter, die wir nie zu sehen bekamen – sich hauptsächlich für den Einfluß der Klimaerwärmung auf die Qualität der Polarfuchsfelle interessierten, (S.45, Hervorhebung von mir),

liegt das Problem dieses hochsinnlichen Romans indessen ganz woanders, dort, wo das Thema nämlich wirklich empfindlich geworden wäre und nun aber doch genossen werden konnte, weil Nabokov seinen Mr. Humbert eben n i c h t sein läßt, als was dieser selbst sich – und für viele so Geneigte eben sicherlich richtig – darstellt:

Meine Damen und Herren Geschworene, die Mehrzahl der Sexualverbrecher, die sich nach einer zuckenden, süß stöhnenden, körperlichen, doch nicht unbedingt coitalen Beziehung zu einem kleinen Mädchen sehnen, sind harmlose, zu nichts taugende, passive, schüchterne Fremdlinge, die die Gesellschaft nur um eines bitten, nämlich zuzulassen, daß sie ihrem – um allgemeinen völlig unschuldigen – sogenannten abweichenden Verhalten, ihren heißen, feuchten, privaten kleinen Akten sexueller Devianz nachgehen dürfen, ohne daß Polizei und Gesellschaft über sie herfallen. Wir sind keine Sexteufel! Wir vergewaltigen nicht, wie wackere Soldaten es tun. Wir sind unglückliche, sanfte Gentlemen mit Hundeaugen, gut genug integriert, um unseren Drang in Gegenwart Erwachsener zu beherrschen, aber bereit, Jahre um Jahre für eine einzige Chance hinzugeben, eine Nymphette zu berühren (S.124)

Nein, Mister Humbert ist leider, leider ein Arschloch, wozu ihn Nabokov machen hat vielleicht m ü s s e n, weil andernfalls das große Buch nicht nur den Skandal hervorgerufen hätte, sondern möglicherweise gar nicht erst verlegt worden wäre. Dieser Autor, der jahrelang als ein fast Unbekannter schrieb und nachvollziehbarerweise keine Lust mehr hatte, einen großen Wurf nach dem anderen unanerkannt in die Welt zu setzen, war abgefeimt genug, die auch historische Situation – McCarthy sowie den, unserer eigenen Zeit nicht unähnlichen, wenn auch anders „begründeten“ radikalen Puritanismus – in fast sezierender Schärfe zu kalkulieren und seinen Roman entsprechend eben d o c h anzupassen, so daß die Leserschaften indirekt genießen konnten, was sie zugleich ablehnten und ablehnen mußten. Auf Vorwürfe konnte der Autor nun jeden Schmutz von der Helle seiner Weste schnippen, indem er darauf verwies, welch schlechten Charakter sein Held repräsentiere.  Bei dem er zugleich doch die Wahrheit durchschimmern ließ und weiter läßt – wozu gerade die direkte Ansprache der Leser gehört, eine enorme Suggestivität der Verteidigung, der dieses Buch so heimlich wie geheimnisvoll dient -, daß

sich der verzauberte Wanderer im Besitz und im Bann einer Nymphette jenseits des Glücklichseins befindet. Denn keine Seligkeit auf Erden ist der vergleichbar, eine Nymphette zu liebkosen. Sie ist hors concours, diese Seligkeit, sie gehört einer anderen Gattung an, einer anderen Ordnung der Gefühle (S.239),

so daß der von ihr Besetzte eine allenfalls poetische – oder anders künstlerische – Lösung finden kann, die ihn zumindest vorübergehend freiwerden läßt. Humberts Verzweiflung wird im Buch ja schon früh deutlich:

Warum also dieses Grauen, das ich nicht abschütteln kann? (S.195)

So nachvollziehbar Nabokovs Konstruktion des humbertschen Charakters also ist – eine Abfälligkeit gegenüber nicht nur erwachsenen Frauen, die bis zu Mordgedanken reicht, sondern, verbunden mit enormer Arroganz, auch gegen Männer, also Menschen überhaupt -, aus der zeitlichen Entfernung ist hier eine poetische Chance vertan: nämlich von einem „guten“ Menschen zu erzählen, der von dieser erotischen Neigung ausweglos erfaßt und durchdrungen ist. Da erst würde die wirkliche Tragik klar und uns es nicht mehr leicht, moralisch zu entwerten. (Ich habe aus einem ähnlichen, quasi entgegengesetzten Grund den Erzähler des Traumschiffs eben nicht einen solchen guten, sondern einen im bisherigen Leben recht miesen Menschen sein lassen, weil das Buch sonst Kitsch geworden wäre. Ja, man verspielt damit vielleicht die Zuneigung seiner Leserschaft, aber gewinnt poetische Wahrheit.)
Entsprechend lese ich Lolita nunmehr halb gegen  den Strich – und tue Humberts nicht selten üblen Abfälligkeiten als Macken seines Autors ab. Wofür, daß ich damit recht habe, einiges spricht, das sich auch in Nabokovs anderen Büchern findet, etwa seine >>>> Neigung zu Prahlerei und, freilich berechtigter, Selbstüberhebung.

Noch habe ich – ohne des Autors eigenhändiges Nachwort sowie die Nachbemerkungen Dieter E. Zimmers und seine detaillierten Anmerkungen zum Romantext – 98 Seiten vor mir und werde sicherlich hernach n o c h einmal schreiben, in den nächsten Tagen, und dann eben auch den Apparat gelesen haben.

Ihr, ach ferne Geliebte,
ANH
[Schubert, Streichtrio B-Dur
17.26 Uhr]

P.S.:
Selbstverständlich ist es ein Problem, daß ich diesen grandiosen Roman nicht im Original lesen kann; um so dankbarer bin ich den oben genannten Übersetzern, allen voran Dieter E. Zimmer, für sein und ihr – in seiner Bearbeitung – hinreißendes Deutsch. Ich würde sicherlich schon an Nabokovs häufigen, in ihrer Schönheit wie aber auch anspielungsgefluteten Gemeinheit komponierten Neologismen scheitern, mußte sogar im Deutschen einiges nachschlagen – indessen niemals ohne Gewinn. Mancher Sprachwitz erschloß sich eben erst dann. Als Beispiel möchte ich nur den „zartverbündeten pharmakopoietischen Gedanken“ oben auf der Seite 100 nennen, wobei es aber schon das englische Wort von der, S. 193, „nachformenden Liebkosung“ in sich haben dürfte, ganz abgesehen von der Formulierung, S. 278, daß auf einem ganz anderen Mädel als Lolita („Loleeta“ – selbst das findet sich) ein IQ von 150 laste.

>>>> Nabokov lesen 5 (Lolita 3)
Nabokov lesen 3 (Lolita 1) <<<<

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4 Responses to Lolita 2 (Nabokov lesen 4): — als quasiganzes Arbeits-, nämlich Lesejournal des Sonntags, den 17. November 2019.

  1. Pingback: Arbeitsjournal, versucht am Morgen des Donnerstags, den 14. November 2019. Lolita 1 darinnen. | Die Dschungel. Anderswelt.

  2. Avatar Emma sagt:

    Ich bin abends frei und möchte etwas trinken. Siehe meine Telefonnummer im Profil auf der Website – http://veryhotgirls.site/ (Mein Spitzname ist*Emma_23* )

  3. @Emma:
    Ich fürchte, Sie sind auf dieser Site falsch. Und auch privat: Gewerbliche Sites besuche ich nicht. Ich sag’s mal so: Sie müßten es schon geschickter anstellen, um mich zu locken, um vom Becircen zu schweigen. Der Begriff rührt bekanntlich von einer antiken Zauberin her, die zwar aus Männern machte, was sie eh schon sind, doch umgarnte sie mit — Stil.

  4. Pingback: Skandale: „… und werde sehr praktisch und gewieft sein.“ Lolita 3 (Nabokov lesen 4), zur Rezeption. Als Arbeitsjournal des Dienstags, den 19. November 2019. | Die Dschungel. Anderswelt.

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