III, 456 – Opfer und Täter

Gegen die filmische Darstellung der direkten oder indirekten Darstellung von Nazi-Opfern habe ich schon immer eine Abneigung gehabt (in der Schule war’s anders, wo man zum ersten Mal Gerippe in Krematorien sah). Sie verbildlicht ein Vermeintliches, weil sie einem vorgaukelt, es sei leicht nachzuvollziehen, wodurch das Leid, das nunmehr ebenfalls “vermeintliche”, zur Fiktion wird. Womit ich mich nicht abfinden kann, ebensowenig mit der Darstellung Hitlers durch Bruno Ganz, die eine Ikone des Bösen vermeintlich vermenschlicht. Wogegen ich mich entschieden wehre. Diese Ikone darf nicht vermenschlicht werden. Ebenso wie ein lachender Buddha (mit dem fetten Bauch) auf uns wirkt wie ein – sagen wir – Glückswunsch. Indes in diesem Fall mutatis mutandis.
Sicher, ein Täter-Gedenktag ist nicht möglich, ohne die Täter zu nennen, die einer diffusen Geschichtskenntnis durchaus bekannt sind. Ich glaube, Steinmeier hat’s in Yad Vashem getan (ich hab’s nur angelesen). Wichtig insofern, als in diesem Fall in einem Staat, der auf den Opfern des zweiten Weltkriegs sich aufbaut, festgestellt wird, dass die Täternation erstanden (nein, nicht entstanden) ist aus ihrer Täterschaft. Wiewohl es vorkommt, daß mittlerweile auch in der Täternation des öfteren auf den Opferstatus gepocht wird. Wobei aber die Opfer dieser Opferstatus-Demonstrationen mitnichten Engländer, Amerikaner oder Franzosen sind, sondern die Opfer der damaligen Täternation und die ihnen willkürlich Gleichgestellten. Hereros werden es nun nicht unbedingt sein, die wohnen ein bißchen zu weit weg.
Die Frage ist auch: welcher Opfer soll man gedenken? Daß im Mittelpunkt unbedingt Auschwitz steht, sei dem ganzen Gedenktag unbenommen. Der Ort ist symbolisch und acheint mir als Symbol geeignet zu sein, das, was man das Unvorstellbare nennt, zu vergegenwärtigen. Aber auch diesen Ort darf ich nicht aufsuchen, wie ich die anfangs angedeuteten Filme nicht sehen kann und darf. Aber wenn man sich die Geschichte des zweiten Weltkriegs besieht: wo anfangen und wo aufhören mit den Opfern?
In der Geschichte von meiner Großmutter: Wer ist das Opfer und wer der Täter? Zwangsarbeiter aus dem Osten auf dem Hof, der Mann in Rußland. Krieg geht zuende, Großmutter schwanger durch einen der Zwangsarbeiter (ein Russe?), Engelmacherin und Tod durch Verbluten. Die Zwangsarbeiter aus dem Osten in einer Scheune erschossen, wo heute der Friedhof liegt. Bumm.
Im Grunde ist die Beantwortung leicht. Wäre nämlich die Täternation nicht gewesen, dann…
Grandios ist hierzu Meises Suada aus Herbsts “Spreetöchter” (vgl. hier) – ein Auszug:

… doch Hermann Göring habe der Kesselschlacht von Stalingrad das Schlachten in Etzels Saal als Vorbild gedient, die reinste Glorifizierung, sagte Meise, nun aber wieder leise, der massenhaften Selbstvernichtung, siebenhunderttausend, flüsterte er, siebenhunderttausend Menschen seien da zugrunde gegangen, und auch das hätten die Nibelungen, indem sie Nationalepos wurden, den Deutschen längst vorherprophezeit, so daß man die, betonte Meise, D u m m h e i t geradezu mit Händen greifen könne und daß der Fluch eben sie, der Nibelungen Fluch gewesen…

Klar, mit den Sackgassen sprechen (Celan) und dem vormaligen Tabaccaio und seinen Frotzeleien nachtrauern, wenn er mich beispielsweise mit einem “Auschwitz” begrüßte und ich so tat, als ginge ich wieder hinaus mit den Worten “Ich bin aber nicht Auschwitz”, um dann dennoch meine Zigaretten zu kaufen und mit einem beidseits lachenden Abschied davonzustiefeln.

III, 455 – Something about Brad

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