Nymphophilie: Der Bezauberer. Nabokov lesen, 22: Die Erzählungen, II,3.

 

Nicht zu jedem Schulmädchen, das mir
über den Weg läuft, fühle ich mich
hingezogen.
Der Bezauberer, 228
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

 

 

„Welchen Vers soll ich mir auf mich machen?“ fragt sich gleich zu Anfang Nabokovs Ich-Erzähler, und zwar bereits 1939, lange vorLolita. Der Romancier selbst erzählt dazu:

Der Mann war Mitteleuropäer, das anonyme Nymphchen Französin, und die Orte der Handlung waren Paris und die Provence. Ich ließ ihn die kranke Mutter des kleinen Mädchens heiraten, die bald darauf starb, und nach einem mißglückten Versuch, die Waise in einem Hotelzimmer zu mißbrauchen, warf sich Arthur (das war sein Name) unter die Räder eines Lastwagens.
Anmerkungen, 603
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

In nuce, abgesehen vom „mißglückten Versuch“ und dem Ende ist dies exakt die Handlungskonstruktion des späteren, so berühmten Buches. Und Nabokov fährt fort – und nennt diese Erzählung sogar direkt „eine Art Prä-Lolita-Novelle“ –, achten Sie auf die Wortwahl:

Ungefähr 1949 begann mich (…) das Pulsen, das nie ganz aufgehört hatte, von neuem zu plagen [Hervorh.v.mir].
Anmerkungen, dto.

Muß hier mehr gesagt sein dazu?
Interessant aber ist, daß der junge Nabokov sich in Der Bezauberer durchaus nicht scheut, erotisch explizit zu sein — etwas, das er im späteren Buch höchst klug vermeidet:

(….) alles rief eine unerträgliche Empfindung sanguinischer, dermaler, multivaskulärer Kommunion mit ihr hervor (…), als erstrecke sich die monströse Halbierungslinie, die alle Säfte aus den Tiefen seines Wesens heraufpumpte, wie eine pulsierende, gepunktete Linie in sie hinein, als wüchse dieses Mädchen aus ihm heraus, als zerrte und schüttelte sie mit jeder ihrer unbekümmerten Bewegungen an ihren Lebenswurzeln, die fest in den Eingeweiden seines Wesens streckten, so()daß er einen Ruck verspürte, ein barbarisches Reißen, einen momentweisen Verlust des Gleichgewichts, wenn sie plötzlich die Stellung wechselte oder davonschoß. Plötzlich wird man mit dem Rücken durch den Staub geschleift, schlägt mit dem Hinterkopf auf, um am Ende an den Gedärmen aufgehängt zu werden. 
Bezauberer, 240.

Dazu, daß

die Aussicht, das Mädchen allein zu finden, (…) wie Kokain in seinen Lenden (schmolz)
Bezauberer, 256.

Oder wenn Arthur von erwachsenen Frauen, und mit welch Geekeltsein, spricht:

(…) und es war völlig klar, daß er (der kleine Gulliver) körperlich außerstande wäre, es mit jenen breiten Knochen aufzunehmen, mit jenen vielfachen Höhlungen, dem massigen Vlies, den formlosen Fußgelenken, der widerlich schiefen Formation ihres voluminösen Beckens, nicht zu reden von den ranzigen Ausdünstungen ihrer welken Haut und den bislang unenthüllten Wundern der Chirurgie
Bezauberer, 262.

Aber auch der folgende Satz auf der gleich nächsten Seite ist ein Sexualbild:

Jetzt streift er durch die fröstelnde Kargheit der Novembernacht, durch den Nebel der Straßen, die sich seit der Sintflut in einem Zustand dauernder Feuchtigkeit befinden.
Bezauberer, 263.

Wobei der „kleine Gulliver“ sich nicht nur auf Swifts Brobdingnag bezieht:

I must confess no object ever disgusted me so much as the sight of her monstrous breast, which I cannot tell what to compare with, so as to give the curious reader an idea of its bulk, shape, and colour. It stood prominent six feet, and could not be less than sixteen in circumference. The nipple was about half the bigness of my head, and the hue both of that and the dug, so varied with spots, pimples, and freckles, that nothing could appear more nauseous.
Swift, Gulliver’s Travels, Part II,1

Interessanter, nämlich für die Psyche des Nymphophilen, scheint mir zu sein, wie deutlich hier die persönliche Ungleichzeitigkeit offenbart wird: Der Erzähler ist geschmacklich-ästhetisch selber noch Kind, indes mit der ganzen sexuellen Triebkraft des Erwachsenen. Machen wir uns, Freundin, dies klar genug, wird auf der anderen Seite der gleichsam Zerreißdruck geradezu mitfühlbar, mit dem ein solcher Mensch geschlagen sein muß — und gerade da wird noch einmal betont, → was ich bei Lolita vermißte. Es ist eben nicht gesagt, daß ein Nymphophiler, auch nicht ein Nymphomaner oder, mit dem tatsächlich falschen Wort, „Pädophiler“ notwendigerweise ein schlechter Mensch sei. Es kann sogar ein sehr guter, liebenswerter sein, den diese, soweit wir heute wissen, nicht heilbare Neigung sich eingeprägt hat. Daß überdies ein Mensch, der Nymphen begehrt (junge fast-Erwachsene also), mit einem, der tatsächlich auf Kinder steht, gar nicht verglichen werden kann, steht auf noch einem anderen Blatt.
Und dann,

wenn alles das vollständig zur Ruhe gekommen war, lag er auf dem Rücken und beschwor das ein und einzige Bild, umwand sein lächelndes Opfer mit acht Händen, die sich in acht Tentakel verwandelten, welche sich an jedem Detail ihrer Nacktheit festsaugten, und schließlich löste er sich in schwarzem Nebel auf und verlor sie in der Schwärze, und die Schwärze breitete sich über alles und war nur die Schwärze der Nacht in seinem einsamen Schlafzimmer.
Bezauberer, 269.

Schnürt nicht auch Ihnen, Freundin, sich da furchtbar das Herz zu? “ … und war nur die Schwärze der Nacht in seinem einsamen Schlafzimmer.“ Was, wenn nicht Trauer, erschafft diese Schönheit der Sätze? Wie sehr zugleich die (abgespaltene) Kindlichkeit des Erzählers an der Erzählung mitwirkt, zeigt nicht weniger beklemmend der letzte Satz der folgenden Passage, weil das gewählte Märchenbild die stilistische Reife des ausgefeilt hypotaktischen Satzes zuvor entsetzlich unterläuft:

Verächtlich gab wer nebenher der Chirurgie den Laufpaß und überlegte sich, wie ausnehmend gut sie [die Mutter der Nymphe, also seine Ehefrau] es unter seiner Schirmherrschaft gehabt hatte, wie er ihr ungewollt einiges an wirklichem Glück verschafft hatte, das ihr die letzten Tage ihrer vegetativen Existenz aufhellte, und von da aus war es bereits ganz natürlich, daß er dem schlauen Schicksal vorbildliches Verhalten attestierte und den ersten köstlichen Pulsschlag in seinem Blutstrom verspürte: Der einsame Wolf schickte sich an, die Nachthaube der Großmutter aufzusetzen[,]
Bezauberer, 273,

um bald schon darauf die Nymphe an den Schläfen zu fassen,

so()daß ihre Augen sich streckten und schlitzten, (und er) begann  ihre sich öffnenden Lippen, ihre Zähne zu küssen …
Bezauberer, 289.

Es gibt sogar einen Querverweis → auf Balthus; Thérèse révant, deutlich selbst eine Nymphe, stammt sogar aus derselben Zeit, und zwar jener, in der Nabokov bereits im Pariser, nicht mehr Berliner Exil lebte. Nicht unmöglich, daß er das Bild direkt dort sah (vielleicht gibt Erinnerung, sprich mir später Auskunft — und Ihnen, Freundin, damit auch). Die Gleichzeitigkeit ist in jedem Fall schlagend:

So. Ein unbezahlbares Original: Schlafendes Mädchen, Öl. Ihr Gesicht in seinem weichen Nest aus hier verstreuten und dort sich häufenden Locken mit diesen kleinen Rissen auf den ausgetrockneten Lippen und dieser [diesem ?] besondere Kniff in den Lidern über den sich kaum berührenden Lidern war rostbraun und rosenrot gefärbt, wo die erleuchtete Wage — deren florentinische Linie selbst schon ein Lächeln war — hindurchschimmerte.
Bezauberer, 295/296.

Ein Jammer, daß mir das Urheberrecht Balthus‘ Gemälde zu zeigen verwehrt. Folgen Sie also dem auch schon oben unterlegten → Link.

Doch der junge mutige Nabokov geht noch viel weiter:

Dann begann er ganz allmählich [,] seinen Zauber auszuüben, indem er mit seinem Zauberstab [!!] über ihren Körper hin und her fuhr, fast die Haut berührte, sich mit ihrer Anziehung, ihrer sichtbaren Nähe, der phantastischen Konfrontation quälte, die der Schlaf dieses nackten Mädchens gestattete, das er sozusagen mit einer zauberischen Elle vermaß — bis sie eine leichte Bewegung machte und mit einem kaum hörbaren, verschlafenen Schmatzgeräusch ihrer Lippen den Kopf wegwandte.
Bezauberer, 298.

Ich denke, dieses alles genügt, um die Strahlungskraft zu markieren, die Der Bezauberer auf Nabokovs gesamtes nachheriges Werk bis zu dem nachgelassenen Modell für Laura ausgeübt hat. Daß die Erzählung umfangreich genug ist, um sie auch als Einzelpublikation herausgeben zu können, → erzählte ich Ihnen bereits. Fragwürdig allerdings ist dabei, daß „Der Bezauberer“ auch als „Der Zauberer“ erschien — eine wirkliches Bein, daß Rowohlt nicht nur sich selber, sondern auch Nabokov stellte, der Th. Mann nicht sonderlich schätzte. Nur ist eben „der Zauberer“ dessen kanonisierter Ehrenname. Man hätte denn, angelehnt an Nabokovs noch russisches Titelwort Волшебник, einfach „Zauberer“, also ohne den Artikel, verwenden können. Hat der Verlag halt aber nicht. Dieter E. Zimmers Entscheidung für „Der Bezauberer“ indes ist von suggestiver auch Subversion und kommt Nabokovs Kunst wie Größe wohl am nächsten.
Daß es sich aber hier, viel mehr noch als bei Lolita, um tatsächlich eine Liebeserzählung handelt, dürfte aus meinen Zitaten nun deutlich sein — Liebe, ja … diese und Verfallenheit in sprachlichen, manchmal „parenthetischen Blitzen“ (298). Und also zum Abschluß, heute, nur noch ein paar besondere Schönheiten. Nicht selten sind sie von Wahrheit zugleich:

(…) daß Sünde und bürgerliche Sitte untrennbar sind; daß jede Hygiene ihre Hyäne hat (229)(…) die lederbraunen Riemen starrten ihm ins Gesicht. Dieses Starren war das Starren des Lebens (235) — eine wilde, kastanienbraune Hitze (236) — weder beschämt noch direkt, mit einer Seele, die wie untergetaucht [zu sein] schien, aber in einem strahlenden Naß (242) — sieben Achtel Gewohnheit, ein kleines Achtel Koketterie (257) — ihre Schlafzimmertür war mit linealhafter Präzision von einem feingeschliffenen Lichtstreif unterstrichen (265) — Wie Geigenstege flogen mit Anfällen kehliger Musik die Telegraphenmasten vorbei (277)

 

 

 

Ihr ANH

 

 

 

 

 

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