Puschkin im Arbeitsjournal des Sonntags, den 16. Februar 2020. Darinnen Nabokovs Onegin: eine Vor- und Vorwegnahme. Nabokov lesen, 21.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]

Das war nun eine gute Woche. Zum einen Oliver Jungens Rezension → der Erzählbände in der, nach Jahren wieder, FAZ, zum anderen schickte mir, nachträglich zu meinem → Geburtstag, dessen Jubiläumsnummer nun wahrlich kein Anlaß zur Freude, aus Umbrien → Parallalie, bzw. ließ er’s aus Bremen schicken, von → diesem Antiquar eine Sendung, mit der ich nie und nimmer gerechnet hätte, noch daß ich’s habe.
Vorausgegangen war während meines → letzten amerinischen Aufenthaltes, das ohnedies immer wieder, abgesehen vom Re Orso, von Gespräch zu Nabokov und → meiner Serie (an der ich sicherlich noch bis zum Ende dieses Jahres arbeiten werde) mit angefüllt war, der Hinweis auf eine seiner Arbeiten, die er selbst zu seinen wichtigsten zählte und an deren in dieser kleingedruckten eintausenddreihundertseitigen Ausgabe er rund dreißig Jahre lang saß — länger als an irgendeinem seiner Romane.
Ich schaute selbstverständlich gleich, noch in Amelia, im Netz nach, wo ich sie bekommen könne.
Sie war längst vergriffen, aber es gab sie hier und dort im Antiquariat, zu einem Preis indes, den ich zumal jetzt in keiner Weise bezahlen konnte. So mischte sich meiner hohen Neugier denn doch eine wenn auch nur insofern leichte Enttäuschung bei, als ich ja noch einige Romane vor mir hatte und weiterhin habe, die allein, wie soeben geschrieben, dieses Jahr ziemlich füllen werden. Und fast schon vergaß ich darauf.

Ja, und dann kommt dieses Päckchen, ein ziemlich großes Päckchen, das mir Wein zu enthalten schien; auch das Gewicht kam hin. Nur aber — Bremen und Wein? Vielleicht doch eher Kaffee oder gar, in einer womöglich schweren Blechdose, Tee aus dem bekannten Kontor? — Gut, es brachte nichts, weiter zu raten.

Schnippschnipp, abzieh — … meine Güte, ist das verpackt! Und ward auch ziemlich kleiner, nachdem erstmal die pappnen Halteseiten umgelegt waren.

Jetzt ein Quader, backsteingroß und backsteinschwer. Und wie etwas mit Tesa verklebt, das geöffnet werden nicht will. Doch kann ich ziemlich zäh sein … und … Voilà:

 

 

Welch einen Jubel, ja, mit Stimme! ich da ausstieß, als der Schuber sichtbar ward! Es war einfach nicht zu fassen. Wie hatte sich der Freund in solche Unkosten gestürzt? (Nun jà, er hatt‘ es angekündigt, eine Woche zuvor, es sei etwas auf den Weg gebracht: „Ich fand es einfach nötig.“) Ich tanzte erst noch ein bißchen herum, gluckste pumpender Lunge dabei, und ließ sie endlich, beide Bücher, das zarte schmale und das gewichtige große, herausgleiten. Da guckt‘ ich natürlich sofort hinein, indessen mir weiterhin bewußt, daß ich mich noch lange nicht „wirklich“ daransetzen könne.
Tat es zwischendurch freilich trotzdem, zumindest was die Übertragung von Puschkins Versroman angeht, einer doppelten, fast dreifachen Übertragung freilich: aus dem Russischen von Nabokov ins Englische und (Nachtrag, 13.36 Uhr: siehe hierunter → dort) aus dem Russischen von Sabine Baumann ins Deutsche, mitsamt wiederum der Kommentare Dieter E. Zimmers. Zumindest die Grundlage selbst dieser Arbeit, den Puschkin also, wollte und will ich schon einmal lesen. Und habe damit angefangen.

Es störte mich zugleich ein Unbehagen, das ich aber immer habe, wenn gereimte Verse ungereimt wiedergegeben werden. Mir fehlt dann schmerzhaft was, wobei ich erstmal nur ahnte, daß Puschkin mit Reimen geschrieben habe. Er wäre zu seltsam, wenn nicht. So begann ich, ein Fehlen, daß ich nie zuvor als quälend empfunden … gut, „quälend“ ist auch etwas zu dicke gesagt – … begann indes erneut zu bedauern, kein Russisch zu können. Wiewohl → dort Andreas Platthaus Nabokovs und seiner Folgerinnen und Folger Entscheidung rundum nachvollziehbar erklärt. Nur hatte ich mir ein paar Tage vorher sogar gesagt, ich sei es Nabokov schuldig, es zu können. Indes, daß ich solch eine Sprache noch packe, ist ziemlich illusorisch (zumal mir Farsi und Arabisch vorgehen werden sowie, meine Französisch neu zu „rebuilden“; und auch das Italienische darbt, und Spanisch würd mich reizen — nur, woher die Zeit?)
Was ich dennoch schon sagen kann, ist, daß nach wenigen Versen die Strophen eine ungemeine Einbildungskraft erwecken. So werde ich Nabokovs Onegin nun in der Überübersetzung tatsächlich neben der übrigen Arbeit lesen; sie gab mir sogar schon zwei Motti für den → Béartzyklus.

Mit dem ich gleichfalls gut weiterkam; fast zwei Dritten des Entwurfs der Nummer XXX stehn jetzt. Ganz ungewöhnlich, was mir plötzlich dafür einfiel … eine Erinnerung, die über dreißig Jahre zurückliegt und sich in mein Ganglion in → Tsavo-Ost getanzt hat; selbst ein Alzheimer käme gegen deren Macht nicht an, so glühend bleibt sie von der afrikanischen Savannenmagie: einmal eine Sonne sehen, die in der Größe eines bemannten, rot entblühenden Fesselballons in den Horizont sinkt! Niemand, der Herz hat, wird das wieder los. Und jetzt sank sie mir in die Béart.

Und dann erschien gestern nun wirklich, bei Faustkultur, meine Erzählung → zu André Hellers Rosenkavalier-Inszenierung unter Zubin Mehta. Ich hätte den Text gerne etwas früher im Netz stehen haben. Aber es sei drum, er wird ja nicht alt.

Gut, ich kehrte mit den mir dargebrachten beiden Büchern an meinen Schreibtisch zurück und — da aber der Freund natürlich hatte seiner Sendung keine Grußkarte oder dergleichen beilegen können — öffnete das mächtigere der beiden, den Kommentar, um nunmehr selbst zu … kann ich signieren schreiben? Wohl eher nicht. Doch der Vermerk mußte hinein:

Ihr, Geliebte,
ANH

 

P.S.:
Allerdings glaube ich nicht, daß Nabokov recht mit dem hat, was draußen auf den Schuber gedruckt ist, er werde als Verfasser von Lolita und mit seiner Arbeit über Eugen Onegin in Erinnerung bleiben — und bin ja dabei, nach und nach den Beweis anzutreten. Man darf auch Göttern widersprechen und sollte es, wenn nötig, tun. (Soviel zu einem Gespräch, das ich gestern nacht führte.)


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4 Responses to Puschkin im Arbeitsjournal des Sonntags, den 16. Februar 2020. Darinnen Nabokovs Onegin: eine Vor- und Vorwegnahme. Nabokov lesen, 21.

  1. Avatar Marion Koepf says:

    Welch wunderbares Geschenk. Da freue ich mich mit Ihnen. Aber ist es nicht so, dass Sabine Baumann Puschkins Eugen Onegin aus dem Russischen und Nabokovs umfangreichen Kommentar aus dem Englischen übersetzte. Eine enorme Leistung. Sie hat Slawistik und Anglistik studiert. Ein Jammer, dass das Werk so schwer zu bekommen ist. Neugierig auf das, was Sie darüber schreiben, grüße ich Sie.

    • Oh, Sie haben recht. Ich habe noch einmal nachgesehen. „Nur“ Nabokovs Vorwort und Einleitung sind von ihr aus dem Englischen übersetzt. Ich werde meine Angaben oben sofort ändern und zugleich auf Ihre Korrektur verweisen. Danke.

      (Erledigt, 13.39 Uhr)

  2. Avatar Marion Koepf says:

    Wahnsinnig interessant auch Sabine Baumanns Dankesrede zum Übersetzerpreis, den sie für diese Arbeit bekommen hat.
    https://www.euk-straelen.de/deutsch/straelener-uebersetzerpreis/sabine-baumannuebersetzerpreis-2010/dankrede-sabine-baumann/
    Das ist alles recht spannend. Danke für die Anregung und das, was von Ihnen hierzu noch kommt.

  3. Avatar lobster, die 10te gen. says:

    schaun sie jetzt mal nach der ur, dem wecker, der standuh oderund den hier aufgehängten, gehänkten, -ä*+e ) taschenuhren.
    gesmmelt, sammeln, strahlkrefft inc.
    verbis sine
    sine sensi

    kuNsttnettisch
    tripolar gefettet in screenshots, ghosts eingemadet, gebadet in hochwertigsten ölen
    hochwertgst wie hgeradezu hochwertig zu hoch und wertig scheinenden heitenkeitenbarischen und tischen wie zaumzeug, wie zuver

    lässig

    gedicht gerichtet haar bett tischchen kleiner plunder dahin gestreut
    dort aufgeregt seiend mal hier hin

    geschaut.

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