III, 457 – O heilige Ratio | Corona umbraica

Ernährung nach einem arbeitsreichen Tag (acht Files z.T. im Multitasking-Modus): die restlichen Dominosteine und ein Wein, der Cococciola heißt, aus der Gegend von Chieti südlich von Pescara. Wer weiß, ob der Begriff bei D’Annunzio auftaucht, der ja aus der adriatischen Abruzzen-Gegend dort stammt. Schmeckt jedenfalls ganz anders als der Mauro-Wein oder der Malvasia von Zanchi (dessen 5-Liter-Pack sich um zwei Euro verteuert hat: Weinlese 2019 mittlerweile). Adria-Saline, vielleicht so etwas.
Für morgen war ich in die Adria-Nähe eingeladen: Provinz Rimini, also etwas nördlicher. Eine dortige Übersetzungsagentur weiht ein neues Büro ein: Aperitif, Abendessen, anwesend mit Sicherheit die Inhaberin und meine russische Ansprechpartnerin. Vielleicht eine Polin. Hab’ heute absagen müssen. Es hätte geheißen, einen Nachmittag Hinfahrt, einen Vormittag Rückfahrt. Auch fürchtete ich mich davor, daß es darauf abziele, mich weiter einzuspannen als bisher. Nee, ich brauch’ meine Schale, in der schwurbel ich meinen Arbeitstag ganz einigermaßen ab, wiewohl im Moment Grenzen erreicht sind.
Gehört außerdem zu den Coronavirus-Gegenden. Und ich geb’ unumwunden zu: ich fürcht’ mich ein wenglein. Die Lombardei ordert den over65 (like me) an, zu Hause zu bleiben. Im Grunde tue ich sowieso nichts anderes. Post und Supermarkt zu Uhrzeiten, wenn wenig Leute da sind.
Das war am 4.3. und doch weniger lange her, als ich es “im Urin” hatte. Dazwischen lag jetzt der Endspurt für die gestrige Abgabe mit 10/12-Stunden-Tagen. Vielleicht geht daher der Zeitbegriff für mich zur Zeit in die Brüche und zerbröckelt wie die Fassade der Kathedrale von Laon. Selten kommt es dennoch nicht vor. Heute dachte ich zeitweilig, es sei Montag, neulich an einem Freitag, es sei Samstag.
In der Zwischenzeit wurde der Lega-Norden zur “roten Zone” erklärt, u.a. auch die Provinz Rimini. Um die Ansteckungsgefahr einzudämmen. Gestern noch fragte ich bei der Agentur in der Provinz Rimini an, der ich eine ganze Website abzuliefern hatte, ob in der “roten Zone” alles in Ordnung. Was fast schon wie ein “ätsch” klang. Es kam auch keine Antwort.
Gestern abend rutschte ich dann selbst in die “rote Zone”, denn irgendwann tauchten bei FB plötzlich Videos auf, die Ministerpräsident Conte zeigten, wie er die Maßnahme der gesamtitalienischen Quarantäne öffentlich bekanntgab.
Hinzu kommt die hämmernde Aufforderung “Zu Hause bleiben!” (auch die Bürgermeisterin in dieser Hinsicht), was eine Woche zuvor in der Lombardei vor allem für die “over 65” gefordert worden war. Eccomi: over 65, Raucher, Weintrinker, nicht unbedingt fit. Also potentiell vulnerabel, wenngleich nicht unbedingt fragil. Denn dahinter steckt immer ein kaum verschleiertes “selber schuld”. Dies vielleicht die eigentliche Psychofolter dabei.
Daß ich normalerweise sowieso zu Hause sitze, hat indes andere Gründe: die Arbeit, das Arbeiten am König Bär, Lesen. Der Kinoklub reizt mich seit Monaten nicht (im Moment darf er nicht mal stattfinden). Es schleicht dennoch ein Zögern ein, was einen Gang (naja, eine Fahrt) zum Supermarkt betrifft. Das letzte Mal war ich dort am vorletzten Freitag.
Heute mußte ich aber doch und wählte bewußt die Zeit von kurz nach 14 Uhr, wenn weniger Leute unterwegs sind. Dennoch war er nicht ganz leer. Ließ mich aber ziemlich alles finden. Und: es kam fast einem Hamsterkauf gleich: ich gab das doppelte bis dreifache aus im Vergleich zu sonst. Auch die anderen hatten für meine Begriffe mehr im Korb als sonst. Schlicht, um zu vermeiden, öfter aus dem Haus zu gehen.
Die einzige wirklich selbstauferlegte Einschränkung betrifft Reisen in Bahn und U-Bahn (also nach und in Rom). Das werde ich vorerst unbedingt vermeiden. So leid es mir tut um das schöne Schwarzgeld von der einen Agentur und um die Villa Massimo, da von dort wieder eine Aufgabe im Zusammenhang mit einem Projekt auf mich zukommen wird, das dort gerade entsteht: Ohr- und Augenschein. Oder schlicht: um einen Aus-Tag zu haben.
Seit gestern geht es nun auch offiziell nicht. Wer reist, muß eine Selbstbescheinigung dabei haben, auf der die Gründe des Reisens angegeben sind: Arbeit, Rückkehr zum Wohnsitz oder sonstwelche dringenden Gründe. Falschbescheinigungen werden bestraft. Kontrollen am Bahnhof Termini, wie ich heute las, Petersdom und Petersplatz unzugänglich. Usw.
Es übersteigt alles die normalerweise individuellen mehr oder weniger rationalen bzw irrationalen Verhaltensweisen. Etwas wird als (scheinbar? oder doch nachvollziehbar?) rational auferlegt, was rational nicht wirklich faßbar ist, es sei denn, es erwischt einen, dann würd man’s vielleicht anders als rational erfahren, nämlich körperlich. Und wer “rational” sagt, kann dies nur, weil es auch das Wort “irrational” gibt. Nichts ohne sein Gegenteil.
Kleinreden läßt es sich mittlerweile nicht mehr. Risikobereitschaft geht da in die falsche Richtung, jedenfalls für mich. Denn ein Risiko eingehen, heißt ja: ich setze etwas ein mit der Hoffnung auf einen möglicherweise kalkulierten Vorteil. In diesem Fall kann der vielleicht sogar sichere Vorteil zu einem Nachteil werden, ohne daß der Vorteil dadurch für den Moment verschwindet. Operation gelungen, Patient tot. Dieser überspitzt formulierte Spruch von einst. Pyrrhus. Soweit mein Empfinden, bewußt ohne Verweise auf Expertenaussagen (die ich nicht nachvollziehen kann) und Politikeraussagen (die ganz andere Ziele verfolgen). Es ist auch keine Meinung. Wer ansonsten nach Hintergründen sucht, wird sich schnell getäuscht sehen.
Eine hübsche Aussage heute bei FB im Zusammenhang mit der Massenflucht von Süditalienern aus Mailand, die dort leben und arbeiten, in Richtung der Heimatregionen (per Eisenbahn oder sonstwie (sind jetzt auch prompt alle in Quarantäne)), kurz bevor der Norden zur “roten Zone” erklärt wurde, weil der Entwurf des entsprechenden Dekrets unrechtmäßigerweise vorzeitig verbreitet worden war (wie es heißt, über eine Salvini-Website): Dieses Virus habe uns beigebracht: wer Angst hat zu sterben, der flieht, und man erinnere sich daran, wenn das Geschrei wieder losgeht: man möge sie ersaufen lassen!

Grad von der Tabbaccaia zurück: wie schon im Supermarkt gleich am Eingang ein Verweis auf das heute morgen unterzeichnete Dekret des Ministerpräsidenten und die Aufforderung, möglichst als Einzelkunde einzutreten, dennoch stand plötzlich fast Schulter an Schulter ein zweiter neben mir, dem zuerst Einzelkunden. Und Hände waschen.
Francamente non so quando ho beccato l’ultima influenza. Magari anni fa qualche linea di febbre per un giorno. Poi passò. Ecco la ratio che ha sempre detto: tocca tutto e tutte e tutti, così becchi tutto. Il corpo poi impara a difendersi meglio. O heilige Ratio. Wir entzünden ihr ein Kerzlein. Und wir tun es aus einem Impetus heraus, den (der?, nein: den (der Impetus ist schlank, die Unvernunft nur hat einen dicken Bauch)) die Unvernunft gebiert. Es gibt nichts Richtiges.

(Es begleitete ihm beim Schreiben: Toccata Electronica.)

III, 456 – Opfer und Täter

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2 Responses to III, 457 – O heilige Ratio | Corona umbraica

  1. Lieber Herr Lampe.
    im Jahreszyklus 2017/18 starben in Deutschland → 25.100 Menschen an der „normalen“ Grippe, letztes Jahr waren es → 119.000 Erkrankte. Es nimmt doch schon Wunder, daß bei solchen Zahlen keineswegs Opernhäuser, Theater, Fußballstadien, Buchmessen und dergleichen geschlossen, bzw. abgesagt wurden. Ja, „natürlich“ ist Corona ein Risiko, aber es bleibt doch zu allererst mal eine Erkältungskrankheit, der, wie bei der Influenza auch, besonders immungeschwächte Menschen zum Opfer fallen. Die momentan immer weiter geschürte Hysterie hat etwas, ich muß fast denken: absichtsvolles. Man kann ja fast schon an Notstandsgesetzgebung denken. Wovon soll das, um mal so zu wähnen, ablenken? In jedem Fall ist es ein probates politisches Mittel, um Menschen zu lenken, und paßt insofern im Wortsinn furchtbar gut in die zunehmende Fremdbestimmung und Unterdrückung eigener Willensentscheidungen. Ob ich ein Risiko eingehe oder nicht, ist ganz allein meine Sache. Daß da gegen „moralisch“ argumentiert wird, paßt ins Bild der Fremdbestimmung perfekt.

    • Bruno Lampe Bruno Lampe says:

      gegen statistikzahlen läßt sich nichts sagen, ihre aussagen sind quantitativ, nicht qualitativ. wie auch in der medizin im allgemeinen. alle arzneimittel haben beipackzettel (die gehören bei mir fast zum übersetzeralltag), auf denen die jeweiligen nebenwirkungen aufgeführt sind. der eindruck ist, daß solche nebenwirkungen, die man sonst wohl eher überfliegt, im speziellen fall des coronavirus zur realität erhoben werden. nun gut, das sind arzneimittel, die man individuell einnimmt. da kann meinethalben von “mein risiko” die rede sein. “moral” greift da kurz. “ethik” wäre angemessener, würde aber wohl eher für die griechisch-türkische flüchtlingskrise gelten… schert keinen. nur, daß eben die nebenwirkungen scheinbar durch den simplen kontakt entstehen. sagt man uns. will man uns sagen? es seien alle möglichen fragezeichen erlaubt. ob etwas dahintersteckt, läßt sich wohl schwer entscheiden. es ließe sicher etwas anderes herausfiltern: daß nämlich diese situation etwas aufdeckt, was sich nicht mit herkömmlichen parametern erklären läßt. es steckt jedenfalls nicht der wille zur menschenlenkung dahinter, dafür sorgen schon ganz andere medien. – allerdings, es stimmt schon, “corona umbraica”, dies nicht mein zusatztitel (anh fügte ihn hinzu), ist keine virus-variante, wie Peter H. Gogolin bei FB vermutete, sondern, wie ich replizierte, “wohl eher eine virusimaginationsvariante”!

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