Die beiden Religionen (!) des Westens im darum siebenundzwanzigsten Coronajournal und Tagebuch des achtzehnten Krebstages, beides zum Sonntag, den 17. Mai 2020. Darinnen wieder Ivanhoe, beim diesmal Anritt auf Professor Jostings Cy-Burg.

 

Bitte, bevor Sie dieses heutige Journal lesen,
kehren Sie noch einmal zu dem von gestern zurück und seiner im → Titel
ersten Aussage – also Lawrences Ausruf. Und dann machen Sie sich klar, wie die Geschichte um → Gasim schließlich ausging. Machen Sie sich aber auch bewußt, daß dieses Ende eine Filmidee ist und nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprach, wie Lawrence es in seinen Erinnerungen schildert. Erst dann nämlich – beides
zugleich vergegenwärtigend – erfassen Sie vielleicht, was hier gemeint war
und also ist — weiter, mithin, werden oder nicht werden wird. Wir all‘ alleine | so | begreifen Li. Und alles, was nun folgt.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 15 es-moll]

Tatsächlich, als ich mich grad an den Schreibtisch setzte (die Nacht war ein bißchen besser als gestern, mit Ausnahme einer halben Stunde schlief ich, allerdings auf Tabletten gesetzt, bis soeben durch), fand ich von Li → diese Nachricht. Was sie, ja, aufgescheucht zu haben scheint, geht aus dem – zumal unterstrichenen – „Betr.:“ hervor, und selbstverständlich juckt es mich, sofort zu antworten. Doch es wird besser sein, noch ein wenig zu warten und sie in ihrer offenbaren Unruhe zu lassen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es bereits an der Zeit ist, aus meiner defensiven Haltung herauszuklettern, bzw. -steigen und sie, meine Lilly, männlich anzugehen – erotisch fordernd, meine ich damit.

Anderes hat Vorrang. Es ist gut, wenn sie (und falls sie es) bemerkt, daß ich nicht springe, wenn sie mit den Fingern schnippt, mit den bösen Krebsbeinen also, die ihr Wappen zeigt (→ im Kopf des ersten Briefes deutlicher zu sehen als im Köpfchen des heutigen, ich schreibe einmal, „Nachtbillets“ — ein solches ich übrigens lange, sehr lange nicht mehr bekommen habe. Da war doch mal ein Kritiker ..? Nein, ich sag den Namen nicht, hab’s ihm einst versprochen, als wir nebeneinander in der Deutschen Oper zu sitzen gekommen waren, was wiederum irgendein süßgefeimter Kuppelscherz Alexander Busches gewesen, der damals dort der Pressesprecher war. – Freundin, Sie entsinnen sich, daß mich die Opernleitung damals sperrte, weil ich bei einer Inszenierung von „Schwulenästhetik“ geschrieben hatte, woraufhin sich sogar der, ja, gibt’s, SCHUTZVERBAND DEUTSCHER SCHWULER hoch erigierte; jedenfalls wurde sich derart erregt, als ob es ihn gäbe.

Also die Schmerzen hielten sich im Rahmen heute nacht. Von zwei bis halb sieben schlief ich sogar tief und erholsam durch. Allerdings spannt nun der Bauch mit seinen drei Nähtchen doch noch sehr, und mein gesamter Brustkorb fühlt sich nach starkem Muskelkater an. Was an dem in die linke Unterschultermuskulatur unter die Haut implantierten Bioport liegen dürfte, dem sich meine Anatomie erst akklimatisieren wird müssen und vielleicht noch nicht recht will – auch wenn ich mit meinen künstlichen Linsen (die wirklich nachgelasert werden müssen, aber die Ärzte erlauben’s mir grad nicht) den Weg in die persönliche Cy-Burg längst eingeschlagen habe; es ist sogar schon die Einhangbrücke über den Graben herabgerattert und das schwere Gatter der unten spitz zugeschnitzten Pfähle hochgezurrt. Ich soll also passieren, ohne mich zu sorgen. Soeben tritt durchs Tor der freundliche ich weiß nicht, ob nur „Knappe“ oder sogar → die Handdes Schloßherrn Jostings, in jedem Fall, um mich zu begrüßen, der ich soeben, den Federhelm rechtsseitig an mein Kettenhemd drückend, auf die Höhe geritten bin, über die sich der Pfad keine fünfzig Meter mehr bis an den Graben schlängelt. Einmal noch lasse ich mein Pferd halten und schaue, bevor ich in die schwierigen Verhandlungen gleich eintauchen werde, around „that pleasant district o merry England which is waterded ba the river Don, there extended in ancient times a large forest, covering the greater part of the beautiful hills and vallies which lie between Sheffield and the pleasant town of Doncaster“.

Weshalb ich allerdings auch in beiden Waden einen Muskelkater habe, ist mir schleierhaft, der ich mit dem Einsatz der Sporen ausgesprochen zurückhaltend bin, vor allem, weil mein Hatáhtitláh (das aber nicht des Ritters, sondern eines „Charly“s Pferd, nämlich Iltschis Bruder ist) allein auf meine Stimme hört und bisweilen nicht mal diese nötig ist, damit das schöne kluge Tier versteht. Ich muß die Richtung nur denken, der zu es sich schon wendet. Es hat schon seinen Grund, daß meine Tumorin mich nun ständig auf Kindheits- und Prägungen meiner frühen Jugend zurücksehen läßt; Ivanhoe, Robin Hood, Winnetou I – III, Kara ben Nemsi Effendis Durch die Wüste bis zum Mahdi, gestern Livingstone, Raumschiff Orion und Urwaldtrommeln rufen. Es war die Zeit, in der ich Selbstbestimmtsein lernte und es durchzufechten begann. Jetzt ist eine Zeit, in der es aussieht, als müßte es wieder aufgegeben werden. Entsprechend heißt es im WOLPERTINGER:

Das Mittelalter ist ewig.

Weshalb zurecht die NZZ nicht nur endlich den Kapitalismus dem Glauben zuschlägt und zwar mit dem Christentum Hand über Schulter, woran ich nach wie vor etwas finde — als ich selbst vor Jahren einen zwar nicht gleichen, doch recht ähnlichen Gedanken formulierte, wurde mir die Konsultation eines Psychotherapeuten sehr, vornehm ausgedrückt, „empfohlen“ —, nein Giorgio Agamben sieht unterdessen auch die Medizin → als eine kultisch-religiöse Disziplin an. Er schreibt sogar von einem neuen Dogma. womit ihr geradezu kirchenstaatliche Autorität zugestanden wird. Auch das, nach und mit Corona, stimmt. Wobei es ja niemals die Frage ist, ob etwas de facto so sei; entscheidend sind die Wahrnehmungs- und daraus folgenden Entscheidungsmodi.  Ich, in meiner jetzigen Situation, bin mit sehr Ähnlichem konfrontiert: ebenfalls glauben zu müssen. Was ich poetologisch → bereits 2000 formuliert habe („futuristisches Tamtam“, → Hubert Winkels), wird zum empirischen Fakt, ja fast zur täglichen Exerzitie. Nicht nur die Medizin, auch mein Ernährungsplan wird – jetzt, im Krebs – mythisch. Was mich an sich bestätigen, also beruhigen sollte, so falsch poetisch nie gelegen zu haben. Wobei die Grund,nun jà,“frage“ eine recht banale ist:
Sie wissen, Freundin, daß mich लक्ष्मी, um Liligeia auszuhungern (um sich auszubreiten, verzehren Tumorinnen wie rasend Kohlenhydrate und ziehen sie dem Körper von überall her ab), auf ketogene Diät gesetzt, und ich folge ziemlich streng. Dies bringt nun aber ein Problem mit sich: Ich nehme nicht zu, sondern sogar noch ab. Bereits jetzt, mit bei 1,80 Körperhöhe 70 kg, habe ich leichtes Untergewicht. Ein verehrter väterlicher Freund, durchaus Mentor, hat bei einer sehr ähnlichen Operation über 30 kg verloren – gut, er war erheblich kräftiger als ich, aber auch mein Chirurg gestern, der meine Diät einerseits völlig richtig findet, mahnte mich an, mir auf jeden Fall Reserven anzuessen. „Zehn Kilo verlieren Sie im Umfeld der Operation bestimmt, da wären Sie dann mit 60 Kilo oder sogar drunter nicht gut dran.“
Wie also das jetzt hinbekommen? An Appetit zwar mangelt es mir nicht, im Gegenteil. Auch sollte man eigentlich sowieso zunehmen, wenn die Raucherei eingestellt wurde. Passiert bei mir aber nicht, noch immer nicht, am nunmehr vierzehnten Entzugstag. Und ich schaffe es einfach nicht, auch nur noch ungefähr soviel zu essen wie vor der Diagnose. Nach fünf Stangen Spargel bin ich komplett satt oder, wie gestern abend, nach vier Gamberoni oder einem halben Schafskäse (100 gr). Da wird es eine richtige Aufgabe werden, es mir anzugewöhnen, über den Tag acht- bis zehnmal zu essen, um wieder etwas auf die Rippen zu bekommen. Da mir Kohlehydrate „verboten“ sind, jedenfalls weitgehend, muß ich auf pflanzliche Nahrung mit guten Fettketten (Avocados etwa) sowie auf Öle, Eier, Käse usw. ausweichen. Zu meinem Glück habe ich लक्ष्मी, die sich auskennt, an meiner Seite, sonst gäbe ich auf: Dazu, jetzt auch noch permanente Nahrungskunde zu betreiben, mir alles anzulesen usw., bin ich tatsächlich nicht bereit. Denn es würde all meine Kraft und Konzentration von der poetischen Arbeit abziehen und mich dann in der Tat zu einem kompletten Hospitalisierungsfall machen, dem es anstatt ums Leben nur noch um den Krebs geht. Das nun will ich auf gar keinen Fall.
Also. Es geht nicht anders, als jemandem zu vertrauen, das heißt: zu glauben, ecco! Und da sich sogar die Fachleute, auch Schulmediziner, widersprechen, bisweilen sogar heftig — woran also sonst soll ich mich halten als an Menschen, die mich lieben?

À propos! An etwas Ungutes erinnere ich mich bei der Sana Klinik doch. Wenn auch nur am Rande.
Eine reine Geschmacklosigkeit.
Ich komme aus dem Röntgenraum im Souterrain Haus 4; der Fahrstuhl ist außer Betrieb, doch gehe ich eh lieber Stufen. Da fällt mein Blick durch eine Seitentür aufs Nebenhaus und daran das SchildDas also fand ich dann doch ziemlich neben der Spur. Tatsächlich unterhält das Unternehmen in der Fanningerstraße 29 eine Filiale; das Sana Klinikum hat die Hausnummer 32. So gucken die möglicherweise Totkranken gleich mal zu ihren Verscharrern hinunter. Verzeihung, aber: ekelhaft.
Um jemanden schnell loszuwerden, ist es freilich praktisch.

Und auch zum Klinikessen, ganz allgemein, ist dringend einmal etwas zu sagen. Morgen aber, Liebste, erzähl ich erst einmal was Schönes (das Journal ist heut schon lang genug) … mehrfach Schönes sogar, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das, was Thomas Rothschild, dessen Feuerhirn ich ausgesprochen schätze, soeben unter einen Artikel kommentiert hat, dazugehört — auch wenn gestern abend noch Christoforo Arco mir geschrieben hat, es gehe dies runter wie … (die Pünktchen stehen für tierisches Streichfett).  Ich schriebe jetzt, schreibt Rothschild  → dort, „mit dem Tod um die Wette“. Was ich selbst dann übertrieben fände, wenn es stimmen würde. Noch stimmt es aber nicht. Wir wetzen beide bloß erst jeder unsre Klinge – er, der Tod, seiner Sense, ich meiner Verse. Wer „gewinnen“ wird, ist dabei längst nicht heraus, zumal mein Gegner Li heißt und wir noch Kinder zeugen könnten. Vielleicht, ja vielleicht sollte ich genau darauf es anlegen und hab’s auch schon begonnen. (Daß der Tod letztlich immer gewinnt, gilt nicht für mich alleine, sondern auch, geliebte Frau, für Sie; völlig egal, ob Sie sterbenskrank oder quietscheentchengesund sind.)

Ihr ANH

This entry was posted in Arbeitsjournal, Hauptseite, KREBSTAGEBUCH and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

5 Responses to Die beiden Religionen (!) des Westens im darum siebenundzwanzigsten Coronajournal und Tagebuch des achtzehnten Krebstages, beides zum Sonntag, den 17. Mai 2020. Darinnen wieder Ivanhoe, beim diesmal Anritt auf Professor Jostings Cy-Burg.

  1. Avatar Gaga Nielsen says:

    Hier kann man gut sehen, wie so ein unter der Haut liegender Port genau ausschaut und eingebaut ist.

  2. Avatar ReniIna von Stieglitz says:

    Wenn ich das richtig sehe, sitzt der BioPort rechts – und nicht links  oder?  Wie ursprünglich geplant und ebenso OP -durchgeführt, von ihrem,  ach so sympathischen Arzt.. —  nebensächlich, darauf hinzuweisen – ich weiß – – die Gewichtsabnahme ist zunächst kein großes Problem, eine mögliche Stoffwechselveränderung –  in die, sagen wir mal: „falsche Richtung“ – könnte allerdings schwierige Folgen haben – aber daran möchte jetzt NIEMAND denken.. — na denn:  Leinen los und ab geht die Reise ….alles Gute …RIvS …

  3. Avatar ReniIna von Stieglitz says:

    ja,  lesen kann ich – außerdem kenne ich mich ziemlich gut aus, was diese medizinischen Dinge angeht — also:  weiter oben (ja,  hier in diesem Bericht) – steht, da, wo sie über ihren (Brustkorb) Muskelkater  berichten:….Was an dem in die LINKE Unterschultermuskulatur, unter die Haut implantierten BioPort liegen dürfte….etc. –  sorry, jetzt bin ich pingelig, ist nicht bös gemeint….es hat mich nur etwas verwirrt, weil das zugehörige Foto zeigt  ja die richtige Seite (rechts)….—  Gruß, RIvS…

     

  4. Avatar Franz-Josef Knelangen says:

    Apropos Schostakowitsch: Die „Landschaft“ von Uwe Dick kennen Sie? Untertitel „Rezitativ aus dem 2. Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch“? Geht so los:

    Die Möwe fliegt nicht mehr.    Jedoch ihr Schrei
    ist unterwegs: Das Fischsignal
    zerreißt die Wolkenfahnen.    gellt im Wellental
    (zerschnitte wohl Sardinenbüchsen auch)
    und weckt den Kapitän a. D.

    Lohnt sich, den 2. Satz bei der Lektüre zu hören.

    Nur das Beste, Ihr FJK

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .