Früher Wahrheitsmittag, nur teils aus der Nefud. Das Krebstagebuch des Mittwochs, den siebzigsten Krebstag 2020 / Chemo IV, Tag 8.

[Arbeitswohnung, صحراء النفود , 6.32 Uhr. 72,9 kg.
Charles Villiers Stanford, 3. Sinfonie]

Liligeia schweigt, Verehrte (in → Béart XXXIII ruf ich Sie nun als „Isis“ an), weiter – sofern ich von einer kurzen Meldung als Brustschmerz absehe, die dann aber nun sicher eher von bös symbolischem Charakter gewesen wäre als die Fortsetzung ihrer, Lillis und meiner, Kommunikation anzuzeigen. Aber vielleicht macht ihr dasselbe wie mir Sorgen: In nun vier Stunden werde ich im SANA Klinikum sein müssen, und wollen, für die entscheidende CT. Hier wird sich zeigen, ob auf unserm Weg nach Aqaba die Strahlungen der Nefud etwas – und wenn, was – bewirkt haben. Ist die Krebsin kleiner geworden, sind keine möglichen neuen Herde entstanden? ach die süßen Töchterlein ..! (Daß ich sie, Metastasen, so nannte – vielleicht, daß meine kleine Göttin Erde (Liligäa, -put, -put, -put) deshalb schweigt: – –  – beleidigt?) Und was ist, ich sagt’s ja schon, ist mit den Spuren in der Lunge? Wobei ich das Ergebnis schwerlich schon heute erfahren werde; nachmittags zwar findet im SANA die mittwöchige Tumordiskussion statt, doch das werde ich schon wieder daheim sein. Und die Technikerinnen und Techniker werden mir keine Auskunft geben, geben sicher auch nicht dürfen. Aber um die CDs kann ich bitten, ja muß es sogar, weil ich sie am Freitag zum Zweigespräch mit dem zuständigen Chirurgen der Charité brauche … also er braucht sie.
Das Gespräch mit dem Chirurgen der SANA wird am kommenden Montag stattfinden. Danach werde ich entscheiden. Es wird nicht nur darum gehen, ob die OP minimal invasiv oder mit Brustöffnung durchgeführt werden sollte, sondern auch um den Zeitpunkt: ob sofort, ob erst in zwei Wochen. Von meiner Seite aus bin für sofort. Ich mag nicht riskieren, daß sich nicht nur mein Körper insgesamt, sondern speziell auch Liligeia von den Zytostatica erholt und dann munter herumzugebären beginnt; Libellenköniginnen tragen Hunderte Eier … –
Letztre Anspielung geht auf die Béarts und ein Umschlagmotiv von Gaga Nielsen, das mir für das Buch zu passen scheint, oder es gibt im Buch dafür eine Seite, vielleicht linksseitig der Titelei als Frontispiz; oder das Motiv wird je zur Initiale umgearbeitet, jedes einzelnen Gedichts.
Hierüber werden wir, Freundin, gewiß noch später mehrfach sprechen. Ich wollte nur ein wenig einen Zusammenhang unterstreichen, den es zwischen Li und der Béart ganz sicher gibt. Was sich nun wieder darauf bezieht.

 

 

Was Li zu schreiben ich aber ganz vergessen habe, → dort, sind die Verwirrungen, in die ich vorgestern hineinfiel, auch vorvorgestern schon ein wenig; und es war mir keineswegs klar, ob sie Auswirkungen der Nefud sind oder doch von ein wenig zu viel genossenen THC-Tropfen herrühren. Sie waren jedenfalls deftig. Schon am Schreibtisch … na ja, tatsächlich schon auf Röhrerich … und da das Geschwanke … – wie auch immer, ich schon mittags bemerkt, wie mir die Konturen wieder verschwammen, meine Schritte etwas rollten, die Konzentration mal hier- mal dorthin schwamm, ich mich öfter hinlegen mußte. Beim Abendspaziergang aber dann wußte ich auf dem Rückweg plötzlich nicht mehr, wo ich war. „So muß Alzheimer sein“, dachte ich sofort, ziemlich beruhigt allerdings, weil ich sofort begriff, bis über die Hutkante bekifft zu sein. De facto.
Ich stand auf der Gleimstraße, ein paar Schritte vom Park des Falkplatzes schon weg. Aber verdammt, wo war ich? Vielleicht wurde mir erstmal jetzt klar, wie problematisch meine Berliner Spaziergänge im Land der Großen Wüste sind, – wie unmöglich sogar. Solche Halluzinationen!
Mist was kenne ich hier? – Selbstverständlich kannte ich alles, geradezu jedes Geschäft, jedes Lokal. Aber ich konnte nichts mehr ein- und zuordnen. Und jeder weitere Schritt ließe mich in einer terra incognita verschwinden, in der es unwahrscheinlich wäre, daß jemand mich noch fände. Man müßte denn, dear Mr. Stanley, eine Expedition ausstatten. Aber da … ah! der Kindergarten meine Sohnes, als er noch ein kleines Kind gewesen, Gleimstrolche (erst viele Jahre später gerieten sie → in die Schlagzeilen) … – den jedenfalls erkannte ich sofort und konnte deshalb beruhigt weitergehen.  Nur daß ich, kaum hatte ich die Schönhauser über- und die dort auf der Hochstrecke geführten Gleise der U2 unterquert, erneut die Orientierung verlor, nicht mal die hohe Gethsemanekirche gab mir einen Halt, erst mein Schneider wieder, schräg gegenüber meiner Hausärztin. Was ich indes nicht gleich begriff. Und noch irrer war es im Treppenhaus der Dunckerstraße, meine Güte, drei Etagen bloß im Quergebäude, aber …. aber, das gibt’s doch nicht!, in welcher bin ich jetzt? Oder wohne ich in der vierten?
Ich wußte es nicht mehr. Nun kommt, wer einfach weiter aufsteigt, irgendwann auch an, in einem Treppenhaus, das sich nicht in sich und → à la Escher wie die Wüste verzweigt, läßt sich’s nicht irrgehn. – Und tatsächlich. Da. Mein Türschild:

Sollte mein Treppenhaus, wie es hier nun aber aussieht, dennoch ein mehrdimensionales sein, nun, dann hatte ich nun entweder Glück oder, daß ich in einer zwar völlig gleich gebildeten, dennoch komplett anderen Welt, eine  nun Nebenwelt, gelandet bin, hat sich mir noch nicht offenbart. Zumal ich sowieso in der Wüste bin und mit mir Faisal, gestern sogar wieder → Marah Durimeh zu unserer nächsten Nadelsitzung, und alle die anderen. Das geht ja alles … ich will nicht sagen „durcheinander“, nein, ineinander geht es! Es läuft zugleich, in mir und draußen. Auch hat das Nasenbluten wieder begonnen, aber nur leicht.
Ich setzte mich. Setzte mich in der Wüste vors Zelt, setzte mich, nachdem ich aufgeschlossen und eingetreten war, an meinen Schreibtisch. Wohlgemerkt, ich kann bis hier den Wind über die ewig wandernden Dünen vernehmen und in ihm die nachhallenden Stimmen der Kinder vom Schulhof des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums. Was war mir daheim fremd? War mir auch hier etwas fremd? Ich wußte es nicht, mußte alles überprüfen …. nein, nicht alles. Stichproben reichten. Dann war ich beruhigt und wußte aber, dringend mal einen Schnitt machen zu müssen, mit dem THC ebenso auszusetzen, wenigstens einen Tag lang, wie mit dem Dronabinol. Nicht weil ich wirklich Angst vor den Verwirrungen oder meinethalben Halluzinationen bekommen hätte; die hatte und habe ich nicht. Sondern weil ich wissen will, ob diese Zustände vielleicht eine Wirkung der Chemos-ganz-allein sind. Das THC verstärkt sie vielleicht nur. Denn das ist mir klar, daß die beiden sich gut leiden können. Chemo trifft auf THC und hakt den Wirkstoff zum Spaziergang unter. So flanieren sie durch gemeinsam mich hindurch. Wobei Herr THC allerdings Frau Liligeia Chemos Vergiftung erträglich für die Vergifteten macht und außerdem, so heißt es jedenfalls, seinerseits die Schrumpfung der Tumoren mitbewirkt, und sei’s nur, um die gemeinsamen Spaziergänge nicht allzu früh enden zu lassen. Denn stirbt der Befallne, so die Befallende auch, und der Signore Tetraidrocannabinolo muß nun allein flanieren gehn. Ebendas sucht er geschickt zu verhindern.

Um es kurz zu machen, Freundin, die Verwirrtheiten ließen nach, stellten sich aber, in freilich leichterer Form, am Mittag darauf wieder ein und hielten ganz ohne THC bis zum Abend an. So daß es sich offenbar tatsächlich um sich wechselweise verstärkende Wirkungen handelt, die durchaus angenehm sein, aber unversehens ins Unangenehme umkippen können. Alleine diese Erfahrung aber macht es wert.
Und jetzt bereite ich mich zum Aufbruch zum CT vor.

ANH

 

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