Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, „On the Beach at Night Alone“
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn „bestens“ auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise „Blinddarm“ genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun „die Stunde der Wahrheit“ rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … „einfach so“? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, „gut drauf“. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is‘ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis‘ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

_____________
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Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln drüben → gefüttert, angesprochen und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo“neben“wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

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3 Responses to Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

  1. Avatar Reni Ina von Stieglitz says:

    Tja – Nun bin ich weder Li noch die naheste Freundin, sondern nur mit dieser Art von „ZellEntgleisung“ insofern vertraut, dass es eben einige von meinen nahen Menschen damit konfrontiert hat…. – seltsamerweiser spüre ich die Nervosität und irgendwie bin ich an einem Punkt „angetriggert“ – der mich schreiben läßt – ich schrieb es bereits: ja, es wäre gut, den Schwerbehindertenausweis zu beantragen (nicht nur wegen der ÖffiBefreiung, sondern auch wegen der Zuzahlungsbefreiung, es werden dann nur 1% vom Einkommen zugrunde gelegt) und Sie können jetzt noch nicht wissen, wie es Ihnen NACH der OP geht, sinnvoll wäre es auch, sich nicht sofort in die OP zu begeben, sondern zunächst erstmal die Restgifte/Chemo loszuwerden und schlafen Sie drüber, bitte nicht sofort entscheiden bezüglich OP-Termin, warum ich das schreibe hat seine Gründe aus den Erfahrungen, die ich bisher mit Betroffenen machen durfte – dieses Novamin…. neigt dazu, dass Gewebe aufquellen zu lassen (Nebenwirkung) – — ich weiß, weder erbaulich noch poetisch, was ich schreibe – vielleicht trotzdem hilfreich – – drück die Daumen für ein möglichst gutes CT – alles Gute zunächst – RIvS

    • Liebe Frau von Stieglitz,
      nur drei Bemerkungen hierzu:
      Die Zuzahlugnsbefreiung habe ich schon vor langem beantragt, und soeben ist sie mir beschieden worden – hingegen ich von einem Antrag auf (Schwer)Behindertenanerkennung aus den schon genannten Gründen nach wie vor absehen werde. Um sie kurz zusammenzufassen, würde mich ein solcher Antrag zum Opfer machen; jedenfalls würde ich mich damit – erst recht mit entsprechendem Ausweis, den ich peinlicherweise dann auch noch jemandem vorzeigen müßte – genauso fühlen. Ich bin aber kein Opfer, sondern ein, mit Nachdruck, Täter: daß die Krebsin in mir ist, ist von mir selbst maßgeblich mitverursacht worden. (Ich schreibe nicht „mitverschuldet„, weil so etwas wie Schuld in dieser Dynamik keine Rolle spielt; vielmehr habe ich sowohl für meine Lebenshaltungen als auch, daraus folgend, mein literarisches Werk einen Preis zu bezahlen, von dem ich zwar schon als junger Mann wußte, daß er hoch sein würde, allerdings nicht, in welcher Währung er zu begleichen sei; an Krebs habe ich tatächlich nie gedacht. Aber ich denke, daß der Mythos um die für mich spätestens seit meinen Recherchen zum WOLPERTINGER auch erotisch höchst bedeutsame Lan-an-Sídhe völlig recht hat: Sie beugt sich zum Dichter hinunter und beschenkt ihn mit Inspirationen; im Gegenzug trinkt sie ihn leer, bis er – nicht selten bereits jung – dahinstirbt.

      Daß auch meine Haltungen ein Krebsgrund sind, ergibt sich aus ihrem permanenten Widerspruch zu denen sowohl der Allgemeinheit wie der autoritären Institutionen. Ständig oder doch sehr häufig, zumnal öffentlich abgelehnt zu sein, schwächt und dient → der Unheil als perfekte Einfallsschneise.)

  2. Avatar Reni Ina von Stieglitz says:

    Ja- ok- es war ja mein „angetriggert“ sein und ja- selbstverständlich – IHRE Entscheidung- und letztlich, vermutlich  „Mein Helfersyndrom“…- Ihr Umgang mit dieser Situation zeigt eine, ich möchte fast sagen, ungwöhnliche „Haltung“, die mich durchaus tief beeindruckt…so bleibt mir, ich wiederhole mich, ich weiß, Ihnen einen lebbaren Erfolg mit Ihrer gesamten Therapie/Heilung (?) Zu wünschen verbunden mit herzlichen Grüßen…RIvS

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