| Eine kleine Auszeit von der Wüste |
Maxwell Davies‘ Strathclyde Concertos im Krebstagebuch des Donnerstags, den 11. Juni 2020 (Tag 43/Chemo[2} Tag 10).

[Arbeitswohnung, 14.18 Uhr; morgens 74,1 kg
Peter Maxwell Davies, → Strathclyde Concerto No 2]

Etwas schwieriger Tag heute, die Tumorin meldet sich quasi unentwegt, seit ich wegen der Chemophase II zum Kontrolltermin losgezogen bin – da, um halb neun Uhr morgens, noch ohne irgendein Medikament. Denn die Nacht war gut, Dronabinol nehme ich meist eh erst gegen Mittag. Was ich spüre ist, daß die Wirkung der Zytolastica nachläßt, Li also wieder Raum zum Atmen bekommt, den sie sich weit ausstreckend nicht nur leidlich nutzt. Also ausnahmsweise wieder dreißig Tropfen Novamin eingenommen. Um unabgelenkt weiterarbeiten zu können. Allerdings höre ich mich derzeit so sehr in Maxwell Davies ein, der, wenn auch sechzehn Jahre älter, an mir insofern vorbeigestorben ist, weil ich mit seiner Musik zwar durchaus in Berührung kam, erstmals mit einer fehlgepreßten Salomé-Vinyl (die Spuren sind auf den Platten falsch, ziemlicher Seltenheitswert), die mich auch kurzzeitig interessierte; dann fand ich aber nicht wirklich hinein. Das ist jetzt völlig anders, interessanterweise nach einem, sagen wir, → Umweg über Hakola, den ich in der Anderswelt → parallel zum ersten Höllenkreis der Nefud ging. Besonders angetan haben es mir unterdessen die Strathclyde Concerti; ich hör meist mit den STAX →auf den Ohren.
Jedenfalls hilft die Musik durchaus mehr als irgendeines der Medikamente — abgesehen allenfalls von Cagliostros THC-Öl, dem ich mich tagsüber nicht so gerne aussetze, weil ich nicht dauerbekifft sein will. Was ich in den ersten Tagen der Chemo II ja durchaus war. Sie werden → es gelesen haben.
Die Werte heute bei der Kontrolle erneut in Ordnung; der ständigen Blutschneuzerei soll ich stoisch mit Bepanthen begegnen; es seien tatsächlich nur, als Folge der Chemo, ausgetrocknete Schleimhäute. Und bitte das Dexamethason nur je die beiden Tage nach neuen Infusionen einnehmen. Ansonsten immer wieder auf den Körper hören, sich auch tagsüber mal langlegen, wenn die Müdigkeit kommt oder das wenn auch nur chemisch bewirktes, also faktisch nicht wirklich geerdetes Angestrengtsein, Doch dann zu liegen und mit den Kopfhörern Neue Musik zu hören, hat etwas fast Erlösendes: etwas zwischen höchst konzentrierter Meditation und einem Schwebezustand des ganzen Körpers, physisch, ja! … nicht nur imaginiert eso-religiös. Dann zieht es mich aber doch wieder an den Schreibtisch zurück.

Dieses Mal was Josting gar nicht Faisal. Der chirurgische Eingriff werde kein Spaziergang werden, auch nicht für einen wie mich. (Ich hatte von Matthias Biebls Satz erzählt, mir könne man auch eine heftigere Operation zumuten). „Bitte unterschätzen Sie die Gefahr nicht. Die Sterblichkeit bei dem Eingriff liegt, ganz unabhängig vom Krebs, bei immer noch über vier Prozent. Und auch sonst kann gerade diese OP böse Nebenwirkungen haben, die Infektionsgefahr ist enorm. Doch wenn sie die ersten vierfünf Tage überstehen, können Sie davon ausgehen, bereits im August wieder zuhause zu sein.“ „Ah, dann könnte ich vielleicht doch noch in diesem Sommer nach Italien…“ „Wohin?“ – So daß ich von → Parallalie erzählte, den Projekten mit dem Übersetzerfreund … und als der Arzt nun hörte, wir hätten → Joyce übersetzt, geriet er fast wie neulich bei Schostakovitsch aus dem Häuschen, habe soeben den ULYSSES zuende gelesen, ja, etwas gebraucht, das schon, aber … Welch ein Buch! Und: „1904, das müssen Sie sich mal vorstellen!“ Ich dachte sofort, weil er auch noch → den mir unsäglichen David Foster Wallace erwähnte, daß ich ihm zum nächsten Mal unbedingt einen WOLPERTINGER mitbringen muß, über das ich gerade wieder → derart schöne Sätze lesen durfte (ich hätte sie gerne auch → dort stehen; so eitel, sie selbst da hinzusetzen, bin ich aber denn doch nicht).
Wobei uns dieses Gespräch zumindest insofern wieder verfaisalte, als wir auf dem Navi nun doch schon, für kommenden Dienstag, das diesmal in einen, so heißt es, Tankstellenkomplex integrierte Relais fest einprogrammieren konnten: محطة التميمي بالرديفه . Allerdings liegt diese Station einigermaßen ortsnah an einer langen, von Lastwagen durchdonnerten Wüstenstraße, die wir nach den Infusionen ganz sicher schnell hinter uns lassen werden, weil sie das, ich schreibe einmal, Aqaba-Projekt insofern gefährdet, als sie in den Mischer unsrer Heldenreise entschieden zuviel an pragmatischer Realität hineinschütten wird. Doch wird uns die Pforte des Dritten Höllenkreises ohnedies aus dem Jordanien nur-der-Gegenwart jäten, sowie wir eingeritten sein werden in ihn.

Zurück, fand ich im Briefkasten die erste Zuzahlungsrechnung der Apotheke meines Ontologen:

Für die erste Chemophase also 87,24 EUR; alle vier Sitzungen werden mich allein bei den Medikamenten auf knapp 400 Euro kommen lassen; ein Viertel meines monatlichen Lebensunterhalts, dazu noch die Krankenhauszuzahlungen sowie die Zuzahlungen für von der Hausärztin verschriebene Arzneien, etwa das Dronabinol. Es ist wirklich dringend, die Befreiung durchzusetzen, sonst mach ich irgendwann die Grätsche. Schon coronahalber hab ich ja zur Zeit überhaupt keine Einnahmen.

Ah, immerhin hat jetzt das Schmerzmittel gewirkt, so daß ich ruhig weiterarbeiten kann. Auf jeden Fall muß ich mit dem Finale → der Béarts weiterkommen. Aber daß ich heute früh meine in den Suchmaschinen nicht mehr verlinkte → Besprechung von Pynchons GEGEN DEN TAG eingestellt habe, geschrieben 2008 für den Freitag, hat selbstverständlich mit den Wüstenschiffen zu tun, die mich derzeit so umgeben, und eben Pynchons hinreißender Erfindung des → Unterwüstenbootes. Wäre es nicht grandios, wenn unsre kleine Karawane solch einem, wenn es auftaucht, begegnet? „Mr Nemo, I presume?“ Ich wünschte mir ein Bild Röhrerichs, wie er am Bug → der Nautilus rastet, auf der ich sitze, etwa so, um mein liebes Dromedar endlich zu entlasten:

In diesem Sinn reagierte ich dann auch wieder auf meines Dr. Faisals Warnung:  „Sehen Sie, ich bin in ein Abenteuer aufgebrochen, das eben nicht nur Film ist, sondern es ist Realität, wie wenn ein Messemer den Mt. Everest besteigt: auch da ist der Ausgang niemals gewiß – etwas, das für jede richtige Expedition gilt. Auf eine solche hab ich mich mit meinem Krebs begeben. Sehen Sie’s mir deshalb bitte nach, daß ich ein 4-prozentiges Sterberisiko da nicht ganz für voll nehmen kann; zumal ist die Gefahr eines tödlichen Unfalls alleine im Berliner Straßenverkehr täglich sehr viel größer, und vor allem, mein geehrter Wüstenfreund, will doch niemand unter uns in einer rosa Fernsehshow verdämmern, anstelle wild zu sein — zu leben, ja, so mein ich’s, auf der Welt!“

Wieder in der Arbeitswohnung, mußte ich mich aber dann doch noch einmal hinlegen, so seltsam hatte mir die kleine Fahrradtour zugesetzt – stärker, deutlich stärker als irgendein Geschwanke meines Rihs. Doch ich konnte, wir erzählt, meine Kopfhörer nehmen und endlich, endlich zu verstehen beginnen, welch poetisches Blut diesen britischen Komponisten durchströmt hat. Es gibt Musiken, die öffnen ihre Sesams uns sofort – manchen von uns, enigen hingegen nie, und einigInnen –, indessen Andrer Türen wir erobern müssen. Nun wird mir Peter Maxwell Davies‘ Lebenswerk zu einer Farbe meiner um Li geführten Heldenreise. Daß auch er ein Krebsleiden hatte, an dem er vor etwas mehr als zwei Jahren starb, im allerdings da bereits vergleichsweise hohen Alter von 81, mag unsere lyrische Nähe ein bißchen unterstreichen, die er mir nun posthum geschenkt, der ich nicht nur, doch deshalb auch noch lebe:

Welch Privileg, oh Freundinnen und Freunde, noch in meinen Jahren erhöhen und weiter erhöhen zu können und also es zu – dürfen:

Wie aus der wolkenzerrissenen Nacht die Sonne, Anahit also, heraufsteigt, doch drehn wir uns drunter (alle die schlummernden Dächer, die rotgelb darunter erwachen, den Wipfeln des Hainpar­kes bei) – wisse, mein Sohn, um die Astronomie. Die innere Astro­nomie kenn aber auch, die von Menschen dem Menschen ge­machte, und sieh ihn, meine Junge, den Sonnengang, weiter als Inkarnation heller Göttinnen an. Sie sind das Nahe und nicht die Mechanik. Profanes ist‘s nie. Aufladung ist das Geheimnis: be­wußte Verklärung. Uns rettet nur beides zugleich: Wissenschaft und unser Traum.
Das bleibende Thier,
Zweite Bamberger Elegie

ANH

[Peter Maxwell Davies, Strathclyde Concerto No 3]

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4 Responses to
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Maxwell Davies‘ Strathclyde Concertos im Krebstagebuch des Donnerstags, den 11. Juni 2020 (Tag 43/Chemo[2} Tag 10).

  1. Bruno Lampe Bruno Lampe says:

    Es reichte auch Kapitän Hatteras, der an einer Stelle ins Polarmeer wie in eine Bowle schaut (hatte beim Lesen die Assoziation an diese Stelle): „Tauchte der Blick nun von der Oberfläche in das durchsichtige Wasser hinab, so war das Bild des von Tausenden von Thieren durchfurchten Wassers nicht minder übernatürlich; bald gingen diese Thiere schnell in die größten Tiefen des flüssigen Elementes, und das Auge sah sie nach und nach kleiner und weniger sichtbar werden, und zuletzt nach Art der Phantasmagorieen verschwinden; bald stiegen sie von unten auf und wuchsen, je nachdem sie sich der Oberfläche des Oceans näherten. Diese Seeungeheuer schienen über die Schaluppe nicht im Mindesten erschreckt; sie streiften sie im Vorüberschwimmen mit ihren enormen Flossen; da, wo Wallfischfahrer mit gutem Rechte erschrocken wären, hatten unsere Seefahrer gar keinen Gedanken an eine drohende Gefahr, trotzdem daß verschiedene dieser Meeresbewohner eine wahrhaft ungeheure Größe erreichten.

    Junge Seekälber spielten umher; der Narwal, ebenso phantastisch wie das Seeeinhorn, verfolgte mit seiner langen geraden und konischen Waffe, die übrigens ein sehr nützliches Werkzeug ist, um Eisschollen zu zertheilen, die furchtsameren Wallfische, deren unzählige aus den Luftöffnungen Wasser und Schaumstrahlen auswarfen und die Luft mit eigenthümlichem Pfeifen erfüllten; der Nord-Kaper mit seinem zarten Schwanze und breiten Schwanzflossen durchschoß die Wogen mit unmeßbarer Schnelligkeit, wobei er im Laufe sich mit ebenso schnellen Thieren, wie Schellfischen und Makrelen, ernährte, während der trägere weiße Wallfisch stille Mollusken, die ebenso indolent waren wie er selbst, verschluckte.

    Mehr in der Tiefe schwammen die Balenopteren mit spitziger Schnauze, die langen und schwärzlichen grönländer Anarnaks, riesige Pottfische, eine in allen Meeren weit verbreitete Species, zwischen Bänken von grauer Ambra, oder lieferten sich gewaltige Schlachten, die den Ocean mehrere Meilen weit rötheten. Die cylindrischen Blasenquallen, der große Tegusik von Labrador, Meerschweine, in Sandwellen liegend, die ganze Familie der Robben und Wallrosse, Meer-Hunde, -Pferde und -Bären, See-Löwen und -Elephanten schienen die feuchten Flächen des Oceans abzuweiden, und der Doctor konnte diese unzähligen Thiere eben so leicht bewundern, wie die Schalthiere und Fische durch die Glasbassins des Zoologischen Gartens.

    Welche Schönheit, welche Mannigfaltigkeit, welche Machtfülle in der Natur! Wie erschien Alles seltsam und wunderbar im Innern dieser Polgegenden!

    Die Luft war von übernatürlicher Reinheit; man hätte sagen können, sie[462] sei mit Sauerstoff überladen; mit Wonnegefühlen sogen die Seefahrer diese Luft ein, die ihnen eine größere Lebenswärme eingoß; ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, unterlagen sie einem schnelleren Verbrennungsprocesse, von dem man keine auch nur abgeschwächte Beschreibung geben kann; ihre geistigen Functionen, ebenso wie die der Verdauung und der Athmung, vollzogen sich mit übermenschlicher Energie; Gedanken entwickelte ihr überreiztes Gehirn bis in’s Ungeheuerliche: in einer Stunde lebten sie das Leben eines ganzen Tages.

    Mitten unter diesen staunenerregenden Wundern wiegte sich die Schaluppe friedlich bei mäßigem Winde.“ – http://www.zeno.org/Literatur/M/Verne,+Jules/Romane/Reisen+und+Abenteuer+des+Kapit%C3%A4n+Hatteras/2.+Abtheilung/21.+Capitel

  2. Avatar Phyllis says:

    „Ergriffen sein“: Mit jeder neuen Etappe durch die Nefud die Spuren spüren.
    Und, Bruno Lampe, was für eine unerwartete Verknüpfung und Assoziation, die Kollagen wirken!
    Lächelnd
    Phyllis

  3. Avatar Christoph Haacker says:

    Tumorin ist ein wunderbares Wort, richtig tumorig.

    Du hast einen Tschuwstwo tumora, nicht jumora: Sinn für Tumor, nicht Humor.

    Vielmehr: beide scheinen sich glücklich zu paaren, Du alter Kuppler!

  4. Welch ein Ehrengast! Der eigene >>>> Verleger.

    Ja, um Paarung geht es, immer.

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