ANH an Liligeia, fünfter Brief: Geschrieben am Sonnabend und Sonntag, den 23. und 24. Mai 2020. {Krebstage 25 & 26: Chemo, Nebenwirkungen – heute und hier zu deren bislang, ja, krassester).

[Nefud, 23. Mai. Nach der vierten Nacht
8.35 Uhr]

 

Und nun zu, endlich,

Lilly, Dir:

Ja, Misignora,

ich beharre auf meinem, weil unserem Du, das eben als Tattoo nicht ich in unsre Haut gestochen habe, sondern Du selbst, wie ich es bereits schrieb, bist es gewesen, mir näher zu kommen (geschweige zu „treten“, intrudiert hast Du Dich mir!) — und ich soll den Usurpator, die Usurpatorin nunmehr auch noch siezen? Oh nein, Du provozierst mich nicht – auch nicht mit der nun wahrlich Purzelbäume schlagenden Bosheit Deines Briefes der Donnerstagsnacht, mit deren folgendem Morgen der erste wirklich gute Chemotag begann und den sie aber, meine vertraute Phyllis Kiehl, kaum (erzählte sie in Facetime) habe zuende lesen können – so sehr habe er ihr, ihr!, wehgetan. Doch auch, daß Du mir diesen ganzen nun Tag über, dieses mein großartiges Gestern, aufs infamste zu zerstören unternahmst, um all Deine Flüche  Wirklichkeit werden zu lassen, wird mich nicht bewegen, auch nur eine selbe Münze zu prägen, um Dich mit ihr zu zahlen. Im Gegenteil, ich bin sogar sehr froh, daß mir, diesen Kampf zu bestehen, in einem Zustand bester Gelassenheit abverlangt worden ist und nicht in einem der physischen oder gar psychischen Dekonstruktion. Denn abgesehen von diesem einen – was einmal zweieinhalb Stunden, dann, nachts, ein zweites Mal weitere nicht ganz anderthalb lange durchgefochten werden mußte – ging es mir gestern weiterhin prächtig bis in die Nacht: kein Übelsein, kein Schmerz, kein Kribbeln in Fingern und Zehen, keine beginnende Entzündung der Mundschleimhaut, keine Konzentrationslosigkeit, keine Erschlaffung. Und: keine Tabletten übern Tag, nur vorm Schlafengehen ein Melatonin und eine halbe Zolpidem, zu der indes — लक्ष्मी und einem ihrer Freunde sei Dank, der es eigens für mich hergestellt hat — etwas hinzukam, das ich nunmehr versuchte und weiterversuchen werde (und das auch mich „versucht“: dies Wort in einem andern Sinn), nämlich ein hochprozentiges, hochkonzentriertes THC-ÖL, erst nur am Abend je als ein einziger Tropfen genommen, um die Wirkung auszutesten, dann vorsichtig zu steigern.
Auf Cagliostros Empfehlung – ich nenne ihn aus rechtlichen Gründen so (als einen weitren Helden meiner Jugend): – ließ ich die Schmerztablette dafür weg … — und was muß ich Dir, meiner liebsten Tumorin, nun sagen? Du wirst es hassen, ich weiß, aber ich schlief beschwerdelos von 23 bis kurz nach 5 Uhr morgens durch, unternahm dann meinen kurzen Wassergang, legte mich noch einmal hin und schlief weitere fast anderthalb Stunden, um nun erst recht ohne eine Beschwerde wieder aufzuwachen, und war überdies bestens gelaunt (———

 

[Nefud, 24. Mai. Nach der fünften Nacht
6.37 Uhr]

 

———); ganz wie heute morgen auch, darf ich ein nun schon nächstes Mal schreiben. Gestern habe ich zur Nacht sogar nur den Tropfen THC-Öls genommen und davon von elf bis halb fünf durchgeschlafen und dann noch eine Stunde länger. Abermals keine Beschwerden, von einem sehr sehr leichten, fast nur erahnbaren Übelsein im Hintergrund abgesehen, das nun, nach dem Frühstück, auch noch despariert ist. So auch scheinen Ihre, Misignora, Wünsche zu zerflattern, ich möge mir die Seele aus dem Leibe kotzen. Wozu ich übrigens nicht ein einziges Mal auch nur entfernt versucht gewesen bin, bisher.
Wobei Sie, Misignora, aber ja zuvor, vorgestern nunmehr, einiges geleistet haben, mich tatsächlich zu zermürben. Sie wissen, Liligeia, genau, was ich meine — ach, aber Li, wenn Du glaubst, ich behielte dieses, weil es tatsächlich den Schambereich verletzt, nein, die glühenden Zigaretten der Wut in ihm ausdrückt, – behielte es für mich, um nicht nur am Geschehen selbst, sondern nicht auch noch an der Würdelosigkeit zu leiden, in die mich ihre Darstellung vorgeblich stieße, so wirst Du Dich, mein Tumorchen, auch hierin irren. Es ist stets eine charakteristische Kraft meiner Poetik gewesen, die Dinge tatsächlich alle zu benennen, ohne daß ich auch nur die Spur meiner Würde verlor. Genau darin lag offenbar einiges derjenigen Provokationen, die meine Stellung als Dichter den Vermittlern, Kritikern wie Buchhändlern, doch schließlich wohl auch Leserinnen und Lesern immer so heikel machten. (Wie mich seinerzeit, als der Prozeß um MEERE angelaufen war, die ZDF-Regisseurin fragte: „Wieso, Herr Herbst, müssen Sie immer so genau hinsehen?“) Hier akzeptiert wer kein Tabu und schon gar nicht Mehrheitsstimmung (auf die sich die meisten, bekanntermaßen, „Meinungen“ letztlich zurückführen lassen).

Also, Lilly, ich deutete es schon an – wir sprechen hier von den Nebenwirkungen der  bisherigen Chemo ..: will sagen, der Verstrahlungen, denen ich Reisender auf meinem Zug durch die Nefud ausgesetzt bin und wohl noch knapp sieben Wochen lang bleiben werde. Die bekanntesten nannte ich schon, sie schlitterten bislang fast spurlos an mir ab. Mit denen hast Du kein gutes Blatt auf der Hand… außer einem, mit dem gar niemand rechnet (nicht mal die Beipackzettel tun es, auch nicht die Erläuterungen der chemischem Substanzen der Therapie-selbst). Diese Karte traf mich nun heftig. Da hast Du einmal richtig gewonnen! Nur ist „treffen“ nicht das treffende Wort. Aber ich weiß, wie sehr Sie, Liligeia, diese mir zugefügte Erniedrigung genossen! Und wie Sie darauf geharrt haben müssen, ja drauf gierten, daß ich ihrer endlich in vollem Ausmaß bewußt werden würde.
Was nahezu vier Tage brauchte, parallel quasi zu → Ihrem zweiten, derart bösen Brief. Wie schreiben Sie darin? Ah ja!: „Sie mehr als mich soll sie quälen, diese Chemo … viel, viel mehr als mich! Dafür werde ich sorgen!“ In diesem, darf ich „Fall“ schreiben? ist es Ihnen wahrlich gelungen. Und ich sehe Sie vor mir, anderthalb Etagen über dem Geschehensort in meine ösophage Organik mit den spitzen Beinen → Ihres schlimmen Wappens (dem ich nun, siehe den Briefkopf, das meine, in dem es unter dem Kranich ein Lamm gibt, entgegensetze) einge-, ja, –graben und jede Verrenkung verfolgen, der ich mich aussetzen mußte, um loszuwerden, irgendwie loszuwerden, was da in mir wie ein trockenes, dickes Brennholz stak und eben nicht herauskommen wollte. Doch ich jammere nicht, wir sind nicht auf der Welt (wie → Erdelmeier einmal sagte), um klein zu sein, sondern meine Perspektive erlaubt sich jetzt — Komik. Die nehm ich mir hier, meine Krebsin, gegen jeden „guten Geschmack“ heraus – und zwar als einen Slapstick, mit dem Du erst recht nicht klarkommen wirst, geschweige ihn irgendwie zu goutieren weißt, zumal er dem wie auch immer gequälten Komödianten die Würde völlig beläßt.

Was wir benennen, Lillilieb, ist fast schon beherrscht. Lerne, Ligeia, lerne von mir.

Also. Was geschah?
Ich habe → schon dort davon geschrieben (und gehofft, es bei dieser Andeutung belassen zu können), merkte aber dann, was hier wirklich auf mich zukommen würde. Immerhin, es „traf“ mich, dafür bin ich dankbar, an einem guten Tag.
Nahezu stets ist mein Stoffwechsel in Ordnung, ist mehr als bloß verläßlich gewesen, lebensbislanglang. Indes begann er nun, bereits am ersten Tag der Nefud,  übel zu stocken. Sie dürfen das gerne im Wortsinn verstehen. Gewarnt war ich Reisender aber vorm Gegenteil gewesen, vor Situationen mithin, in denen man von dem Kamel nicht schnell genug mehr herunterkommt. Davon, in meinem Fall, war weder Rede noch später auch nur entfernteste Tat. Sondern es ballte sich, ballte sich in mir zusammen, wurde eine furchtbare, so muß ich es nennen, Masse, die sich in mir drin immer weiter verdichtete und mir zunehmend unheimlich wurde, weil sich wiederum mit ihr nicht verband, was von solchem Zustand zu erwarten gewesen wäre: Engegefühl, Krämpfe, Schmerzen – nichts dergleichen, nein, was solch einen Grad von Verstopfung begleiten hätte müssen. So ist „unheimlich“ das genau richtige Wort. Und wenn ich → Dich anschau, Dich Lilli auf dem Felde, dann weiß ich sehr genau, warum.
Doch wie nun auch immer. Noch dachte ich, die Angelegenheit mit solch  einem Dingerl erledigen zu können, das wir, Herr Doktor Faisal hatte recht, tatsächlich auch bekamen, als wir die erste Oase erreichten. Hier war es sogar leichter als in Berlin, wo ich tatsächlich dreimal vergeblich fragte; nicht bei Roßmann, nicht in der ersten Apotheke kannte man das Ding, das ein sozusagen fixer Bestandteil meiner Kindheit gewesen ist, weil uns Brüdern → die Omi damit regelmäßig malträtierte, wenn wir Buben Würmer hatten. Vor fünfundfünfzig Jahren kam so was ziemlich häufig vor; es war noch nur wenig Obst gespritzt, das in den Läden auslag, und was wir rings aus den Obstgärten klauten, war es erst recht nicht. Umso weniger erschließt es sich mir, weshalb es ausgerechnet an dieser Oase solch ein Birnspritzchen gab.
Wobei. Unter einer Oase in der Nefud wirst selbst Du, meine Li, Dir etwas völlig Falsches vorstellen. Von 1001Nacht war nix zu sehen, von ein paar aber wie gerupften Palmen mal abgesehen. Ihr Zentrum erinnerte mich viel mehr an eine Gasoil-Station am Rand der Namib. Wo genau in diesem Hüttchen vor sich gehen würde, was vor sich zu gehen auch hatte, und zwar geschlagene fast zweieinhalb Stunden lang:

Unseren Zug gen Aqaba hielt das, Du weißt es, ziemlich sehr auf. Doch niemand mit mir, wohltuenderweise, hatte Mitleid; es zeigte sich ein sozusagen asiatischer Charakterzug, bzw. die kulturelle Codierung, die uns in der Würde beläßt: zwar jede und jeder bekommt mit, was geschieht, aber niemand nimmt es wahr, geschweige daß er’s behielte und dann herumtratschen würde. Vielmehr, es ist, vielweniger also, als wäre nie was passiert.
Und was da aber passierte, passieren mußte! Klar war mir das schon am Ende des zweiten Tages geworden, nun, am Ende des dritten, war es akut. Zumal Do, mit der ich telefonierte, dringend warnte. Sogar ein Wort vom Darmverschluß stand im Raum. Sie, die frühe langjährige Gefährtin, hatte in ihrer unmittelbaren Nähe einen Fall, der ins Krankenhaus überführt werden mußte, wo man dem armen Menschen innert dreier Tage herausoperierte, was von allein abgehn sollte. Und wo sollte ich, in der Nefud, jetzt ein Krankenhaus herbekommen, und wie lange würde Aqaba dann noch warten müssen? Nein, ich mußte es im Wortsinn eigenhändig angehen.
Worauf Du so gewartet hast, was Du mir antun wolltest und nun mich selbst mir antun ließest.
Warmes Palmöl, Wasser, Kamelmilch: so Faisals Rezept. (Do sah vorher noch Movicol vor: „Trink das, und zwanzig Minuten später geht es los.“ Nix ging los, auch nicht nach dem zweiten Beutel. Nicht mal nach sechs Stunden. Dr. Faisal war diesbezüglich skeptisch höchst zurecht; seine Mischung erwies sich als eher geeignet.)

Man bittet als Herr nicht um Hilfe.
Man schließt sich allein ins Kabüffchen ein. Wobei ich nach einer Stunde schweißtreibender Anstrengung als allererstes lernte: erst mal mich komplett ausziehen, dann die nächste Drück- und Zieh- und Pulaktion, dann unter die Dusche und, wenn abgetrocknet, weiterhin nackt aufs Örtchen zurück, weil es nämlich alles eine Riesenschweinerei ist. Gummihandschuhe, etwa, sind unabdingbar: bloß nicht die ohnedies von der Nefud angegriffene Schleimhaut noch mit den Fingernägeln verletzen, wenn man hineinstößt und drin herumgräbt. Man muß bei sowas nämlich rein, und  zwar so tief es eben geht. Da lernst du wirklich Anatomie, was Wendelungen, etwa, sind. Es hilft nichts, Du mußt versuchen, meine Schöne, die Kacke mit den Fingern herauszuziehen. Was aber auch nicht geht, sondern Stückchen für Stücken – quasi sind es enorm feste Kugeln, die sich kaum ablösen lassen – brichst Du ab und pulst Du hervor. Dazwischen immer wieder das Flüssigkeitsgemisch ins Klistierchen.
Riesenschweinerei, ich versichre’s Ihnen! Welch Glück, daß gleich nebenan die provisorische Dusche. Aber nicht nur Schweinerei, sondern vor allem Akrobatik! Versuchen mal Sie, für sowas die richtige Stellung zu finden … – Irgendwann, nach zwei Stunden des ständigen sich irgendwie im Halb-, Viertel-, Achtelsitzens Vorbeugens und Verbiegens, zumal nun immer gleich beide Unterarme und Hände hinter sich, doch Naß und Stuhl wolln nicht zusammen, stoßen sich ab, es läuft nur noch so aus einem raus, ohne daß aber abgeht, was abgehen muß … – irgendwann dann ein Schmerz quer durch den Oberschenkel und der innere Bannruf: „Jetzt nicht auch noch einen Krampf!“ — An sich halten, Konzentration, bloß nicht die gute Laune verlieren,
Ich hatte wirklich Glück, nein, war gesegnet, daß ich diese Aktion nicht unter noch anderen Beeinträchtigungen durchführen mußte. Nein, es war – und ist’s gewesen nach wie vor – ein ganz wunderbarer Tag für mich, voller Sonne draußen und drinnen, ohne Übelkeit, komplett schmerzfrei; selbst Appetit hatt‘ ich enorm.  So daß ich diesmal alleine deshalb wenig aß, um nicht der Masse, die so dringend hinausmußte, noch weitere Masse beizutun. Davor hatt‘ ich, Ligeia, Respekt.

Ah, ich weiß, Du hast Deine Rache genossen und genießt sie, oh Lilli, immer noch weiter. Denn völlig ist das Problem nach wie vor nicht gelöst, meine Darmperistaltik komplett durcheinander. Aber ich werd’s in den Griff kriegen. Wir passierten auch heut‘ schon die nächste Oase, hat Dr. Faisal mich beruhigt. „Und was halten Sie von Macrogol?“ habe ich ihn eben gefragt und damit einen Hinweis Björn Jagers aufgegriffen, der nach Lektüre meines letzten Tagebuchs das Medikament mir empfahl. Freunden von ihm, die ähnlich gelitten wie ich, habe es sehr geholfen. Wobei ich selbst tatsächlich zu leiden gar nicht das Gefühl habe. Ich kämpfe, das ist was andres. Auch die Aktion auf dem Klo war kein Leid. Leid ist: keinen Sinn mehr zu fühlen.
Und dennoch, stellen Sie sich das Örtchen danach vor, wie es hinterher also aussah, als dann mit quasi einem Rutsch, ohne daß ich noch nachziehen mußte, aus mir das Letzte herauskam, mit einem Rutsch und einem Wahnsinns-Platsch!. Was das war, weiß ich noch jetzt nicht zu sagen. „Stuhl“ kann niemand es nennen. Ganz gewiß nicht humanoider Herkunft, ist es tiefschwarz, teerig und so kompakt, daß sogar, als ich alles hinwegspülen wollte – um nämlich den Slapstick komplett zu machen, der natürlich obendrein stank („natürlich“ ist natürlich nicht das richtige Wort) –, die Toilette-selbst verstopfte, also das Rohr unter der Schüssel, und zwar so sehr, daß ich mich mit Hand und halbem Unterarm hineinstoßen mußte, um irgendwie zu lösen, was Zement zu werden bereits im Prozeß war. Bevor es ihn abschließen konnte und das gesamte Klo hätte entsorgt werden müssen, indem man es erstmal in tausend porzellanene Stücke zerschlüge. (In der Architektur nennt man sowas einen Rückbau.)
Das Zeug ging ohne weiteres nicht einmal von den Gummihandschuhn ab, wie als fräße es sich in sie hinein – und in der Tat, beim Versuch, sie wieder sauberzubekommen, zerfiel ihr Gummi und löste sich auf. Nein, ich übertreibe nicht. So werd ich mir gleich nachher, wenn wir diese nächste Oase denn erreichen, am besten einen ganzen Vorrat besorgen. Schaden kann es eh nicht. Wenn aus der Nefud in Berlin wieder zurück, habe ich im Zweifelsfall ein Vorrätchen für meine Mme LaPutz; dann wäre alles bestens gelaufen, so ziemlich jedenfalls.
Und erneut: splitternackt, klar, unter die Dusche, danach das Klo saubergeputzt, alles, Boden, teils sogar die Wände, dann abermals unter die Dusche. Der stolze, stolze Alban Herbst.

Je nun, und nun, Ligeia? Da ich nun dies erzählt, habe ich an ihm verloren, dem Stolz? Vergiß es! Es war nicht mehr als eine zugegebenermaßen etwas lästige, auch mühsame Prozedur, die ihre – mit Abstand betrachtet (und vorausgesetzt, wir schauen sie im gegenwärtigen Kino an, das Sensationen des Geruches noch so wenig wie das Fernsehen kennt) – durchaus Komik hat. Nein, nicht wegen „mitten in der Wüste“ oder des Bades (bzw. des in der Nefud höchst rostigen, nahezu frei ragenden Wasserrohres an einem noch viel zerfresseneren Gestänge) gleich nebenan, sondern „einfach“ an sich, was überdies für weniger sportliche, vor allem auch körperumfangreichere Menschen als mich in der Tat Tortur gewesen wäre, für mich aber nur ein kleines athletisches Zwischentraining war, das mir seit Corona ja sowieso fehlt und nunmehr auch verboten ist, im Sportstudio jedenfalls. Eine Covid-19-Infektion wär grade jetzt nicht produktiv. Aber sage, Lilly, mir, daran hast Du  noch gar nicht gedacht? Oder doch – und fürchtest Dich selbst vor dem dann zu schnellen Ende? – Schon deshalb: Nein, der Haß aus Deinem letzten Brief hat mich nicht mal berührt. Ich sage Dir, was ich schon vielfach, andren nämlich, schrieb und sagte: Ihr könnt mich töten, aber nicht beugen.  Und wenn Ihr mich vor Schwierigkeiten stellt, selbst vor die der psychischen Vergeblichkeit, so wird es meine Kräfte rufen statt sie schwächen, und dies, bis ich dann wirklich, eines Tages, sterbe.
Momentan, nach dieser Unterleibsaktion liegt mir dies ferner als je. Ich war immer auf der Seite meiner Organe, auch denen anderer Menschen, so ich sie denn liebte, habe unsere Organik immer besungen, das wirst auch Du nicht ändern können, geschweige mich zurücknehmen lassen. Das Wunder der Chemie bleibt größer als das irgendeines GOttes noch durch den Krebs, durch Dich, hindurch, die Krebsin Λίγκλια καρκίνος. Und da, zwischen Kloverschlag und rost’ger Außendusche, zeigte sie halt a bisserl Humor: auch sie, Chemie, bewegt sich geschmacklich nicht immer auf höchstem Niveau. Mehr, o schöne Sirene, ist nicht gewesen. Ich meine, wenn das schon alles ist an schlimmen Nebenwirkungen meines Nefudhindurchkarawanens, dann kann ich wirklich zuversichtlich sein, und Dich — Dich darf ich, Lililein, mal einfach ein bißchen auslachen heut.

Und dann, schöne Sídhe, als heute dieses Briefes Abschluß: Seit Cagliostros THC habe ich keine Tablette mehr nehmen müssen, einfach durchgeschlafen, ohne Schmerzen, wohlstgemut erwacht. Da meinst Du in der Tat, mich erpressen zu können oder auch nur in Harnisch zu bringen? Besser wäre doch – für uns beide, Lilifee –, Du nähmest wieder die Circegestalt an, in der ich Dich erstmalig sah, in der Du zu mir erstmals sprachst und schliefest paar Jahre später genauso mit mir, besser, ja, besser, Du wandeltest Dich jetzt in einfach sie zurück und wir legten uns aneinander — ob oben Du, ob oben ich, das würden wir schon sehen. Wir hörten eh erst einmal zu, uns selbst zu und der Musik, die ich für jetzt uns ausgewählt hab:

Beethoven,  Rasumowski II op.59.2

Dir gut, ob Du es willst oder nicht:
A.

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10 Responses to ANH an Liligeia, fünfter Brief: Geschrieben am Sonnabend und Sonntag, den 23. und 24. Mai 2020. {Krebstage 25 & 26: Chemo, Nebenwirkungen – heute und hier zu deren bislang, ja, krassester).

  1. Avatar ReniIna von Stieglitz says:

    ….. Sie wissen, Liligeia, genau, was ich meine — ach, aber Li, wenn Du glaubst, ich behielte dieses, weil es tatsächlich den Schambereich verletzt, nein, die glühenden Zigaretten der Wut in ihm ausdrückt, – behielte es für mich, um nicht nur am Geschehen selbst, sondern nicht auch noch an der Würdelosigkeit zu leiden, in die mich ihre Darstellung vorgeblich stieße, so wirst Du Dich, mein Tumorchen…
    – – Nun, es scheint nicht so einfach, konsequent von SIE oder IHRE auf DU oder DEINE herüberzuwechseln..oder ist das so gewollt?
    Ja, auch ich könnte durchaus viel mehr Worte verlieren…ich möchte es jedoch nicht…wie gesagt: als eher fremd bzw. aussenstehend, was die Gesamtsituation betrifft, könnte es als aufdringlich empfunden werden…alles Gute…RIvS

    • Liebe Frau von Stieglitz,
      der Wechsel von „Sie“ zu „Du“ und umgekehrt ‚geschieht mir‘ vielleicht nicht in jedem Fall bewußt, ist also nicht jedesmal geplant, aber scheint mir insofern höchst organisch zu sein, als Lis und mein Verhältnis weder ein klar noch gar ‚harmonisch‘ geregeltes oder sonstwie austariertes ist. Wir hängen mindestens genauso aneinander wie wir uns existentiell abstoßen. Dem gibt die Sprache Klang, oft nahezu automatisch durch den jeweiligen Rhythmus des Satzes, bzw. Satzabschnitts geformt. Es ist wie bei sehr vielen, wenn nicht den meisten meiner Texte mehr auf die Klanglichkeit als den Inhalt zu achten, der ohnedies, insofern und wenn er eindeutig ist, stets banal ist. (Alles Eindeutige ist banal und darum ohne wirklich künstlerisches Interesse. Auch mein Krebs ist banal – was ihn nicht „weniger“ macht oder weniger wichtig; er ist nur als solcher erst dann ein angemessener Gegenstand, wenn er in Kunst verwandelt wird.)

      Wie dem nun auch sei, wie immer danke für Ihr Mitsein. Es gibt überhaupt keinen Grund, sich zu entschuldigen: Sie sind in keiner Weise aufdringlich. Im Gegenteil.
      Ihr ANH

  2. Avatar franzsummer says:

     
    Das ist beeindruckend deutlich und klar geschrieben, was da vorging auf Ihrem Klo. Der Krebs oder die „zauberhafte Li“ haben Sie am besten gleich mit „ausgesch…..en“. Irgendwie ist da wohl eine Bombe explodiert. Das war absurd und voller Komik wie ein einem Film von Tarantino… ich habe sehr gelacht und sage: richtig so, wenn etwas peinlich ist, dann diese angebliche Königin Li mit ihren Drohgebärden.
    Weiter so, dann schaffen Sie es, als Sieger hervor zu gehen. Ich drücke mal als Leser die Daumen und denke, mit mir bleiben viele andere dran in der Lektüre, man sollte es später als Buch in Krebsstationen verteilen.
    Wenn Sie weiter leben und zwar ohne „Madame“. Schönen Sonntag wünsche ich.

    • Lieber franzsummer,
      Auflösung in Komik, ja, und zwar gerade dann, wenn wir selbst die, nun jà, „Leidtragendenden“ sind – das gibt uns eine ziemliche Freiheit, wenn wir’s schaffen. Und addiert den Stolz.
      Doch bleiben Sie bitte auch Li gegenüber gerecht. Sie ist nicht grundlos da in mir, in einem gewissen-ungewissen Sinne habe ich sie hergerufen (dies mir vorzuhalten, hat sie völlig recht) – und werde darauf an anderer Stelle eingehen, habe es jedenfalls dringend vor. Lis Drohgebärden mögen zwar lächerlich wirken (was sie, weil eben nicht Gebärde, nicht sind), aber sie sind auch ein Ausdruck der Hilflosigkeit, vielleicht sogar von organischer Verzweiflung. Und gehe ich jetzt in mich selbst, dann bemerke ich, daß ich dieser Königin die Antwort auf eines schuldig blieb, das sie doch zurecht gefragt, zurecht mir vorgeworfen hat: wieso ich tatsächlich nun auch noch selbst auf meinen Körper schieße, dem hoch dankbar zu sein ich all mein Leben lang solch einen Grund gehabt habe. Ich werde die Antwort unbedingt nachholen, will auf keinen Fall kneifen. Aber nicht heute werd ich’s tun, sondern wohl erst morgen in, wie mir eben einfällt, Form eines hinterhergeschickten Postskriptums.
      Ihr ANH

  3. Avatar franzsummer says:

    Danke, ich selbst hasse diese Li s, die als Krebs daher kommen, weil sie so trickreich und tödlich sind. Meine Frau damals war an Leukämie erkrankt und irgendwann sollte sie täglich eine Tablette nehmen, die „Glivec“ heißt, das wäre die letzte Phase, sie hatte alle Chemos absolviert und es fehle nur noch die Stammzellenspende.

    Eine einzige Tablette kostete 900 Euro und wurde als Wundermittel angepriesen. Ihr Herz war völlig gesund, aös sie ein halbes Jahr zuvor eingeliefert worden war und dann blieb es auf einmal stehen. Mit Bedauren hörte ich von den Ärzten, dass eine Nebenwirkung des Medikaments leider „manchmal“ zu schweren Herzfehlern führt.

    Da hatte sich ihre persönliche Li was feines ausgedacht. Passen Sie auf sich auf und lassen Sie alles gut untersuchen, am besten von mehreren Ärzten der Nebenwirkungen wegen.

    Li ist nicht dumm. Sie sucht quasi die Schwachstellen der Opfer.

    • Genau das tut sie, ja – und eben nicht nur „quasi“. Mir ist das sehr bewußt. Übrigens kann die Nebenwirkung eines >>>> meiner Chemomedikamente ebenfalls eine schwere Herzstörung sein, nämlich ein – Infarkt. ich solle also einen plötzlichen Herzschmerz sofort, aber sofort melden (in der Nefud ist das leicht, weil Faisal neben mir reitet; für Berlin habe ich seine private Mobilnummer bekommen). Betreffe, so Faisal, einen unter zehntausend Patienten, ist statistisch also unwahrscheinlich. Nur haben statistische Aussagen keine Wahrheitsfunktionalität, was das erste war, das uns Neulingen „mein“ höchst pfiffiger Logik-PD Trapp, ein Eßlerschüler, am Frankfurtmainer Philosophikum beibrachte.

  4. Avatar Klo.o.loge says:

    Nach Dekodierung Ihres Textes gehe ich davon aus, dass eine Nebenwirkung der Chemo und der Medikamente eine Ver.stop.fung ist. Folgendes mir hat gehelft: Flohsamenschalen – zwei Teelöffel morgens ins Müsli – oder den Tee – oder…
    Seither (Jahre ist’s her) keine Ver.stop.fung mehr.
    Konnte ich helfen?

  5. Avatar ReniIna von Stieglitz says:

    Ja, in gewisser Hinsicht fühle ich mich hilf- und sprachlos was inzwischen dieses KrebsThema angeht – insofern lieber Herr franzsummer möchte ich mich für ihren Beitrag bedanken – ja – ich begleitete meinen Bruder eine gewisse Zeit (Liposarkom) und eine meiner Freundinnen (Bauchspeicheldrüsenkrebs) – ich bin in Situationen hineingeraten, die mir schlicht den Boden unter den Füßen weggezogen haben — bewundernswert diese Idee, lieber Herr ANH, dieser Gedanke einer Expedition – nur, mir gehen soviele Gedanken durch den Kopf, das ich fürchte, ich könne das Positive in meinem Geschreibsel gar nicht transportieren – zur Zeit – und so verstrickte ich mich die letzten Tage wieder in eine alte, von mir entwickelte literarische Person namens „Grauhofer“ hinein – den habe ich jetzt wieder auferstehen lassen, nachdem ich ihn damals vor knapp 20 Jahren (sinnbildlich gesprochen) an seinem Geburtstag in seiner Badewanne versenkt hatte – – eine Freundin riet mir, ihn doch endlich aus der Wanne zu befreien, mit seiner schrecklich verschrumpelten Haut vom langen Baden – nun ja – ich hab ihn wiederbelebt – ihm gehts gut – und die ersten 2 Episoden sind fertig – wenn es mir gestattet sei, würde ich ihn gerne einem breiteren Publikum vorstellen – möglicherweise findet sich jemand, der mit mir zusammen die restlichen 10 Episoden entwickelt – lach – wie der Name schon sagt – Grauhofer ist männlich und mit seinen 45 Jahren sexuell auch noch aktiv – manchmal schwingt das in den Episödchen mit – so – fast nebenbei — ansonsten ist er friedlich- pflegt seine Zurückhaltung, wenn es um politische Äußerungen geht – pflegt sein haltloses Leben und ist dermaßen diplomatisch – das es fast schon weh tut… – Herzlichen Gruß in die Runde, einen schönen Abend ich wünsche und bis bald – RIvS

  6. Avatar Geige says:

    Wann kommt der Film zum Blog?

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