Aus der Nefud, Phase I (1): dritter Morgen. Krebstagebuch, Tag 24 – mit dem Arbeitsversuchsjournal des Freitags, den 22. Mai 2020. Allerdings eine ungeheure Entdeckung darin.

 

[Nefudlager,, 6.32 Uhr
Schubert, Streichquartett 15 G-Dur, Pražák Quartet)

Schön sieht sie aus, die Nefud, auf Arabisch geschrieben: صحراء النفود, und ich schlage vor, diese Wörter (Ṣaḥrāʾ an-Nafūd) fortan stets anstatt des profanen „Chemo“s zu sprechen. Sie haben den magischen Klang der Beschwörung und entsprechen somit den → Namen. Jedenfalls werde ich es fortan so halten, zumal diese Wüste ganz gewiß nur selten mit Musiken in Verbindung gekommen ist, wie sie sie nun kennenlernt. Gestern abend, kaum daß sich – ein nicht nur herabsausender, nein –knallender Vorhang – die Dunkelheit auf … nein!, bis  unter uns gestürzt hatte und es sofort beißend kalt geworden war, hatte ich, nachdem noch eine Decke über die Schultern meines Gewandes geworfen, mein bose-Zauberkistchen vor das Zelt gestellt und mich zu beiden (vor das eine, nebens andere) gesetzt, um meiner Entdeckung des Tags zuzuhören. Der milliardenfach gestirnte Himmel rief zur Ewigkeit. Schubert starb nur ein Jahr nach Beethoven, stellen, Geliebte, sich sich das nur vor! Und hinterließ ein Streichquartett, das quasi niemand wollte: die Nr. 15 in G-Dur und das extrem von Beethovens späten Streichquartetten beeinflußt ist, ja ohne sie nicht denkbar wäre, die uns noch bis in die Fünfzigerjahre von führenden Musikkritikern für „mißlungene Musik“ ausgegeben wurden. Man muß sich fragen, wo die denn ihre Ohren hatten? (Man muß sich das heute noch fragen, für die Heutigen, bitter fragen; seit es Kritiken gibt, ist es so; die  meisten sehen nicht – können’s offenbar auch nicht, geschweige denn zu hören –, was ihres Berufes hätte doch zu sein! Daß es so nicht ist, wäre hinzunehmen, hätten nicht sie, die Vermittler, unterdessen den Status von „Stars“ ebenso eingenommen wie in der Bildenden Kunst die sogenannten Kuratoren, bei denen es wurscht ist, ob man mit oder ohne weiteres Sternchen hinten ein „innen“ noch dranhängt.)
Ich saß und schloß die Augen, die Wüste war ganz still – abgesehen von dem dauernden Nachtheul des Windes, das aber nichts als unentwegtes, doch hohles Pfeifen war und durchaus mit dem Rauschen zu vergleichen, das wir in Konzerthallen und Opernsälen vernehmen, wenn wir die Sinne darauf konzentrieren. (Sollte man nicht tun, jedenfalls nicht darauf. Es lenkt genauso ab, wie wenn wir uns in einem Gespräch bewußt auf die „äh“s in den Sätzen des Gesprächspartners fokussieren: Schließlich hörn wir nur noch die.)
Ich war froh, von dem Dromedar herunterzusein; den ganzen Tag über war mir von seiner Schaukelei, aber auch morgens mit dem Aufwachen schon, unterschwellig schlecht gewesen — eine der typischen, allerdings nicht so schlimmen „Neben“wirkungen der Nefud, daß ich hätte → einen der Blauen Fische schlucken müssen. Das habe ich bislang erst nur einmal getan, vorgestern, und es hatte schon deshalb nicht viel gebracht, weil mir nicht klar war, woher die Übelkeit rührte, ob tatsächlich von der Nefud oder daher, daß ich auf ein bestimmtes Essen mit Widerwillen reagierte. Passiert mir nämlich grade dauernd.
Mit Kokosöl ging’s los, das लक्ष्मी mir für diese Reise besorgt. Habe ich es in ein Getränk eingerührt und nehme davon, steigt mir fast sofort der Magen – eine Reaktion, die sich unterdessen auf anderes übertragen hat, zum Beispiel auch mit, völlig bizarr für mich, ausgerechnet Käse. Den Vorrat bester Sorten, den ich mir angelegt hatte, mußte ich jetzt, damit er nicht verdirbt, in die Kühlschläuche geben. Doch seit ich in die Wüste eingeritten bin, reagiere ich auf meine frisch gepreßten Säfte genauso, mit dem höchst zweifelhaften „Erfolg“, daß ich noch weiter abgenommen habe und nunmehr, mit einsachtzig!, weniger als 69 kg wiege. Angesichts dessen, was bevorsteht, ist das alles andere als gut. Weshalb mir Freunde Päckchen mit sogenannter Astronautennahrung geschickt haben, der uns nachgerittene Bote erreichte das Lager gestern nacht, da war das Streichquartett schon ausgeklungen, ich hatte mich grad auf und unter meine Teppiche zurückziehen wollen (so nämlich verbringt sich die Nacht hier am besten: auf und unter Teppichen, die, tags zusammengerollt, von den Lastenkamelen mittransportiert werden) – nicht zu fassen, daß er Hadschi Halef Omar hieß! aber dann ging der Name mit Mohammad Kadar Ibn Safi weiter, was ich eigentlich hätte, wie Ralf Wolter, auswendig lernen müssen, um ihm die Ehre zu erweisen. Nur starb auch Lex Barker bereits sehr früh – mit 54! früher als selbst ich’s noch schaffen könnte, mit fünfundsechzig hab ich sogar schon meinen Vater überlebt – und außerdem war ich dennoch zu müde, mußte obendrein der einen Melatonin und halben Zolpidem eine Schmerztablette hinterherschlucken, weil sich das fürs Schlafen als hilfreich herausgestellt hat: Dann wache ich nämlich nur einmal auf, um die zwei Uhr nachts herum, erledige meinen Wassergang, leg mich wieder hin und schlafe durch bis fünf. Das ist allerbestens. Und seit heute früh sogar, ohne daß mir übel ist. Gestern hingegen ging’s damit ziemlich unleidlich zu und hielt sich fast bis mittags durch, als längst mein Reittier das seine dazutat. Und die glühende Hitze.
Die nun noch eine für die Nefud typische Nebenwirkung verursacht hat, vor der mich schon mein Faisal Josting gewarnt hat; ich bin deshalb überaus froh, diesen Wüstenarzt bei mir zu haben. Sein Rat ist unschätzbar, auch wenn meine Hausärztin vor drei Tagen, nachdem ich ihr erzählt, Faisal habe gesagt, → daß er meine Erkrankung für heilbar halte, überraschend überrascht „Sportlich, sportlich!“ von sich gab. Was mir nun nicht mehr aus dem Kopf geht und also durchaus nervt, vor allem nachts. Denn → der andere Faisal, Lawrences also, war auch von der arabischen Freiheit überzeugt: daß sie kommen werde – was nicht kam. Genies wie T. E. Lawrence werden von den Kuratoren für völlig andere als ihre eigenen Interessen benutzt und können sich auch dann nicht wahren, wenn diese „Kuratoren“ Diplomaten oder sonst etwas aus den bürgerlichen Berufen sind.
Doch schlimmer… nein, unangenehmer (wirklich „schlimm“ war davon bislang noch nichts) … unangenehmer sind die zwei weiteren „Neben“wirkungen, mit denen ich derzeit zu tun habe. Ich habe Ihnen, Freundin, schon vom Grundgedanken der Nefud erzählt (wenn wir eine Wüste denn mal „Gedanke“ nennen dürfen, ein arger Mystizismus, ich weiß): nämlich die sich im Körper auffällig schnell teilenden Zellen anzugreifen, zu denen solche wie meiner Tumorin → Lis eben gehören (auf die ich gleich noch gesondert zu sprechen kommen muß). Leider aber zählen auch die Zellen der Mund- und Darmschleimhäute dazu (ebenso wie Haar und Horn) … und tatsächlich, leider, wurde gestern mein Mundinnres höchst empfindlich, fast schon aphtisch. Vor Jahren, in meiner römischen Zeit, hatte ich sowas schon mal. Weshalb ich es kannte. Und hatte nicht Faisal auch davon erzählt? Hatte er, ja, aber er schlief bereits, ich mochte ihn nicht wecken. Schaute statt dessen meine Medikamente durch. Ah, ich erinnerte mich, Dexamethason, ein Kortikoid: dafür war es da. Also vorm Schlafen auch das noch geschluckt. Und in der Tat: Heute früh ohne jede Beschwerde (auch schlecht ist mir nicht, und Schmerzen habe ich nicht).
Dennoch, bizarr ist alles das schon: Ich, der zeitlebens ein Tablettenmuffel bis schärfster Tablettenfeind gewesen bin, schlucke nun das Zeug im Akkord: Und das einzige, was mich dabei beruhigt, ist, daß ich’s wüstenhalber tue, allein der Nefud wegen. Am Berliner Schreibtisch hingegen hielte ich’s kaum aus.
Und eine weitre Nebenwirkung hat mich erwischt, die, wenn ich über sie schreiben soll, heikler, nämlich schamheikler ist. Noch weiß ich wirklich nicht, wie mir ihr so öffentlich umgehen. Außerdem ist für sie die Wüste wiederum blöd: Ich brauche sozusagen eine Dauertoilette – aber nicht, weil’s unten nur so herausschießt, sondern weil im Gegenteil alles zwar da ist, aber komprimiert zu einem Pfropf oder har mehreren Pfröpfen von geradezu Brennholzdichte und -trockenheit. Das kommt nicht voran, nicht voraus, sondern müßte abgebrochen werden – ein Umstand, der meinen langsam schwindenden Appetit und meiner bereits geschwundenen Eßlust erst recht nichts mehr entgegensetzt. Ich fürchte, nur hoffen zu können, daß es in der nächsten Apotheke eine Drogerie gibt, die Birnspritzen führt. Mit sowas, sagte eben Faisal (und lächelte höchst süffisant, ich sah’s sogar durch seinen über die Nase gezogenen Shemagh), bekämen wie die Sache schnell in den, nun jà, „Griff“: „Warmes Wasser und Öl, mein Freund, und Sie sind’s los.“
Nur, wann werden wir die nächste Oase erreichen? Sehr bald? O bitte, bitte sehr bald! – Faisal, weise, schwieg. Aber lächelte er? Tat er, ja, es war an den Fältchen je seitlich der Augen zu sehen, die sich zum Himmel richteten: إن شاء الله

Aber das alles erst heute morgen, nachdem ich ohne jede spürbare Nebenwirkung aufgestanden war und mit meinen Mokka bereitet hatte; da streifte Faisal katzenpfötig von der Seite heran und grüßte in der edelsten Form: „السَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ وَبَرَكَاتُهُ!“ („Allahs Friede und Barmherzigkeit mögen auf Dir liegen wie sein Segen“). „Ihnen“, mein Freund, grüßte ich auf Deutsch zurück, „der Göttinnen Allerreichstes auch.“ – Er runzelte nur kurz die Haut unter seinen zusammengewachsenen pechschwarzen Brauen, dann ging die Wärme eines zuinnersten Lächelns durch sein Gesicht, das sich dennoch nicht, nicht einen Millimeter, verzog, sondern jeglich‘ Würde ruhig wahrte. – Ob er sich zu setzen  dürfe? – Ich umschrieb den Halbkreis mit meinem rechten Arm, dessen Hand schließlich in der Luft über einem Kissen schweben blieb. Mit der anderen Hand hinter mich langend, holte ich ein zweites Mokkatäßchen aus dem geöffneten kleinen Karton.
Es sei da, hub er, Faisal, an, gestern in der Nacht eine Musik gewesen, die ihn beeindruckt, aber auch verstört habe – etwas „von drüben her“ (sofern ich sein „من وراء“ richtig verstand, „from over there“ fügte er, nunmehr profan, auf Englisch hinzu). Es sei wie ein andrer أَذَان von andren Minaretten („like another ذَان from other minarets“). – Er meine sicherlich den Schubert. Ja, auch mir sei das Stück neu und ebenso erschreckend, aber auch voll der Erkenntnis gewesen und einer Liebe, die so unpersönlich, daß wir sie kaum noch menschlich nennen könnten; derart „allgemein“ klinge sie, was ja nichts als ein anderes Wort für abstrakt sei. „Sie meinen ‚göttlich'“, sagte er. „Ich meine: ewig“, sagte ich.
Er würde sie gerne noch einmal hören, zusammen mit mir.
Wir haben Glück, nein: Segen, und zwar zweifach; zum einen, weil wir über Satellitentelefone mit dem Internet verbunden sind; zum anderen, weil es bei Youtube eine Aufnahme gibt, die mir sogar noch essentieller, weil radikaler vorkommt als die durch das von mir gemeinhin favorisierte Alban-Berg-Quartett, nämlich diese dort:

Sie ist im Wortsinn ungeheuer. Sowie sich heute Zeit finden wird, wahrscheinlich gegen Abend, wenn wir den nächsten Ruheplatz gefunden haben werden, werde ich ihr zusammen mit meinem, ja, Freund? abermals lauschen. Jetzt aber, wieder auf dem Dromedar, muß ich über meine Antwort an Liligeia nachdenken, → deren wirklich übler Brief mir selbstverständlich nachgegangen ist. Ich fand ihn gestern morgen, da mir doch eh schon schlecht war, in den Mails. Vielleicht wäre es klug gewesen, oder sinnvoll, ihn zu löschen und überhaupt nicht drauf zu reagieren. Andererseits dachte ich mir, es sei nötig, dem Krebs ihre Stimme zu lassen, ja zu geben – und daß alles hier, inklusive diesem Krebstagebuch, eben nicht „nur“ ein poetisches Spiel, sondern eines sei, daß in die Existenz greift, ja in ihr wühlt und sie möglicherweise mir ausreißt. Da gibt es nichts zu schönen, und genau das muß deshalb deutlich werden. Insofern ist Lis Brief dann doch in keiner Weise „böse“, sondern einfach klar aus der Situation eines Tumors geschrieben, dem wir unterstellen, daß er Bewußtsein habe. Nur dann aber können wir mit ihm sprechen, er mit uns (sie mit mir), ohne daß wir ihn (sie) aus uns ausgrenzen, als wäre er (sie) nicht in uns drin („Fleisch von deinem Fleisch“). Also hat sie auch ein Recht, derart zu sprechen, und es ist an mir, eine Form der Erwiderung zu finden, die zwar ebenfalls deutlich genug ist, uns aber dennoch weiterzusprechen erlaubt.
Wobei ich sicherlich auch deshalb so milde grade gestemmt bin, weil ich heute früh weder Schmerzen habe, jedenfalls bisher nicht, als mir auch nicht übel ist. Eigenartigerweise. Denn gestern abend (in der Wüste?? hab ich das geträumt??) kam ich im Anschluß an den Abendspaziergang mit लक्ष्मी an einer Sushia vorbei und wurde von einem Riesenappetit, der ich doch über den ganzen Tag fast gar nichts gegessen hatte, aus Sashimi geflutet. Und weil ich drei Tage vorher einen ganzen gebackenen Wolfsbarsch (auch der schon war nicht bullig gewesen) verzehrt hatte, ohne daß mir irgendwie mies davon wurde, gab ich auch jetzt dem Lustanfall nach und bestellte – „zum Mitnehmen“ – ein ganzes, wenn auch mit 18 Euro ziemlich teures Sashimi Moriwase, weil die anderen Sashimangebote nur Lachs und Thunfisch (Maguro) auf den Platten hatten. Was ich geschmacklich fade finde. Doch wie auch immer, ich aß das Moriawase … nein, „aß“ nicht, sondern „futterte“ es fast zur Gänze auf, ohne irgendeinen Überdruß, ohne jeden Ekel, einfach nur lustvoll und, vor allem, ohne unangenehme Folgen. Und tief, fast selig schlief ich nachher ein.
Also das hat mich sehr, sehr gütig gestimmt, auch und gerade der schönen Li gegenüber. Und dann hat bestimmt auch Ricarda Junges Dompredigt eine Rolle gespielt, die ich gestern live mitgeschnitten und zum Nachhören in Die Dschungel gestellt habe, → dort. So beeindruckend fand ich, der nicht an EInen – den EInen – GOtt glaubt, sie. Ich glaube, wenn ich denn glaube, an Göttinnen und Götter, glaube also plural, und an Volksgeister und -geisterlein. (Genau deshalb wahrscheinlich hat Faisal, der es ahnt, vorhin so kurz die Augenbrauenhaut gerunzelt, bevor wir über Schuberts Quartett zu sprechen begannen, was sie nahezu sofort sich wieder glätten ließ. Und ich muß daran denken, daß Ricarda einmal gesagt hat – es liegt Jahre zurück, aber ist mir immer, immer nachgegangen –, sie kenne niemanden, der GOtt so nahe sei wie ich. Gerade die Absurdität dieser Aussage – über einen zutiefsten Feind des Monotheismus – gibt ihr eine enorme Strahlkraft, und zwar gerade vom christlichen Gedanken aus, sofern wir ihn denn ernst nehmen. Was zu tun ich durchaus gewillt bin, doch ohne ihm kirchlich zu folgen.)

Religion. Wenn wir über den Krebs sprechen, wenn wir über die Tumorin, über Li, sprechen, kommen wir um sie nicht herum. Wenn wir über den Tod sprechen, egal ob er schon vor der Tür steht oder vor sich noch eine Riesenfahrt hat, oder wir sie vor uns haben … unsrerseits zu ihm hin:

Weil ich unter dem Tschilpen der Spatzen, die wirklich überall sitzen (…),

heißt es am Ende im TRAUMSCHIFF,

während Doktor Samir einen direkt auf der Hand hat, die er ausgestreckt hinhält, damit der kleine Vogel nicht erschrickt. Weil ich unter diesem ganzen, ich kann es gar  nicht anders sagen, Lärm den Ton hören kann.
Dass zu sterben so laut ist, wer hätte das gedacht?
Dass es klingt.

 

 

Ihr
ANH

(kurz zurück in der Arbeitswohnung, 10.29 Uhr)

 

 

Denn, P.S., zum „Arbeitsversuchsjournal“ noch eben:
All meine Versuche gestern, es waren einige, in → die Béarts zurückzukommen, sind ziemlich kläglich gescheitert, weiterhin in der No. XXXII, der vorletzten des Zyklus. Ich kam nicht weiter, als daß mir der Schwarmtrieb von Bienenstöcken einfiel, ihr Hochzeitsflug. Aber kaum hatte ich es hingeschrieben (und recherchierte selbstverständlich weiter), erwischten mich die nächsten Gedanken an den Krebs und an meine mögliche Antwort an Li. Und dann wollte ich einfach nur hinaus — dies alles in der Parallelwelt meiner Berliner Existenz, die sich getrennt von der Durchquerung der Nefud weiterbegibt und dennoch tief mit ihr zusammenhängt, ein ständiges, durchaus andersweltsches Hin & Her zwischen den Welten und ihrer selbst. Wäre ich nicht tatsächlich erkrankt, ließe sich durchaus von Irresein sprechen oder davon, es zu werden – des poetischen, wie wir früher sagten, „Wahnsinns fette Beute“, doch letztlich Liligeias PRey, an der zuvor wir selbst gesaugt.

(Noch immer weder Übelkeit noch Schmerz, sondern reines ruh’ges Innen.
10.45 Uhr)

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5 Responses to Aus der Nefud, Phase I (1): dritter Morgen. Krebstagebuch, Tag 24 – mit dem Arbeitsversuchsjournal des Freitags, den 22. Mai 2020. Allerdings eine ungeheure Entdeckung darin.

  1. Avatar Gaga Nielsen says:

    Der völlig unangebrachte „sportlich, sportlich“-Kommentar… unnütz und ärgerlich. Man hätte gleich parieren müssen: „Ja, ich BIN und sehe das sportlich! Wie denn SONST? Vorschläge? Anregungen?“

  2. Avatar Gaga Nielsen says:

     

    (…)

     
    Ich kam auf meiner Reis im Karawanenpfade
    Unfern dem Kaukasus ans kaspische Gestade;
     
    Und lernt auf Bakus Flur begreifen, wie die Guebern
    Dort machte die Natur zu Feuerdienst-Urhebern.
     
    Halb eine Meile von der Stadt ist eine Stelle,
    Im naftareichen Land die reichste Nafta-Quelle.
     
    Dort ist ein weiter Kreis, in dessen Mitt ich sah
    In ewgen Flammen blühn das heilge Ateschgah.
     
    Und von den Parsen legt ein Führer mir es aus,
    Daß Ateschgah bedeut auf Persisch Feuerhaus.
     
    Die heilge Flamm entblüht der Erde gelb und blau,
    Am Tag ein schöner Glanz, Nachts eine Wunderschau.
     
    Ein Volk von Guebern hat im Kreis um diese Flammen
    Sich angebaut und wohnt in stillem Fleiß beisammen.
     
    Den Feuerehrern hat das Feuer zur Belohnung
    Gegeben ohne Müh die schönste Winterwohnung.
     
    Aus Steinen leicht gefügt, ein Haus mit Dach und Wand
    Steht jedem nach der Wahl, wo einen Platz er fand.
     
    Sie dürfen sich beim Baun nicht um den Bauplatz streiten,
    Der Kranz der Häuser wächst mit Lust nach allen Seiten.
     
    Denn überall durchzieht die heilge Gluth die Erde,
    Und machet jedes Haus von selbst zum Feuerherde.
     
    Den untern Boden deckt von Lehm die feste Tenne,
    Daß den Bewohner sie von seiner Gottheit trenne.
     
    Doch Öffnungen sind da gelassen, wo erbeten
    Des Elementes Kraft soll aus dem Boden treten.
     
    Du steckest in die Spalt ein lehmumgebnes Rohr,
    Und leitest wie du willst den Feuergeist empor.
     
    Und überall im Haus, wohin das Rohr du mündest,
    Da leuchtet es, sobald du an den Dunststrom zündest.
     
    Es ist ein schönes Licht und brauchst es nicht zu putzen,
    Ohn Aufwand kannst du es im Haus beliebig nutzen.
     
    Leinweber sah ich so die ganze Nacht durch weben,
    Nach Lust mit schwebenden Rohrleuchten rings umgeben.
     
    Wer aber Kaffe will und wer will Speise kochen,
    Aus andrer Öffnung kommt ein andrer Strom gebrochen.
     
    Ein Feuerstrom, der, ohn Holz oder Kohlenfeuer,
    So gut als beides brennt, und lange nicht so theuer.
     
    Das Feuer schürt sich selbst, und brennt, so lang dus willst,
    Und still vergehts, wenn du mit einem Wink es stillst.
     
    Aus kleinster Öffnung brichts mit gröster Kraft hervor,
    Und wächst, vom Zwang befreit, zur höchsten Höh empor.
     
    Aus einer Mündung von zwei Zollen sah ichs steigen
    Drei Fuß zuerst, und sich zuletzt zu zwei Fuß neigen.
     
    Und brauchest dus nicht mehr, so brauchet nur zu fächeln
    Ein Fächer, und sogleich verschwindet es mit Lächeln.
     
    Ins unterirdsche Haus kehrt es zurück, sein Thor
    Verschließest du, und still nun wohnt es wie zuvor.
     
    Nur an der Wärme magst du dann sein Walten spüren;
    Sie wohnen Winterlang daselbst bei offnen Thüren.
     
    Das ist vom Feuergeist die eine der Gestalten;
    In einer zweiten ist noch glänzender sein Walten.
     
    Wie er im Hause ruht als brennbar Element,
    So schweift er durch die Flur als Feuer, das nicht brennt.
     
    Oft im September, wann des Herbstes warmer Regen
    Die Abendluft erfrischt, dann ist der Geist zugegen.
     
    Dann siehst du weit und breit, soweit die Blicke gehn,
    Die Felder wie ein Meer in Flammenwogen stehn.
     
    Oft rollt der Feuerstrom in ungeheuren Massen
    Vom Berg herab ins Thal, das ihn nicht scheint zu fassen.
     
    Dann im Oktober, wann der Mond erhellt die Nacht,
    Das ganze Westgebirg von blauem Feuer lacht.
     
    Doch wann die Nacht ist trüb, irrt wimmelndes Gefunkel
    Buntflammig übers Feld, und das Gebirg ist dunkel.
     
    Von solchem Feuer sah ich selber überhüllt
    Das ganze Lager Nachts der Karawan erfüllt;
     
    Daß wilder Schreck ergriff Maulesel und Kamele
    Und selber leise Furcht die doch bewußte Seele.
     
    Wir wußten, daß ein Schein es wäre, doch es drang
    Der Schein als Wirklichkeit sich auf, und macht uns bang.
     
    Wir sahen, daß die Glut kein trocknes Hälmchen sehrte,
    Und am bethauten selbst den Tropfen Thau nicht zehrte.
     
    Die Flammen schienen nur zu schweben auf den Spitzen,
    Wo Blüten saßen sonst, und wieder sollten sitzen;
     
    Als ob dies Flammenspiel des Herbstes, beiderlei,
    Ein Sommernachspiel und ein Frühlingsvorspiel sei.
     
    Wir schritten durch die Glut, die rings empor sich bauschte,
    Um uns wie Ueberschwang von goldnen Aehren rauschte.
     
    Selbst mitten in der Glut war Wärme nicht zu spüren;
    So linde Feuer kann die Gottes Allmacht schüren.
     
    Nicht Wärme fühlten wir, doch eine milde Glut,
    Bewunderung der Macht, die lichte Wunder thut.
     
    Das war vom Feuergeist die zweite der Gestalten,
    Am schönsten aber soll die dritte sich entfalten:
     
    Wann überm Boden selbst nicht eine Flamme bleibt,
    Sich jede drunten birgt, und im Verborgnen treibt;
     
    Im Frühling brechen dann vom Boden in zahllosen
    Verwandlungen hervor die Flammen selbst als Rosen.
     
    Die Gegend heißt davon das Rosenparadies;
    Und jeder, wer sie sah, sagt, daß sie recht so hieß.
     
    Und jeder, wer sie sah, muß preisend anerkennen,
    Wie hell zu Gottes Preis die Rosenfeuer brennen;
     
    Gelbblaues Nafta sich in Wangenroth verklärt,
    Und Schwefelbrodem selbst nun Rosenodem nährt.
     
    Die Rose bracht ich mit von dort, sie ist verblüht,
    Doch die verglommne schürt noch Andacht im Gemüth.
     
    Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen, Band 1, 1836

  3. Avatar Marion Koepf says:

    Danke für den Hinweis auf Schuberts Streichquartett Nr 15. Ein großartiges Werk. Wenn Corona nicht gekommen wäre, hätte ein hervorragendes junges Streichquartett in unserer Konzertreihe die Nr. 14 gespielt, ein nicht weniger großartiges Streichquartett. Dann Beethovens op. 59/3 und dann wahrscheinlich Beethovens Streichquartett op. 130 mit der Großen Fuge. Sehr mutig von dem hervorragenden Leonkoro Quartett, das am auch ausgefallenen Deutschen Musikwettbewerb teilgenommen hätte und nun zur Zeit nicht auftreten darf. Jetzt müssen wir warten bis wieder Konzerte stattfinden können. Herrliche Werke gibt es. Je öfter man diese Streichquartette hört, desto mehr kann man sie genießen.

  4. Avatar Marion Koepf says:

    Danke für den Tip. Da haben Sie recht, diese Streichquartette könnten mir gefallen. Ich habe sie schon bestellt. Ich hatte Stenhammar nicht gekannt. Unendlich reich ist diese Musiksparte. Ich fürchte, mein Leben wird nicht ausreichen, noch alles Hörenswerte kennenzulernen.

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