„Wollen Sie mit mir schlafen?“ Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 9

 

Buchfassung 1983:

(…)

Sie hatten sogar Schach gespielt, waren zeitweise in Schweigen verfallen, hatten sich dann angeschaut, erst verstohlen, schließlich offen, Auge in Auge, lächelnd, bis Falbin leicht mit dem Kopf zuckte, sich abwandte, errötete. – Zum anderen war ihm der Zustand seiner Wohnung in Erinnerung geraten, und selbst, hätte er die Wohnungstüre öffnen können, wäre das innen herrschende Chaos der jungen Frau keineswegs zumutbar gewesen. – Doch ist außerordentlich unvorstellbar, auf welche Weise gerade ein Mensch wie Falbin es angestellt haben soll, ihr vorzuschlagen, sie möge mit ihm in ein Hotel gehen. Aber irgendwann eben, vermutlich vor einer der von ihr so sehr geliebten großen, blankpolierten Schaufensterscheiben oder auch im Schatten des Kirchturms, fragte er sie rundheraus, einfach, schlicht, ob sie vielleicht schlafen möge mit ihm.
»Wollen Sie mit mir schlafen?« Dies ohne Stottern, ohne Rot­werden, ohne jeden krampfhaften Unterton. Ganz schlicht die Frage, das war in seinem sachlichen Ton überaus zärtlich. »Wollen Sie mit mir schlafen?«
Sie antwortete nicht minder schlicht mit einem prompten Ja.
»Nehmen wir ein Hotel?«
»Wollen Sie nicht mehr nach Hause?«
»Ach, wissen Sie, es ging mir nicht sehr gut in letzter Zeit«, sagte er, als wäre es eine Antwort gewesen. Und sie nickte, als hätte sie begriffen.
»Wissen Sie denn ein Hotel?«
Falbin steckte die Hände in die Hosentaschen, lachte, wiegte den Oberkörper, schaute sich um.
»Nein«, sagte er. »Woher auch? Da haben Sie ganz recht.« Nun lachte sie und drückte ihn, daß beide einige Sekunden eng aneinandergedrückt mitten auf der Fahrspur standen. Ein paar Wagen hupten. Lachend machten sie Gebärden zu ihnen hin, liefen weiter. Marianne hakte Falbin wieder unter.
»Na bitte, dann nehmen wir das erste, das so kommt«, sagte sie. »Wie heißt du eigentlich?«
»Claus«, sagte er.
»Na gut … Claus. – Laß uns nach’n bißchen schlendern.« Und fügte hinzu: »Es ist schön.«

Denn auch das Märchenhafte zuzulassen, ist manchmal nötig.
Pappkarton.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

„Aber sicher! Sicher…“ Das im Wortsinn naheliegendste fiel ihm ein, das Wall-Café, klar, und er sah Marianne sich in den Spiegelwänden spiegeln, derweil sie vielleicht Schach spielen würden, Mühle oder Dame oder ein anderes Brettspiel, das in dem Board neben dem Aufgang für die Gäste bereitlag.
Was sie auch taten, nachdem sie zeitweise in Schweigen verfallen waren, weil noch verschwiegen werden mußte, was sich so einfach nicht aussprechen ließ. Statt dessen sahen sie einander immer mal wieder verstohlen an, dann weniger verstohlen, schon lächelnd und offen, nur daß Falbin leicht mit dem Kopf zuckte und einmal sogar sein Gesicht, weil er rot zu werden spürte, von ihr abwenden mußte. Schließlich entschlossen sie sich, in ein Hotel zu gehen. Auf einen Schlüsseldienst hatte Falbin schon deshalb nicht die Lust, weil ihm der Zustand seiner Wohnung allzu erinnerlich wurde, denn selbst, hätte er die Wohnungstüre geöffnet bekommen, wäre das Chaos herinnen Marianne nun wirklich nicht zumutbar gewesen. Dennoch, die Vorstellung ist geradezu bizarr, daß einer wie er ihr ein Hotelzimmer vorschlug. Wie soll er das geschafft, es ausgesprochen haben? Um die Tatsache irgendwie glaubhaft zu machen, stelle ich’s mir so vor:

Er hat nicht im Café schon gefragt. Noch sind sie aufgebrochen wie zu ihm daheim. Lichterdurchglitzt das Abenddunkeln. Sie, erneut, bleibt vor einer wie blankpolierten Schaufensterscheibe stehen, vielleicht auch im noch dunkleren, als die sich senkende Nacht ist, Schatten eines Kirchturms und saugt die süße warme Luft tief in ihre Nüstern. Aus der zugleich gelösten wie nervig-gespannten Kontur ihres Körpers strahlt erwartungsvolle Bereitschaft. Da fragt er sie rundheraus, fragt schlicht und ohne zu flüstern aber, ob sie mit ihm schlafen möge.
„Möchten Sie mit mir schlafen?“ Ohne zu stottern, ohne rotzuwerden, ohne auch nur den Unterton banger Verkrampfung. Gerade sein sachlicher Ton schimmert zart wie ein Samt. „Möchten Sie mit mir schlafen?“
Sie antwortet nicht minder schlicht mit „Ja“.
„Nehmen wir ein Hotel?“
„Wollen wir nicht mehr zu Ihnen?“
„Ach, wissen Sie, es ging mir nicht sehr gut in letzter Zeit“, erklärte er, als wär’s eine Antwort. Sie aber nickt, als hätte sie verstanden. „Wissen Sie denn eins?“
Er steckt die Hände in die Hosentaschen, lacht ein bißchen, wiegt den Oberkörper hin und her, schaut sich um. „Nein, woher auch? Sie haben ganz recht.“
Das wird nun ein Abenteuer.
Sie umarmt ihn und spricht in sein Ohr: „Vielleicht fangen wir erst einmal an, zueinander ‚du‘ zu sagen.“ Und kichert in das Ohr: „Ich bin Marianne.“
So stehen sie eng aneinandergedrückt über eine Minute mitten auf der Fahrbahn.
Ein Auto hupt.
Sie winken ihm zu, lachend, laufen weiter. Bevor Marianne ihn erneut unterhakt, sagt er: „Ich bin Claus. Und wir nehmen wir das erste Hotel, das so kommt.“
„Doch laß uns zuvor noch ein bißchen schlendern. Der Abend ist so schön.“

Manchmal ist es nötig, auch ein Märchen zuzulassen.
Pappkarton.

(…)

 

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu „Wollen Sie mit mir schlafen?“ Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 9

  1. Oda Anders sagt:

    Interessant! Damals habe ich Ihr Buch leider nicht entdeckt. Es ist direkt, offen, frei von Zwängen… so scheint es mir anhand des kurzen originalen Textausschnittes.

    Die aktuelle Fassung lässt mich etwas dieselbe verlieren…. eine schlecht gemachte Kopie! Schon allein der Begriff „kichern“ und der kinoreife Glitzerstrass an Beschreibung des Umfelds
    vernichten das Werk in seiner individuellen und eindrücklichen Aussage!
    Warum nicht eine unlektorierte Neuauflage, in der der Geist jener Zeit erhalten bleibt, weil er eben so war.
    Vielleicht wäre eine Fortsetzung im Hier und Jetzt die bessere, ehrlichere Arbeit?
    Das auf dem aktuellen Foto erkennbare Chaos der Tonaufnahmen -also eines mit gutem Grund- ist wie ein Pendant zu dem vermutbaren im Ursprungstext. Im lektorierten wird dagegen lange erklärt, warum eine Einladung in die Wohnung nicht möglich ist. Dabei sagt der Satz, … „mir ging es in letzter Zeit nicht gut“… doch alles und wird auch verstanden! Sollte der heutige Leser weniger sozial intelligent sein? Im wahrsten Sinne vorgeschriebener Assoziationen bedürfen?
    Mir stellt sich nun die Frage, ob die frühen Gedichte auch „angepasst“ wurden? Falls ja, an wen?
    Ich werde versuchen, das Original des Buches noch zu finden. Für mich und vielleicht andere Leser, die nicht ohne Grund Originale bevorzugen. Mit dennoch freundlichen Grüßen und behalten Sie lieber einen klaren Kopf, damit es Ihnen nicht wie Nietzsche ergeht, dessen durch die Schwester geklittertes Werk dem Original vielleicht nur noch wenig entsprechen dürfte…
    Es gibt doch ( noch) keinen Grund, sich ‚aufs Eis zu begeben‘. Der könnte aber dadurch entstehen…

    • Liebe Frau Anders,
      „naturgemäß“ sehe ich es anders. Doch erst einmal: Der neue Text ist noch nicht lektoriert; das Lektorat wird beginnen, sowie ich meine Überarbeitung fertig habe. Dann wird sich erfahrungsgemäß ohnedies noch manches sehr ändern.

      Aber grundsätzlich: Was Sie als „direkt, offen, frei von Zwängen“ empfinden, ist für mich oft eine gequälte Stelzerei, etwa die Formulierung „war ihm der Zustand seiner Wohnung in Erinnerung geraten“; der damalige Romantext starrt von solchen Subjektivierungen, auch vor permanenter Nominalisierung – kurz, mein Stil damals war restlos verdinglicht, was gewiß mit meinem Philosophiestudium zusammenhängt, von dem ich seinerzeit ausgesprochen beeinflußt war. Entsprechend mußten auch die vielen „Referate“ aus dem Roman raus, bzw. zur Erzählung verflüssigt werden. Eine geschilderte Erstarrung (aus der die Protagonisten sich lösen möchten) darf stilistisch nicht selber starr sein, so wenig wie ein Text über Langeweile langweilig. Ich verfügte damals aber noch nicht über das nötige Handwerk.
      Wiederum was Sie „kinoreifen Glitzerstrass“ nennen, ist schlichtweg Erzählung einer blitzend funkelnden Nacht; es sind Bilder, die in dem alten Text ebenfalls fehlen, der nämlich behauptet, anstelle zu zeigen. Usw. „Kinoreif“ kann ich ohnedies nicht als etwas Abfälliges sehen, ich geh ja gern ins Kino. – Allerdings gar nicht nachvollziehen kann ich Ihren moralischen Unterton. Wieso soll meine Bearbeitung „unehrlich“ sein (Sie sprechen von „ehrlicherer Arbeit“); welch bürgerliche Perspektive wird da an Kunst angelegt?
      Wiederum mit der von Ihnen monierten „Erklärung“ des Zustandes von Falbins Wohnung haben Sie für die hier vereinzelte Szene sicherlich recht, nicht aber, wenn Sie im Gesamttext die Funktion betrachten; hier wird – was Sie selbstverständlich aus dem kurzen Abschnitt nicht ersehen können – ein Leitmotiv fortgesetzt, das sechzig oder siebzig Seiten vorher letztmals anklang; für meinen Instinkt brauchte es nun eine Firmung.

      Was die Überarbeitung selbst anbelangt, finde ich sie allein schon deshalb gerechtfertigt, als das „alte“ Buch ja tatsächlich nach wie vor zugreifbar bleibt, etwa >>> dort sowie in vielen Bibliotheken. Genau das wird die Überarbeitung noch zusätzlich reizvoll machen, literaturwissenschaftlich gesehen.

      Last but not least sind in dem alten Buch mindestens zwei Drittel der Konjunktive falsch, was mir damals von der Kritik mit allem Recht aufs Brot geschmiert wurde, und zwar fett, doch nicht als Butter. Ich habe draus gelernt.

      Wie nun aber auch immer, haben Sie in jedem Fall Dank für Ihre genaue Einlassung.

      ANH

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