Bärte Oder Die Trauer. Pfingstmontags-Arbeitsjournal, 24. Mai 2010: Sein Gesicht verdecken.

9.17 Uhr:
[Am Terrarium. Beethoven, Erstes Klavierkonzert.]
Als wir heimkamen gestern, sahen wir unseren kurdischen Lebensmittelhändler etwas abseits von den Bänken seiner Straßenauslagen stehen, still und tiefschwarz bärtig; der Bart wächst ihm seit zweidrei Wochen, war nun gar nicht mehr ein der vielen Arbeit wegen Unrasiertes, sondern hatte etwas von Imam. Weshalb wir ihn ansprachen. Und er erzählte, sein bester Freund, sein nahester Mensch, habe sich erschossen. Und er erzählte von den Wochen in Kurdistan, da sich beide versteckten, beide auf der Flucht, er selbst war im Gefängnis gewesen, war freigekommen, sie wurden beide gejagt, über ihnen, die sich in den Bergschluchten verbargen, kreisten die Helikopter. Nach vier Tagen das erste Stückchen Brot, er hob die Hand, deutete die Kleinheit zwischen Daumen und Zeigefinger an, „so wenig war es”, und er habe es seinem Freund gegeben: „iß d u”, der aber habe es i h m gegeben: „iß d u!” So eng sei diese Freundschaft gewesen, so e i n Blut seien sie gewesen, die Tränen steigen ihm in die Augen, ein Bruder sei gar nichts dagegen, es seien furchtbare Zeiten, aber es sei Leben gewesen, „wir haben wirklich gelebt, versteht ihr?”, und dann, schließlich, seien sie beide hierhergekommen, jeder habe sein Geschäft begonnen, habe eine neue Existenz aufgebaut, „es ist schwierig hier, ja, aber es ist nichts gegen damals, es ist alles wie ohne Seele hier, es ist alles egal, die Menschen leben, aber sie sind nicht füreinander”. Und nun habe sich sein Freund erschossen. Das habe keinen Grund, der sich nennen lasse, er habe es – „ihr werdet das vielleicht nicht verstehen” – aus Leere getan. „Ich habe meine Mama angerufen, sie hat gefragt, ich habe geantwortet: ja, Mama, ich lebe noch, aber was ist das nun für ein Leben?” Nein, er wolle nicht mehr leben. Aber das Leben gehe weiter… seine Frau, seine Kinder… „in der Leere”, sagte er. In der Leere. Pfingstsonntagsabend.

Ich verschlief, sah auf die Uhr, ach du Schreck! Ins Zeug fahren, meine Sachen zusammenpacken, Laptop, Musik-Festplatte, Rauchzeug… runtergepest und ans Terrarium geradelt; Kinder„dienst” den Tag über, weil लक heute jobben muß, um sechs Uhr abends wird die ganze Familie wieder zusammenkommen; mein Junge ist bei seinem Freund T. geblieben, gestern abend, nachdem wir dort den Nachmittag im Garten verbracht hatten, gegrillt hatten, wir Männer Bier getrunken, die Frauen, meist, Prosecco, unter blühendem Berliner Flieder; ich hatte nicht gearbeitet, habe nicht mal in Die Dschungel geschaut, saß nur auf einem Liegestuhl aus Holz und dachte nicht mal, sinnierte nicht mal, beobachtete nicht mal, sondern schaute einfach, rauchte, schloß schon mal die Augen; ich unterhielt mich eigentlich auch nicht. Mit लक und den Zwillingleins dann heim, wieder aufs Rad, zum Schlafen in die Arbeitswohnung, wo mir träumte, ich hätte eine Lesung mit Dichtungen >>>> Paulus Böhmers; als sich die Leute um den Büchertisch scharten, erwachte ich, sah zur Uhr, du Schreck. Hier dann gleich ein Weiteres zu Pfingsten nachgelesen, >>>> Cellinis Anmerkung zu Dittrichs Kafka-Vertonung nachgelesen, geantwortet, dann über Kurdistan gelesen, Geschichte Kurdistans, an die sich Lektüren zu Aleviten und Sunniten anschlossen; über die Scharia nachgedacht und daß es in Holland tatsächlich eine Bewegung gebe, sie dort zu einer auch im Westen anwendbaren Rechtsbasis zu machen, und immer wieder dieses „Leere” unseres kurdischen Lebensmittelhändlers gehört, der kein Moslem ist, wie er ein andermal erzählte, der Atheist ist, der aber… nein, das wäre jetzt schon meine Interpretation. Ich muß das religiöse Moment heraussen lassen, wahrscheinlich, um Inhalt und Herkunft dieses „Leeren” erfassen zu können. Es geht nicht nur um Verbindlichkeitsleere, es geht auch um leere Gerüche, leere Gechmäcker, um geleerte Erinnerung, also ausgeleerte Identität. Es geht um Zugehörigkeit, deshalb ging ich, wahrscheinlich eine Fehlspur, der Scharia nach; vielmehr: Zugehörigkeit zu Landschaften und ihren Sprachen. Wie man ein Augenlid zieht, wie man schnalzt, wie man sich an einen Baum lehnt.

[Beethoven, Zweites Klavierkonzert.]

”Sonderbar schwer macht der innere Blick gar sich selbst hell. Hier ist ein eigener Widerstand im allgemein sachlichen; seelisches Leben wirkt flüchtig, schattenhaft. Wie lange dauerte es, bis man überhaupt nur merkte, daß dieses Leben sich selber bemerkt, also ein bewußtes ist. Und unterbewußte seelische Vorgänge werden als solche erst seit wenig mehr als zweihundert Jahren bei Namen genannt. (…) Doch schwerer verständlich wirkt es, nach der immerhin geschehenen Notierung des Bewußten, gar Unbewußten, daß das Noch-nicht-Bewußte so lange unbeachtet geblieben ist. Denn es wird nicht durch den Akt des Erinnerns erst ausgegraben, sondern ist sich gerade als eigener Akt unmittelbar gegeben, nämlich im Ahnen, außer diesem, was inhaltlich darin vorgeht. Trotzdem wurde das Schwebende, Offene, Ausmalende dieser Vorgänge so dargestellt, als ob es, wie gesehen ward, gleichfalls nur unterbewußt wäre; und eben: in diesem Dunkel lag es bis heute versteckt.”
Bloch, Prinzip Hoffnung, 150.

Und alle kommen sie wieder, so >>>> auch Vergil. Sie schweigen eine Zeit lang, sie beschimpfen Die Dschungel, sie wenden sich enttäuscht von ihr ab. Dann sind sie wieder da. Ich will heute vormittag alle fünf Klavierkonzerte Beethovens hören, hintereinander. Und nach dem Mittagsschlaf wird es mit den Kleinen hinausgehen. Bei شجرة حبة angerufen; sie nahm nicht ab. Seit gestern vormittag trägt लक die Ohrstecker wieder, die ich ihr einst geschenkt, die sie vor Jahren abgelegt. Ich sagte nichts dazu. Ich sah es. Dennoch, zur Nacht radelte ich ins Zentrum meiner Fiktionäre. Daß, sich einen Bart wachsen zu lassen, zu trauern bedeutet. Es gibt Erkenntnisse von solch unmittelbarer Einfachheit, daß man ganz stumm wird. Das Gesicht verbergen.

11.41 Uhr:
[Beethoven, Viertes Klavierkonzert.
Na, viel war’s bislang dort ja nicht: Texte des >>>> Virtuellen Seminars lektoriert.

4 thoughts on “Bärte Oder Die Trauer. Pfingstmontags-Arbeitsjournal, 24. Mai 2010: Sein Gesicht verdecken.

  1. fehlspur auch im jüdischen lässt man zum zeichen der trauer den bart wachsen, vor allem zwischen pessach und schewuo.

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