Yōsei ODER Die Leaves of Grass der Horu-Shi. Berliner Tattoo-Convention, September 2022. Briefe nach Triest, 65.

[Aus dem Achtunddreißigsten Brief:]

(…)

Du wirst, nehme ich an, die Arena Treptow nicht kennen. In einem der Gänge hatte Gerald für die Tattoo Convention einen nicht sehr großen Stand angemietet, zwei auf drei Meter, die Rückwand mit einer linksläufigen giftgrünen Triskele auf braunschwarzem Grund tapeziert, deren Arme in eine Art Schlangenköpfe ausliefen, die aber keine waren. Erst bei nahem Herantreten offenbarten sich statt dessen Schriftzeichen, eine Mischung aus Hiragana- und Katakana-Moren sowie vielleicht Runen, aber auch etwas, das ans Feanórische Alphabet2 erinnerte, die aber alle insgesamt, doch eben nur aus der Entfernung, die Konturen der drei, und nur dieser, Schlangenköpfe formten, denen inhaltlich jedoch kein oder ein so geradezu phylogenetisch fremder Inhalt entsprach, daß wahrscheinlich nicht einmal Yōsei selbst zu sagen wußte, was sie bedeuteten. Das zeigte sie freilich nicht; wurde sie um ihn befragt, dann lächelte sie nur.
Senkrecht zum Gang war, auch als Abgrenzung des Standes, eine hüfthohe, mit einer ornamental gemusterten Plane bespannte Liege aufgestellt, neben der die Ablage der Tätowierinstrumente stand, übrigens keine modernen, sondern traditionelle Teburistichel, die auch nur anzusehen wie selbst schon Schmerzen auszuhalten war. Es sind ja tatsächlich oft nur vermittels eines äußerst feinen Seidenzwirns an den Griffeln befestigte kaum sichtbare, so dünn sind sie, Metallnägel, die, nachdem sie, um die Farbe aufzunehmen, in einen damit getränkten Schwamm gedrückt worden sind, in die Haut gestochen werden. Der, ich möchte fast schreiben, „Delinquent‟, der aber, wenn er sich wieder erhob, ein für immer Erhobener war, legte sich mit dem Kopf zum Publikum, je nachdem, wo das Motiv appliziert werden sollte, auf den Rücken, auf eine Seite oder Brust und Bauch, und die Künstlerin beugte sich so nahe über ihn, daß fast ihr Mund den Körper berührte, die Augen keinen Zentimeter von den schnell wie offene Ritznarben aussehenden Einstichstellen entfernt. Und Yōsei berührte ihn wirklich, ich stand ja dabei und konnte es sehen. Ja aber was tat sie denn da? Die Tätowierer und Tätowiererinnen der anderen Stände, ich hatte es jetzt ein paarmal beobachtet, wischten das wenige austretende, stets mit der Farbe gesättigte Blut immer schnell vermittels feiner Lappen hinweg, die sie zwischen den vorderen Fingergliedern ihrer meist linken Hand hielten. Einstechen, wischen, einstechen, wischen, das war die Bewegung. Yōsei aber leckte, züngelnd flink wie Schlangen. Und wenn sie den Körper des andren so berührte, ging durch ihn ein Schauern, dem ein leises Stöhnen, das des zu Erhebenden, den irdischen Klang gab, den sonst nur Seismographen vernehmen.
Vielleicht war ich der erste, der es vernahm und alles andre mitbekam, aber ich blieb nicht allein. Es ging durch uns Zuschauer, die wir uns vor dem kleinen Stand unterdessen schon drängten, etwas hindurch wie über Whitmans Leaves of Grass3, die sich in der gesamten Breite beugten ihrer Weite, der Prärie – bis an den fernen Horizont heran, und wir hörten das seismographische Schauern als einen Wind durch unsere Ohren wie in eine Seemuschel fahren. Nur aber ich erkannte, als Yōsei – war sie bereits fertig? pausierte sie nur das Viertel einer Minute? – ihren Kopf hob, welchen Spuren die ihren ähnlich sahen, die sich von den Mundwinkeln abwärts zogen, als wären rote Tränen gelaufen, nicht ganz bis zum Kinn, nur ein winziges Stückchen, doch aber sichtbar. Ja, die Lippen insgesamt waren unversehens zu denen der Carsomarer Venus geworden, nachdem sie wiedergefunden in Lenzens Grenzhäuschen war; hier aber diese Spuren noch frisch, ein nicht leuchtendes, aber doch schimmerndes Rot. (Auf den Fotos, die später in einer Szene-Zeitschrift erschienen, aber wie eingetrocknet erblaßt; sie gingen dennoch um die Welt). Weiters erkannte man in Geralds Tätowierungen zwar ein bildliches Motiv, doch welch ein, w a s es also zeigte, vermochte niemand zu sagen, und zwar umso weniger, je mehr Zeit seit der … – man sprach bald nur noch von Performance … – verging. Ja, anfangs … anfangs hatte noch Leute gesagt: ein Tiger, ein Drache, ein Olivbaum, aber wurden sich stetig unsicherer, und traten sie näher an das Tattoo heran, waren nur genau solche Zeichen zu erkennen wie die der vermeintlichen Schlangenköpfe am Ende der Triskelenarme. Indessen ich | nichts als Deine Lippen sah.

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Briefe nach Triest 64<<<<
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Frage an die Tattoo Convention Berlin, nämlich Briefe nach Triest, 64, diesmal zur Recherche. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 26. November 2022.

 

An info@tattoo-convention.de
25. November 2022, 18.28

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leute,
ich sitze an einem Roman, in dem eine Szene auf der Tattoo Convention Berlin im September dieses Jahres spielt, also September 2022. Was ich dafür noch wissen muß, ist, wie hoch da die Standkosten sind. Es soll ein nur kleiner quasi Privatstand für eine junge, in der Szene bis dahin noch völlig unbekannten Künstlerin sein, die unter dem Namen Horishi-Shi[1]Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH auftritt.  Meine Erzählung ist insgesamt eher dem phantastischen Genre zuzuordnen; umso wichtiger ist, daß die realen Grundlagen stimmen.
Für Auskunft wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit besten Grüßen,
ANH
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→  Briefe nach Triest 65
Briefe nach Triest 63
[Arbeitswohnung, 10.17 Uhr
Beethoven op. 95, Koeckert-Quartett]
Hoffentlich bekomme ich Antwort. Sonst werde ich fantasieren müssen, wo ich fantasieren nicht will. Doch den Entwurf der – wenn eben auch noch nicht vollständigen – Szene, auf die ich mich in der Mail beziehe, werde ich heute nachmittag gesondert in Der Dschungel einstellen. Hier aber möchte ich erst noch ein zweites Mal an Werner Ost erinnern, dem ich gestern → diesen kleinen Nachruf schrieb. Ich bin mir, Freundin, nämlich unsicher, ob Sie ihn bereits gesehen haben. Menschen, wie er war, sind mir wichtig.

“Nebenbei” laufen meine Pregabalinprotokolle weiter; heute früh schrieb ich → das vierte. Und vorgestern, weil ich mich wieder einmal durch sämtliche – abgesehen von den Nres 1 & 2 und dem ohnedies Schmock der Neunten – Sinfonien Beethovens durchgehört habe, die folgende Notiz:

Ich kann’s nicht anders sagen. Beethovens Kammermusik ist “einfach” um Dimensionen besser als seine Sinfonien:

Welche geradezu Erholung jetzt diese noch nicht ganz späten Quartette! Zumal von dem famosen, heute “historisch” zu nennenden Koeckert-Quartett, dessen magischem Klang ich erstmals in einer Aufnahme von Schuberts D.810, Der Tod und das Mädchen, verfiel, auf Vinyl zeitlogischerwiese, wahrscheinlich – in Stereo “transkribiertes”[2]stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle. Mono – aus den Fünfigern, an der einem allerdings der Kommentar eines nicht genannten Autors (einer Autorin in dieser Zeit wohl eher nicht) die Fußnägel hochbiegt:

Und da es Musiker von deutscher Eigenart sind. vermögen sie den seelischen Tiefen und hintergründigen Zusammenhängen eines solchen Werkes intensiv nachzuspüren.

Auf die kaum zurückliegende Shoa völlig vergessen, und das Völkerrechtsverbrechen des gesamten Weltkriegs. Da will ich nur noch kotzen — doch die trauernde Eleganz der Einspielung ist ja dennoch da, der Schlüssel unseres Lebens unentwegte Ambivalenz.
Immerhin sind d
ie Triestbriefe jetzt am geradezu, burschikos ausgedrückt, “Rennen”. Heute werde ich den achtunddreißigsten, nämlich vorletzten beenden und gleich mit dem letzten anfangen. Womit ich sehr gut im Zeitplan liege; für Ende Dezember habe ich den Abschluß der ersten Fassung geplant. Dann werden zu Beginn der zweiten sämtliche Notate ins Typoskript eingepflegt werden müssen, bevor ich damit beginne, den Roman noch einmal ganz von vorne durchzuarbeiten. Das wird bis etwa Ende Februar gehen; wahrscheinlich kann Elvira dann schon dran – auch wenn ich eigentlich immer gern noch eine dritte Fassung erstelle. Aber vielleicht geht es diesmal parallel, etwas, das allerdings mit niemandem sonst als ihr denkbar ist, geschweige denn auch möglich wäre. Ich brauche aber noch einen guten Schluß für diesen achtunddreißigsten Brief, einen der von der jetzt letzten Szene noch einmal die Fäden aufnimmt, die nach Triest zurückführen; daran werde ich etwas herumdenken müssen, außerdem sind einige noch lose Fäden miteinander zu verbinden; der des Yōsei/Tattoo-Motivs soll der einzige offene bleiben, und zwar, weil aus ihm ein eigenes, ein späteres Buch entstehen soll, achmaler als dieses, eine, wie im Roman-selbst angekündigt, Novelle wahrscheinlich. Die dann wunderbar zu Elfenbein passen dürfte. Der Verleger wartet ja schon länger auf ein schmales Buch von mir.

Gut, jetzt zweites Frühstück, dann einkaufen gehen, danach gleich an Triest.

Lassen Sie sich, Freundin, von dem nun einmal normalen Novemberwetter nicht ergrämen.

ANH
[Schubert, D.810 “Der Tod und das Mädchen”, Koeckert]

References

References
1 Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH
2 stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle.

Auf zur Contessa!

 

 

 

[Flixbus 050 nach Hamburg
12.12 Uhr]
FWP‘s Weihnachtsfeier, abends im MIRROR ROOM TORTUE, und ich schon jetzt, um mir Schlepperei zu ersparen, im Smoking; nur die Fliege werde ich kurz vorher erst binden sowie die Lackschuhe anziehn. Dresscode Black tie. Ich hab ja sowas manchmal sehr gerne; es darf nur nicht zur Uniform werden. – Übernachten werde ich fast direkt an der Außenalster bei einem, lebte ich denn in Hamburg, ganz sicher sehr viel mehr als nur “befreundeten Bekannten”, für den ich immer mal wieder tätig war, formulierend. Daß ich den Flixbus nehme, wiederum, und nicht einen Zug, hat damit zu tun, daß ich sehr, sehr gerne hier vorn am “Panoramaplatz” sitze, nämlich sehr viel mehr von der Landschaft sehe als in einer Bahn und es gerade sehr genieße, wie unversehens gleißend die Sonne durchgebrochen ist, nachdem heute früh auf den Dächern meines zweiten Hinterhauskomplexes der erste Schnee des Jahres lag, wenn auch dünn noch und bereit, noch bevor er entschmelze, fortgepustet zu werden, mit Rücksicht, wahrscheinlich, auf ihn, eiseskalt. Was ich am Bussteig 5 des ZOBs ziemlich deutlich zu spüren bekam. Eine halbe Stunde vor Abfahrt war ich dort, nachdem der Vormittag mit etwas Packerei, der Zubereitung des täglichen Zweibananen-Eiweißdrinks mit dem Saft dreier Zitronen sowie damit vergangen war, daß ich “schnell noch” einen Beitrag in Die Dschungel einstellen wollte, der meine Triestbrief-Arbeit vom gestern sozusagen vorstellen sollte. Mein Vorhaben wurde dann aber sehr komplex, weil ich wieder auf meine Fotos aus Triest zurückgreifen wollte und sie, also für die Erzählung passende, erst heraussuchen und dann in Die Dschungel laden mußte. Da drängte dann plötzlich die Zeit. Und vergessen hatte ich außedem, wie meine Fliege zu binden; selbstverständlich wollte ich’s – ebenfalls “mal schnell” – vorher ausprobieren. Peinlich, daß ich schließlich auf ein Tutorial zurückgreifen mußte. Aber die letzte, nun jà, “Gelegenheit” oder “Notweniigkeit” liegt drei Coronajahre zurück; sowas vergißt sich da schon mal. Und nun geht’s auch wieder aus dem Kopf.
Der Flixbus braucht von Berlin nach Hamburg drei Stunden und fünfzehn Minuten, quasi doppelt so lange wie ein Zug. Aber ich will ja eh arbeiten, habe zudem zu lesen, da vergeht die Zeit im Nu. Und der Fahrpreis ist unschlagbar.

Gut, dann schreibe ich mal weiter:


ANH

P.S.:
Den “eigentlich” für heute vorgesehenen Text stelle ich dann morgen ein – oder einen andren, dann neu geschriebenen.

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[Frühabends.]

 

 

 

 

 

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[Nachts.]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Rossis zweite Begegnung mit der Lydierin. Briefe nach Triest, 62.

 

[Siebenunddreißigster Brief, Fortsetzung:]

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Kein Tag, Ersehnte, vergeht, ohne daß ich Dir schreibe. Manchmal braucht solch ein Brief aber zwei Tage, nur selten noch mehr. Doch Du erkennst die Wechsel an den Sternchen. Ob ich aber eine Fahrt nach Triest schon gebucht habe, verrate ich nicht, schon gar nicht, wenn, für wann. Nach jedem Brief aber brauche ich etwas Erholung, für, wie gesagt, wenigstens vierundzwanzig Stunden, also seit Lars mich nicht mehr beauftragt. Es ist da vielleicht eine Leere. Außerdem habe ich ein paar Tage lang vermutet, daß meine Erschöpfung von der Anstrengung rührt, diese Trauer zu füllen und zugleich eine gewisse Angst niederzudrücken, die sich aus dieser, wie ich früher leichtsinnig schrieb, Realitätskraft der Fiktionen ergibt; ich habe meine Helligkeit von früher nicht mehr. So daß ich mich manchmal fragen muß, ob Lars’ Erkrankung damit zu tun hat. War ich diesem schwierigen Mann tatsächlich derart nah? Es kann aber ebensogut, also -schlecht, am Älterwerden liegen, an etwas mithin, das mich Lars jetzt voraussein läßt.
Seltsamer Gedanke. Ich muß ihn dennoch weiterspinnen. Ist er jetzt ein männlicher Sídhe, einer, der mich besetzt hat? Nein, das ist Unfug, sonst hätt ich bei meiner Begegnung mit der Lydierin – mit, meine ich, ihrer Sídhe – nicht plötzlich solch eine Panik gehabt. Aus der mich allein, daß Du hinzugekommen bist, gerettet hat; Du weißt schon, vor der Haustür der Giacomo di Monte 2. Als Du mich für Jan Rossi hieltst, aber die Lydierin es nicht tat. Genau, ich wollte ja erzählen, wie es mit ihr und ihm, Jan, nach der ersten Begegnung weiterging. Davon zu berichten, wird mich aus meiner Bedrückung holen. Wenn ich erzähle, bin ich daheim.
Er sah sie also auf der Terrasse des TOMMASEOs sitzen und gab sich einen Ruck.
„Wir sind einander schon begegnet.‟ Was stimmte, es war dies eine banale Anmache nicht. Das ließ ihn rundum seriös wirken, trotz seiner etwas abenteuerlichen Jünglingskleidung. Nur daß die Lydierin erst keine Lust auf neue Bekanntschaften hatte, aus, je nach den Versionen unserer Erzählung, sehr verschiedenen Gründen. Nach der menschlichen, in der sie und Zoë mit Jessir und Lenz als Patchworkfamilie leben, weil für noch einen Mann nun wirklich kein Platz mehr ist; nach der anderen, weil Lenzens Tod sie noch zu sehr beschäftigt, was wiederum sie sich hat Jessir wieder anschmiegen lassen, und schon ihrer Tochter wegen will sie diese mehr oder minder Harmonie nicht gefährden. Noch war Lenz freilich nicht tot, in dieser nunmehr dritten Version; denn darin stürzt er vor den Treppenstufen erst, nachdem die Venus aus dem Hafenbecken stieg, freilich in derselben Nacht. Doch ist es ungewiß, ob es schon bekannt ist. Wir wissen ja nicht, wie viele Tage seit der Lydierin und Jans erster Begegnung vergangen sind; außerdem, wäre Lenz schon aufgefunden worden, hätte IL PICCOLO ganz gewiß von der Wiederentdeckung der Venere di Carsomare berichtet. Es konnte aber ebenso sein, daß die Lydierin, ganz wie zum Beispiel Judith, prinzipiell Abstand von Männern genommen hat, weil ihr die Selbstbestimmung zu wichtig war, also jenseits ihrer Mutterschaft einfach Raum zu haben für sich allein. Wir können sagen, sie habe ihre Symbiontin fast schon erdrückt. Was ihr wirklich Freiheit gab. Sie nun ausschließlich entschied für sich. Außer Zoë und den Notwendigkeiten ihres Berufs hatte niemand und nichts einen Anspruch mehr, und unter Auftragsmangel konnte sie nicht klagen. An den fast-Zusammenprall erinnerte sich aber die Sídhe allzugut, und sozusagen wachte sie auf. Was der Lydierin Abwehr ein wenig unglaubwürdig wirken und Jan deshalb hartnäckig bleiben ließ. Er ging sogar in die Vollen: „Sie werden es nicht glauben, aber ich habe Sie tatsächlich da ins Wasser springen sehen.‟ Er streckte den linken Arm Richtung Pier aus. „Ja, ich weiß, es ist verrückt, war einfach nur eine Vision. In der aber sah ich Sie …‟ „Wie, ins Wasser springen?‟ So daß Jan tatsächlich alles erzählte. Nur die pikanten Einzelheiten ließ er besser aus. Doch es gelang ihm nicht, denn die Frau fragte nach: „Mit allen Klamotten?‟ Als er herumstockte, mußte sie lachen. „Ich werde doch wohl die Unterwäsche anbehalten haben?‟ Auch vor i h r füllte ein sibernrundes Tablett die Platte des Tisches fast ganz aus. Als sie Jans verlegenen Blick auf das Gedeck bemerkte – sie hatte die cicheti fast nicht angerührt –, rief sie leise auflachend aus: „Nun setzen Sie sich meinetwegen, Sie machen den Eindruck, hungrig zu sein. – Was trinken Sie? Ich lade Sie ein. Nein, keinen Widerspruch bitte.‟ Die Färbung ihres Apérol Spritz paßte geradezu vernichtend auf seinen wie stets Friaulan. Ohne seinen Eindruck zu erklären, sagte Jan gleichsam hilflos: „Ob wir noch weitere Gemeinsamkeiten haben?‟ „Oh, auch Sie springen gern ins Hafenbecken nackt?‟ „Nur bei Tag, nicht am Abend.‟ „Ah, jetzt verstehe ich, weshalb Sie mir nicht nachgesprungen sind.‟ „Das hatte einen anderen Grund.‟ „Nämlich?‟ „Als ich den Pier erreichte, waren Sie schon untergetaucht.‟ „Und haben meine Kleidung einfach da liegenlassen? Wie uncharmant!‟ „Ich hätte nicht gewollt, daß Sie am Ende Ihres Schwimmausflugs nichts mehr anzuziehen haben.‟ „Ein Cavaliere hätte die Kleidung b e w a c h t.‟ „Sie haben recht. Verzeihen Sie. Die Dessous waren dann auch weg.‟ Sie hob eine Braue. „Dessous?‟ „Aubade.‟ Was er nur wissen kann, weil er, ohne das zu wissen, nur mein literarischer Stellvertreter, also meine Fiktion ist. Doch das bislang noch etwas verschlafene Interesse der Symbiontin stand unversehens in Feuer; sie loderte, die Sídhe, der Lydierin aus den Augen. Was die reale Frau einigermaßen in eine scheinbar durch sie selbst bewirkte Bedrängnis brachte. Lecker sei er ja schon, mußte sie befinden und warf auf seine Finger einen Blick, ob da ein Ehering …. – Keiner. Nun gut. Nur war ja auch sie nicht verheiratet und lebte dennoch als Paar oder in dem Patchwork. Andererseits, Jessir war mal wieder auf Reisen, Zoë längst Teenager, und Lenz eremitete wie seit je vor sich hin. Zeit hätte sie heut abend schon. „Und womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie grad mal nicht spannen?‟ „Ich bitte Sie, das habe ich nicht! Also gespannt. Ich habe nur nicht weggucken können.‟ „Scusi, ich meinte es nicht so. Wirklich nicht. Ihre Geschichte ist halt nur etwas bizarr.‟ „Ich habe einen Jazzclub.‟ „Oh, ein Freund von mir liebt Jazz!‟ „Dann lassen Sie uns uns doch treffen. Ja, gerne auch zu dritt. Bringen Sie ihn mit.‟ „Wahrscheinlich kennt er Ihren Club?‟ „Das mag sein. Gibt ja nicht so viele.‟ Da legte die Lydierin ihre Sídhe wieder an die Leine. Nichts überstürzen. Und deshalb: „Morgen abend?‟ „Da findet aber kein Konzert statt, nur der übliche Barverkehr.‟ „Vielleicht ganz gut so. Und ich bringe Pietro mit.‟ Jan erhob sich. Auf ihren irritierten Blick: „Nein, nein, ich habe Sie lange genug belästigt.‟ „Aber woher wissen Sie ‚Aubade‛?‟ Was sollte er da antworten? Wenn er noch nachgesetzt hätte, was ihm spontan einfiel, nämlich Sensory illlusion, wovon er aber doch keine Vorstellung hatte, er wäre erst recht in die Klemme geraten. „Ich habe geraten‟, gab er, und zwar eben deshalb, zur Auskunft. So sagte sie es: „Sensory illusion.‟ „Bitte?‟ „Das Modell. Und es stimmt. Ich kann den Zweiteiler seit neulich abend nicht mehr finden, weiß einfach nicht, wo ich ihn abgelegt habe. Seltsam, oder? Denn daß ich nicht nackt in ein zumal derart verschmutztes Hafenbecken springe, müßte Ihnen eigentlich klar sein. – Wir sehn uns dann morgen Abend. Aber darf ich noch nach Ihrem Namen fragen?‟ „Jan. Wenn Ihnen das zu unbequem ist, dürfen Sie auch Andrea sagen. Mein zweiter Vorname.‟ Das kam ihr entgegen. Noch ein Crucco[1]Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
wäre ihr zuviel gewesen, schon weil das croce drin mitschwang. „Via dei Cavazzeni 10A‟, erklärte noch Jan. „Geht hoch von der Cavani ab.‟ „Wo der Grieche ist?‟ „Um die Ecke, ja. Quasi gegenüber dem Albergo James Joyce[2]Dort..‟

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Briefe nach Triest 63
Briefe nach Triest 61

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References

References
1 Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
2 Dort.

Gestern abend vorm Tommaseo. Briefe nach Triest 61.

Das TOMMASEO ist mein, sofern es sich während der → Triestrecherchen einrichten läßt, allabendlicher quasi Meditationsort, an dem alle Personen des Romans verkehren, die hier leben — teils allerdings, ohne sich zu kennen; eine Konstruktion, aus der sich durchaus witzige Situationen ergeben, die ich dort hockend ersinne. Es ist dies nebenbei eine kleine Anspielung sowie Erinnerung an das (leider nicht mehr existente) Berliner SILBERSTEIN der Andersweltromane; allerdings ist das TOMMASEO für die Triestbriefe nicht ganz so zentral, eher ein Nebenschauplatz – was, “Schauplatz”, Sie bitte wörtlich nehmen möchten, liebste Freundin. Denn genau gegenüber, im neben der Molo Audace nordnordöstlichen Hafenbecken, springt nicht nur die Lydierin kopfvoran in das Wasser, sondern genau gegenüber und in diesem grandiosen Licht steigt eine Gesandte der Venere di Carsomare aus der See und schickt sich an, zu der so rätselhaften Statue zu werden, daß sie in die depositi des Museos Revoltella verbracht werden muß, aus denen sie noch später unter noch rätselhafteren Umständen wieder verschwindet.

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Heute beginnt der vierte Recherchetag und damit zweite Abschnitt meiner Reise. Denn um zehn Uhr werde ich, muß vorher allerdings noch tanken, den geliehenen Wagen wieder abgeben und also alles übrige zu Fuß erledigen. (Ich bin tatsächlich derart eng getaktet, daß ich längere Arbeitsjournal oder überhaupt welche kaum schreiben kann. Doch können Sie die Reise über meine “Stories” bei Instagram verfolgen.)

Ihr ANH
Via Tigor 14, 7.11 Uhr

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Briefe nach Triest 62

Briefe nach Triest 60

Figur im Eingang des Hauses meiner Unterkunft.

Der Recherche dritter Tag. Briefe nach Triest 60: Planänderung.

Da einiges bereits am Vortag erledigt sowie hatte Sconicos Orto botanico carsiano, als ich gestern nach dem Besuch der Grotta gigante gegen 16 Uhr ankam, bereits geschlossen. Er ist, anders als ich voraussetzte, nur halbtags geöffnet.

 

 

Also:


>>> Briefe nach Trriest 61
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Der Tag des Bioporttattoos mit einer Piaggiorückschau auf gestern. Als Arbeitsjournal des Freitags, den 2. September 2022.

[Arbeitswohnung, 9.47 Uhr
Keith Jarrett, Solo Amsterdam 1983]
Also, Freundin, erst einmal erzählt, daß ich umdisponiert habe. Was folgendermaßen kam:
Punkt 10 Uhr also holte ich gestern die 125er Piaggio, was problemlos vonstatten ging, nur daß das Maschinerl erstmal nicht anspringen wollte, es beim dritten Versuch des sehr freundlichen Verleihmitarbeiters dann aber tat. Ich also in den Sattel, Helm auf, festgeschnallt und los. Womit wir bereits beim ersten Problem des Tages sind, eben dem Helm. Kaum hatte ich ihn auf, war er mir extrem unangenehm – was damit zu tun hat, daß er meinem Sensorium nach die Ohren verschließt; ich hörte alles gleichsam wie weggefiltert, etwas, das ich sowieso nur schwer aushalte. Auch deshalb kann ich nur bei geöffnetem Fenster schlafen, egal, wie warm oder kalt es ist. Überhaupt habe ich ja mindestens ein Fenster immer offen, was eben damit zu tun hat, daß ich, sind Außengeräusche weggefiltert, mich extrem isoliert fühlte. Dies ist so, seit meinen zwei Tagen Einzelhaft im, mit fünfzehn, Jugendknast. Etwas übertrieben ausgedrückt, hat mich damals nicht “traumatisiert”, eingesperrt, sondern von den Tönen der Welt weggesperrt gewesen zu sein. (Aus selbem Grund hat mir die grad vergangene Covid-Isolation überhaupt nichts ausgemacht; solange ich die Welt hören kann, bin ich nicht eingesperrt). Jedenfalls, mit diesem Helm  auf dem Kopf begann diese “Welt” dann auch, sich derart zu entfremden, daß ich gegen den gespürten Eindruck höchst konzentriert andenken mußte. Funktionierte auch gut, solange ich in der Stadt herumgurkte – was ich etwa eine Stunde lang tat und allmählich sehr zu genießen begann, wie kraftvoll das kleine Maschinchen alles hinter sich ließ, wirklich alles, wenn die Ampel von Rot auf Grün umsprang und ich Gas gab. In diesen Situationen vergaß ich sogar den Helm. Der mir allerdings noch etwas weiteres verunmöglichte, nämlich meine Sonnenbrille auf- und abzusetzen. Durch → die künstlichen Linsen ist meine Lichtauswertung aber nicht sehr gut; bei Schatten muß die Sonnenbrille weg, indessen im scharfen Sonnenlicht drauf. Mit dem Effekt, daß ich sie draufließ, aber sich, fuhr ich in eine Schattenzone ein, meine Weltwahrnehmung zusätzlich, ich muß es so schreiben, “surrealisierte”. Durch konzentriertes Denken und weil meine Reaktionen nach wie vor schnell sind, ließ sich dieser Effekt ausgleichen — bis ich …. ja, bis ich, weil ich zum Wannsee und vor allem weiter in den Glienicker Park wollte, unbedingt … – bis ich auf die Avus fuhr, also auf die Autobahn. Darf eine 125er.
Klar, ich wollte “meine” Liberty aufdrehen. Und tat es, war im Nu auf 95 km/h.
Nun ist die Avus ein unsägliche 10 Kilometer langes, einfach nur grades Ding, das ich schon, wenn ich Auto fahre, nicht sonderlich mag. Hier aber geschah etwas komplett Neues, das ich bislang nur einmal in meinem Leben erlebt habe, als ich nämlich, alleine wandernd, in den Hochalpen an den Rand eines enormen Kessels kam, der sich gut begehen ließ, allerdings auf einem in die quasi rundum laufende Steilwand eingetretenen Pfad von freilich fünfzig bis sechzig Zentimeter Breite, durchaus genug für guten Tritt und Halt. Aber psychisch passierte etwas Unvorhergesehenes: Blickte ich hinüber auf die andere Seite, wo es ein gut sichtbares Refugio gab, begann ich unversehens die Fähigkeit zu verlieren, Entfernungen einzuschätzen … mehr noch kamen mir diese Entfernungen jede Minuten, nein, viertelminütlich stark variierend vor. Es konnten zwei Kilometer sein, dann wieder zehn, dann wieder fünf … Was in mir eine Art Schwindel erzeugte. Genau der trat jetzt auf dieser beklemmend langen Avus auf. Ich mußte alle Konzentration zusammennehmen, um meinen Kreislauf wieder runterzukriegen, wogegen sich allerdings auch dieser leidige Helm sperrte, der unbedingt wollte, daß ich in einer wie luftdicht verschlossenen Kapsel durch ein Weltall jagte, das nur so tat, als ob es der Abschnitt einer Berliner Autobahn wäre. Hinzu kam, daß sich auch der Straßenrand mal hob, mal senkte, obwohl ich genau wußte, es sei dies eine wenn auch enorme Wahrnehmungsstörung, die übrigens frappierend dem glich, was ich bisweilen erlebe, wenn ich kiffe. Also bloß das Gas wegnehmen! Und tatsächlich, war ich auf siebzig runter, renkte sich die Wirklichkeit wieder ein, abgesehen von der Helmeinschränkung selbstverständlich, die nach wie vor so lästig blieb wie übrigens auch die auf einem Motorroller typische, von mir als komplett unorganisch-verkrampft empfundene Sitzhaltung. Ich bin mir sehr sicher, daß, hätte ich auf dem Gefährt so sitzen können, wie ich auf dem Fahrrad sitze, nämlich quasi liege — bei mir ist der Sattel so hoch eingestellt, daß keiner meiner Füße, wenn ich sitzenbleibe, den Boden berühren kann  — … also daß, hätte ich auf einem Motorrad, nicht -roller ge-ecco!-legen, die meisten dieser Phänomene gar nicht aufgetreten wären. Ich werde das gelegentlich mit einer anderen 125er überprüfen, aber, logo, nicht mehr vor Triest. (Eine gerade Sitzhaltung ist mir auch auf einem Fahrrad nicht möglich; Hollandräder sind für mich ein Horror.)
Ah-und-dann endlich, endlich die Ausfahrt Wannsee! Was war ich über ihre Kurve dankbar, die mir wieder Orientierung gab! Jetzt war auch spontan eine Art Fahrsicherheit zurück. Und ich realisierte zugleich, wie ausgesprochen rücksichtsvoll, ja einfühlsam die Autos auf der Avus auf meine Fahrt reagiert hatten. Dafür ein großes Danke. Selbst die für ihre zuweilige Rangeligkeit verrufenen LKW-Fahrer waren alles andere als selbstbezogen gewesen; ich erinnere mich noch jetzt, mit welch einer Sanftheit sie rechts an mir vorüberglitten, halb die Spur gewechselt. — Ah, der große See, prima. Ob ich mal kurz ins LCB hineinschaue, da ich doch quarantänehalber hatte nicht auf das diesjährige Sommerfest kommen können? Nein, unterbrich jetzt nicht, nutze das jetzt gesammelte Wissen und baue es aus! Also gleich weiter Richtung Potsdam und die erste Möglichkeit rechts in den Pleasure ground des Glienicker Parks, erst Nikolskoer Weg, anderthalbspurig, kurvig auf und ab, ringsum Wald, das brachte richtig Freude jetzt, hier war mein Motorradchen richtig. Kurve, zurück, Moorlakenweg, fast zwei Stunden saß ich nun schon auf dem Brummer (dessen Ventile, übrigens, in den höheren Drehmomenten deutlich klapperten, da sollte jemand mal nachsehn), zwei Stunden also, ich sollte dringend eine Kleinigkeit essen und die innere Aufgeregtheit kühlen. Also mein Gefährtchen auf dem Waldparkplatz abgestellt, gut abgeschlossen, Helm und Nierengurt im hinten aufgebockten Case eingeschlossen und die letzten paar Meter zu Fuß. Wie wunderbar die Lake lockte! Dieses Stück zwischen Jungfern- und Wannsee ist meine liebste Landschaft in Berlin; seit ich zum ersten Mal hiergewesen bin, ging meine Zuneigung nie weg, die, glaube ich, der Ausdruck einer deshalb mythischen Verbindung ist, weil es keinen real-biografischen Grund für sie gibt. — Wie auch immer, ich bekam mein (für das Tässerl ziemlich überteuerte) Pfifferlingssüppchen – “Bitte ohne die Sahnehaube” -, fand aber keine Muße, wenigstens noch eine halbe Pfeife zu rauchen, sondern es zog mich gleich zur Fortsetzung meines Herumgurkens zur Piaggio zurück – allein, nun sprang das Ding erneut nicht an. Ich versuchte und versuchte und versuchte, heruntergebockt, wieder aufgebockt, ohne und mit kurzem Abschieben usw. usf., kurz es war nix zu machen, immer nur das klackend hoffnungslose Schnalzen der Batterie zu hören. Weshalb ich endlich, aber nicht mal genervt, beim Vermieter anrief. Der freilich fiel aus allen Socken. “Haben Sie das Licht angelassen?” Was dachte der sich? Außerdem geht es automatisch aus, wenn der Zündschlüssel herumgedreht wird. Egal. “Bitte geben Sie der Maschine noch eine Viertelstunde Ruhe und probieren es dann erneut.”
Ich mach es jetzt mal kurz: Keine Chance. Na gut, normalerweise hätte ich mich jetzt abholen lassen können oder gar ein Taxi rufen – die nächste Bushaltestelle befindet sich erst rund drei Kilometer entfernt an der Hauptverkehrsachse zwischen Wannsee und Glienicker Brücke/Potsdam. Aber die beiden Menschen der wirklich kleinen, sogar halb privaten Verleihstelle werden eh zu kämpfen haben, um über die Runden zu kommen. Nein, hätte ich als empathielos empfunden, egal, ob meine Trainingsexkursion nun den Bach hinunterging. Außerdem würde mir ein Spaziergang durch den Wald ganz gut tun. So daß ich zu Fuß loszuziehen begann, und es war in der Tat eine herrliche Strecke, zumal voller – ohne den unseligen Helm – Naturklänge und Düfte:

Nach einiger Zeit erreichte ich denn die Königsstraße wieder; die Bushaltestelle gleich gegenüber. Blöderweise würde der im 40-Minutentakt verkehrende Bus erst in etwas mehr als einer halbe Stunde kommen. Okay, dann spazierte ich halt zur nächsten Haltstelle weiter, was soll ich hier herumstehen? Und wenn ich Glück hatte, nähme mich auf meinen herausgehaltenen Daumen jemand bis zum Wannsee mit; bis zur SBahn-Sation waren es noch fünf Kilometer …
Ich erreichte den nächsten Halt, jetzt wären es noch fünfzehn Minuten, bis der Bus kam; vielleicht zu riskant, noch einen weiteren Halt weiterzugehen. Also bleiben und brav den Damen raus. – Auto für Auto rauschte vorbei; wahrscheinlich trägt auch Covid zum Unwillen bei, jemanden mitzunehmen. Meine Stimmung blieb dennoch prima. Auch sowas ist ein, wenn auch nur kleines Abenteuer; daß ich heute dem Schreibtisch fernbleiben würde, war ja eingeplant. Als aus Richtung Wannsee ein Wagen herankam und auf der wirklich befahrenen Straße einfach wendete und anhielt. “Ich habe Sie nicht gleich gesehen, dann aber gedacht, man kann diesen Menschen doch nicht einfach so stehen lassen. Wissen Sie, ich komme aus Potsdam und bin genau die Route gefahren, die der Bus nimmt. Aber nirgends war einer zu sehen. Ich schätze, der fällt aus, da würden Sie noch Ewigkeiten warten müssen.” Und wir plauderten. Die Dame kommt aus Kroatien, lebt aber schon lange hier. Und erzählte aus ihrer Kindheit, wie man in ihrem koratischen Dorf eigentlich aufs Trampen angewiesen war. Die Deutschen hingegen hätten einfach einen ignoranten Blick, jeder kümmere sich nur um sich selber; ihr tu’ das immer wieder weh, es mit ansehen zu müssen.
Da waren wir schon am S-Bahnhof, und mit einem Mal hatte sich der ganze Tag schon wegen dieser Begegnung gelohnt. Als ich erzählt hatte, daß ich, und weshalb, am Montag nach Triest reisen würde, war sie sofort entflammt. Für sie, in ihrer Jugend, war Triest die Stadt der Mode gewesen … Ich gab ihr meine Visitenkarte, weil sie nun etwas mehr wissen wollte. “Schauen Sie einfach im Internet, da finden Sie mehr als genug.” Herzlichst verabschiedeten wir uns, und ich nahm die S7 bis Bellevue; das Restchen Weges bis Moabit ging ich wieder zu Fuß und wurde im Präsidentendreieckspark von einer rasend schönen Weide begrüßt:

 

Geradezu, Freundin, märchenhaft schön, nicht wahr?

Der Rest ist schnell erzählt. Anstandslos bekam ich mein Geld zurück und hatte jetzt also immerhin zwei Trainingsstunden umsonst gehabt und alle die anderen Eindrücke. Nein, um mißgestimmt zu sein, gab es keinen Grund. Doch ein wenig erschöpft kam ich mir vor, stieg auf mein Rad, fuhr heim, und als ich hier in die Arbeitswohnung kam, warf ich mich quasi aufs Bett. Anderthalb Stunden schlief ich durch, bereitete mir an der Pavoni einen Espresso (IONIA, immer wieder und nur noch IONIA) – und fing nachzudenken an. Erwog ich meine unterm Strich ja doch Fahrunsicherheit auf der 125er, dazu meine harte Abneigung gegen den Helm sowie die Wirklichkeitsverschiebungen, die mir widerfahen waren, und brachte das in Bezug auf den Umstand, daß für den Zeitraum meiner Piaggiomiete in Triest schwere Regengüsse vorhergesagt sind, dann sollte ich klugerweise, siehe oben, umdisponieren. Und handelte. Die 125er-Buchung zu stornieren, erwies sich als problemlos, zumal sich noch ein sehr freundlicher Mailwechsel anschloß. Parallel schaute ich nach einem kleinen Mietauto, wurde sehr schnell fündig, und warf auch meine Konzeption dergestalt um, daß ich bereits an den beiden ersten Tagen, die noch strahlendes Sommerwetter haben, den nunmehr Cinquecento nehme, der überdies keine fünfzehn Gehminuten von Trieste Centrale, wo ich ankommen werde, entfernt steht, und ich buchte einen weiteren Tag hinzu, so daß ich eben an diesen beiden ersten die Exkursionen auf dem Karst vorziehen und den dritten Tag für weitere Fahrten direkt an der Küste nutzen werde; für die Stadt selbst, dann ohne Auto, werde ich da immer noch vier ganze Tage haben. Und unterm Strich – im Wortsinn – fahre ich sogar billiger. Die beiden Motorrollertage hätten mich 113 Euro gekostet; die nunmehr drei Tage Cinquecento, und zwar Vollkasko inklusive, kosten 127. Den Voucher habe ich schon.
Soweit dies.

***

Und nun heute. In etwas mehr als drei Stunden, um 15 Uhr, werde ich in dem LSD Berlin Tattoo-Studio sitzen (oder wahrscheinlich eher liegen) und mir von der mir noch unbekannten Elena diese Triskele stechen lassen. Hübsch auch, was mir “mein” Chirurg whatsappte, nachdem ich es ihm gestern angekündigt hatte:

Wobei ich zugeben will, ein wenig nervös s c h o n zu sein; ganz ohne Schmerzen wird’s ja nicht abgehn. Mein Sohn, der wie einige andere höchst interessiert an dem Ergebnis ist, riet mir, ein dunkles TShirt anzuziehen, weil es Nachblutungen geben könne; auf einem weißen “kommen” die nicht gut (und gehn wahrscheinlich auch schlecht raus). Aber am Montagabend, wenn ich in den Flixbus steigen werde, dürfte bereits alles verheilt sein. Nà, vielleicht, Freundin, trage ich Ihnen heute abend noch ein wenig hier was nach. Jetzt aber diesen Beitrag hinein in Die Dschungel! Und dann die Triestplanung noch mal neu organisieren. Wie sie dann schließlich aussehen wird, werde ich als eigenen Dschungelbeitrag am Sonntag formen, der im übrigen, notwendigerweise, ein Waschtag werden wird.

Ihr weiters gutgelaunter

ANH
[Keith Jarrett, Solo live in Norway 1972]

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