Franz Mon. 6. Mai 1926 – 7. April 2022.

Danke.

 

 

 

 

 

 


In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertdreiundzwanzigster Tag.
Zweite Serie, Einhundertsiebter Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Männer in großen Städten”
Rondo ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

Lundkvist-Briefe, Schostakovitsch. Als Dank- und Arbeitsjournal des Montags, den 18. Mai 2020, dem nämlich schon neunzehnten Krebstag mit mittags der Chemo-Vorberatung.

Poesie:
Eine Wäscheleine ausgespannt zwischen einem Leuchtturm und einem Kirschbaum.
Artur Lundkvist, Poetik 2
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

[Arbeitswohnung, 5.14 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 2 A-Dur, op. 68]

Erstmals seit, ist mein Eindruck, langem wieder durchgeschlafen; nach dreißig Tropfen Novaminsulfon und einer Zolpidem gab es von 22.30 bis 5 Uhr  nicht einen einzigen Zwischenstop, nicht mal der Gleise Dehnungsfugen bekam ich mit, an die die Eisenräder stetig klopfen. Und noch etwas wie früher: Ich schlage die Augen auf und bin sofort zurück in der Welt, und gern. Mag sofort etwas tun. Jahrzehntelang habe ich so etwas wie “erst einmal wachwerden müssen” nicht gekannt, sogenannten Morgenmuffeligkeit sowieso nicht. Anläufe, um mich “dem Tag zu stellen”, benötigte ich erst, nachdem mich erstmals eine Depression erwischte, meist nach Trennungen, bis ich sie akzeptieren konnte, oder wenn mir das Betriebsmobbing nevermore noch abwendbar vorkam und mir jedes weitre Aufbegehren sinnlos geworden zu sein schien. Doch selbst das waren vorübergehende, meist sogar schnell vorübergehende Phasen, die erst in den letzten fünfsechs Jahren etwas Chronisches bekamen, ohne aber bereits meine Physis zu beeinträchtigen. Dafür klaffte erst ein Korridor auf, als mir bewußt wurde, ich dürfe nicht, wie ich’s mir doch so sehr wünschte, ein zweites Mal ein Vater werden. Darüber habe ich, Sie wissen es, Geliebte, im verstrichnen Halbjahrzehnt immer wieder geschrieben Und daß ich die Gründe verstand und den Ausschluß schließlich hinnahm. Genau das, spüre ich, war der Moment, daß → Liligeia ihren auch physischen Ort in mir einnahm. Die übrigens → wieder geschrieben hat, abermals eine Art Billet; ich habe, als ich’s eben las, sofort reagiert. Wobei mir gestern → lillyhalber etwas bewußt wurde, das mich fast umhaute; ich verdanke die Erkenntnis Frau von Stieglitz, die mich drauf aufmerksam machte … nein, darauf stieß. So daß ich mich ein zweites Mal dabei erwische, aus meinem Unbewußten abgeschrieben, nämlich unwissentlich eine Prägung reaktiviert  zu haben, die dann als etwas Neues, als ein eigener “Einfall”, in die Welt trat, obwohl es alles längst da und vor allem gar nicht von mir selbst war, sondern zum Werk eines anderen Künstlers gehört. Dennoch handelt es sich nicht um ein Plagiat, das ja Bewußtsein, sogar Absicht voraussetzen würde. — Doch hierzu insgesamt später mehr; ich möchte meiner Leserin auch nichts von der Beleuchtung nehmen, die, was sie gefunden hat, fiebrig wird erstrahlen lassen: schwarzes Licht des Unheims, wie Kinder die erste erotische Lockung erleben.

Vielmehr, geliebte Freundin, ist es Dank zu sagen Zeit. Denn in den letzten Tagen erreichten mich wieder und wieder teils bewegende, teils schlicht mir Beistand – welcher Art auch immer – zusichernde Nachrichten, meist übers Netz, doch bisweilen auch “richtige”, von Menschen ausgetragene Briefe, deren einem Leserin sogar 200 Euro, die ich allein der Krankenhauszuzahlungen momentan mehr als nur “gut” gebrauchen kann, “für vieles” beigelegt hat,

das ich in “Der Dschungel” lernen durfte, für Anregungen und dafür, daß Sie mir Mut machten, mich mit ganz anderer Literatur und Musik zu beschäftigen. (…) Ich wünsche mir so sehr, daß Sie den Kampf aufnehmen und ihn gewinnen. Sie waren in allem Körperlichen immer so mutig (…). Jetzt werden Sie auch dies schaffen und uns zeigen, daß es zu schaffen ist.

Seit ungefähr zehn Jahren lese sie in DER DSCHUNGEL, und gäb’s sie nicht mehr, sie würden ihr fehlen. Insofern finde sie, mir einen kleinen Betrag zu schicken, schlichtweg angemessen. Und eine mir einst höchst unmittelbar engstgewesene Dichterfreundin, von der ich aber nun, nach seither nahezu siebzehn Jahren, überhaupt nicht wußte, wie eng wir nach wie vor befreundet, ja aneinander sind, schreibt mir von sehr wahrscheinlich meiner “Hand am Schuh und im Schuh” und siezt mich nun, doch moduliert es aufs distanziertest Intime rhythmisch in ein mollbedecktes Du, das auf beklemmende Weise zu der Gabe paßt, die sie beigelegt hat: Dmitri Schostakovitschs sämtliche Streichquartette in einer Einspielung des Fitzwilliam String Quartets aus der All Saints Church in Petersham, Surrey, entstanden von 1975 bis 1977. Seit gestern laufen diese Musiken nun unentwegt, und zwar, wie ich es bei für mich neuen Gesamtaufnahmen meistens halte, von sozusagen hinten nach vorn. Erst danach folge ich der lebensgeschichtlichen Chronologie. Ich beginne also mit dem spätesten Werk und höre mich gegen den Zeitstrahl bis zum allerjüngsten durch – von der Nr. 15 aus Schostakovitschs Vortodesjahr 1974, mit 67 fast in meinem jetzigen Alter geschrieben, bis zur Nr. 1 des Jahres 1938; da war er zweiunddreißig und hatte bereits die berühmte fünfte Sinfonie geschrieben. Ich selbst in diesem Alter saß am WOLPERTINGER und Nabokov, in derselben Zeit – seines Berliner Exils allerdings – schrieb DIE GABE sowie die EINLADUNG ZUR ENTHAUPTUNG. Es gibt ein gutes Bild, sich solche Gleichzeitigkeiten vor Augen zu führen. Kein Jahr später marschierten die Hitlerdeutschen in Polen ein – durch jenen “Korridor”, den nun auch wieder, widerlicherweise, der NATO → Defender Europe 2.0 durchrollt hat, wenn am Ende auch, Corona sei ein “riesen” Dank, mit nur noch schwachen Panzern auf der Brust. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam: Ich  gebe weiter stur den Cato und beharre auf einem Vereinten Europa, das nicht länger die US-Stiefel der NATO ableckt wie brav der Hund die Hand seines Herrn. Zumal der in nicht nur seinem heimischen Garten an Datschen fürs Foltern schon längst nicht nur mehr “heim”werkt.
Nun diese Streichquartette also, die, seltsam genug, von allem Beginn an frühreif schon von Todesblässe sind, gänzlich anders als Schostakovitschs von mir besonders in Keith Jarretts Interpretation geliebten absolut mitreißenden → Präludien und Fugen, Hingegen die Quartette durch eine Membran zu uns herübersingen, die wir nicht sehen, aber spüren können, als hinge zwischen uns und den Klängen der taftene Vorhang einer opaken Dimension, die eben nur diese, die Klänge, hindurchläßt, nicht aber Licht. Und dazu schreibt die Freundin, es sei

ein halbes Leben vergangen seit unserer ersten Begegnung. Aber die Erinnerungen sind durch das Blättern in den alten Notizheften wieder präsent. Die Dämmerung im Fenster, die Vögel. Die Taxifahrt ins Hilton. (Um 7 Uhr, als ich das Haus verließ, wischte ein Schwarzer das Teppenhaus.)

So erinnre nun auch ich mich und sehe Ihre Augen unter den, entsinne ich mich richtig, leicht geschlupften Oberlidern. Oh nein, ich bleibe selbstverständlich diskret  Doch ist es ein  Zufall oder bewußte Anspielung, wenn Sie zur Beschreibung Ihres gegenwärtigen, mir als “Ungeduld und Lebensgier” ausgesprochen bekannten Zustandes ein Wort verwenden, das sich auf den Titel eines Gedichtbandes der von mir mehr als nur verehrten Poetin → Katharina Schultens reimt?
Und dann, es grenzt an ein Wunder, nein, übertritt die Schwelle jedes solchen … dann zitieren Sie am Ende Ihres guten langen Briefes ausgerechnet Ungaretti – und zwar genau die Zeilen seines Gedichtes Allegria di naufragi, die im dritten Band meiner → Anderswelttrilogie zu einem geradezu zentralen Leitmotiv werden. Wissen Sie, aus welch einer Stelle diese Verse zum ersten Mal hervorleuchten? Da hat der waidwunde Söldner Pord-Color Kignčrs soeben Abschied von seiner verstorbenen – an Krebs (!!) verstorbenen – Geliebten genommen:

Zwei getrocknete, gleichsam staubige Tränenpfade führten über die narbige Haut seiner fleischighohen Wangenknochen zu den breiten Nasenflanken. Als er sich auf den Rücksitz des Wagens setzte, der ihn zur Vernehmung fuhr, murmelte er, aber die Leute verstanden ihn nicht:

E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare

Argo.Anderswelt, S.335

Das, ausgerechnet das zitieren Sie nun mir! Es ist wirklich nicht zu fassen. Mir wird schwindlig, geradezu benommen. Dabei bin ich mit all den Wundern dieses heutigen Journales noch gar nicht am Ende, auch wenn ich das meiner letzten Lektüre,  → ADA also, krebshalber unterbrochen habe und in die → Nabokovlesen-Reihe nun erst wieder hineinfinden muß (allerdings, versprochen!, es auch werde).
Und diese sanfte, ergebene, schon hinübergehende Ungeheuerlichkeit des letzten Quartetts im sowieso schon unheimlichen es-moll; ich kann nicht einmal sagen, wie, doch es klingt da etwas aus Schostakovitschs drei Jahre zuvor abgeschlossener letzten, der fünfzehnten Sinfonie mit ihren bisweilen ins fast tändelnd-Spielerische aufgelösten Wagner- nämlich Todesanklängen mit, doch ohne noch in den Witz Rossinis gebettet zu sein (Schostakovitsch trumpft da am Ende ja doch wieder auf – wofür es in der Wahrheit eines Streichquartetts nahezu prinzipiell keinen Raum gibt).
Diese Quartette werden mich fortan begleiten – Entdeckungen für mich wie es die Wilhelm Stenhammars und Vagn Holmboes waren; letztre übrigens auf Empfehlung jener Leserin, von der ich oben berichtet habe. Überhaupt ist DIE DSCHUNGEL ein dichtes Blatt- und Wurzelwerk musikalischer, eben nicht nur poetischer Osmosen und so, wie eigentlich meine gesamte Poetik, von Anfang an gemeint gewesen.

So schickte mir denn auch mein alter Lektor Delf Schmidt etwas in die Dunckerstraße, nämlich Dieter E. Zimmers Übersetzung einer nachgelassenen, nie zuvor publizierten Erzählung des großen Romanciers. Aber das hatte ich Ihnen, Freundin, glaub ich, schon erzählt. Richtig, vor drei Wochen → dort. Aber von → Artur Lundkvist nicht.

Auch wenn ich ihn nun jahrelang geradezu vergessen habe, er, der einst berühmte schwedische Lyriker, stand ganz am Anfang meiner eigenen lyrischen Versuche, deutlich vor Benn und deutlich auch vor Rilke; entdeckt haben muß ich ihn schon in Bremen, also vor 1981, wiewohl ich in meinen bei Kiepenheuer & Witsch 1963 erschienenen und gewiß antiquarisch erworbenen Auswahlband meine seinerzeitige Frankfurtmainer Adresse, Waldschmidtstraße 29, eingetragen habe; signiert aber habe ich das Buch noch mit Alexander Ribbentrop, was ich seit Bremen eigentlich nie getan habe:

Wenn ich heute auf die allererste Gedichtversuche zurückblicke (soweit es nicht persönliche, mithin per se schlechte Liebeserklärungen an Frauen, bzw. Mädchen waren), wird mir unmittelbar deutlich, wie stark Lundkvists Einfluß auf mich war. Das zeigt sich nicht nur im Motto meine ersten Buches, MARLBORO von 1981, das eben noch in Bremen geschrieben worden war –

Und einige liegen zusammengekauert im Tod wie nie zur Welt gekommene Wesen
Und alle sind nackt im Tod, 46
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

  • sondern schon an diesem vor ein paar Monaten hier eingestellten → Mitschnitt von 1980, in dem ich Lundkvists Wäscheleinenmotiv (siehe ganz oben das Motto) aufgenommen und weiterverarbeitet hatte. Doch auch in einigen der alten Gedichte aus DER ENGEL ORDNUNGEN, etwa Frankfurt am Main im Oktober 1981, das folgendermaßen endet:

: am ruhigen Uferschwarz
des Mainglitzers Wasser

Es sind Verse von Lundkvist gewesen wie

der Mensch ist ein Begräbnisplatz für ungelebtes Leben.
Er befindet sich im Schatten seiner eigenen Handlung,
und er kennt ihn nicht. Er ist sein eigenes Licht

oder

mit Wasser des Traumes erfüllt zu werden,
das das andere Geburtswasser ist

oder

die Furcht ist so natürlich wie das Atmen, nur die, die fürchten,
sind fruchtbar
(…)
wählen wir nicht das Leben als Gefahr, Unsicherheit und Ver-
wandlung, werden uns die Bazillen besiegen,
Lundkvist,
Ich bin weich wie ein Stein,

was mich damals enorm bewegte und, ja, vorantrieb. Und was – wie ich erst jetzt, in den Endarbeiten meines Béartzyklus steckend, begreife – sogar noch meine heutige, meine “erwachsene” Poetik grundiert:

Frauen mit hohen Busen, schwarzen Augen, schönen Lenden,
schwellend wie weiße Stuten, sie zünden dunkelroten Brand
in unseren Herzen an – wir rasen, bitten und raufen mit
blutigem Messer

im Sommerwind
im Heidekrautduft
beim Drehorgelspiel –
raufen mit blutigem Messer!

Lundkvist, Tatarenballade

Wie da – um alle Göttinnen der Welt! – habe ich das vergessen, Lundkvist vergessen können? — Und nun kam eben dieser Brief.

Geschrieben hat ihn Wolfgang Roth, ein damaliger Frankfurtmainer, eigentlich Wiesbadener → VS-Kollege, eigentlich Pfarrer war und, nachdem wir uns längst aus den Augen verloren, als Wolfgang Martin Roth Therapeut wurde und irgendwann nach Wien gezogen zu sein scheint, wo er heute ebenso lebt wie meine Dichterkollegin, die mich mit Schostakovitsch so beschenkt hat. Es ist schon eigenartig, wie viel sich in den letzten fünf Jahren für mich in Wien zusammengezogen hat, gleich zwei meiner Verlag sind dort, meine geliebte Lektorin lebt dort ebenso, wie dort lange Zeit mein Dichterfreund Wolfgang Schlüter gelebt hat und eine ehemalige Gespielin immer noch dort lebt, nach wie vor mit mir befreundet, ein eigenwillig-grandioser Buchhändler, Dieter Würch, hat seinen tollen Laden → gleich in der Domgasse, und dann lebt auch noch David Ramirer dort. Was mach ich eigentlich noch hier? (So auch in Facetime gestern Phyllis Kiehl: “Es ist doch eigenartig. Wenn du öffentlich Zuspruch bekommst, dann eigentlich nur aus Österreich. Woran liegt denn das?” – Wobei es so auch nicht mehr stimmt, nicht mehr, seit ich dem Alten Neummansschmieden Kurt auf seinen allzu eitlen Fuß getreten; seitdem hat halt auch Wien die Gitter vor mir fallen lassen.)
Doch ich gehöre nach Berlin wie quasi nach Neapel. Und nach Sizilien manches Mal.

Egal. (Wischbewegung).

Wolfgang Roth also. Ihm scheine ich damals, es müssen die ersten Achtziger gewesen sein, “meinen” Lundkvist zu lesen gegeben zu haben — so daß es nunmehr zu dem jahrzehntespätren Wunder der Rückkehr eines verliehenen Buches kam. Und er schreibt mir, also Wolfgang, folgendes:

Was andres bleibt mir jetzt zu sagen als allen, allen D a n k e?

Und gegen 12.45 Uhr breche ich zur ersten Chemo meines Lebens auf, möchte → hinflanieren — in, behauptet Goopglemaps, siebenundvierzig Minuten und ergo selber Zeit zurück, was genau der Dauer meines täglichen Spazierengehns entspricht, da ich joggen zur Zeit wohl eher nicht sollte.

Ihr ANH

P.S. (19.49 Uhr):
Es war erst das Beratungsoprgespräch. Die erste tatsächliche Chemositzung ( die eher eine -“liegung” werden wird) findet morgen früh von 9 bis 13 Uhr statt.

Das zwölfte Coronojournal. Am Donnerstag, den 2. April 2020. Darinnen ein paar Worte zur Geschichte der Dschungelblätter und ihrem Editorial.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]
Zu Aprilscherzen gab es in diesem Jahr offenbar wenig Anlaß, auch wenn ich hätte, daß tatsächlich, vor allem so schnell, die 5000 Euro Soforthilfe II auf meinem Konto waren, für so etwas halten können. — War’s nicht, das Geld ist konkret.
Zugleich wieder meine, so muß ich es nennen, Gewissensbisse. Denn auch das Geld vom Jobcenter war gekommen, daß ich da dann sogleich, wie → dort angekündigt, zurücküberwies, auch wenn mir einige Freunde –und → auch Leserinnen – rieten, es nicht zu tun, weil doch völlig Verschiedenes abgedeckt würde. Es so lässig zu halten, hätte mir aber der Gefühl gegeben, ein sozusagen Coronagewinnler zu sein. Ein widerlicher Gedanke. Entsprechend verfaßte ich dann auch eine Mail, in der ich dem Jobcenter die Rücküberweisung mitteilte, die Bankbestätigung als PDF mit angelegt, sowie, weiterer Hilfe einstweilen nicht zu bedürfen. Wie wir nun weiter verfahren würden? Es muß ja über die Hilfezeit nun abgerechnet werden.
Mit einer baldigen Antwort rechne ich nicht; die Reaktionen auf meine verschiedenen Schreiben haben eh meistens lange gebraucht, bis sie kamen, im Schnitt an die jeweils drei Wochen, und jetzt wird die Situation für Behörden noch sehr viel schwieriger sein. Die geradezu unmittelbare Überweisung der Soforthilfe II kommt mir eh wie ein Wunder vor, das ich nach wie vor fast nicht glauben kann, nur glauben halt auch nicht muß, sondern nur hinschauen und sehen.

Weiterhin nutze ich diese Tage, nun sind es schon zwei Wochen, denen, wovon ich überzeugt bin, noch viele weitere folgen werden, mit Nachdruck für DIE DSCHUNGEL. Den Béarts fehlt weiterhin mein hymnischer Atem. Ich muß ihren  Ton gegen die Realität quasi durchsetzen. Dabei kam gestern eine nicht nur beruhigende, sondern den Gedichtzyklus auch ehrende Nachricht des Verlags:

(…) diese Krise wird vorbeigehen, sodass ich selbstverständlich grundsätzlich an unserer Publikation festhalte. Es ist aber wichtig, ein gutes Umfeld zu haben. Du hast also noch etwas Zeit. Wie wäre es mit Abgabe Ende Mai? Das Wichtigste ist doch, dass die Textsammlung bestmöglich gerät und zuallererst Du damit durch bist. Alles weitere werden wir dann in Angriff nehmen. (Sobald ich einen Moment habe, schreibe ich auch Deiner Lektorin etc.) Also alles aufgeschoben, nicht aufgehoben, denn das Konvolut ist großartig!

Ende Mai läßt mir in der Tat Luft.

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[… abgebrochen wegen Ärztinbesuchs und weiterer u. a. Wartetermine
sowie besorgungenhalber … Alles weitere deshalb morgen …]

Aber dieses doch noch:

Das gestern eingestellte, 1985 geschriebene und jetzt nachträglich → “Kampfansage” betitelte Editorial ist für meine auch poetische Arbeit von eminenter Bedeutung, sowie um zu erklären, weshalb mein Ruf in der Literaturszene so schlecht ist und blieb. Bezeichnend ist auch, daß die meist hohen Zugriffszahlen DER DSCHUNGEL bei solchen Texten schlagartig und signifikant in den Keller gehen, von gestern  auf heute ein Minus von derzeit (16.16 Uhr) 37 %. Das entspricht zu gegenwärtigen Zeitpunkt nahezu zweihundert Aufrufen weniger und macht mich durchaus nervös, weil es zu nötigen scheint, meine Themenwahl allgemein, mithin “poppig” zu halten. Es ist tatsächlich nicht leicht, dem zu widerstehen.
Ich schrieb dieses Editorial und gründete somit die DSCHUNGELBLÄTTER, nachdem ich seit Erscheinen meines ersten Romans, 1983, auf das deutlichste mitbekommen hatte, wie “der Betrieb” funktioniert(e),— nämlich von irgendeinem anderen in keiner Weise verschieden. Seine Antriebskräfte waren –und sind’s nach wie vor – Eitelkeit, Pfründe, Corps”geist” und quasiMitgliedschaften in Meinungsmacht- sowie politischen Zirkeln, nicht etwa die tatsächliche, geschweige angestrebte Kunst. So naiv, oder idealistisch, war ich gewesen, mir in der Dichtung etwas zu erhoffen, das ich de facto niemals gehabt: eine Familie Gleichgesonnen- und gesinnter, kurz: Heimat. Ich war seit Kindheit ein Augestoßener gewesen, ein von erst auch Erzieherinnen, dann Lehrern unisono mit den Schul”kameraden” verlachte, und ziemlich verhöhnte Spinner, der im übrigen zu weich war, um sich zu wehren, wenn man ihn verprügelte. Alle zwei Tage bezog ich solche Prügel. Das Schlimmste war der Gruppensport, der gefürchtete und deshalb verhaßte Fußball voran, weil er den Mob aus den Kindern holte und hämischst grölen ließ. Nur in den Büchern, die ich las, aus den Musiken, die ich hörte, versprach sich etwas anderes. Hier waren Außenseiter nicht selten Helden. Dies hat gewiß meine Berufswahl zumindest mitbestimmt. Dann aber kam die Realität. Nur waren die Hörner, die sie mir zeigte, überdies noch banal.
Damals hielt unter den sogenannten Intellektuellen die noch sogenanntere Linke den Daumen auf das, was für gut galt, oder es waren Kulturreaktionäre wie Marcel Reich-Ranicki, dessen Hohelied heute nach gesungen wird, Jahre nach seinem Tod, anstelle zu begreifen, erstens wie widerlich er sein konnte (offenbar aber nicht im Privaten) und zweitens welch unheilvolle Rolle er damit für die moderne Dichtung spielte, unter anderem maßgeblich in der schlimmen Gruppe 47., die für Paul Celan nichts als bestialisches Gelächter übrig hatte. Und ich erinnere an Ingeborg Bachmann, die er schlimmer als nur mies beschied, was ihn aber nicht davon abhielt, sich direkt nach ihrem Tod zum Sprecher der Bachmann-Preis-Jury aufzuschwingen — ein fast beispiellos stilloser Akt, zu dem indessen die Literaturschickeria — meine Wissens komplett — schwieg. Mit solchen, ich sag mal, Infamien war er freilich nicht allein, er fiel nur ganz besonders auf, und so hackte die eine Krähe nicht in der anderen Augen.
Ich selbst allerdings, das wußte ich nach einigen Kritiken schon, wäre nicht einmal entfernt wie Frau Bachmanns immerhin genannt, wäre wie einige dem Betrieb unliebsame Kollegen schlichtweg verschwiegen worden; andere hatten Reich-Ranicki und Konsorten mit Fußtritten aus der Gegenwart getreten. Mich trat man gerade, damalige “Autoritäten” wie Ulrich Greiner, Wolfram Schütte, ein paar Jahre nachher auch Iris Radisch, gefolgt von Thomas Steinfeld. Alle sie halfen nicht der Dichtung, noch helfen sie ihr jetzt. Sondern sie kochen ihre Machtsuppen und füttern sich selber und nur sich damit. Dagegen war ein Pflock einzuschlagen, in einen Boden allerdings, meinte ich, der sechsundachtzig Jahre zuvor, und zwar über mehr als ein Viertelsäkulum, von Karl Kraus vorgepflügt worden war.  Selbstverständlich bezieht sich → darauf, daß ich mich den Herausgeber nenne, also namentlich im Text gar nicht auftrete, den ich deshalb auch nicht mit “ANH” signierte. Und selbstverständlich nahm ich Kraus’sens Stilmittel auf, vermittels deren er Kritiken seinerseits kritisierte. Ich werde hier in der Folge immer mal wieder ein Beispiel aus den DSCHUNGELBLÄTTERN einstellen und habe nun dafür eine eigene Rubrik angelegt.

Nun war das Wien des Fin de Siècle und der Secession aber nicht Frankfurt am Main, schon gar nicht der nachherigen Achtzigerjahre, und es wäre illusorische gewesen, meine zehnmal jährlich erscheinenden Heftchen an den Kiosk zu bringen, damit jeder hinrennt, um zu gucken, ob diesmal er genannt ist, oder sie. Außerdem, was in der Wiener Stadt gelang, weil sie eben ein ganz interner Stadtkosmos war, konnte in einem föderalistischen Deutschland kaum reüssieren. Auch das wußte ich. Der einzig gangbare Weg war deshalb das Abonnement. Tatsächlich ließ es die DSCHUNGELBLÄTTER fast fünf ganz Jahrgänge lang gut existieren, Ich gab sie erst auf, als ich in Italien lebte, wo mir die monatliche Schau der deutschen “literarischen” Szene schnell obsolet wurde.
Übrigens stand ich mit meinem Unternehmen durchaus nicht allein. Auch Uwe Nettelbeck gab ein Periodikum heraus, das sich der FACKEL verpflichtet hatte und mindestens so unbequem war wie das meine, allerdings in politischen, nicht ästhetischen Hinsichten. Selbstverständlich hatte ich es selbst abonniert und bewahre die Ausgaben bis heute:

Nun war der fünfzehn Jahre ältere Nettelbeck mit gegenüber deutlich im Vorteil, insofern er kein Noname wie ich war, heißt: Man fühlte sich gedrängt, auf seine höchst bösen Kommentare zumindest zu reagieren, hingegen die DSCHUNGELBLÄTTER genauso wenig in die Feuilletons kamen wie viele meiner Bücher. Was mich nun ganz besonders in Harnisch brachte — so sehr, daß ich, als ich nach MEEREs Erscheinen im Vollzug des Buchprozesses — der mir ein Sprechverbot auferlegen wollte — fast genau wieder dort anknüpfte, wo ich mit ihnen aufgehört hatte. Sie merken es, Freundin, leicht → am Ton, den ich 2003/2004 wieder anschlug, vierzehn Jahre später. Insofern gehören die DSCHUNGELBLÄTTER zu DER DSCHUNGEL.ANDERSWELT direkten Vorgeschichte:

Ihr ANH

 

Zwei kleine Geschichten oder Projektionen 1 & 2. Aus dem freecity-Altblog, November 2003

[Erstellt am: Donnerstag,
27. November 2003, 12: 24]

 

 

Projektion 1

Eine junge Frau schreibt in einem höchst zweideutigen Chat einen über fünfundzwanzig Jahre älteren Mann an, den sie damit sogleich aus dem Chat herauszieht, erst einmal in die briefliche Korrespondenz, auf die er mit enormem Fantasietanz reagiert. Die beiden telefonieren und schreiben sich fortan nahezu täglich SMS’e. Reagiert einer(r) von beiden nicht sofort, wird die/der andere unruhig. Dabei wollten es beide so weit gar nicht kommen lassen. Doch nun bleibt ihnen nichts anderes übrig: Sie verwachsen ineinander, ihre Projektionen, ihre Fantasien. Sie sehen sich real aber immer noch nicht, ein halbes, ein ganzes Jahr lang. Dann kommt es zum ersten Streit: Wo das Aufgebot bestellen? In Hamburg (da lebt sie) oder in Karlsruhe (da lebt er). Die Eltern und Freunde der „Parteien“ werden um Rat gefragt, aber die halten die Sache rundweg für furchtbar:

1) Altersunterschied („Mädchen, überleg Dir, was Du da tust! Das ist doch ein alter Mann!“)
2) der imaginäre Charakter („Du spinnst total! Wie kann man eine heiraten, die man nie sah? Mach, was du willst, aber sicher nicht mit unserer Hilfe.“)

Dennoch, es sind die zwei entschieden, auch wenn es beidseitig sowas wie Enterbungen hagelt und sich im Freundeskreis auch kein Trauzeuge für solch eine Verrücktheit finden mag. Um wegen des noch immer strittigen Trauortes einen Kompromiß zu finden, reisen sie und er – unabhängig voneinander – nach Frankfurt am Main, suchen sich dort jeder eine Wohnung und lassen sich dort – weiterhin unabhängig voneinander – polizeilich melden. Dann bestellen sie in Frankfurt das Aufgebot. Beide – zu verschiedenen Zeiten, damit sie einander nicht zufällig begegnen – spazieren durch die Stadt und sprechen Passanten an: „Entschuldigen Sie bitte, ich brauche Trauzeugen…“ Deretwegen ist zwischen den – man muß sie längst so nennen: – Liebenden eine einzige Bedingung gestellt: Es dürfen nur schöne Menschen sein, Männlein wie Weiblein. (Ich meine schön, nicht „hübsch“: Schönheit setzt Geist voraus.)

Und wie die Braut den Bräutigam – sowie umgekehrt, logischerweise – nicht vor der Hochzeit sehen darf, so die Braut auch nicht die Trauzeugin und der Bräutigam den Trauzeugen nicht: Sie nämlich hat den männlichen Zeugen, er die Zeugin auszuwählen. Das gelingt.

Im Juni 2004 finden die Liebenden dann “wirklich” zueinander. Sprachlos standen sie vorm Standesamt… absolut sprachlos, als sie sich in die Augen sahen. Sehr langsam, fast ein wenig wankend, schritten sie – jeder gefolgt von Zeugin und von Zeuge – aufeinander zu. Nein, sie begrüßten sich nicht, sprachen kein einziges Wort. Beugten sich einander bloß  zu, sich ihre Münder zu … und um den Kitsch, aber um mindestens ebenso dringend zu vermeiden, daß sie einander wieder verlieren, also der/die andere sich mit einem traurigen Plop in die Imaginationen unversehens auflöst, die sie bis zu diesem Tage füreinander gewesen, küßten sie sich mit offenen Augen; überhaupt schlossen sie sie nicht mehr — fast wollt’ ich schreiben: nie. Bis zum späten Abend, als sie dann doch zufallen wollten, machte ihnen jedes Zwinkern Angst. Und so weiter.

Kurz vor Mitternacht setzen sie sich ins Flugzeug. Wohin sie reisen, wissen wir nicht. Auch nicht, ob sie zurückkehren werden. Die Schlüssel ihrer Frankfurter Wohnungen haben sie, und zwar überkreuz, bei den ihnen im übrigen gänzlich unbekannt gebliebenen Trauzeugen gelassen.

Nota 1:
Man kann dies auch o h n e Happyend erzählen, doch wozu? Es wäre nach den trockenen Lippen des Realismus geredet und obendrein zu wahrscheinlich; Novellen sind indes „unerhörte Begebenheiten“. Nein! D i e s e s Happyend stünde ich durch.

Nota 2:
Man sage nicht, dergleichen finde nicht statt. Man sage nicht, das Internet schaffe nicht neue Realitäten, die die alten zumindest modifizieren.

 

Projektion 2

Mich erreicht die SMS einer mir unbekannten Frau, die meinen Fernsehauftritt gesehen hat: „Lieber Herr Herbst, Sie sind einfach geil. Weiter so!“
Sie wolle sofort in den nächsten Buchladen stürmen, um sich Meere zu besorgen. Und wolle mich – obwohl ich ihr zurücktippte, ich glühte für eine andere Frau, nach meiner Rückkehr treffen. Ganz lakonisch schreibt sie: „Ich bekomme, was ich will. Sie kennen mich nicht.“

Das ist nun genau der Ton, auf den ich unweigerlich anspringe: der projektive. Derjenige, der Romane schreibt, die Quellen des Nils suchen läßt, Leute zum Mond bringt oder zum Mittelpunkt der Erde, – Sinfonien schafft er, prägt Stadtteile, setzt Pyramiden wie Naturkonstanten in die Wüsten oder baut Opernhäuser in den Dschungeln; ein Ton, der sich um die vermeintliche Realität nicht schert. Mit ihm beginnen nahezu alle französischen Liebesfilme, die ja die besten sind, weil sie von vornherein nicht ohne Geist auskommen wollen. Um etwas draus entstehen zu lassen – ganz gewiß nun Literatur –, spielt es nicht einmal eine Rolle, ob ich auf den Arm genommen worden bin: sondern es geht um den Reflex in mir. Ob ich sofort „Blödsinn“ rufe oder zulasse, es könne etwas daran sein. Selbstverständlich macht auch mich die Mischung aus „geil“ und „Sie“ stutzig; doch es ist ein reizvoller Widerspruch, weil er Jugendslang mit Distanzierungswille mixt.

Und ist es hier denn anders, in Catania* jetzt, wenn ich durch die Straßen gehe und beobachte, wenn ich in die kleinen, verschachtelten Werkstätten schaue? Was sehe ich? Jeder mir zugeworfene Blick wird zu einer Geschichte, einer mir selbst erzählten Imagination von Geschehen, die in mir immer zu Kunststücken führen und manchmal zu Wendungen in meinem „realen“ Leben. Nein, das ist nicht privat, sondern ich schreibe es auf, weil sich so Realität konstituiert, a u c h so konstituiert. Auch Gedanken sind physiologische, mithin „reale“ Vorgänge, auch sie unterliegen chemophysischen Konditionen. Das gilt genauso für ihre Übertragung: sei es auf akustischem oder optischem Weg (der Begriff als Klang und als Zeichen).

Nota 3:
Ist das Fernsehen nicht ebenso irreal wie das Internet? Was sehen wir, wenn wir schauen? Nicht immer auch uns selbst, also den Tanz unserer Selbst- und Fremdideale? Und SMS’e wären nicht gleichfalls I d e e n?

[Poetologie}

*) NACHTRAG, 7. März 2020
Auf der Recherchereise → für das 2004 ausgestrahlte Poetische Hörstück.

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