Basic Instinct 2.

So viel wurde >>>> über diesen Spielfilm gehämt („eine Frau über vierzig will zeigen, daß auch s i e noch Sex ausstrahlt…“ „ein Konkurrenzkampf mit der Jugend…“, all sowas war zu lesen), daß ich den Streifen schon seit langem anschauen wollte. Und es nun tat.
Und tatsächlich, die ältere Stone hat sehr viel mehr Eros als die Jüngere und verkörpert den speziellen Wahnsinn aus Risikowillen, Lebensgier und moralloser höchster Intelligenz – eine, die sich zudem weiß und also zu inszenieren versteht – erheblich besser als die Schauspielerin das als junge Frau konnte und auch h ä t t e können. Damals wirkte sie gutaussehend, glatt, verzogen, morallos, ja, nun aber ist sie s c h ö n. So daß es mir so vorkommt, als hätte Stone speziell die schlechten Kritiken genau deshalb eingefahren; als verübelte man ihr, daß sie – anders als die meisten Frauen und, ja, auch Männer, die es sich mit den Jahren körperlich alle bequemgemacht haben und ihre Zipperlein und Bäucherl pflegen – diesen enormen Zuwachs an Schönheit dem scheinbaren Weltlauf abgerungen hat. Zudem hat ihr Ausdruck (in dem Film) bisweilen etwas, das an einen Replikanten denken läßt (diesen Eindruck verstärkt, daß Stones Brüste ganz offensichtlich kosmetisch ‚gerichtet’ wurden), dem der Instinkt eines Raubtiers eingepflanzt ist, einer Katze, die mit ihren Opfern s p i e l t, bevor sie sie tötet – und in diesem Fall zu einem perfiden Alibi benutzt. Wobei das dem Opfer von Anfang an klar ist und es, selbst ein Hochintelligenter, den Kampf aufnimmt. Und verliert. Und vielleicht sogar – unbewußt – verlieren will. Das ist um so pikanter, als es sich um einen Psychoanalytiker handelt, der mit solchen Dynamiken täglich umgeht. Genau, daß er das tut, ist der Grund dafür, daß die Frau i h m den Fehdehandschuh hinwirft, und er weiß das. Dabei spielt der Film bis zuletzt mit Ambivalenzen, hundertprozentig sicher kann sich der Zuschauer bis übers Ende hinaus nicht sein, wer hier welche Tat beging, und ob dieses enorm schöne Vieh – Stone hat im Film auch etwas von >>>> Species – nicht letztlich d o c h unschuldig ist. Man kann sich rein nur auf sein Wahrscheinlichkeitsgefühl verlassen. – Sicher, es sind im story setting öde, weil so schick-simple Vorgaben nötig, die das Geschehen überhaupt möglich machen: die Beteiligten müssen etwa über Geld verfügen, Stone muß sogar reich sein usw., sonst k ö n n t e das so-Erzählte gar nicht geschehen. Das schwächt den Film-selbst, nimmt aber der Spannung der psychischen Dispositionen nichts. Zu denen die Schilderung einer erotischen Obsession gehört, einer anderthalbseitigen, denn der Arzt verfällt i n s g e s a m t, der Verfall Stones bleibt dagegen hinter der Replikantenmaske verschlossen: die Frau handelt restlos dominant. Mit fällt dabei gerade ein, daß, hätte man den Arzt mit Bruce Willis besetzt, die Dynamik ziemlich anders hätte verlaufen müssen: nämlich, zwar verfiele auch dieser (Handlungsreisender, ich schrieb eben >>>> im Arbeitsjournal [7.34 Uhr] darüber), aber aufgrund seiner Kraft wäre dann auch Stone gefährdet; ein solcher Film hätte das Zeug, in antike Tragik aufzuschießen.
Und wieder die mich seit langem an solchen Frauenfiguren interessierende Frage: wie wurden sie so, wie sie sind? Das spart der Film nämlich aus (Replikant zum dritten); der Analytiker ist insofern – gegen all seine soziale, ökonomische und mentale Macht – deshalb von Anfang an schwach, trotz seiner Intelligenz, trotz seiner starken Fassade. Aber er stellt (im Film) nie die richtigen Fragen. Eine weitere ‚Lösung’ des dynamischen Geschehens läßt darüber hinaus das Drehbuch aus. Anfangs wird Stone wegen vermeintlichen Mordes vor Gericht gestellt, der Arzt fungiert als psychiatrischer Gutachter, und zwar auf Seiten der Staatsanwaltschaft. Er verliest ein sehr genaues Psychogramm. Stone hört dem auf der Anklagebank lächelnd zu. Sie wird psychisch vor Gericht völlig ausgezogen, bewahrt aber ebenso völlig ihre Haltung. Das Gutachten muß für solch eine Frau Rache geradezu e r h e i s c h e n, Rache für Entblößung, Rache für solche Klarsicht. Sie m u ß diesen Mann jagen, ihre psychische Disposition läßt gar nichts anderes mehr zu. Dieses im mehrfachen Sinn rückgekoppelte Motiv der Handlung vergißt der Spielfilm aber einfach, und es bleibt als loses Motiv bis zum Schluß heraushängen. Das ist kein Drehbuchfehler, zeigt indessen, daß – bezüglich der Konstruktion und also dem Verständnis psychischer Dynamiken – kein allzu guter Autor das Drehbuch schrieb. Mich wiederum bringt das auf >>>> Melusine Walser zurück. Und auf >>>> Zunami.

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7 Responses to Basic Instinct 2.

  1. Avatar euka-pirates says:

    erKennen Die „an solchen Frauenfiguren interessierende Frage: wie wurden sie so, wie sie sind?“ …

    Das frage ich mich auch immer wieder. Wie kann es gelingen (im Sinne von funktionieren), diese innere – dann ja doch – Eingebundenheit in die SIE betreffende Abwertung in etwas zu verwandeln, das zwar nicht weniger abhängig („sie MUSS diesen Mann jagen“ etc., sie ist trotz allem determiniert durch die vorher erlebte Abwertung), aber mit einem enormen Mehr an Macht und an Handlungs-, dh möglicherweise auch Lustfähigkeit ausgestattet ist.

    Vielleicht zu banal, aber, da wir es hier schon von Psychoanalytischem haben, ich glaube, da muß irgendwo ganz früh ein entsprechend überzeugendes Maß an AnErkennung von Seiten eines starken und libidinös besetzten Mannes erlebt worden sein und zwar auf eine grenzenwahrende Art und Weise:

    ein die Frau (das Mädchen) als GleichWertes, GleichMächtiges ErKennen (und erkennen trifft es wohl tatsächlich noch besser als anerkennen), ein vor allem emotional glaubhaftes und aushaltbares.

    Ob das auch andersherum ginge? Kann eine Frau auch durch den anerkennenden Blick einer starken Frau SO werden? So = erotisch dominant, ungebrochen.

    Und – mit Bezug auf den Film – ist sie natürlich so geworden, weil der Autor sie sich so gewünscht hat, oder nicht? Will sagen: Das, was die Stone hier verkörpert, ist AUCH – und vermutlich in der Regel – eher Fiktion als Realität, zumindest in dieser Ungebrochenheit.

    Und was ist eigentlich aus Zsunami geworden?

    • In dieser Ungebrochenheit sicher. Wobei ich schon die Annahme einer Ungebochenheit problematisch finde; in Stones Spiel kommt das auch sehr gut durch. Es steht Verfallenheit dahinter, und eine solche widerspricht der Vorstellung von Ungebrochenem. Und insoweit sich Stone immer auf jemanden anderen beziehen muß und sich ja gerade n i c h t selbst genügt (anders als Narzissos), kann auch nur sehr bedingt von einem krankhaften Narissmus gesprochen werden, der hier wirke.
      Weiterhin handelt es sich selbstverständlich auch um eine Männerfantasie. Nur muß dabei mit Menninghaus‘ Darwin-Interpretation, die ich nun schon mehrfach zitierte und immer weiter bearbeite, bedacht sein, daß, wie ein Geschlecht aussieht und ist, sowieso über das andere wesentlich mitbestimmt wurde. Die Abwehr, die dieser Film erfahren hat, scheint mir insoweit ganz woanders seinen Grund zu finden: nämlich darin, daß Stone weder patriarchal noch feministisch pc ist; an Macht besitzt und füllt sie aus, was die Frauenbewegung haben wollte, zugleich nutzt Stone aber auf das virtuoseste patriarchale Bilder. Sie dreht sie allerdings herum und wird zu einer Widergängerin dessen, was der fin de siècle eine ‚femme fatale‘ nannte und was, geradezu melancholiefrei, sich vielleicht am schärfsten in Wedekinds Lulu künstlerisch realisierte. Bei Stone droht die vagina dentata aber von Anfang an mit ihrem Gebiß. Und sie wird eine Art Wi(e)derauferstehung der dreieinigen Großen Mutter, die über Leben (Eros/Sex) und Tod (Mord) geradezu uneinsprechbar bestimmte. Dabei usurpiert sie ‚typisch männliche‘ Attribute, nämlich Statusobjekte wie etwa das schnelle Auto, und befehligt schließlich noch d a s. Aus patriarchaler Sicht müßte diese Frau ein Albtraum sein; da sie aber männliche Wunschbilder in ihrem Körper konzentriert, l o c k t der Albtraum so. Tod und Leben liegen wieder so eng aneinander, wie alle Zivilisation das sublimierend verdrängen wollte. „Ich rieche Blut“ steht unter der bei dem Analytiker hängenden Radierung. Das verweist auf beides: auf Menstruation und auf den Mord. Wobei sich alledies unter der Glätte patriarchal-hochkapitalistischer Inszenierungen abspielt.

      Was nun ZUNAMI anbelangt, so l e b ich sowas derzeit und habe angesichts der vielen übrigen Arbeiten noch nicht die Gelegenheit, an dem Roman zu arbeiten. Vorher ist auch noch ARGO endgültig fertigzustellen, und auch die Bamberger Elegien werden fortgesetzt werden. Aber das Projekt-selbst wird ganz sicher nicht vergessen.

      P.S.: Ein Nachwort noch. Es kann sein, daß für Figuren wie Stone ganz besonders solche Männer anfällig sind, die es in ihrer Kindheit mit kalten Müttern zu tun hatten, also Frauen, denen das sog. Mütterliche weitgehend oder ganz abging. Aus welchen Gründen auch immer. Das kalt-Bedrohliche wird dann, damit man es aushalten kann, libidinös besetzt und schlägt bei der späteren Geschlechtswahl immer wieder durch.

    • Avatar euka-pirates says:

      noch nicht Kurz und, weils mir wichtig ist, gleich am Anfang: von Narzissmus, gar krankhaftem, sprach ich mit keinem Wort – im Gegenteil, mir drängte sich das Bild einer durchaus intakten, wenn auch vielleicht nicht überaus im Glück badenden Form von Weiblichkeit auf.

      Deine Stone-Beschreibungen und -Interprationen sind spannend. Was ich schrieb, schrieb ich ausschließlich in Bezug auf diese deine Wahrnehmungen und Deutungen (so auch mein Eindruck der „Ungebrochenheit“), da ich den Film noch nicht gesehen habe. Besorge ihm mir aber soeben. Daher dazu vielleicht später mehr von mir. Was du da schliderst, entspräche so etwas wie einem „dritten Weg“, das macht neugierig.

      Zunami leben… Dazu fallen mir nur viel zu persönliche Fragen ein. Chapeau a la franchise.

    • Erotische Attraktion durch Nicht-Einlösung des Versprechens. Keiner dieser Differenzbefunde erlaubt allerdings bereits zu verstehen, warum fast alle Kulturen Mythologien der verderbenbringenden Schönheit vom Typ der f e m m e f a t a l e hervorgebracht haben – Mythologien, die radikal den Versprechens-Charakter der Schönheit unterstreichen, indem sie ihn von der Seite der N i c h t – Einlösung, der getäuschten Erwartung darstellen. Ein solches Maß an Abweichung vom evolutionsbiologischen Regelkreis von Schönheitswahl und Reproduktionsvorteilen kann letztlich weder mit Darwin noch mit seinen bisherigen evolutionsbiologischen Nachfolgern gedacht werden. Freuds Modifikation leistet insofern eine dringend erforderliche Anpassung der Darwinschen ‚Erzählung‘ von tierischem „taste“ und „sense of beauty“ an elementare Besonderheiten und Möglichkeiten der menschlichen Kultur.

      >>>> Menninghaus, S. 214 ff.

      Unbedingt hierzuzudenken sind n a c h dem Stand der Postmoderne >>>> Harraways „Die Neuerfindung der Natur“, sowie >>>> Ballards „Crash“ in >>>> Cronenbergs Version.

      [Zu denken bedeutet: Zusammenhänge herzustellen.]

    • Avatar euka-pirates says:

      Nun doch noch eine Antwort von mir. Sorry der Verspätung halber, ging einfach nicht zeitnäher.

      Habe den Film inzwischen gesehen und war, nach deinen Überlegungen dazu, richtiggehend enttäuscht. Für mich liest sich das wie ein technisch gut gemachtes, im Grunde aber vor allem auf Effekte setzendes Erzählen.

      Effekte: Schönheit (was wir gelernt haben, schön zu finden), Nacktheit (prüde zurückhaltend, unradikal und fast verschämt), Perversion (die unerklärt bleibt, wie du ja bereits gleich zu Beginn in deinem Kommentar schreibst), und im Ende werden die interessanten Fragen nicht behandelt.

      Als da wären, die deine:
      Wie werden solche Frauen (wobei es, denke ich, besser Frauenfiguren heißen sollte, denn „solche Frauen“ gibt es nicht – das meinte mein Hinweis auf die Ungebrochenheit)?
      Und:
      Wieso verfallen „solche Männer“ „solchen Frauen“?
      Sowie
      Was ergibt sich daraus?

      Die Geschichte, die da erzählt wird, ist so künstlich, wie das Ambiente, in dem sie – konsequenterweise – angesiedelt ist. Und sie bleibt, auf einer ganz banalen nämlich der Thriller-Krimi-Ebene sogar noch Antworten schuldig, weil im Grunde nicht stichhaltig wird, ob Stone all die Morde tatsächlich hätte begehen können. „Gerechtfertig“ wird das dadurch, daß das Ganze sich im Ende – möglicherweise – nur in der Fantasie des Psychiaters oder auch: nur im Buch der Autorin abspielt.

      Viel spannender fände ich die Frage danach, wie die Geschichte einer so vollkommen dominanten Frau, auch einer „vagina dentada“, die Geschichte der Macht und des Verfallenseins, auch der Obsession, die sich hinter ihr verbergen, so erzählt werden könnte, daß sie sich ins Leben hineinwöbe. Oder anders: Wie könnte eine so dominante Frau tatsächlich aussehen – den wie Stone sähe sie garantiert nicht aus -, was wären ihre Sollbruchstellen, wie zeichneten sich ihre Konturen und wie könnte möglicherweise ihre Genese verlaufen sein?

      Was man dem Film lassen muß, ist im Grunde lediglich daß er einen Raum öffnet, in dem das Bedürfnis danach, nach einer besseren Geschichte zum Thema, sich breitmacht.

    • @euka-pirates. Die Künstlichkeit dieses Filmes ist die Voraussetzung seines Gelingens. Jede Nicht-Künstlichkeit psychologisierte das Geschehen (und diese Frau) und machte es „greifbar“. Das eben ist zu vermeiden. Allenfalls ist der Film noch nicht künstlich g e n u g. Ein Realismus läge neben der Wirklichkeit, wie es der „Realismus“ ja auch tatsächlich tut. Dieses sich-ins-Leben-Hineinwölben, von dem Sie schreiben, muß mit dem L e b e n zu tun haben, unserem – nicht mit einem, das der Film uns vorspielt; der muß sich dagegen sogar sträuben.
      Mir ging es also – prinzipiell, nicht im Einzelnen, wo ich Ihnen zustimmen will – völlig anders, als ich diesen Basic Instinct 2 sah: Daß der Mann dieser Frau völlig verfällt, ist mir e v i d e n t , um dieses emphatische philosophische Wort zu gebrauchen, bzw. s o herum: ich wäre ihr ebenfalls verfallen. Vielleicht weil das, was „wir“ gelernt haben, daß es schön sei, von mir tatsächlich auch als schön empfunden, gefühlt, wird. Jedenfalls dort, wo es mit Unnahbareit, Kühle und Energie einhergeht. Ich darf allerdings daran zweifeln, daß sehr viele dieses Verständnis von Schönheit teilen, jedenfalls, wenn sie ihr begegnen und auch eine Chance haben, sie zu berühren. Was nicht vielen Männern geschieht.

      Aber gut, dann wart ich mal, daß Sie die bessere Geschichte zum Thema e r z ä h l e n (ich darf das schreiben, da von mir ja einiges dazu Erzählte vorliegt).

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