Arbeitsjournal. Sonntag, der 1. April 2007.

4.56 Uhr:
[Berlin, Küchentisch.]
Es hat deutlich etwas von ‚zur-Arbeit-fahren‘, wenn man morgens um halb fünf daheim aufsteht, sich in die Sachen wirft,den Rucksack mit dem Laptop halftert und den einen Kilometer an den Küchentisch radelt, also ans Netz. (Ein Satz, der neuen Leser ungeheuer vorkommen muß, als sie annehmen könnten – wie manche Gläubiger offenbar tun – ich lebte in einer Wohnung onassis‘schen Ausmaßes. Etwa erreichte mich gestern der Brief einer Offenbacher Anwaltskanzlei, worin mir >>>> die Abgabe einer falschen Eidesstattlichen Versicherung unterstellt wird, insofern ich als Rentenversicherung die BfA angegeben hätte; man habe versucht, meiner Rentenansprüche zu pfänden, aber dortseits mitgeteilt bekommen, man sei für mich nicht „der aktuell kontoführende Kostenträger“.
Nun, ich kenne keinen anderen Kostenträger eines ohnedies nicht vorhandenen Rentenanspruchs, krankenversichert bin ich bei der Künstlersozialkasse, Herr R., und ob die auch meine Rente verwalten… je nun, woher soll ich das wissen? Ich erinnere mich allerdings der Schreiben jener BfA, in denen ich mehrmals um Ausfüllung von Fragebogen aufgefordert wurde, die ich n i c h t ausgefüllt habe, weil ich zum Ausfüllen von Fragebogen prinzipiell keine Zeit habe, sondern da sowieso noch tief in ARGO saß. Meine Arbeit geht vor, ich laß mich von Formularen nicht da herausreißen – wie ich jetzt wegen der (letztlich ist es das) Vorbereitung meines Privatkonkurses aus den BAMBERGER ELEGIEN herausgerissen bin. Aber vielleicht fällt Ihnen noch ein, daß ich bekanntermaßen mit z w e i Namen lebe, und Sie haben nur einen davon angegeben, der dem „aktuell kontoführenden Kostenträger“ vielleicht gar nicht bekannt ist. Ich weiß das alles nicht und will es imgrunde auch nicht wissen. Jedenfalls bereite ich mich jetzt seelisch auch noch auf ein etwaiges Strafverfahren vor, die Drohung ist dem Brief des Anwalts ja implizit. Mich irritiert an dem allen nur, was die Leute offenbar glauben… oder eben n i c h t glauben: daß jemand so unabgesichert leben könne. Ja, jemand kann‘s. Und hat nun die Folgen am Bein.)
Den gestrigen Tag über beschäftigte mich aber das in Klammern sehr viel weniger als >>>> Ungaretti. >>>> parallalie hat wiederum >>>> meinen Übersetzungsvorschlag mit guten Gründen kritisiert, ich möchte heute gern darauf eingehen; wahrscheinlich wird die Wahl eines Wörterbuchs dabei eine Rolle spielen. Ich verwandte >>>> eines im Netz, sowie, selbstverständlich, meine Imaginations- und Interpretationskraft. Die irren kann. Aber dazu später. J e t zt will ich entschieden die Vierte Elegie zuendebekommen. Und übern Tag dann endlich auch die Briefe an die Gläubiger schreiben; einige davon, sollten darin Formulierungen gelingen, stell ich Ihnen wahrscheinlich ein. Auch dies, solche Briefe schreiben zu müssen, läßt sich aushalten, wenn man >>>> die Vorgänge selbst als Literatur begreift. (Übrigens habe ich bis heute >>>> hierzu noch überhaupt nichts gehört. Ob es wohl sein kann, daß man unterdessen selbst d a r a u f verzichtet, den Computer mir Absagebriefe schreiben zu lassen? Wohl >>>> deshalb?)

6.47 Uhr:
Auf der Netzsuche nach einer Metapher eine Wahnsinns-Site entdeckt: >>>> Sämtliche Erzählungen der 1001nen Nächte.

12.44 Uhr:
[Berlin, Am Terrarium.]
Synapsenfeuerr nach der Lektüre des mir von Do vor mehr als einem ¾ Jahr zugesandten, in der LETTRE vom Sommer 2006 erschienenen Artikels „Digitale Nihilisten“ von >>>>> Geert Lovink. Ich werde darauf später im Rahmen der >>>> Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens und sicher auch anderweitig eingehen, zuvor aber >>>> als NOTATE meine Exzerpte einstellen. (Ich numeriere dort die Zitate, um später einfacher nachvollziehbar auf sie eingehen zu können.) Selbst-Positionsbestimmung innert der Blogosphäre – wie oft eine gegerische, die aber voller mir selbst erstaunlicher Momente von Verwandtschaft sind. Diese Erkenntnis scheint mich, dachte ich erst, von den BAMBERGER ELEGIEN wegzuführen; tatsächlich führt sie aber weg, um wieder hinzuführen. Denn die Wiederentdeckung des Pathos‘ und seine ästhetische Kultivierung kommen mir nun vor wie eine Reaktion auf die von Lovink diagnostizierte notwendige ‚Flachheit‘, die ihrerseits ein Ergebnis der aus dem Pop hergekommenen Demokratisierung ist – also Flachheit als Signum der Emanzipation. Ich stehe hier im übrigen nicht allein. Die zu beobachtende Renaissance der Religionen, an der ich >>>> in nicht nur ungewissem Maß teilhabe, spricht eine nicht unähnliche Sprache. Mit Lovink argumentiert, wäre es aber m e i n Nihilismus, unhintergehbar glauben zu wollen, obwohl ich weiß, daß die Glaubensinhalte n i c h t unhintergehbar, da sie eben k e i n e letzten Doktrinen sind.

Glauben wollen, wovon man w e i ß, es ist nicht wahr.
Pathos ist möglicherweise d e s h a l b der Ausweg, weil alle, die leidenschaftlich lieben, pathetisch sind, weil Leidenschaft Pathos nicht nur voraussetzt, sondern es selber i s t. Und weil ein Bekenntnis zum Pathos Hitlers Sieg, von dem >>>> Syberberg spricht, zurücknimmt: das Pathos (eben auch kulturelles Pathos der Herkünfte und des Glaubens) so sehr desavouiert zu haben, daß der Hochkapitalismus den Baugrund völliger Profanität fertiggemacht vorfand, um seine Fabrik zur industriellen Verdinglichung jeglichen Werts zu Produkten vermarktbaren Vergnügens derart uneingesprochen und widerstandslos errichten zu können.

16.31 Uhr:
[Berlin, Küchentisch.]
Für kurzes ans Netz gefahren, um die Exzerpte nun einzustellen, zu denen wiederum am Terrarium einige Weiterungen und Gedanken bereits skizziert sind. Davon folgt einiges abends nach. Bin gleich mit Eisenhauer verabredet, muß vorher duschen. Allora, pazienza!

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