Die vitale Eitelkeit. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 15. Juli 2018. Darinnen erstmals Panaït Istrati erwähnt wird.

[Arbeitswohnung, 7.40 Uhr
Giordano, Andrea Chenier]
Seit sechs auf, wie momentan jeden Tag. Wobei ich neuerdings fast immer schon um drei für eine halbe Stunde wache – ich fürchte, eine Nebenwirkung zweier meiner arteriocurativen Medikamente; sowohl Atorvastatin als auch Pantoprazol geben als „gelegentlich“ Schlafstörungen an, die mir etwas ganz Neues sind, zumal ich nachts eh nur viereinhalb bis fünfeinhalb Stunden schlafe und sie deshalb eigentlich auch durchschlafe. – Keine Ahnung, was ich da machen kann. Es ist nicht schlimm, nur ein bißchen nervig. Andererseits bin ich wieder bestens in Form und habe auch die neuerliche Gewichtszunahme wieder im Griff, die eine Folge meiner Nikotinentziehung sein dürfte. Die übrigens macht mir ansonsten überhaupt nichts aus. Erstaunlich. Doch es reicht mir komplett, auf meinen cCigarren herumzubeißen und, sag ich jetzt immer, „Earl Gray“ zu inhalieren.
Dennoch hat der Bohm >>>> da ein bißchen recht, wenn er moniert, daß ich nicht eigentlich mehr Neues schriebe. Das stimmt momentan. Ich kann es aber nicht schlimm finden. Zum einen sind künstlerische Leerphasen bei Dichtern kein sehr unbekanntes Phänomen, zum anderen hat es auch schon Künstler wie Rossini oder Verdi gegeben, die irgendwann einfach nicht mehr wollten; andere wiederum, zutiefst frustriert, gaben sich gleich g a n z hinweg oder soffen sich zu Tod; dagegen scheint mir mein Verfahren ausgesprochen zukunftsträchtig zu sein, das meinen Körper wieder auf Vordermann bringt. Gewiß spielt Eitelkeit dabei eine Vorbildsrolle, und wir können sehen, welcher Lebensfrohheit Ausdruck sie sein kann; sie muß nun wirklich nicht verbissen sein und der Selbstironie ermangeln; im Gegenteil. Abgesehen davon habe ich mir die kreative Ruhe nach rund dreißig Büchern und ebensovielen Hörstücken eigentlich „verdient“. Meinen Sie, o Freundin, nicht? Und außerdem:

Da bereitet sich was vor.

Wär das nicht a u c h eine Wägung?
Doch weiß ich ja, wie gerne eine Gruppe Menschenart das Schlimmste von mir annehmen mag; so ist es ihr Bedürfnis. Daß dabei ich die Leinwand für Projektionen abzugeben scheine, die wer weiß in welchem Fürchten ihren Ursprung haben, hab ich zu tragen unterdessen gelernt.
Und sichte das, was war, bereite es aufs Kommen vor. Ich hatte nunmehr mit meinem Antrag für das nächste Berliner Literatur-Arbeitsstipendium zu tun, mußte das Exposé noch einmal neu fassen und auch ein, wie mir Cristoforo Arco bedeutete, Verwirrendes in den Typoskriptseiten klären; das hat etwas Zeit gekostet, zumal das Romanprojekt-selbst seit zwei Jahren stillsteht. Nicht, daß mir das Thema unterdessen fern geworden wäre. Bewahre! Ich hatte nur nicht das Geld, um ruhig weiterzuschreiben… und was heißt da schon „ruhig“? Die Aufregung, die Verarbeitungskraft kommt ja hinzu. Ich bin gegenüber den erzählten Geschehen durchaus nicht distanziert. Genau deshalb muß hier höchste Klarheit angestrebt werden. Jedenfalls ist diese und die Arbeit an den Béartgedichten das für mich derzeit Entscheidende; erst wenn ich diese beiden Bücher abgeschlossen haben werde, werde ich zuversichtlich an „den Friedrich“ gehen können. (Übrigens, sah ich gerade, gibt es in Wien eine nach ihm benannte Trattoria, die ich, der dort ja nun schon zwei Verlage und außerdem diese herrliche Lektorin hat, nun ganz unbedingt einmal werde aufsuchen müssen; zumal sie ganz in Arcos und auch der Lektorin Nähe gelegen … Nur kurz die Löwengasse rauf und rechts zweidrittels Kriegergasse …)
Weiterhin. Die Vorbereitungen der ANH-Werkschau auf dem diesjährigen Internationalen Literaturfestival Berlin binden ebenfalls Energie und Überlegung. Ich habe eine Art Handzettel ausprobiert, schauen Sie einmal:

An dem muß aber noch weitergebastelt werden; hier in Der Dschungel will ich die Veranstaltung ohnedies erst „richtig“ annoncieren, sowie sie sich auch im offiziellen Festivalprogramm aufrufen läßt, mithin dort online steht. Sonst erreichen mich noch mehr irritierte Nachfragen als bisher schon.

*

Im Ofen wieder ein Brot. Ich mußte eben, um zu befeuchten, den Terracottadeckel von der Terracottaschale nehmen:

Es sieht jetzt schon – finden Sie nicht? – ganz wunderbar aus. (Ohne Roggen diesmal; ausschließlich italienische Manitoba- und 00er-Mehle, sowie mein nun schon dreimonatiger Sauerteig, der seinem Weingeruch zufolge fast gänzlich Hefe ward; also muß ich in den Teigling unterdessen, und halte es auch so, nicht mehr als ein halbes bis ganzes Gramm Industriehefe mit einkneten; wahrscheinlich ist auch das längst nicht mehr nötig. Der gut gepflegte Sauerteig hat sich zu einer Kreuzung aus eben einem solchen und Lievito madre entwickelt – wozu der beigefütterte Honig ganz sicher mit beigetragen hat.)

Und lesen tu ich viel – weitaus mehr, als wenn ich intensiv an einem eigenen Projekt sitze.  Nachdem der poetisch so wunderbare wie bisweilen sperrige Giono ausgelesen war, nahm ich mir Panaït Istratis Nerrantsoula vor. Cristoforo ließ das Buch bei seinem letzten Besuch hier. Welch eine wunderbare Mädchenfigur an der Kippe zur Frau; zudem eine ménage à trois frühjugendlich Liebender, über die einer der beiden sehr viel später diese Worte schreibt:

Ich liebe den Mann der von Geburt an die Liebe zur Freundschaft in sich trägt. Ich liebe die Frau, deren Blut durch sinnliche Leidenschaft entflammt ist. Mit Raserei liefere ich mich ihnen ohne zu feilschen aus. Schwer muß ich es büßen, aber niemals haben die erlittenen Enttäuschungen mich niedergeworfen,  niemals werden sie die Stärke meiner Wünsche verringern.

Daß mir das gefällt, Freundin, wer hätte daran rechtens Zweifel? „Was willst du, Junior?“ habe ich meinen kleinen Jungen immer gefragt, wenn er vor einem Risiko scheute. „Leben oder nicht leben?“ „Leben, Papa!“ „Dann klettere hinauf!“

Ihr ANH

P.S.: Und selbstverständlich habe ich weiterhin mit meinen Auftragsarbeiten zu tun. Ich muß und will ja von was leben.

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10 Kommentare zu Die vitale Eitelkeit. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 15. Juli 2018. Darinnen erstmals Panaït Istrati erwähnt wird.

  1. Niemand sagt:

    Können Sie denn überhaupt tanzen? Monastirioty meinte, dass Istratis ‚Nerrantsoula‘ tanzend gelesen werden müsse. Also gewissermaßen eine Forderung, wie sie Nietzsche an das Leben selbst stellte. Hoffentlich bringen Sie die Voraussetzungen für diese Lektüre mit.

  2. @Niemand:
    Ja, ich kann tanzen, Monsieur (oder Madame) Niemand (gespr.: Niemon‘, das „o“ nasal),
    allerdings bräuchten meine Standard-Kenntnisse eine Auffrischung – ganz besonders, wenn man(n) eine Nerrantsoula auf eine Weise führen will, die sie nicht in Lachen ausbrechen ließe. Was, ich seh es völlig ein, vermieden werden muß.

    • Niemand sagt:

      Immerhin. Obwohl das kaum hilft, denn es geht bei diesem Text von Istrati ja eher um griechische und rumänische Tänze.

      Vielleicht sollte ich sie mal mitnehmen, wenn ich demnächst wieder an die Gestade der rosigen Inseln reise.

  3. @Niemand, ff:
    Nicht nur in Hinsicht auf Tänze bin ich offen, die ich noch nicht kenne: „warum uns den Mut nicht verzeihen, sein zu wollen, was wir sind?“ (Nerrantsoula, 83)

  4. Niemand sagt:

    Im Herbst werde ich auf die griechischen Inseln reisen. Termin steht aber noch nicht fest, da ich vorher nach Alexandria muss, wodurch alles noch umgeworfen werden kann.

    Mal sehen, ich denke darüber nach. Am Mut zum Verzeihen des Mutes fehlt es nicht. Aber wer was schon, was er ist?

  5. In Alexandria, @Niemand (fff), b e g i n n t Istratis kleiner feiner Roman: „Und wenn auch die Erinnerungen an jene Zeit nicht durchaus freudig sind, warum soll ich mich nicht an jenen wenigen köstlichen Augenblicken begeistern, die uns den Jammer des Daseins vergessen lassen und uns das Herz vor Freude zersprengen wollen?“ (Nerrantsoula, S.11 in >>>> Arcos schöner Ausgabe, dtsch. v. Erna Redtenbacher und Hans Wolff)

  6. Niemand sagt:

    Das weiß ich. Aber es ist die Herkunft meiner Familie. Ich habe anfangs Istrati nur gelesen, weil es ein Lieblingsautor meines Vaters war, in seiner Bibliothek, also nach seinem Tod, gibt es ein Gesamtausgabe, mehr als ein Dutzend Bände. Ich kenne die Arco Ausgabe nicht, aber es sind die selben Übersetzer.

    Es gibt eine Biografie über ihn, die mich besonders fasziniert hat, weil sie den Titel trägt ‚Von der Schwierigkeit, Leben zu erzählen‘ – ich denke, darum muss es gehen. Leben erzählen.

    • @Niemand (ffff):
      Darum geht es immer, selbstverständlich. Aber ebenso immer ist die Frage, wie wir’s erzählen – zumal ein erzähltes, also in Schriftform übersetztes Leben niemals das Leben selbst ist. Es muß etwas anderes daran hinzugeformt werden, um den Eindruck des tatsächlichen Lebens zu vermitteln. So kann etwas, das realiter niemals geschehen, etwas ausdrücken, das geschehen ist, und umgekehrt ein „dokumentarisch“ Erzähltes das tatsächlich Geschehene überhaupt nicht erfassen.

  7. joe frazier sagt:

    alban, wann wirst du erkennen, dass schimanski oder ben becker halt ne gewichtigere stimme haben als du oder halt kkowäh.
    es ist sowas wie OPER.
    wa ?
    alter …

    MUSIK

  8. Pingback: Verschiebungen… Das Arbeitsjournal des Montags, den 6. August 2018. | Die Dschungel. Anderswelt. Von Alban Nikolai Herbst

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