Til Schweiger küssen. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 10. Juli 2018.

[Arbeitswohnung, 7.20 Uhr]
Daß mir Schweiger gefällt, ich den Grund fürs beliebte Schweiger-Bashing in keiner Weise verstehen kann, schrieb ich bereits andernorts, zerstritt mich sogar einmal fast mit einer Geliebten, mit der ich eines meiner (wenigen) Theaterstücke realisieren und ihr Schweiger dazu an die Seite stellen wollte (wovon freilich er gar nichts wußte und hat es auch niemals erfahren) . Es gab dann ein vieles Hin & Her, was er alles nicht könne, wo er geradezu inakzeptabel sei, gleichermaßen als Künstler wie Mensch; kurz: Dieses Bashing hat etwas zutiefst Irrationales – oder, so banal, wie Phyllis Kiehl gestern am Telefon wähnte, ihm liegen Neid und Mißgunst zugrunde. Gut aussehende Männer, die darum wissen und es auch zeigen, stehen nicht hoch in Kurs. Dabei hat Schweiger wahrscheinlich tatsächlich den wohlgeformtesten Männerarsch der cineastischen Gegenwart – von der literarischen will ich in dieser Hinsicht besser überhaupt nicht sprechen. Warum soll er ihn also nicht zeigen? Doch von der Basherei abgesehen, Erfolg scheint er andrerseits ja zu haben, also auch Leute, die ihn mögen. Nur daß sie, anders als seine Verächter:innen, nicht so laut schreien, sich insgesamt nicht anders als dadurch hervortun, daß sie die Kinokarten kaufen, die den Erfolg eben bringen. Es sind, steht zu vermuten, keine Intellektuellen, IntellektuellInnen wohl n o c h weniger, sondern ist ganz einfach – Publikum. Das muß ja nicht begründen, wenn’s was mag.
Nur in meinen, ja, ich sag es mal so: in „meinen Kreisen“ ist es unchic, Til Schweiger zu mögen, in den meinen muß man ihn ablehnen, denn er wagt etwas, das sich nach Hitler für einen Deutschen nicht gehört, sofern er wie Kinski nicht „wahnsinnig“ ist: Er fordert den Star-Status. Was jeder US-Schauspieler ganz ebenso tut, aber der darf auch, is‘ ja kein Deutscher, hat nicht Auschwitz zu verantworten, sondern nur den Genozid an einem Volk, dessen Stämme eh nomadisch lebten. Wenn der Deutsche Schweiger dann seine Forderung auch noch mit humanistischen Projekten verbindet, dann handelt es sich bei diesen um eine reine Garnierung, die man deshalb nicht ernst nehmen darf, ja denen man wünschen muß, daß sie scheitern. Hauptsache, dieser Mann wird geduckt. Das wär schon das weitere Notleiden anderer wert. Es ist ja eh nur Schein, daß er sich für Flüchtlinge einsetzt, alles pures Marketing, widerlich geradezu; besser, die gehn, im Wortsinn, unter, als daß man einem Mann von solcher Eitelkeit auch nur den kleinen Finger zustreckt; er nähm nicht nur die ganze Hand, nein gleich den Arm mit Schulter. Ein Deutscher, der solch einen schönen Arsch hat, ist so, das liegt doch auf der Hand, das sagt uns schon unser gesundes Volksempfinden; ein guter Deutscher hat häßlich, zumindest ein bißchen picklig zu sein und muß mit seinem Bluthochdruck kämpfen – schon gar nicht darf er M a n n sein und das dann auch noch zeigen. Geschlecht ist Konstruktion, verdammt! Ein Nein ist ein Nein und das Problem der Welt ja sowieso der Phallus.

Es ist nicht sein, also Schweigers, sondern der Phallus an sich, der diesen Mann zu einem intellektuellen Ärgernis macht. Der Phallus, der sich einfach erhebt, ohne dabei Schuld zu empfinden:

 

 

Klar, da muß draufgehauen werden. Am besten mit dem Lineal der „Gender“moral: ganz vorne auf die Eichel, damit’s auch richtig wehtut. Scharfe knappe Schläge, wie sie die Lehrer einstmals liebten, zwar da nur auf die Fingerspitzen.

Dumm bloß, daß er ein solcher Vater ist. Aber was soll’s? Auch das ist ja nur Konstruktion, obendrein patriarchale. Weg damit! Am besten, man zertritt’s, und frau: Dann sind auch High Heels zu was gut.

All dies schien nun in mir zu wirken. Denn, Freundin, was ich Ihnen erzählen wollte – oder erst nicht wollte, sonst hätt ich’s ja schon gestern getan… Aber ich zögerte, war mir uneins, auch über mich selbst: Kann ich, darf ich sowas erzählen? muß ich’s nicht – vor mir selbst, vor mir selbst! – im Verschwiegenen halten? Da war dann nämlich dieser T r a u m… –
Also. Ich hatte vorabends den Tatort gesehen, der so ein üblicher Tatort nicht war, weder von der guten noch der, wie meistens, schlechten Sorte, einer, auf der der deutsche Kleinbürgerstaub zentimeterdick liegt… – Nein, es war schlichtweg ein Actionthriller US-amerikanischer Bauart, ein Action-Tschiller, um es treffend zu sagen, mit einem ganz bösen Türken aus Erdogans Geheimdienstriegen, einem bösen russischen Oligarchen, der zu Putin paßt (den wir einmal kurz in einem Nachrichten-Fernsehbild sehen), aber auch einem groben, aber guten russischen Kriminalpolizisten, und mit Fahri Yardım als seinem, Tschillers, Dr. Watson – aber der komisch-falschen Version, die neben Holmes stets unterliegt; das Muster ist erfüllt, bloß postmodern verstellt; wie auch immer, der Actiontschiller war, was er war, die Szene mit Schweiger am Autodach wäre eines James Bondes würdig gewesen, und zwar seiner harten, danielcraigschen Version. Das sagt aber dann keine/r. Solche Vergleiche werden nicht gezogen, weil Schweiger halt ein Deutscher ist und der deutsche Krimi den Kleinbürgerstaub zentimeterdick noch zu pflegen hat. Gilt übrigens auch für die Dichtung.
Egal.
Schweiger hat einen enormen Schädel bekommen, hat enormen Ausdruck bekommen. Wahrscheinlich ist er der männlichst wirkende Schauspieler, den Deutschland derzeit hat – und eben nicht nur „wirkend“. Dabei steht in seinen Augen nicht nur Wut, es steht Trauer in ihnen, auch Furcht. Nur – wohlgemerkt: als Nick Tschiller – jammert er nicht, sondern handelt, darin durchaus Götz Georges Schimanski gleich, nur eben ist er kein „Kumpel“ und ist nicht verlottert, säuft auch nicht. Würde er niemals tun. Denn er ist – ecco! – Vater. Ich kenne keine zweite Figur der Filmleinwände, die es auch nur entfernt so wäre wie er. In der cineastischen Gegenwart ist dieses Vatersein sein geradezu Alleinstellungsmerkmal. Unhinterfragbar, unbeugbar, restlos unbedingt. Und genau darum nicht genderzerbröckelt. (Alleine die Beschwörungen, als er seine Tochter rettet! „Werde erst achtzehn, dann darfst du ins Bett, mit wem immer und wievielen du willst. Dann darfst du kiffen, darfst Drogen nehmen, darfst weitere Piercings haben, meinetwegen, darfst alles, was du willst. Aber werde erst achtzehn! Werde bitte bitte achtzehn!“) So wäre er der beste James Bond, den die Welt uns denken ließe – wenn wir es denken denn wollten. Denn auch der Intellekt ist in ihm spürbar – und denken wir weiter, denken wir an einen Tschiller-Schweiger-Bond in dreißig Jahren: Er, nicht Craig, noch irgend einer der Vorgänger, wäre dekonstruierbar – dekonstruierbar wie Batman und würde dann, was Bond nie war: eine wirklich g r o ß e große Figur, nämlich ein Mythos.

Vielleicht war es das, was ich spürte. So daß ich diesen Traum träumte, der mich danach den ganzen Tag beschäftigt hat. Gestern beschäftigt hat. Den ich nicht aufschreiben mochte.
Ich war auf einem Fest. Jemand zog mich an, e n o r m an. Ein Mann, mich, den Homophoben! Wir tanzten! Er und ich tanzten! Dann küßten wir uns. Wir umarmten uns und küßten uns. Die Zungen umschlangen einander.
Der erste homosexuelle Traum meines Lebens.
Ich verstand überhaupt nicht.
Verstörte wachte ich auf. Wirklich verstört.
Dann fing ich zu verstehen an. Erinnerte mich des Tatorts, erinnerte mich der Vaterblicke Schweigers und daran, wie der russische Polizist am Ende sagt: Auch er, ja, habe eine Tochter. Da nehmen die beiden Männer sich in den Arm. Der eine ein Macho ganz wie der andere, und beide, beide l i e b e n. Hier hatte kein Gedenkel, kein Gendergezweifel, keine Correctness etwas zu suchen.
Mein Traum hat die Szene nicht wiederholt, nein, sie neu interpretiert, die Liebe interpretiert.

Benommen bin ich davon noch heute. Still bearbeitete ich über den Tag die lektorierten Erzählungen weiter, ging dann früh schon laufen. Blieb aber benommen. Bis in den späten Abend hinein, noch durch die ganze Nacht, in der ich zweimal erwachte und halbstundenweise wachlag.

Ihr ANH

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12 Kommentare zu Til Schweiger küssen. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 10. Juli 2018.

  1. Gaga Nielsen sagt:

    soeben fasziniert diese (veritable) hommage bis zum Ende aufmerksam gelesen. Die Neugier trieb mich einen Blick auf einen bestimmten astrologischen Aspekt zu werfen, eine eventuelle Verbindung zwischen Venus und Mars, die schwärmerische Qualität brachte mich genau dazu. Durchaus amüsiert nehme ich zur Kenntnis, dass die ANH-Venus im Steinbock in Konjunktion mit dem Schweiger-Mars steht (er hat übrigens auch eine Steinbock-Venus, also ist damit sein eigenes Beute-Schema). Der mit Abstand hervorragendste Ehe-Aspekt, noch dazu sein Mond im Wassermann in Konjunktion mit deiner Sonne und Saturn. Eine Liebe fürs Leben, die auf jeden Fall eine starke Erotik hat. Ich habe diesen Aspekt mit Romy, Gott hab sie selig. Mein Skorpion-Mars in Konjunktion mit ihrer Skorpion-Venus. Auch ewig.

    • @Gaga Nielsen: Meine Vertrautheit mit astrologischen Beziehungen beschränkt sich auf die Erinnerung an meine frühe Jugend, in der ich in der Tat viel drüber las, sogar davon ein Anhänger war. Ich mag fünfzehn gewesen sein. – Was mich irritiert, ist, wie Sie „meine“ Venus in den Steinbock hineinbekommen. Muß für sowas nicht die genaue Geburtsuhrzeit gewußt werden, die selbst mir nur aus einem „ich glaube“ meiner Mutter bekannt ist?

      • Gaga Nielsen sagt:

        Die Venus hält sich durchschnittlich jeweils für drei bis vier Wochen in einem Zeichen auf. Die Uhrzeit ist für die Ermittlung der Position nur an Tagen erforderlich, an denen der Wechsel zum anderen Zeichen stattfindet. Hier ein Link zu den Ephemeriden vom Februar 1955.
        Die genaue Geburtszeit ist für die Berechnung des Aszendenten und die daraus resultierende Verteilung der Häuser („Lebensbühnen“) und stattfindenden Transite (für Prognosen/Stundenastrologie) wichtig. Und wegen der Mondposition; der rasende Trabant wechselt alle zweieinhalb Tage das Zeichen.

  2. chez sagt:

    er bekommt halt nicht die zähne auseinander beim sprechen, so könnte er auch nie kumpel sagen wie schimanski – vielleicht spielt er auch halt nur sich selbst wie de niro obwohl er ja bestimmt der hiesige brad pitt ist ( der ihn wahrscheinlich sogar unter den tisch trinkt )
    🙂
    er spricht zu schnell und nuschelt der top guy und seine midbudget kamera frontal vis a vis ist halt nur pfiffich – vielleicht ist er nicht mal 1,8 m gross.
    hab bislang keinen einzigen seiner filme länger als naja 20 min schauen können – gähn.
    pffg allein ist halt begrenzt catchy.
    was solls, wa
    ein herausforderer ist garantiert … der, der sich um plastikflaschen wie affen usw. herausengagiert, der na wie heisst er nochmal ?
    löwitsch ?
    🙂

    ich erkenne männer nicht mal mehr an der kleidung heutzutage, vor 150 jahren war was andrer

  3. chez sagt:

    abgesehen lässt sich das fantasie cine theater holly holz doch nicht mit dem sozialbetuchten white trash kino made in speckgermanien analogiseren, autorenkino wa
    sozialbewegt und so weiter
    die rollen ?

    hannes jaenicke

  4. @chez: Es ist formidable, daß Sie das, was ich oben „Schweiger-Bashing“ nannte, hier so praktisch vor-, also nachexerzieren. Eine trefflichere Illustration hätte ich mir nicht wünschen können. Danke dafür.

  5. Bohm sagt:

    Mir ist es egal, ob die Till Schweigers Arsch anhimmeln. Aber es würde mich interessieren, ob Sie eigentlich auch noch hin und wieder mal ein Buch schreiben. Sie waren doch mal Schriftsteller? Oder irre ich mich da?

    Was dokumentieren Sie hier in diesem Blog? Den geistigen Niedergang eines Autors? Sie tun mir leid.

    Besinnen Sie sich endlich!

  6. @Bohm: Ich kann mich dieses Jahr über Veröffentlichungen nicht beklagen. Sie scheinen mir ein wenig langsam zu sein, Frau oder Herr Bohm, kenntnislos ja ohnedies. Dennoch, ’s ist lustig, wie aggressiv Sie meine Freude an Til Schweiger offenbar macht.

    Ja, Niedergänge „dokumentiere“ ich auch, genau wie Auf- und Seitwärtsgänge – und die Läufe nicht vergessen! (Aufläufe, Abläufe, Einläufe: Lacht.)

  7. Niemand sagt:

    Stimmt. „Einläufe“ sind auch sehr beliebt. Also, in manchen Kreisen.

    Tschau

  8. chez sagt:

    jetztlich erfand ich mich als ich nach folgenden lösungen ausschau hielt :

    lösung I

    lösung III

    ( es gibt immer etwas lösbares, kick )

    lösung IV

    wir schauen etwas n ach und nhaben lpösuntgsaufgae elöst5

    chäfc trobwqj

    stets

  9. chez sagt:

    okey mein name ist
    player
    .over

    overpal

    y

    loca
    mira

  10. Pingback: Die vitale Eitelkeit. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 15. Juli 2018. Darinnen erstmals Panaït Istratis erwähnt wird. | Die Dschungel. Anderswelt. Von Alban Nikolai Herbst

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