Battalia: T(h)eo W. Currentzis —

das, tatsächlich das mußte ich, so unangemessen es im Wachen zu sein scheint, denken und – eben! – dachte ich, als ich die Augen aufschlug aus dem Schlaf, der ein vollendeter Musiktraum gewesen sein muß. Nachdem völlig ungeplant mein Sohn und ich einen Konzertabend verbrachten. Nämlich war mir, als ich → diese Battalia (im Link ab 40’40“) endlich hörte und sah, fast der Bissen aus dem Mund gefallen – halb ein Bissen, halb auch Schluck, weil ich nämlich Suppe aß –, und ich hatte Adrian sofort, aber sofort folgende Whatsappnachricht geschickt, der — wegen eines wahrscheinlich nur grippalen Infekts seines Mitbewohners trotz eigentlich anderer Vornahme — nicht mehr hier hineinkommen wollte (Krebs, noch nahe OP, zudem vom wieder aufgenommenen Training vielleicht noch geschwächtes Immunsystem):

Adrian, Du mußt d o c h kurz reinkommen und Dir etwas anhören/ansehen… unbedingt!!! Bin grad völlig von den Socken. Bring einfach Deinen Mundschutz mit.

Und vorher hatte ich meiner Lektorin geschrieben (denn wir hatten für eben diese Einstudierung, dann aufgeführt im Wiener Konzerthaus, Karten gehabt, aber wegen Corona war auch dies wieder abgesagt worden), über SIGNAL:

Und das – ich muß jetzt fast weinen – hätten w i r in Wien gesehen… live … wäre nicht… wäre nicht … — ach. Ach, ach!

Ein zweites Mal, nein zum dritten bereits sah und hörte ich der Aufführung dann zu, als der junge Mann schließlich hier war, der eine Woche vorher der sogenannten klassischen Musik attestiert hatte, sie habe den Anschluß an die Wirklichkeit und eben deshalb Bedeutung verloren. Als er nun sehr genau in sich aufnahm, und erregt, was Currentzis und Kopatschinskaya da taten und wie sie sämtliche Orchestermusiker … ja, aufs Neue, Wiederneue beseelten, bekam er, wie seinerzeit → Parallalie bei → Sellars/Rattles Matthäuspassion den Mund so wenig mehr wie ich zu. Und eben diese (die Münder aber nicht) schlossen wir noch … ecco: an, in nur Auszügen freilich; also ich schaltete auf der Berliner Philharmoniker → Digitale Konzerthalle um. Da sah mein Sohn, dieser ziemlich schöne junge, knapp einundzwanzigjährige Mann, fast wie seinerzeit der Freund stupend aus, der knapp ein Jahr älter ist als ich:Nur, daß er nicht saß, sondern stand. Und fiebernd sich bewegte, wenn der Evangelist sang, sich mitbewegte, wenn die Chöre sich rührten, trauernd über den Bühnenboden schritten. „So viel hat sich, mein Sohn, getan“, sagte ich. „Aber“, erwiderte er, „niemand weiß es in meiner Generation. Wenn ich das vorher gesehen hätte, früher!“ „Hast du. Aber dann kam die Pubertät hinzu, die immer alles erst mal umgräbt. Es ist“, ich lachte auf, „ja wirklich nicht zu spät.“ „Wenn dieser Mann hier dirigiert, dann will ich unbedingt mit. Und die Kopatschinskaya — was sie für Augen hat. Und wie sie spielt ..!“
Besonders eindrücklich, für ihn wie für mich, ist Currentzis und Kopatschinskayas Aneinanderrücken Alter und Neuer Musik, der Nachweis ihres organischen Zusammengehörens, das nun, da es sinnlich ward, keines Beweises mehr bedarf. Daß zwischen Dowlands Lied und Kourlianskis Possible Places keine Pause mehr gemacht wird, so wenig wie nach der Battalia zu Scelsis phänomenaler Anahit (dem ich für DER ENGEL ORDNUNGEN einen Gedichtzyklus geschrieben habe). – Liebe Freundin, wirklich, folgen Sie dem Link und hören Sie sich’s an. Wer dann nicht auch so dasitzt (wenn er sitzt, oder sie) — der ist für alle Zeit verloren den soll in seiner großen Freiheit der Frost holen (von → da) !

 

Weshalb indes hat mich der nächtliche Nachtraum dieses Abends ausgerechnet Adorno, bis sogar offenbar in den Morgen, denken lassen ( – oder eher: fühlen?) Nein, Schönste, nicht „an Adorno“, sondern Adorno-selbst wie ein Geschöpf außer aller und über der Zeit! Sicherlich Currentzis‘ Leidenschaft wegen. Weil in jedem seiner Finger nur Musik, Musik, Musik ist. Weil er ist, was er tut. Weil es keine Differenz zwischen Beruf, Berufung und Person gibt. Weil das Wort Freizeit in solch einem Leben nicht mehr vorkommt, was aus einem erlösenden Grund so ist: Currentzis wie Kopatschinskaya haben die Entfremdung aufgehoben. So etwas wie Freizeit muß nicht mehr vorkommen, was wir tun und sind, ist ganz eines. Diese beiden Menschen sind – mehr noch, viel mehr noch als ich’s bin – ganz ihre Kunst. Hören und schaun wir ihnen zu, werden wir Zeugen eines Wunders:

im Arbeits- und Musikjournal
des Donnerstags, den 22. Oktober 2020:

[Arbeitswohnung, 8 Uhr
Heinrich Ignaz Franz Biber, Battalia (1673), → Currentzis/Kopatschinskaya
Zweiter Latte macchiato]

Ein Wunder freilich ebenso – wenn nun auch, weil’s sein muß, ironisch – ist, daß ich nach der gestrigen Wiederaufnahme des Lauftrainings null Muskelkater habe; also hab ich’s doch nicht „übertrieben“, wie ich spätnachmittags befürchtete, als ich mich keislaufshalber wider Willen für eine halbe Stunde hinlegen mußte, aus der aber nur fünfzehn Minuten wurden, weil dauernd jemand anrief. Na klar, wer hält auch schon Siesta nach 16 Uhr? Da sagen Italiener längst Buonasera. – Ich war aber schlichtweg erst recht spät in den Park gekommen, weil meine erste Zoomkonferenz mit der Uni Bamberg auf die Mittagszeit gelegt worden war; ein für mich erwartungsgemäß informatives Gespräch, doch vor allem ein Anlaß, mir für den Lehrauftrag über die Einsatzmodi meines Computerbildschirm-,nun jà,“cockpits“ Gedanken zu machen. Und außerdem muß ich heute einen virtuellen Raum für meine beiden START-Seminare buchen und sie danach eben auch mir einrichten. Ende dieses Monats findet bereits das erste statt. Da will ich dann auch → die Béarts endlich abgegeben haben.
Wie auch immer, heute wird um 12 gelaufen. Die Wiederaufnahme des Trainings hat eben auch Alltagsfolgen: Geduscht wird dann immer erst nachher, woraufhin die Siesta, so daß es schon von daher mehr als nur sinnvoll ist, meine Arbeitszeiten wieder sehr früh beginnen zu lassen. Bereits gestern, wie heute eben auch, bin ich um Viertel vor sechs hoch; besser wäre, zum Aufstehen fünf Uhr anzusetzen. Dann läßt sich bis Mittags gut was schaffen. Denn zu tun … mein Güte, schönste Frau … zu tun, zu tun gibt es genug. (Mal abgesehen davon, daß ich leider auch noch die Steuererklärung für 2019 dazwischenschieben muß, deren Fristablauf der Krebsbehandlung halber auf den 1. Dezember verschoben wurde, dankenswerterweise).

So, die Geistesärmel hoch!

ANH
[Mahler, Erste, Currentzis]

[12.18 – 13.40 Uhr
Volkspark Friedrichhain]

 

 

 

 

Siehe → dort.

 

 

Und dann stand vor dem Park aber noch mein absoluter Lieblingswagen, den ich zwar niemals haben werde, erstens weil mir das Geld fehlt und weil zweitens in Berlin nichts unnötiger ist als ein Auto. Aber leihen, für einen Wochenendausflug, würd ich ihn mir gerne.

 

Sehr sehr, sehr sehr, sehr sehr gerne.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu Battalia: T(h)eo W. Currentzis —

  1. Franz-Josef Knelangen sagt:

    Wow bzw. Chapeau.

    Dazu fällt mir nichts mehr ein.

    Außer der schönen Formulierung Pablo Nerudas für „– der ist für alle Zeit verloren“: „– den soll in seiner großen Freiheit der Frost holen“.

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