„Das Geld aus Baia Domizia“: Briefe nach Triest, 43. Wiederaufnahme, Überarbeitung 3.

[Aus dem zwanzigsten Brief]

(…)

Ich muß, Herz, mein Herz in den Griff bekommen und denke deshalb sofort an Lenz, Lenz und Baia Domizia, Provincia Caserta. Zu erzählen gibt mir Struktur.

Damals war Lenz noch sehr jung, kaum dreißig. Noch war er nicht verheiratet gewesen, aber mit der Frau schon liiert, seiner dann ersten, die übrigens schon schwanger war. – Man schickte ihn, nach dem Zürcher Sondierungsgespräch, erst nach Neapel direkt. In einer der seinerzeit restlos verwahrlosten Ladenruinen der unteren Galleria Umberto I sollte eine Schweizer Dependance aufgebaut werden, ein insofern heikles Unternehmen, als das Schweizer Bankengesetz solche Filialen im Ausland verbietet; so war es jedenfalls damals. Weshalb über eine von einer deutschen Privatbank gegründeten Tochtergesellschaft agiert wurde. Die Absprachen waren nie offiziell, meines Wissens gibt es auch keine Papiere, die das Verhältnis nachweisen könnten. Um so profitabler die verhandelten Summen. Lenz, für sich, ging von Geldwäscherei aus. Dem Unternehmen war er seines ausgesprochen leistungsfähigen Ehrgeizes wegen aufgefallen; der junge Mann habe die, zeigten sich die Verantwortlichen überzeugt, nötige Gier, um bei realistischer Aussicht auf gute Gewinne die Regeln schon mal beugen zu lassen. Außerdem sprach er fließend Italienisch. Schon am ersten Abend ward auf Baia Domizias langem glänzenden Ebenholztisch ein silbernfarbner Koffer geöffnet, aufgesperrt geradezu. Draußen schlug das tyrrhenische Meer hörbar an das Ufer; von Wand zu Wand gab es wütende Echos. Die gebündelten, vermittels grüner Bauchmanschetten penibel zusammengehaltenen Scheine wirkten nach frisch aus der Presse. Tatsächlich kamen sie frisch aus ihr. Doch darüber wurd nicht gesprochen. Noch in derselben Nacht sollten sie nach Mailand und von dort in die Schweiz. Draußen der Hubschrauber stand schon bereit. Und Lenz, aber jetzt erst, begriff. Gewaschen werden mußte dieses Geld nicht, nur verteilt. Handwerklich waren die Scheine bewundernswert Kunst, so gesehen ein jeder mehr wert, als auf ihm draufstand. – „Tun Sie‘s?“ fragte der, so sprachen alle ihn an, ‚Commandatore’ und fügte lächelnd bei: „Zehn Prozent für die Bank.“ „Quindici“, hielt Lenz spontan dagegen. Der Commandatore lächelte schärfer. „Dodici.“ „Tredici.“ „Dodici.“ – Dem Contrattare wohnten außer den beiden Personenschützern, die diskret, geradezu gesichtslos je in einer Tür standen, und außer Lenz sowie dem, sagen wir, Padrone noch dessen italienischer Anwalt bei sowie bizarrerweise ein Geistlicher, den jener Monsignore nannte. Es war dem Commandatore, schien es Lenz, fast z u deutlich um dessen Segen zu tun.
Jemand anderes als Lenz hätte freilich versucht, aus der Sache irgendwie herauszukommen. Aber Du mußt verstehen, er war noch arg jung, wollte ‚Geld machen‘, vor allem Geld machen; die enge harte Kindheit saß ihm nicht nur im, Geliebte, Nacken. Außerdem hatte er, wenn auch nicht schriftlich bezeugt, das Interesse seiner Schweizer Mentoren. Die würden ihn natürlich nicht schützen, wenn er aufflog. Falls aber nicht … – Es hätte einen enormen Mut gekostet, wäre lebensgefährlich gewesen, jetzt noch aufzustehen und zu sagen: Nicht mit mir. So saß er um dreiundzwanzig Uhr im Hubschrauber, gegen Mitternacht im Flieger und morgens um vier in einem Schweizer Leihwagen, den Koffer unversteckt auf dem Rücksitz. Man winkte ihn durch.
Sowas macht süchtig, Du mußt das verstehn. Es ist das Adrenalin. – „Mir erzähl n i c h t s“, wehrte sie ab, seine spätere Frau, als er sie im Büro traf. Ja, zuerst wieder dort. Das war typisch für ihn,. „Je weniger wissen, desto besser. Aber was dabei ist herausgesprungen?“ Als er die Summe nannte, fiel sie ihm um den Hals. „Fick mich“, forderte sie, „aber gleich, hier, jetzt.“ Adrenalinschübe springen über. So daß sie zu einem ersten Mal von ihrem bald schon Gatten extrem begeistert war und ihn, gleichfall zum ersten Mal, durch und durch Pragmatikerin, nicht nur ‚passabel‘ fand und ‚praktisch‘. — Ich selbst, der ich die geschilderte Szene ähnlich erlebt habe, reagierte allerdings anders als Lenz; freilich war ich von den Schweizern auch nicht allein abgesandt worden. Mein mir ungefähr befreundeter Kollege Dolf Niedermair stand mir zur Seite, ein ehemaliger GSG9ler, der, als er vierzig wurde, auf keinen Fall noch einmal in Beirut eingesetzt werden wollte, deshalb den Dienst quittiert hatte und ‚naturalisiert‘, also von der Bundesrepublik mit neuer Identität ausgestattet und an die Deutsche Bank vermittelt worden war, von wo die Schweizer ihn abgeworben hatten. Er war damit vertraut, das Recht zuweilen brechen zu müssen, um es zu garantieren; so war seine Hemmschwelle entschieden niedriger meine, dabei sein eignes Leben zu riskieren, war er gewöhnt. Jedenfalls stand der Koffer offen auf dem langen Tisch, mein Blick ging drüberhin nach draußen auf die Pineta, an die sich der Lido anschloß; daß die Dünung erklecklich sein mußte, war nicht zu erkennen, doch weiterhin zu hören. „Wissen Sie“, sagte ich in die erstaunte Runde, „ich gehe jetzt mal schwimmen“, verbeugte mich leicht, drehte mich zum Ausgang und begab mich auf mein Zimmer, um ein Handtuch zu holen. Die Brandung war tatsächlich heftig, aber ich schwamm doch gut eine Dreiviertelstunde, legte mich, um zu trocknen und zu bräunen, in den weißgelben Sand und kehrte erst zurück, als ich annehmen konnte, die Sache sei gelaufen. Tatsächlich war Dolf, als ich ins Foyer und weiter in den Saal trat, offenbar schon einige Zeit nicht mehr da und kam auch nicht wieder. Er muß ziemlich schnell aufgebrochen sein, weil ich die Rotoren des Hubschraubers nicht gehört hatte; wahrscheinlich kämpfte ich, als er aufstieg, gerade mit den Wellen.
Selbstverständlich gab es ein Nachspiel in Zürich, als dessen Folge ich, auf den alarmierenden Rat der Italienischübersetzerin hörend, die bei den folgenden Vertragsverhandlungen vor Ort gewesen war und mich gleich danach angerufen hatte, zwei Wochen lang, um ihre Worte zu gebrauchen: „besser mal nicht aus dem Haus ging“. Nach Neapel selbst reiste ich drei Jahre lang nicht mehr, vorsichtshalber, so sehr es mich auch hinzog. Doch aus der Filiale in der Galleria ist wohl nichts geworden. Und, übrigens, von Dolf Niedermair hörte ich erst zehn Jahre später wieder was, als er mich anrief, um mich zu etwas zu bewegen, von dem ich ebenfalls meine Finger besser ließ.

(…)

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Über Alban Nikolai Herbst

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