| Der Sommer auf Ardis ODER Dein Afrika hinauf |
Nabokov lesen, 39: Ada oder Das Verlangen, 1
Teil I, Kapitel 1 – 26

 

 

“Wir waren schändlich verdorben, nicht wahr?” [die erwachsene Ada, ANH]
“Alle klugen Kinder sind verdorben.” [der erwachsene Van, ANH]
Ada oder Das Verlangen, S. 142
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Sie betrachtete ihn. Ein feuriges Tröpfchen im Winkel ihres Mundes betrachtete ihn. Ein dreifarbiges, samtenes Veilchen, das sie am Abend aquarelliert hatte, betrachtete ihn aus einer kannelierten Kristallvase. Sie sagte nichts. Sie leckte an ihren gespreizten Fingern, noch immer ihn ansehend.
Van, da er keine Antwort erhielt, verließ den Balkon. Sanft zerbröckelte ihr Turm in der süßen, schweigenden Sonne.
Ada, 99

 

Was wir, geliebte Frau, zuerst verstehen sollten und es – sofern wir uns eingelassen haben – spätestens auf der Seite 77 verstehen auch werden, geht aus folgender, dort so kurzen Klammerbemerkung hervor, daß sie durchaus überlesen werden kann:

Mit zehn oder früher hatte das Kind – genau wie Van – Les Malheurs de Swann gelesen (…)
Ada, S. 99

Mit zehn, Proust! Und mehr noch: als kleine Russin auf Französisch … Sofort, wer sich da nicht wehrt, hat das Bild eines besonderen – begnadeten nämlich – Kindes vor Augen. Begnadet von Herkunft und Erziehung, was für Ivan Veen, Adas sofortig-innigstem Freund, ebenso gilt wie für beider (ich meine die Landschaft, die sie umgibt) märchenhaft heilem Daheim. Was alles Folgende, grad auch das Erotische, zutiefst bestimmt und glaubhaft macht.

Wir befinden uns jetzt auf einer Weideninsel mitten im ruhigsten Flußarm des blauen Lador, feuchte Felder auf der einen Seite und auf den anderen eine Ansicht von Bryants Château, fern und romantisch schwarz auf seinem Eichen-Hügel (…)
Ada, 260

So denn auch Ardis Hall selbst,

ein prächtiges Landhaus, drei Stockwerke hoch, gebaut aus fahlen Ziegeln und violetisch schimmernden Steinen, deren Farbschattierungen und Substanz sich bei bestimmten Beleuchtungen auszutauschen schienen. Der Vielzahl, Fülle und Lebhaftigkeit großer Bäume zum Trotz, die längst die zwei ausgerichteten Reihen stilisierter Schößlinge ersetzt hatten, (lag) das Herrenhaus (…) auf einer Erhebung (…)
Ada, 53

Wer Nabokovs bisherige Bücher kennt, die ich in dieser Reihe besprach, wird sofort spüren, was der Autor hier schildert, daß er seine eigene Kindheitslandschaft, die verlorne und lebenslang vermißte, schildert, doch sie uns nun zur Gegenwart macht: zu einer gewesenen Zukunft. Und wir begreifen unmittelbar, weshalb er dafür eine Gegenwelt schafft, bezeichnenderweise Anti-Terra genannt, worin zwar die Geographien mit unserem Heimatplaneten identisch sind, nicht aber ist es — um Zukunft zu sein, kann sie’s nicht sein — ihre politische Wirklichkeit (Nationalgrenzen verlaufen dort völlig anders, und die imperialen Gewalten liegen in anderen Händen). Ebenso die Technologien; auch sie stimmen nicht überein. Alleine dafür, dieses klarzumachen, dienen die ersten beiden Kapitel, die deshalb so komplex sind und für verwirrend gelten, weil es dem Dichter tief mißhagt, den Sachverhalt pur zu referieren, also die Gebote eleganten Erzählens zu mißachten. Weshalb er einsteigt, als wüßten wir alles bereits. Denn ihm – Ivan Veen, der als alter Mann seine Erinnerungen schreibt – ist seit Kindheit ja alles bekannt, und seiner ersten Leserin, der geliebte Ada, nicht anders. Da hilft uns der dem Buch vorangestellte Stammbaum erst einmal wenig:

Wir werden später dazu übergehen, ihn zu “dechiffrieren”; ein einundsiebziger Mann, der mit seiner fünfundzwanzigjährigen Frau zwei Kinder zeugt, die quasi Ahnen aller jetzt lebenden Hauptpersonen des Romans sind, ist auch als Fürst nicht common sense. Wichtig ist erst einmal nur zu verstehen, daß Ada und Van, die von mir in der Abbildung türkis markierten Helden der Geschichte, miteinander verwandt sind — dem Stammbaum nach Cousine und Cousin, nämlich die Kinder des Zwillingspärchens Aqua und Marina. Die Wahrheit allerdings finden diese Kinder selber heraus; sie wird ihr Leben ebenso überschatten, wie es ihre Leidenschaft bis zum Tod hell befeuert – keinem schnellen, einem späten. Van ist in den Neunzigern, als seine nur zwei Jahe jüngere Geliebte das Manuskript liest (und gelegentlich kommentiert), das unterdessen wir vor uns als Buch liegen haben.
Nein, wir müssen uns nicht kirremachen lassen. Sehen Sie es, Freundin so: Wenn wir zum ersten Mal ein fremdes Land betreten, ja noch über Monate, wofern wir so viel Zeit dort verbringen, kennen wir auch nicht den andren kulturellen Code. Sondern erfassen ihn allmählich. Nicht anders in diesem Buch. Indem wir indessen erlernen, statt schon immer gleich zu wissen, werden wir sehr reich. Um uns zumindest geographisch zurechtzufinden, genügt die folgende Karte vollauf:

(©: Dieter E. Zimmer)

Wir sind also, nach unsrer Welt, im westlichsten Kanada, oberhalb des Staates (“unseres”) New York — ganz nahe nämlich dort, wo James Fenimore Coopers erste LEDERSTRUMPF-Erzählung spielt, eines andren großen Buches. Wäre das Land nicht derart kultiviert, wir spürten noch Nat Bumppos Atem — ja, selbst der See ist noch da, auf dem Tom Hutters, des Pelzjägers, und seiner beiden Töchter, Judiths und Hettys, Holzhütte schwamm.  Das liegt allerdings an die einhundertfünfzig Jahre zurück.

Zeichnung: Zdnek Burian

Und wir sind nicht weit von Alaska entfernt, auf der anderen Seite nur, das von Rußland an die USA erst 1867 verkauft worden ist — ein für Nabokovs Konstruktion entscheidender Umstand: bloß siebzehn Jahre, bevor Van zum ersten Mal nach Ardis kommt. Seelisch ist Rußland also ganz nah, was es dem Dichter eben erlaubt, Ardis nahezu ganz mit der eigenen Kindheit zu füllen. Daß er das dortige Klima subtropisch sein läßt, geht poetisch mit dem Thema des Romans, der erotischen Liebe, zusammen, die immer geistig auch sein muß, sonst wär sie nicht erotisch, sondern nichts als grob sexuell. Außerdem liegt Ardis ein bißchen nördlich Bostons auf dem, was wir schnell vergessen, Breitengrad von Rom. Schon verstehen wir Nabokovs geographische Wahl, zudem er selbst viele Jahre in ungefähr einer ähnlichen Gegend verbracht hat, etwa in Wellesley — sehr weit weg vom westlichen, bei Nabokov (russisch-)französischen Kanada nicht.
Doch muß uns selbst das noch nicht scheren. Es zeigt nur, wie komprimiert die vierundddreißig Seiten der ersten drei Kapitel sind, die wir Peter Urban zufolge → “besser auslassen” sollen.

(Nur noch nebenbei bemerkt, war die französische Sprache im späten zaristischen Rußland ein Abgrenzungsmerkmal der Oberschicht. In Ada kann Nabokov sie und sein Russisch mit dem Englischen vereinen, in dem das Buch geschrieben ist — in Europa, übrigens, wieder, nämlich in Montreux und also der Französischen Schweiz.)

Ivan “Van” Veen ist also vierzehn, als er in Ardis den Sommer verbringt und Ada, die vermeintliche Cousine, die zwölf ist, kennenlernt. Dabei ist es kein Zufall, daß er, nachdem er

mit seinen zwei Koffern (…) in den sonnigen Frieden des kleinen, ländlichen Bahnhofs
Ada, 53

ausgestiegen war,

von wo eine gewundene Straße hinauführte nach Ardis Hall,
Ada, 51,

die “zufällige Gelegenheit eines Transportmittels” wählt, denn Automobile gibt’ schon sehr wohl,

das ihm ein zufälliger Knick im Gewebe der Zeit zur Verfügung gestellt hatte,
Ada, 53,

nämlich eine Kalesche. Und nachdem er in ihr angekommen ist und erstmal, auf Vorschlag des Butlers, eine tour du jardin unternommen hat, auf der er irrtümlich die noch ganz kleine Cousine für die etwas ältere hält, fährt nahe der Terasse eine Viktoria vor:

Eine Dame, die Vans Mutter ähnelte, und ein dunkelhaariges Mädchen von elf oder zwölf, vorweg ein herabfließender Dackel, stiegen aus. Ada hielt einen unordentlichen Strauß wilder Blumen. Sie trug einen weißen Rock mit einer schwarzen Jacke, und in ihrem langen Haar war eine Schleife. Er sah diese Kleidung nie wieder an ihr, und wenn er sie bei rückblickender Betrachtung erwähnte, beharrte Ada darauf, daß er geträumt haben mußte, sie hatte nie so etwas besessen, konnte niemals an einem so heißen Tag einen dunklen Blazer getragen haben, aber er hielt an seinem allerersten Blick von ihr bis zum Schluß fest.
Ada, 55

Also bis er in den Neunzigern war, mithin um 1960, als Nabokov diesen Roman zu scheiben begann. Es ist dies eine wichtige Bestimmung. Und nur drei Seiten weiter fangen Schlüsselsätze an, die das gesamte Zentrum der Erzählung umspannen:

“Du kannst den ‘See’ vom Bibliothekszimmer sehen,” sagte Marina [Adas Mutter, ANH]. Ada wird dir jetzt alle Räume des Hauses zeigen. Ada?” (Sie sprach es auf die russische Weise aus, so daß es fast wie “Ardor” klang.
Ada, 57/58

“Ardor” ist Englisch für “Glut”, “Leidenschaft” (so daß ich am deutschen Mittitel DAS VERLANGEN durchaus bißchen Zweifel habe — ein D’Annunzios IL PIACERE nicht unähnliches, als Übersetzung, Benennungsproblem).
Ein wenig später wird das Motiv noch verstärkt, und zwar überaus typisch für die schwindelerregend gebildeten Dialoge der beiden Fastnoch- und doch Schonlangenichtmehr-Kinder:

“Unsere Leselisten stimmen nicht überein”, erwiderte Ada. “Jenes Palace in Wonderland gehörte für mich zu der Art Buch, von der jedermann so oft behauptete, ich würde [es] innig lieben, daß ich eine unüberwindbare Abneigung dagegen entwickelte. Hast du irgendeine von Mlle Larivières [ihrer Gouvernante, ANH] Erzählungen gelesen? Nun, du wirst es noch müssen. Sie glaubt, daß sie in irgendeinem früheren Hindu-Stadium ein ‘Boulevardier’ in Paris war, und schreibt entsprechend. Wir können uns von hier aus durch einen Geheimgang in die Eingangshalle winden, aber ich glaube, wir sollten uns noch die grande chêne ansehen, die in Wahrheit eine Ulme ist.” Mochte er Ulmen? Kannte er das Gedicht von Joyce über die beiden Wäscherinnen?
Ada, 74.

Die Zwölfjährige spricht hier von FINNEGAN’S WAKE!

Er kannte es tatsächlich. Mochte er es? Ja. In der Tat begann er arbors und ardors und Adas sehr gern zu mögen. Sie reimten sich. Sollte er’s erwähnen?
Ada, ebda.

“Arbors” sind Lauben, aber auch Wellen. Doch zur vorigen Stelle nochmal zurück, die fast schon alles verrät — noch bevor es die “Kinder” ganz selber entdecken:

“Warum müssen Treppenstufen nur so entsetzlich knarren, wenn zwei Kinder hinaufsteigen”, dachte sie [also Marina: Adas “High-Society”-Mutter, ANH], während sie zum Geländer emporblickte, auf dem sich zwei linke Hände mit verblüffend gleichen Griffen und Zügen fortbewegten, wie zwei Geschwister bei ihrer ersten Tanzstunde.
Ada, 58.

Wie sie wirklich mieinander verwandt sind, entdecken die zwei auf Ardis Hall‘s Dachstuhl:

Der Boden. Dies ist der Boden. Willkommen auf dem Boden. Er beherbergte eine große Anzahl von Truhen und Kartons und zwei braune Couches, eine über der anderen wie kopulierende Käfer, und Mengen von Bildern, die mit den Gesichtern zur Wand in Ecken und auf Borten standen wie gedemütigte Kinder. (…) Dank einer Mischung sich überlappender Stile und Ziegel (…), als auch eines gewissermaßen zufälligen Kontinuums von Ausbesserungen, bot das Dach von Schloß Ardis ein unbescheibliches Gewirr von Winkeln und Flächen, von blech-grünen und blatt-grauen Oberflächen, von ausblickenden Firsten und windgeschüzten Ecken.
Ada, 64

Dort nun finden sie — übrigens gleich in Kapitel 1, das wir ja Kritikern zuliebe “auslassen” müssen (sei milde mit ihnen, oh Göttin!) —

in einem anderen Karton in einer tieferen Schicht der Vergangenheit: ein kleines grünes Album mit säuberlich eingeklebten Blumen, die Marina [Adas Mutter, ANH] in Ex, einem Gebirgskurort (…), wo sie vor ihrer Ehe in einem gemieteten Chalet weilte, selber gepflückt oder sonstwie erworben hatte. (…) Diese einleitenden Seiten enthielten weder botanisch noch psychologisch Interessantes (…); aber der mittlere Teil (…) erwies sich als regelrechtes kleines Monodram,
Ada, 18

aus dem die beiden Kinder, längst schon, vorsichtig gesagt, “innig” miteinander, treffend erschließen (und denken Sie jetzt wieder an den von Nabokov gern angespielten Sherlock Holmes):

“Ich deduziere,” sagte der Knabe, “vor allem drei Tatsachen: daß die noch nicht verheiratete Marina und ihre verheiratete Schwester [nämlich seine, vorgebliche, Mutter, ANH] an meinem lieu de naissance überwinterten (…) und daß die Orchideen von Demon [seinem Vater, ANH] kamen, der es vorzog, an der See, seiner dunkelblauen Urgroßmutter zu bleiben.”
“Ich kann hinzufügen,” sagte das Mädchen, “daß das Blütenblatt zu der gemeinen Schmetterlingsorchidee gehört; daß meine Mutter noch verrückter als ihre Schwester war; und daß die Papierblume, die so beiläufig bezeichnet worden war, eine durchaus erkennbare Nachahmung der Frühjahrs-Sanikel ist, die ich im verganenen Frühjahr an Kaliformiens Küsten sah. (…)
(…)
“Gut gemacht, Pompeianella (die du aus den Bilderbüchern von Onkel Dan [Adas vermeintlichem Vater, ANH] kennst, wie sie ihre Blumen ausstreut, aber die ich im letzten Sommer in einem neapolitanischen Museum bewunderte). Nun sollten wir aber doch unsere Hemdchen und Höschen wieder anlegen und hinuntergehen und dieses Album sogleich vergraben oder verbrennen, Mädchen. Stimmt’s?”
Ada, 19/20

Zweierlei zeigt, wie raffiniert Nabokovs Konstruktion ist. Zum einen: Um diese zwei Stellen wiederzufinden, brauchte ich, obwohl ich sie angestrichen hatte, lange. Denn ich wähnte sie viel, viel weiter hinten. Sie hatten sich meinem Gedächtnis also chronologisch eingeschrieben, komplett anders, als sie im Buch stehn. Zum zweiten hat Nabokov schon hier den, so würden dumme Erwachsene sagen, “frühreifen” Charakter seiner Liebeskinder vorgeführt, die auf den eigentlichen Skandal, der sie vielleicht erschüttern hätte müssen, komplett pragmatisch reagieren. Wir lieben uns und lassen es uns nicht zerstören, auch von keiner Moral. Besser deshalb, wir vernichten den Beweis — daß sie Geschwister sind.
Übrigens wird auch schon ganz zu Anfang erzählt, in höchster Dezenz nebenbei, wie und weshalb Marinas Erstgeborene der Zwillingsschwester Aqua (daß beide zusammen einen Aquamarin ergeben, ist eine poetenhimmlische Zutat) unterschoben wurde, die am selben Tage niederkam, doch mit einer Fehlgeburt. Was die psychisch da schon schwerkranke Frau nicht ertragen hätte. – Daß sie fortan immer mal wieder von Zweifeln geplagt wird, ob Van ihr Sohn tatsächlich sei, sei nur am Rand erzählt – ebenso, wie tief Nabokovs Erzählraffinesse im Erdreich der Geschichte wurzelt: “Pompeianella” (weibliches Pompeji’chen) bezieht sich auf Pompejis Untergang 79 a.C. durch den Vesuvausbruch, der zur Zeit Kaiser Titus’ stattfand, an den wiederum Shakespeares Titus Andronicus anklingt. Andrej aber lautet der Vorname desjenigen Mannes, der 1893 Ada heiraten wird — ein Glück, das ihr und Van versagt bleiben muß. (Alexey Sklyarenkos interpretierende Spekulation fand ich soeben → dort.)

Daß erotische Geschwisterliebe ein mythisches, geradezu Urthema ist (etwa Tethys/Okeanos, Theia/Hyperion, Rhea/Kronos; selbst der Stammvater Israels, Abraham, war mit Sarah, seiner Halbschwester, verheiratet) muß ich Ihnen, Freundin, nicht schreiben; wahrscheinlich auch nicht, wie weit das Motiv in unsere literarische Gegenwart reicht. Ich nenne nur Thomas Mann mit Der Erwählte und Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften. Davon abgesehen waren solche Ehen in der feudalen Oberschicht aus Machtinteressen durchaus üblich; vergesse wir nicht, daß Nabokovs Roman in der Oberschicht von Estotiland spielt. Aber schon Kleopatra war die Gattin ihrer Brüder.
Doch geht es darum gar nicht so sehr. Nabokov erreicht mit seinem Setting etwas ganz anderes, Bedeutsames. Wir müssen uns nur vor Augen halten, daß Ada eine Nymphe ist; mehrfach wird sie “Nymphette” genannt und so auch beschrieben,

(…) einem keuschen Kinde gegenüber (…), dessen Reiz zu unwiderstehlich war, um nicht insgeheim gekostet, und zu heilig, um offen verletzt zu werden (…).
Ada, 124

Nabokovs ureigenstes Motiv kehrt zurück; das des Inzensts, mit dem er Ada auch sprachspielen läßt, verschleiert dies nur – hier in einem Anagrammspiel (Nabokov liebte und nutzte Anagramme immer wieder und ausführlichst):

Auf dem Bauch liegend, die Wange in die Hand gestützt, betrachtete Van den geneigten Hals seiner Geliebten, während sie englische Anagramme mit Grace spielte, die voller Ungeduld insect vorgegeben hatte.
“Scient”, sagte Ada und schrieb es nieder.
“Oh, nein!” protestierte Grace.
“Oh, ja! Ich bin sicher, das gibt es. Es ist ein großer ‘Sciet’. Dr. Ensic was scient in insects.
Grace dachte nach, wobei sie sich mit dem Radiergummi-Ende des Bleistifts an die gerunzelte Stirn klopfte, und brachte hervor:
“Nicest!”
“Incest”, sagte Ada sofort,
Ada, 110/111

Die Stelle ist entscheidend, insofern sich die erwachsene Ada – 212 Seiten später! (an so etwas erkennen wir wahre Romankunst)– an genau diese Szene erinnert:

“Als Heldin in einem alten Roman sprechend, scheint es mir so, so lange her zu sein, davnym davno, daß ich hier mit Grace und zwei anderen entzückenden Mädchen englische Wortspiele gespielt habe. Insect, incest, nicest.”
Ada, 323

Wobei durch die Vertauschung der Reihenfolge letztbeider Wörter der Inzest nun sogar zum nicest, dem Allerschönsten, wird, wenn auch ein bißchen ironisch. Bitte vergessen Sie nie, daß nichts bei Nabokov zufällig ist, sondern alles, alles ist Komposition.

Was also erreicht seine Nymphophilie durch die Geschwisterkonstruktion eigentlich?
Es ist sehr einfach. Er legitimiert sie, und zwar beides. Zum einen ist so jungen Menschen, die fast noch Kinder sind, ein Inzest kaum zu verübeln, zumal dann, wenn sie nach Wesen und Bildung einander so sehr ähneln, daß überhaupt kein anderer Mensch ähnlich vertraut infrage käme. Zum zweiten darf der vierzehnjährige Van das kaum jüngere Mädchen so wahrnehmen, wie es der viel ältere Nabokov oder irgendein anderer erwachsener Mann eben nicht dürfte, und darf auch ohne Rechtsfolgen mit ihr, ich sag’s mal ernüchternd, “verkehren”. Ja, mehr noch. Indem er dabei alle Emphase aufbringt, derer verliebte Jugendliche überhaupt fähig sind, kommen seine Beschreibungen und Schilderungen dem Wesen der Liebe auf manchmal vor Schönheit geradezu schmerzende Weise nahe. Genau deshalb → sprach der sogenannte Kritiker Gresser , und andre taten’s mit ihm, von Kitsch und führten ihn auf “Altmännergeilheit” zurück. Indem Nabokov sich erlaubt, mit aller entzündeten Klarheit durch die Augen eines Jungen zu sehen, legt er bloß, was den meisten von uns verloren ist oder sogar: ihnen ganz entging. Die Gressers konnten nicht lieben, es blieb ihnen bitter versagt. Sie konnten und können so nicht einmal sehen:

Dieser russische Routine-Schmaus bestand im Ardis-Haushalt aus prostokascha ( (…) “Dickmilch”), deren düne, rahmglatte Oberschicht die kleine Miss Ada behutsam aber gierig (Ada, diese Adverbien kennzeichneten viele deiner Taten!) mit ihrem besondern ∀-Monogramm-Silberlöffel abschöpfte und aufschlecke, ehe sie die amorpheren Quark-Tiefen in Angriff nahm (66) — Ihr schwarzes Haar fiel in Kaskaden über ihr Schlüsselbein herab, und die Bewegung, mit der sie es nun zurückwarf, und das Grübchen auf ihrer blassen Wange waren Enthüllungen, die ein Element unittelbarer Kenntnis offenbarten (79/80) — Ihre Gesichtszüge wurden von der dicklichen Form ihrer trocknen Lippen vor elfenhafter Hübschheit bewahrt (80)

Oder diese Beobachtung:

Am nächsten Morgen erspähte er Ada zufällig, als sie Gesicht und Arme über einem altmodischen Becken auf einem Rokoko-Ständer wusch, das Haar oben zusammengeknotet, ihr Nachthemd um die Hüfte geschlungen wie eine unordentliche Blumenkrone, aus der ihr schlanker Rücken emporwuchs, die nahe Seite rippenbeschattet. Eine fette Porzellanschlange ringelte sich um das Becken, und da beide, das Reptil und er, innehielten, um Eva und das weiche Schwappen ihrer Knospenbrüste im Profil zu beobachten, schlüpfte ein großes Stück maulbeerfarbener Seife aus ihrer Hand, und ihr schwarzbestrumpfter Fuß hakte die Tür zu mit einem Päng, das eher das Echo zum Aufprall der Seife auf dem Marmorbecken als ein Zeichen schamhaften Mißfallens zu sein schien. (82)

Und auch folgendes gehört zu dem, für was sich der profanen Welt Gressers so rächen (→ Richard Kämmerlings kluge Rezension nehme ich selbstverständlich davon aus):

Sehr sanft ließ er die trockenen Lippen über ihr warmes Haar und ihren heißen Nacken wandern. (…) Er hätte für immer auf dem kleinen Mittelknopf abgerundeter Wonne auf dem Rücken ihres Halses verweilt, wenn sie ihn für immer geneigt hätte – und wenn der unglückliche Knabe fähig gewesen wäre, den Rausch dieser Berührung unter seinem wachs-starren Mund sehr viel länger zu ertragen. (126)

Nabokovs ungemeines Kunststück – eines der Wunder dieses Buches – besteht darin, die Liebenden zwar sehr junge Menschen sein zu lassen, aber solche mit dem Geist und der Kenntnis höchst kultivierter, erwachsener Personen — ja sie sind denen über, durchschauen sie. Genau dafür, dieses glaubhaft zu machen, war die Erfindung Anti-Terras nötig, ADA OR ARDORs traumpoetische Gegenwelt, indessen deren Realität in der höchst konkreten Erinnerung an eine in jeder Hinsicht privilegierte Herkunft wurzelt.
Was auch Schattenseiten hat, deutliche, auf die ich im nächsten, ADA gewidmeten Beitrag zu sprechen kommen werde – auf beider, vor allem bei dem späten Van, der ja als Autor dieses Buches fungiert, mitunter schwer erträglichen Arroganz. Doch möchte ich darüber später erst sprechen, weil es uns hier den Blick verstellen würde, den auf die Utopie eines liebenden Zueinander- und genau deshalb, nicht aus  vermeintlich pornographisch-“altersgeilen” Gründen immer wieder explizit geschilderten, obsessiven Ineinandergehörens:

Endlos, beharrlich, zart fuhren Vans Lippen über ihren Mund und schürten dessen brennende Blume, vor und rück, recht, links, Leben, Nichts, schwebend in Spannung zwischen der luftigen Zärtlichkeit eines offenen Idylls und dem groben Blutandrang des verborgenen Fleisches.
Es kamen andere Küssse. “Ich möchte gern”, sagte er, “das Innere deines Mundes schmecken. Gott, wie gern wär ich ein koboldkleiner Gulliver und erforschte diese Höhle.”
“Ich kann die meine Zunge leihen”, sagte sie und tat’s.
Eine große, gekochte Erdbeere, noch sehr heiß. Er saugte ein, soweit er konnte. Er preßte sie an sich und leckte ihren Gaumen. Ihrer beider Kinn wurde völlig naß.
Ada, 129

Ist solches noch uns allen, hoffentlich, bekannt (wurden wir damit gesegnet), enfaltet sich die, wie ich es eben nannte, Utopie dieser Liebe in ihrer fast gänzlichen Unvoreingenommenheit gegenüber den Körpern und ihren Begehren. Es waltet bei beiden, wenn sie Leibliches anschauen, eine Art einfühlsamster Ästhetizismus, der – bei beiden, eben! – nicht das mindeste Verklemmtsein kennt. Sie bangen nicht, sie haben keine Scheu zu “versagen”, sind voller Grundvertrauen in ihre Lust. Vor allem an dem Mädchen fällt dies auf, indessen Van schon mit dreizehn seine ersten paar Abenteuer hinter sich hat – was spannenderweise bewirkt, daß er Ada gegenüber anfangs dann doch, in beider ersten Begegnungen, von einer gewissen Scheu ist:

War sie wirklich hübsch, mit zwölf? Begehrte er – würde er je begehren, sie zu liebkosen, richtig zu liebkosen? (79)Und in der jähen Sonne wurde ihm klar, daß er, der kleine Van, bis dahin eine blinde Jungfrau gewesen war (82) – Ihren ersten offenen und ungestümen Liebkosungen war eine kurze Zeitspanne seltamer Täuschung, kriecherischer Heimlichkeit vorausgegangen. Der maskierte Angreifer war Van, der arme Junge, aber ihre passive Hinnahme seines Benehmens schien stillschweigend zu bestätigen, wie verrufen und geradezu ungeheuerlich es war. Ein paar Wochen später sollten beide diese Phase seiner Werbung mit amüsierter Herablassung betrachten; im Augenblick jedoch verwirrte die implizierte Feigheit sie und quälte ihn (122)

Dieses aber, in der Tat, währt kurz, allenfalls paar Tage, für die indes bezeichnend ist – als weiterer Lichtwurf in die Wesensfalten Adas  –, daß Vans Feigheit das zwölfjährige Mädchen verwirrt: als wär ihr längst bewußt, was sie noch gar nicht kennen kann,

weil sie mit elf (…) sich immer noch recht unklar darüber war, wie Menschen sich paarten. Sie war natürlich sehr aufmerksam und hatte ganz aus der Nähe verschiedene Insekten [die sie in Terrariern aufzieht, ANH] in copula beobachtet, aber in dem besagten Zeitraum hatte sie klare Beispiele säugetierhafter Männlichkeit kaum zu Gesicht bekommen und war von jeglicher Vorstellung oder Möglichkeit sexueller Funktion unberührt geblieben (…).
Ada, 138

Dies ändert sich nun unmittelbar, und zwar in einer der ganz großen Szenen der ersten 250 Seiten.  Es ist von erotisch bezwingender Innenlogik, daß ihr Rahmen der eines Brandes ist: Auf Ardis Hall hat die “herrschaftlich” genannte Scheune Feuer gefangen, brennt schon, gewaltig lodernd, lichterloh, und alles, alles rennt aufgeregt hin.
Nur die beiden Kinder nicht.

Die Schotten-Toga um sich geschlungen [darunter ist er nackt, weil er so zu schlafen pflegt, ANH], begleitete Van seinen schwarzen Doppelgänger [also seinen Schatten, ANH] die Zusatz-Wendeltreppe hinab, die zur Bibliothek führte. Er stützte ein bloßes Knie auf den zottigen Divan unterhalb des Fensters und zog die schweren roten Vorhänge zurück.
Ada, 143

Als wenig später auch Ada dort erscheint,

in ihrem langen Nachthemd mit einer brennenden Kerze in einer Hand und einem Schuh in der anderen (…), als ob sie den verspäteten Ignicolisten [i.e. den Helfern und Gaffern, ANH] nachschlich. Doch es war nur ihre Spiegelung in der Scheibe. Sie ließ den aufgelesenen Schuh in den Papierkorb fallen und kniete sich neben Van auf den Divan.
“Kann man irgend etwas sehen, oh, kann man`s sehen?” wiederholte das dunkelhaarige Kind dauernd, und hundert Scheunen loderten auf in ihren bernstein-schwarzen Augen (…).
Ada, 145

Irgendwann hat er eine Hand zwischen ihr Gesäß und ihre Fersen gschoben, auf denen sie sitzt, jedenfalls saß; jetzt nämlich tut sie’s zu Teilen auf ihr. Als sie — draußen der Brand scheint gelöscht zu sein, hat sich in diesen beiden Kindern versteckt — die Wölbung seiner Erregung bemerkt:

Oh, Van,

kommentiert sehr viel später die schon alte Frau ihres Geliebten Manuskript,

in jener Nach, in jenem Augenblick, da wir Seite an Seite im Kerzenlicht knieten wie Betende Kinder auf einem sehr üblen Bild,

typischer Nabokov: Er beschwört herauf, was er als Dichter als zu Banales vewirft

und zwei Paar weichfaltige, einstmals Baumtier-Sohlen zeigten (…), wollte ich dich (…) unbedingt um eine kleine, rein wissenschaftliche Auskunft bitten, weil mein heimlicher Blick —
Nicht jetzt, jetzt ist es kein schöner Anblick, und es wird gleich noch schlimmer werden (oder Worte in dieser Richtung).
Van konnte nicht entscheiden, ob sie wirklich äuerst unwissend und so rein war wie der – nun seiner Feuerfarbe beraubte – Nachthimmel, oder ob völlige Erfahrenheit ihr riet, sich ein kaltes Spiel zu erlauben (…).
Sie bestand darauf: möchtgernfragen, möchtgernwissen —
(…)
“Möchtgernwissen”, widerholte sie, als er gierig sein heißes, blasses Ziel erreicht.
“Ich möchte dich gern fragen”, sagte sie ganz deutlich, aber auch ganz außer sich, denn seine aufwärtswühlende Hand hatte sich unter der Achelhöhle hindurch einen Weg gebahnt, und sein Daumen auf einem Brustwärzchen ließ ihren Gaumen prickeln (…).
Ada, 147/148

So daß er sich ihr endlich öffnet, die Toga also öffnet.

“Ach je”, sagte sie wie ein Kind zum anderen. “Es ist ganz gehäutet und roh. Tut es weh? Tut es schrecklich weh?”
“Faß an, schnell”, flehte er.
“Van, armer Van”, sprach sie weiter mit jenem kleinen Stimmchen, mit dem das süße Mädchen zu Katzen, Raupen, sich verpuppenden Welpen sprach, “ja, ich bin sicher, daß es schmerzt, würde es helfen, wenn ich anfaßte, bist du sicher?
“Und ob!” sagte Van. “On n’est pas bêtes à ce point.”
Ada, 149

Und nun wird es so schön, daß das Märchenhafte an allem zur pursten Konkretion wird, und achten Sie, Geliebte darauf, wie die gleich zu lesende ironische Benennung Adas die Intensität des Geschehens noch auflädt:

“Relief-Karte”, sagte die Primel-Pedantin, “die Flüsse Afrikas.” Ihr Zeigerfinger folgte dem blauen Nil hinab in seinen Dschungel und wanderte wieder nach oben. “Und was ist das hier? Der Hut vom Roten Boletus ist nicht halb so samtig. Wirklich (regelrecht daherplappernd), ich fühle  ich an die Geranien- oder eher an die Pelargonienknospe erinnert.”
“Gott, wer wohl nicht”, sagte Van.
“Oh, ich mag diese Textur, Van, ich mag sie! Ganz bestimmt!”
Ada, ebda.

Fortan kommen die zwei zueinander, wann immer es geht. Und obwohl, wie der alte Diener Boutteillan bemerkt, die Winde der Wildnis indiskret seien, gibt es nur eine einzige Person, die diese Liebe wirklich bemerkt, sie jedenfalls spürt: Lucette, Adas kleine Schwester. Doch dazu dann im nächsten Teil. Hier alleine noch — denn der Sommer auf Ardis geht nun zuende —, weil der Dialog erneut die Charaktere unseres Paares aus dem Rauch der, selbst wenn gebildet, allgemeinen (smalltalkenden, sich an glittrigen Oberflächen und Luxus delektierenden) Tumbheit aufflammen läßt … allein also noch, mit welchen Worten Ada ihren längst nicht mehr Knabengeliebten aus beider sinnlichem Bullerbü auf seine Frage hin entläßt, ob sie ihm auch treu bleiben werde:

“Ich weiß es nicht. Ich bete dich an. Ich werde nie im Leben wieder jemanden so lieben, wie ich dich anbete, niemals und nirgendwo, weder in Ewigkeit noch auf Erdigkeit, weder in Ladore noch auf Terra, wohin angeblich unsere Seelen wandern. Aber! Aber, mein Liebster, mein Van, ich bin körperlich, furchtbar körperlich, ich weiß nicht, ich bin offen, qu’y puis je? O Lieber, frag mich nicht, in einer Schule ist ein Mädchen, das in mich verliebt ist, ich weiß nicht, was ich rede —”
Ada, 196

Die Antwort darauf:

“Die Mädchen zählen nicht”, sagte Van, “die Knaben sind’s, die ich umbringe, falls sie in deine Nähe kommen. Gestern abend habe ich versucht, ein Gedicht für dich zu machen, aber ich kann keine Verse schreeiben; es fängt an, fängt nur an: Ada, our ardors and arbors — aber der Rest ist völliger Nebel, versuch, dir den Rest auszudenken.”
Ada, ebda.

Und ohne sich umzusehen, geht er fort — floh er, wie Nabokov schreibt.

 

Ihr ANH

P.S.: Er wird zurückkommen, ja. Das, Geliebte, verspreche ich Ihnen.

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Vergleiche. Von Nabokov. Nabokov lesen, 37.

 

Wir sagen von einer Sache, sie sei wie irgendeine andere, wenn wir doch etwas zu beschreiben begehren, das im Grunde mit nichts auf der Welt vergleichbar ist. Gewisse Vorstellungen sind uns vom Zeitbegriff so verfälscht worden, daß wir schließlich an das tatsächliche Vorhandensein eines dauernd sich verschiebenden hellen Bruchs (des Punktes der Wahrnehmung) glauben, des Bruchs zwischen unserer retrospektiven Ewigkeit, die wir nicht zurückrufen, und der prospektiven Ewigkeit, von der wir nichts wissen können.
Vladimir Nabokov, Das Bastardzeichen
Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

[Poetologie]


Siehe auch → dort.

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“Berstend vor kelterreifem Verlangen.” Nabokov lesen, 35: Das Bastardzeichen. Dazu zwei kleine – von García Márquez und Kubin – Endspielstücke.

 

(…) vom ersten Treppenabsatz warf sie einen Blick zurück; dann enteilte sie aufwärts, ihren Schal mit allen seinen Sternbildern hinter sich herschleifend — Kepheus und Kassiopeia in ihrem immerwährenden Glück und die hellglänzende Träne Kapella und Polaris die Schneeflocke und das grauschimmernde Fell des Großen Bären und die ohnmächtigen Spiralnebel — diese Spiegel der Unendlichkeit qui m’effrayent, Blaise, genau wie dich, und wo Olga nicht ist, aber die Mythologie starke Zirkusnetze spannt, auf daß der Gedanke in seinem schlechtsitzenden Trikot sich nicht den alten Hals breche, statt mit Heidi und Hopsa auf- und abzuschnellen — und dann hinunterzuspringen in das urindurchnäßte Sägemehl, den kurzen Weg zu durchmessen, in der Mitte die halbe Pirouette zu vollführen und mit amphiphorischem Akrobatengruß darzulegen, wie äußerst einfach der Himmel letztlich sei, mit den freimütig geöffneten Händen, die einen knappen Beifallsschauer hervorrufen, indes er zurückgeht, sich wieder in seine Männlichkeit findet und das kleine blaue Taschentuch auffängt, das seine muskulös fliegende Gefährtin nach der eigenen Anstrengung aus ihrem erhitzten wogenden Busen gezogen hat — und ihm zuwirft, damit er seine schmerzenden erschlaffenden Handflächen trockne.
Das Bastardzeichen, S. 73/74
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Hier, in diesem rhythmisch hochgradig hypotaktischen, die Treppe hinaufsteigenden Fluß, ist Nabokov stilistisch ganz bei sich selbst, das heißt: in seiner Figur, dem ohnedies unangepaßten Philosophen Adam Krug, dessen gerade verstorbene Frau Olga im Hinaufschreiten einer fremden jungen Dame kurz in ihm aufsteigt, die, nachdem sie sich aus der Umarmung ihres jungen Freundes gelöst, um dem älteren Mann den Durchgang zu ermöglichen, hinter sich diesen Schal herschleift, einem momenthaft zur Ewigkeit werdenden, in die die Gattin verschwunden. Krugs Schmerz darob wird zu verheißender Mythologie — einer innenleuchtenden Realität neben der äußeren nicht nur profanen, sondern politisch mehr als beklemmenden. Doch findet diese Beklemmung erst ganz zum Schluß des Buches Einlaß in den Mann, der sich der bösen Wirklichkeit gemäß dem ihm eigenen Trotz verweigert hat, dafür nun den gequälten Tod seines kleinen, jetzt mutterlos hinterbliebenen Sohnes hinnehmen muß, was ihn mit Wahnsinn und schließlich dem eigenen Ende bestraft:

In jähen, kräftigen Sprüngen stürzte Krug auf die Mauer zu, wo Paduk, das Gesicht in Angstschweiß gebadet, von seinem Stuhl rutschte und zu verschwinden suchte. Im Hof tobte wilder Tumult. Krug wich der Umarmung eines Gardeoffiziers aus. Dann schien die linke Seite seines Kopfes in Flammen aufzugehen (diese erste Kugel hatte ihm einen Teil des Ohrs weggerissen), doch frohgemut stolperte er weiter (…). Er sah die Kröte [Paduks Spitzname, ANH] am Fuß der Mauer kauern, zittern, zerfließen, schrille Beschwörungen ausstoßen, sein verschwimmendes Gesicht mit einem Arm bedecken, und Krug stürzte auf ihn zu — und den Bruchteil einer Sekunde, bevor eine zweite und besser gezielte Kugel ihn traf, rief er noch einmal: du, du — und die Mauer verschwand wie ein schnell zur Seite geschobenes Diapositiv,

und jetzt kommt eine der für diesen Roman typischen Perspektivwechsel mitten in der Sequenz, ein Sprung ins Innere des Autors-selbst,

und ich reckte mich und erhob mich aus dem Chaos beschriebener und umgearbeiteter Seiten, um nachzusehen, was da plötzlich gegen die Drahtgaze vor meinem Fenster geklirrt war.
Bastardzeichen, S. 272

Es ist ein Nachtfalter, der ungewissermaßen die innere Balance des vom Geschehen beklemmten Schreibenden wiederherstellt, das unbedingte klassizistische Müssen des Ausgewogenseins poetischen Anschauns, um das Barbarische wenigstens in der Erzählung bannen zu können:

Die verschiedenen Bestandteile meiner vergleichsweise paradiesischen Umgebung – die Nachttischlampe, die Schlaftablette, das Glas Milch – blicken mir völlig unterwürfig in die Augen. Ich wußte, daß die Unsterblichkeit, die ich dem armen Kerl [i. e. Adam Krug, ANH] verliehen hatte, ein schlüpfriger Sophismus war, ein Spiel mit Worten. Doch diese letzte Runde seines Lebens war glücklich gewesen, und es war ihm bewiesen worden, daß der Tod lediglich eine Frage des Stils war
Bastardzeichen, S. 273

sowie

eine Frage des Rhythmus.
Bastardzeichen, ebda.

Selten zuvor wurde der Charakter der nabokovschen Poetik so deutlich wie in dieser Passage.

Aber was wird erzählt? — Die U4 meiner rororo-Taschenbuchausgabe vom Februar 1987 stellt es so dar:

Eine blutige Revolution hat die “Kröte” an die Macht gebracht,

blöder, weil den Textern schlichtweg unterlaufender Reim in dieser Zusammenfassungs”prosa”,

wie der Volksmund den Diktator Paduk nennt, und mit ihm die ‘Partei des Durchschnittsmenschen’,

über die Enzensberger sich wahrscheinlich → billig freute,

ein ebenso banales wie brutales Gelichter. Mit aller Präzision seines Stils zeigt Nabokov die totalitäre Welt als das, was sie ist: eine ‘bestialische Farce’, ein Gemisch aus Lächerlichkeit und Grauen. Auch in diesem seinem düstersten Buch erweist sich Nabokov als ein Meister des Grotesken.

In “diesem seinen” Geplapper ist der Klappentext ein Graus und grotesk im Roman leider gar nichts, vielmehr bitter in gleich mehrfacher Hinsicht, sei’s wegen der tatsächlichen Realität des Nabokov sich zur Vorlage geradezu angeschmissenen Sowjetkommunismus, sei’s wegen des auf hochgebildet-intellektuelle Weise verqueren Trotzes Adam Krugs selbst, der sich der neuen Situation zu stellen sogar gedanklich weigert und meint, vermittels eines deftigen Hohns das Grauen von sich fernhalten zu können. Diese Haltung wird am Ende tragisch, wenn sogar das eigene Kind ihr zum Opfer gebracht wird — nein, nicht willentlich, doch als kollaterale Folge. Was dem Helden erst klar wird, als es zu spät ist.
Die Dynamik ist aber noch komplexer. Denn die “Kröte”, zur Schulzeit, wurde nach Kräften von Krug und seinen Kumpels gequält. Ihre Erhebung über den schwächlichen Jungen, der später zum Diktator aufsteigt (und da immer noch, letztlich, den Zuspruch seines Schulquälers sucht), ist wirklich derart bodenlos, daß der Gedanke sich nicht ganz von der Hand weisen läßt, an Paduks späterer Grausamkeit trage Krug durchaus nicht wenig Mitschuld. Seine, Krugs, gesamte Konstitution ist sogar psychisch die der Überhebung — besonders über geistig, aber auch körperlich Schwächere.
Der Paduk als noch Schulbub galt ihr als hochwillkommenes Futter:

(…) ich pflegte ihm ein Bein zu stellen und mich dann auf sein Gesicht zu setzen — eine Art Sitzkur”(,)
Bastardzeichen, 61,

erklärt er seinen Kollegen, die ihn bedrängen, das Rektorat der neu zu organisierenden, vom Regime noch geschlossenen Universität zu übernehmen, was er erstens keineswegs vorhat und weshalb er zweitens beharrt:

“Fünf Schuljahre lang habe ich Tag für Tag auf seinem Gesicht gesessen (…), das dürfte zusammen ungefähr tausend Sitzungen machen.”
Bastardzeichen, ebda.

Und – noch nachtretend – schränkt er böse ein:

Ich habe doch wirklich nichts Schlimmes gesagt, oder? Ich habe zum Beispiel nicht behauptet, daß heute, nach fünfundzwanzig Jahren, das Gesicht der Kröte immer noch die unverwischbaren Spuren meines Gewichts trägt. Damals war ich zwar schmächtiger als jetzt —”
Bastardzeichen, 61

Daß sich die Machtverhältnisse nun gegen ihn, den gleichsam Gewinner von Geburt (auch im Sport war er ein As) verkehrt haben sollen, da Paduk und seine Kretins den Staat erbarmungslos an Zügeln halten, will ihm nicht in den Kopf. Zugleich allerdings ist er, Krug, mit dem ständigen seelischen Aufwand beschäftigt, den Verlust seiner geliebten Frau sich erträglich zu machen. Das geht mit seinem durchaus begründeten, tatsächlich extremen Selbstwertgefühl die schließlich tragisch endende Allianz ein, das ihn nahezu allen andren Menschen gegenüber so überlegen sein läßt. Zu unrecht mit Recht, muß ich schreiben.
Aber hören Sie, Geliebte, wie der Paduk-als-Junge uns Leserinnen und Lesern vorgestellt wird, körperlich vorgestellt. Es ist dies nicht ohne Infamie, insofern es Paduks infame Idee seiner “Diktatur der Gleichen” geradezu biologisch, ja physiologisch begründet, als ein gleichsam angeborenes Böses — das sich schon darin habe gezeigt, daß er, Paduk, zu den

saftpupen (Muttersöhnchen) [gehörte], die auf den breiten Fensterbänken hinter dem Garderobenständer dösten, und Paduk (…) aß etwas Süßes und Klebriges, das ihm ein Hausmeister (…) zugesteckt hatte. Wenn es klingelte, wartete Paduk, bis sich der Aufruhr gelegt hatte und die geröteten, schmutzigen Jungen zurück ins Klassenzimmer gestürmt waren, ehe er, eine seiner klebrigen Handflächen tätschelnd auf das Geländer gelegt, verstohlen die Treppe hinaufschlich. Krug, der aufgehalten worden war (…), überholte ihn und zwickte im Vorbeigehen sein  fettes Hinterteil.
Bastardzeichen, S. 80/81

Hören Sie sich jetzt noch die Herkunft des kleinen Jungen an:

(…) Paduks Mutter, eine schlappe, tranige Frau aus der Marsch, war im Kindbett gestorben, und bald darauf hatte der Witwer ein körperbehindertes Mädchen geehelicht (…).
Bastardzeichen, ebda.

Und weiter in des Jungen Beschreibung:

Als Kind hatte Paduk ein teigiges Gesicht und einen grauen, beuligen Schädel (…); außerdem hatte er einen leicht watschelnden Gang und trug Sandalen, die eine Menge bissiger Bemerkungen auf sich zogen. (…) Seine Hände waren ständig klamm. Er sprach seltsam ölig durch die Nase, hatte einen starken nordwestlichen Akzent und die aufreizende Angewohnheit, aus den Namen seiner Klassenkameraden Anagramme zu bilden (…), weil man unablässig im Sinn behalten sollte (…), daß alle Menschen aus den gleichen, nur verschieden gemischten fünfundzwanzig Buchstaben bestehen.
Bastardzeichen, ebda.

Was später die Grundlage seines quasikommunistischen Regimes des “Volkes” als eines der Immergleichen werden wird. Auch dessen, des Regimes, Gemeinheit sei aber schon im Kind angelegt:

Paduk jedoch war trotz all seiner Verschrobenheiten langweilig, platt und unerträglich gemein. Wenn man es sich jetzt vor Augen führt, kommt man zu dem unerwarteten Schluß, daß er auf dem Gebiet der Gemeinheit geradezu ein Held war

nicht etwa Krug, der den Jungen quälende Mitschüler,

denn jedesmal, wenn er sich etwas Derartiges leistete, muß er gewußt haben, daß er sich wieder auf dem besten Wege zu jenem höllischen physischen Schmerz befand, den seine rachsüchtigen Klassenkameraden ihm unweigerlich zufügten.
Bastardzeichen, S. 80/81

Wobei Nabokov pluralmajestätisch noch hinzufügt, daß “wir uns” seltsamerweise

eines bestimmten Beispiels seiner Gemeinheit (…) nicht entsinnen können, obwohl wir uns lebhaft daran erinnern, was Paduk als Vergeltung für seine abstrusen Verbrechen auszuhalten hatte.
Bastardzeichen, ebda.

Wenn der ängstliche Bub also “gemein” war, dann ziemlich sicher aus Notwehr. In jedem Fall war er ein gequältes, gestoßenes Kind, dem, daß er es war, die anderen Kinder nicht nur obendrein zum Vorwurf machten, sondern sie “bestraften” ihn dafür — der “beethovensche” (“nur daß er intelligenter war”, S. 56) Adam Krug allen voran, dessen tief sitzende Abneigung gegen Schwächere uns Nabokov als seinerseits, krugseitens, Unrecht durchaus bemerken läßt und es uns ganz so leicht nicht macht, uns affirmativ mit dem Mann zu identifizieren. Wir müssen nur genau lesen:

“Das reicht mir jetzt!” sagte Krug, der plötzlich einen seltsamen Schuß Vulgarität, ja Grausamkeit an den Tag legte, denn nichts in dem harmlosen und wohlmeinenden Geschwätz des jungen Forschers (den ganz offensichtlich jene Schüchternheit so redselig gemacht hatte, die für überreizte und vielleicht unterernährte junge Leute, Opfer des Kapitalismus, Kommunismus und der Onanie, so charakteristisch ist (…)), rechtfertigte die Grobheit des Einwurfs (…).
Bastardzeichen, S. 71/72

Allein diese Trinität nachzuschmecken, Kapitalismus, Kommunismus und Onanie ..! Wer nämlich spricht hier? Adam Krug durch den auktorialen Erzähler oder dieser selbst? Erinnern Sie sich aber des schon erwähnten Stilmittels, aus der Er-Erzählung geradezu unmittelbar ins Ich zu wechseln, das ganz genauso bisweilen Adam Krugs, dann aber wieder, siehe oben, der Erzählers selbst ist. Diese unauflösbare, weil ineinandergewachsene Ambivalenz prägt den gesamten Roman.
Doch zu Krug-direkt zurück: Als Sohn eines “angesehenen Biologen” (S. 80) ist er nicht nur von Herkunft und Bildung, sondern eben auch körperlich derart privilegiert, daß selbst der von ihm einst gequälte, nunmehr zum Diktator aufgestiegene teigige Paduk nach wie vor um ihn, es ist nicht anders zu nennen, buhlt. Krugs ihm freilich in keiner Weise gewachsenen Freidenkerfreunde sind dagegen alle längst verhaftet oder haben ihr Heil in der Emigration gesucht. Alleine der Querkopf hält stand, will nicht. Noch jetzt, zu Beginn der Erzählung, ist er

ein großer, schwerer Mann, früh in den Vierzigern, mit unordentlichen, staubigen oder leicht angegrauten Locken und einem grob gehauenen Gesicht, das an den ungeschlachten Schachmeister oder den mürrischen Komponisten [gemeint ist eben Beethoven, ANH] erinnerte, nur daß er intelligenter war. Die kräftige, gedrungene, düstere Stirn hatte das eigentümlich hermetische Aussehen (…) von Denkerstirnen. (…) Was sonst noch? Ach ja — daß sein Zeigefinger unablässig geistesabwesend auf der Stuhllehne trommelte.
Bastardzeichen, S. 56/57

Selbstverständlich ist er nicht leidfrei, schon gar nicht nun, da seine geliebte Frau verstorben, die ihm immer und immer wieder in seinen Gedanken aufsteigt, nicht selten mit fast realer Präsenz — was diesem Roman eine mitunter geradezu mythische Klangfarbe gibt, die zur von der neuen Diktatur verschuldeten Beklemmung im Wortsinn ebenso unheimlich paßt, wie die aus Metapher, Beobachtung und Rhythmus gewobene Dichte des Stils, die sich häufenden Hypotaxen eingeschlossen, derart enggeführt ist, daß wir die Enge der neuen Gesellschaftsform quasi aus jeder Seite spüren. Und es ist allein der trotzige Witz Krugs, der daraus bisweilen erlöst, etwa schon am Anfang des Buches, da eine Brücke überschritten werden muß, an deren beiden Seiten Soldaten zur Überprüfung der Ausweise stehen. Pikanterweise ist die eine Flußuferseite mit Analphabeten besetzt, was dazu führt, bzw. führen könnte, daß ein Passant nun lebenslang zwischen den Posten immer hin- und hergehen muß, weil die drübige Seite einen Passagevermerk verlangt, den die hiesige mangels Schreibfähigkeit zeichnen gar nicht kann. Halten wir uns vor Augen, daß die analphabeten Soldaten für ihre Bildungsschwäche sicherlich nicht verantwortlich sind – für Dummheit könnten sie schon gar nichts  –, wird uns fast schmerzhaft klar, wie ätzend Adam Krugs Spott ist, zudem er zu Formulierungen greift, die sich dem Verständnis der Soldaten schon terminologisch komplett entziehen:

“Nein, nein”, sagte Krug. “Ich nicht aus Kahn klettern. 

Ich nicht aus Kahn klettern: Schon diese Reduktion eines einfachsten Satzes auf die unvollkommene Grammatik des Achtelgebildeten ist hämisch. Unszulande wurden so, und werden teils noch, Migranten der  sogenannten Unterschicht sprachlich persifliert. Aber jetzt kommt’s!

Ihr kapiert es immer noch nicht. Ich will es so einfach wie möglich ausdrücken. Die vom solaren Ende [also der gegenüberliegenden Brückenseite, ANH] sehen heliozentrisch, was ihr Tellurier geozentrisch saht, und wenn diese beiden Aspekte nicht irgendwie kombiniert werden, muß ich, das ins Auge gefaßte Objekt, in der universalen Nacht für alle Ewigkeit hin- und herpendeln.”
Bastardzeichen, S. 24

Allerdings geht er, also Krug, mit sämtlichen Menschen so um, die, ob tatsächlich oder eingebildet, an seinen Verstand nicht reichen, darin seinem Autor nicht völlig unähnlich, der etwa ein Parlamentsmitglied einen “Mann von mildem Stumpfsinn” (S. 44) nennt oder die ohnedies schon scharfen Nägelkanten seiner ironisch gezügelten Misogynie noch zufeilt und dann den Hornstaub von den Fingerkuppen bläst, damit das kristallne Glitzern dieses Satzes von gar nichts, gar nichts getrübt sei:

Sie war eins jener dünnblütigen helläugigen reizenden schlimmen schleimigen Schlangenmädchen, die zugleich hysterisch begehrlich und hoffnungslos frigide sind.
Bastardzeichen, S. 135/136

Imgrunde ist Krug — wo der aus gequälter Kinderseele zur unbegrenzten, sich fortan schadlos haltenden Macht gelangte Paduk ein zugleich tief feiger wie so sadistischer Mann wurde, daß er auch nicht davor zurückschreckt, Kinder foltern lassen, woran er möglicherweise sogar eine Art umgekehrter Stockholm-Genugtuung hat — ein mit genossenen Privilegien und Geist ausgestatteter Unhold, jedenfalls nur für diejenigen ein Sympathieträger, denen, ihrerseits hämisch, seine Rücksichtslosigkeiten gefallen. Und doch sind wir notwendigerweise näher bei ihm und leiden mit ihm mit, weil eben sein Leid auch vermittelt wird, vor allem der verlorenen, eher unbewußt als zugelassen betrauerten Gattin wegen, und weil uns seine Widerständigkeit gefällt. Und wir, ganz wie er selbst, übersehen das Risiko, dem er sein eigenes Kind damit aussetzt, übersehen sie auch, weil Krugs im Geiste schlichten Freunde sie nicht übersehen und wir uns einfach nicht vorstellen können, ein Mann von, Nabokov legt den Vergleich nicht nur einmal nahe, beethovenschem Format gerate auch nur in Gefahr, anders als sie sich zu irren. Dabei warnen sie ihn und warnen —
Dieses ist für mich eines der absolut meisterhaften Konstruktionsprinzipien des Romans, der nach dem beinah leichtfüßigen Sebastian Knight mit der ganzen atmosphärischen Dichte der russischen Gabe, zugleich einer bedingungslosen Schwere und doch auch auf das sanfteste eingewobenen Meditationen über Erinnerung daherkommt:

Und später dann, als du zwanzig warst und ich dreiundzwanzig [war], lernten wir uns auf einer Weihnachtsfeier kennen und entdeckten, daß wir jenen Sommer vor fünf Jahren Nachbarn gewesen waren — fünf verlorene Jahre! Und genau in dem Augenblick, da du in erschrecktem Staunen (erschreckt von der Stümperei des Schicksals) deine Hand an den Mund legtest, mich mit runden Augen ansahst und leise sagtest: Aber dort habe auch ich gewohnt! — da durchfuhr mich wie ein Blitz die Erinnerung an einen grünen Pfad in der Nähe eines Obstgartens und an ein kräftiges junges Mädchen, das behutsam einen verirrten flaumigen Nestling trug, aber ob du es wirklich warst, konnte alles Forschen und Fahnden weder bestätigen noch widerlegen.

Fragment eines Briefes an eine Tote im Himmel von ihrem Gatten im Rausch.
Bastardzeichen, S. 158/159

Oder wenn der hierüber noch berauschte Krug beinahe nüchtern über seinen kleinen Sohn sinnt:

Und welche Qual, dachte Krug der Denker, ein kleines Geschöpf so wahnsinnig zu lieben, das auf geheimnisvolle Weise ( uns heute geheimnisvoller noch als den ersten Denkern in ihren bläßlichen Olivenhainen) aus der Verschmelzung zweier Geheimnisse entstanden sind, oder vielmehr aus zweimal einer Trillion Geheimnissen; aus einer Verschmelzung, die zugleich eine Sache des Willens, eine Sache des Zufalls und eine Sache reinen Zaubers ist; ein Geschöpf, das solchermaßen entstanden und dann frei ist, Trillionen eigener Geheimnisse anzuhäufen; das Ganze durchströmt von Bewußtsein, welches das einzig Wirkliche auf der Welt ist und das größte Geheimnis von allen.
Bastardzeichen, S. 213/214

Auch das ist eben Adam Krug, inwendig zart, dieser “bäurische Bär” (S. 242), wenn er liebt. Wäre indessen nicht denkbar, daß Paduk auch, wenigstens als er noch Kind war, ähnliche Empfindungen hatte, die sich aus seiner Qual heraus schließlich pervertierten? Diese Perspektive nimmt weder Nabokov noch Adam Krug jemals ein, wir können Sie aber von uns aus mitbringen. Das Buch, wenn wir genau lesen, läßt uns diesen Raum, auch wenn unsre Sympathien —selbstverständlich, möchte ich fast schreiben — alleine deshalb auf der Seite “Beethovens” stehen, weil der Mut seines Trotzes so beeindruckend ist, und wir, Hand aufs Herz, gerne eigentlich ebenso wären, nicht kompromittierbar nämlich und niemandem sonst, als unserem eigenen, mit vielen Gründen, Dafürhalten verpflichtet. Es ist diese Geste, mit der der tatsächliche Beethoven die Widmung an Bonaparte durchstrich, wütend sie löschte.

[Detaillierter zu Nabokovs Beethovenmotiv
siehe meine Anmerkung → dort
.]

Es gibt im Bastardzeichen aber auch menschliche Einsichten, die Nabokov/Krugs überheblichen Gestus komplett unterlaufen, und zwar so sehr, daß sie — eine bei Nabokov mindestens ebenso wirkende “Meinungs”strategie — gegen die schlechte Realität eine quasi phantastische des inneren Raums setzen, den in der hiesigen Erzählung vorwiegend die Erinnerungssequenzen an die geliebte verstorbene Ehefrau beleuchten, aber nahezu unvermutet in einer längeren Passage ausgeführt werden, die sich um den vermeintlichen “Spießbürger” dreht — hier durch eine in-der-Fiktion-fiktive Person namens Etermon vertreten:

Allerdings war Skotoma das Opfer eines weit verbreiteten Irrtums geworden: Den “Spießbürger” gab es nämlich nur als Etikett auf einem leeren Karteikasten (der Bilderstürmer [nämlich Skotoma, ANH] verließ sich wie alle Leute seines Schlages ganz und gar auf Verallgemeinerungen und war völlig unfähig, etwa von der Tapete in einem zufälligen Raum Notiz zu nehmen oder intelligent mit einem Kind zu sprechen). In Wahrheit hätte man mit ein wenig Umsicht manches Merkwürdige über die Etermons erfahren können, manches, [d]as sie so sehr voneinander unterschied, daß Etermon höchstens als die vergängliche Ausgeburt eines Karikaturisten existieren konnte. Plötzlich verwandelt, schließt sich Etermon (den wir doch eben noch harmlos im Haus herumtrotten sahen) mit seiner Beute im Badezimmer ein — einer Beute, die wir lieber nicht beim Namen nennen; ein anderer Etermon stiehlt sich aus dem armseligen Büro geradewegs in eine Bibliothek, um sich an gewissen alten Landkarten zu erbauen, über die er zu Hause kein Wort verlieren wird; ein dritter Etermon berät mit der Frau eines vierten besorgt die Zukunft eines Kindes, das sie ihm heimlich geboren hat, dieweil ihr Mann (jetzt wieder daheim in seinem Lehnstuhl) in einem entlegenen Dschungelland kämpfte, wo er seinerseits Nachtfalter von der Größe eines geöffneten Fächers und des Nachts rhythmisch pulsierende Bäume voller Leuchtkäfer gesehen hatte. Nein, die durchschnittlichen Gefäße sind gar nicht so einfach, wie sie [zu sein] scheinen: Sie gehören einem Zauberer, und niemand, nicht einmal der Magier selbst, weiß, was und wieviel sie fassen.
Bastardzeichen, S. 93/94

Selbstverständlich wird hier der Irrsinn der Annahme (und der politischen Doktrin) einer Gleichheit aller Menschen demontiert, damit der Kommunismus, dessen unerbittlicher Feind Nabokov zeitlebens blieb. Allein dann die Beschreibung der – auch weiblichen – Schergen des Machtapparates lassen einen schauern. In der Tat, nach Lektüre dieses Romans kann sich nur bodenlos schämen, wer jemals auch nur entfernte Sympathien für die marxistisch-leninistische Praxis gehegt hat. Denn was der Klappentext meines Taschenbuches “Groteske” nennt, ist in derartigen “Systemen” eben scheußlichste Realität — bis hin zu dem “Irrtum”, in dessen Folge Krugs kleiner, nun wirklich schuldloser Sohn zerbrochen wird, was folgendermaßen vonstatten geht:

Nun ja, das Gehege, in dem die ‘kathartischen Spiele’ stattfanden, war so gelegen, daß der Direktor aus seinem Fenster und die anderen Ärzte und wissenschaftlichen Kräfte, Männer und Frauen (Frau Doktor Amalia von Wytwyl zum Beispiel, eine des faszinierendsten Persönlichkeiten, die man sich denken kann (…)), von anderen gemütlichen Warten aus den Verlauf beobachten und sich Notizen dazu machen konnten. Eine Krankenschwester führte die ‘Waise’ die Marmortreppen hinab. Da Gehege war eine wunderschöne Rasenfläche (…) und erinnerte an jene Freilichttheater, die den alten Griechen so teuer waren. (…) Nach einer Weile wurden die Patienten oder ‘Insassen’ (acht im ganzen) in das Gehege geführt. Zunächst hielten sie sich in einiger Entfernung und beobachteten den ‘Kleinen’. Es war interessant zu sehen, wie sich allmählich er Gruppengeist geltend machte. Waren es bislang rohe, gesetzesscheue, unorganisierte Individuen gewesen, so verband sie jetzt etwas, der Gemeinschaftsgeist (positiv) gewann die Oberhand über die privaten Grillen (negativ); zum ersten Mal in ihren Leben waren sie organisiert. Frau Doktor von Wytwyl pflegte zu sagen, daß die ein wundervoller Augenblick sei. (…) Und dann begann der Spaß. Einer der Patienten (…) ging zum ‘Kleinen’ hinüber, setzte sich neben ihn auf den Rasen und sagte: “Mach mal den Mund auf.” Der ‘Kleine’ tat wie geheißen, und mit unfehlbarer Sicherheit spuckte der Jüngling einen Kieselstein in den geöffneten Mund des Kindes. (…) Manchmal begann das ‘Kneifspiel’ gleich nach dem ‘Spuckspiel’, doch in anderen Fällen nahm die Entwicklung von harmlosem Knuffen und Puffen oder gelinden sexuellen Investigationen zum Gliederverrenken, Knochenbrechen, Augenausstechen und so weiter geraume Zeit in Anspruch. Todesfälle waren natürlich unvermeidlich, häufig jedoch wurde der ‘Kleine’ noch einmal zusammengeflickt und munter ein zweites Mal auf die Walstatt geschickt. Nächsten Sonntag darfst du wieder mit den großen Jungs spielen, Liebling. Ein zusammengeflickter ‘Kleiner’ stellte ein besonders befriedigendes ‘kathartisches Werkzeug’ dar.
Bastardzeichen, S. 248/249

Wohlgemerkt dies alles zur Stärkung des Gemeinschaftsgeists. Auf wen dieses das Organisationsbewußtsein des Volkes stärkende ‘Verfahren’ abzielt, wird vier Seiten später klar, als im selben Zusammenhang das Wort Jarowisierung fällt, im Stalinismus zeitweise Wissenschaftsdoktrin — auf Menschen bezogen eine deutliche Parallele zu den nationalsozialistischen Kälteversuchen.

Nun gehört zwar nicht Ästhetisierung des Grauens unbedingt zum Charakter der Kunst, wohl aber seine Einbettung in ästhetisch geformte Erscheinungsfelder, ästhetische quasi Magnetfelder, weshalb bei allem Entsetzlichen auch und gerade das Bastardzeichen voller Schönheiten, nämlich sprachlich oft hinreißend schöner Gestaltungen ist. In anderem Zusammenhang habe ich mehrmals schon von der perversen Bewegung der Künste gesprochen, die eben die Wahrnehmung und Wahrnehmungsnotwendigkeiten ihrer Rezipienten mit einschließt. Es gehört zu den Eigenheiten aller Kunst, daß sie das Unerträgliche insofern erträglich macht, als seine Darstellung zu Genuß führt — freilich einem, dessen Empfinden abhängig von Vorbildung sowohl des Wissens und Mehrwissenwollens als auch der Bereitschaft, sich auszusetzen, ist. Deshalb ist es kein Wunder, daß wir durch das Bastardzeichen wie berauscht hindurchziehn, ja von diesem Roman, der wirklich kein Wohlfühlbuch ist, gar nicht mehr lassen können. Mehrmals während meiner Lektüre war mein poetischer Instinkt versucht, sowohl Vergleiche mit García Márquez’ hierzulande kaum bekanntem → Herbst des Patriarchen und Alfred Kubins → Die andere Seite herzustellen, bin dem aber noch nicht wirklich nachgegangen. Zwei Zitate mögen erstmal genügen:

García Márquez:
Während des Wochenendes fielen die Aasgeier über die Balkone des Präsidentenpalastes her, zerrissen mit Schnabelhieben in innen erstarrte Zeit auf, und im Morgengrauen des Montags erwachte die Stadt aus ihrer Lethargie von Jahrhunderten in der lauen, sanften Brise eines großen Toten und einer vermoderten Größe. (…) Es war, als traumwand[e]l[t]e man durch den Bereich einer anderen Zeit, den die Luft war dünner in den Trümmergruben der weiten Höhle der Macht, und die Stille war älter, und die Dinge wurden nur mühsam sichtbar in dem altersschwachen Licht. In dem weiten ersten Innenhof, dessen Fliesen dem unterirdischen Druck des Unkrauts nachgegeben hatten, sahen wir die verwüstete Wachstube der geflüchteten Wachposten, die in den Waffenschränken zurückgelassenen Waffen, den langen Plankentisch mit den halbgefüllten Tellern des von panischem Schrecken unterbrochenen Sonntagmittagessens (…) und die Berline aus den Zeiten des Aufruhrs, den Pestkarren, die Staatskarosse aus dem Jahr des Kometen (…,) und alle bemalt mit den Farben der Landesflagge.
S. 5/5 (Dtsch. v. Curt Meyer-Clason)

Sowie Kubin:
Am Bahnhof fraß der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron war mir Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten Wehmutslieder der Unken. Über die Büffets krabbelten Molche und kleine Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins Dunkel erstreckte.
S. 168/169

Klingen nicht beide Textstellen nach mächtigen historischen Endbeben dessen, was der längst entflohene Nabokov erzählt und Krug, noch mitten darin, es zu fliehen leider nur gedankenspielt? —nämlich so:

Gab man zu, daß Raum und Zeit eins waren, so wurden Flucht und Rückkehr. vertauschbar. Es hatte den Anschein, als könn[t]e ein Land, in dem sein Kind in Sicherheit, Freiheit und Frieden aufwachen durfte (ein langer langer Stand, übersät mit Körpern, Sonne und Wonne und ihr latin satin– die Reklame für irgendwelchen amerikanischen Ramsch, irgendwo gesehen, irgendwie behalten), die Vergangenheit in all ihrer Eigentümlichkeit (ein Glück, an dem er damals achtlos vorübergegangen war, ihr feuriges Haar, ihre Stimme, die dem Kind von kleinen, vermenschlichten Tieren vorlas) ersetzen oder zumindest nachahmen. Mein Gott, dachte er, que j’ai été veule, vor Monaten schon wäre es vonnöten gewesen, er hatte ganz recht, der Ärmste: Die Straßen schienen voll von Buchhandlungen und trüben kleinen Kneipen [zu sein]. Da wären wir. Bilder mit Vögeln und Blumen, alte Bücher, eine polkagesprenkelte Porzellankatze. Er trat ein.
Bastardzeichen, S. 205

Und versucht endlich, eine Fluchtpassage aus dem gepeinigten Land zu bekommen, aber zu spät.

 

NACHSPIEL, NÄMLICH PFÜTZENSPIEGEL

“Jede Pfütze Ozean” heißt es in THETIS.ANDERSWELTs Vorspiel. Hier ist die Pfütze ein Spiegel, in dessen – sic! – andere Seite wir schauen. Denn so beginnt das Buch:

Eine längliche Pfütze, in den groben Asphalt gedrückt; wie ein phantastischer Fußstapfen, der bis zum Rand mit Quecksilber gefüllt ist; wie ein spatelförmiges Loch, durch das man den unteren Himmel sieht. Umgeben, bemerke ich, von den Fühlern einer diffusen schwarzen Feuchtigkeit, in der ein paar stumpfe schwärzliche Blätter kleben. Vermutlich ersäuft, ehe die Pfütze auf ihre jetziger Größe zusammenschrumpfte.
Bastardzeichen, S. 7

Und es endet:

Auch den Glanz einer Pfütze vermochte ich zu erkennen (derselben, die Krug irgendwie durch die Schicht seines Lebens wahrgenommen hatte), eine länglichen Pfütze, die der unveränderlichen spatelförmigen Form einer Bodenvertiefung wegen nach jedem Regenguß unfehlbar die gleiche Gestalt annahm. Möglicherweise darf etwas Ähnliches in Bezug auf den Abdruck gesagt werden, den wir in der inneren Textur des Raumes hinterlassen. Peng. Eine gute Nachricht für die Nachtfalterjagd.
Bastardzeichen, S. 273

 

Ihr, Geliebte,
ANH

 


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Unangesichts des erwartbaren Todes. Nabokov lesen, 34: “Erinnerung, sprich”, 0.2.

 

 

 

So hebt er an:

Die Wiege schaukelt über einem Abgrund, und der platte Menschenverstand sagt uns, daß unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist. Obschon die beiden eineiige Zwillinge sind, betrachtet man in der Regel den Abgrund vor der Geburt mit größerer Gelassenheit als jenen anderen, dem man (mit etwa viereinhalbtausend Herzschlägen in der Stunde) entgegeneilt. Ich weiß jedoch von einem Chronophobiker, den so etwas wie Panik ergriff, als er zum ersten Mal einige Amateurfilme sah, die ein paar Wochen vor seiner Geburt aufgenommen worden waren. Er erblickte eine praktisch unveränderte Welt – dasselbe Haus, dieselben Leute –, und dann wurde ihm klar, daß es ihn dort nicht gab und daß niemand sein Fehlen betrauerte. Er sah seine Mutter aus einem Fenster im ersten Stock winken, und diese unvertraute Geste verstörte ihn, als wäre sie irgendein geheimnisvolles Lebewohl. Aber was ihm besonderen Schrecken einjagte, war der Anblick eines nagelneuen Kinderwagens, der dort vor der Tür selbstgefällig und anmaßend stand wie ein Sarg; auch er war leer, als hätte sich im umgekehrten Lauf der Dinge sogar sein Skelett aufgelöst.
Jungen Menschen sind derlei Phantasien nicht fremd. Oder anders ausgedrückt: die ersten und die letzten Dinge haben oft etwas Pubertäres an sich — es sei denn, eine ehrwürdige und strenge Religion ordnete sie. Die Natur erwartet vom erwachsenen Menschen, daß er die schwarze Leere vor sich und hinter sich genauso ungerührt hinnimmt wie die außerordentlichen Visionen dazwischen. Die Vorstellungskraft, die höchste Wonne des Unsterblichen und des Unreifen, soll ihre Grenzen haben. Um das Leben zu genießen, dürfen wir es nicht zu sehr genießen.
Erinnerung, sprich, S. 9/10
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Vergleichen Sie, Geliebte, dies mit dem berühmten Anfang der “Höllenfahrt”, dem Vorspiel des ersten Joseph-und-seine-Brüder–Bandes Thomas Manns, der zu ungefähr gleicher Zeit geschrieben wurde, bzw. erschien, in der Nabokov bereits einige Kapitel seines viel später so genannten Wiedersehens mit einer Autobiographie veröffentlicht hatte, hier und dort in verschiedenen Zeitschriften, als aber schon die Kapitelfolge entworfen war, nach der ERINNERUNG, SPRICH sich dann richtet, nämlich bereits 1936.
Doch also Thomas Mann:

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?

Wie vergleichsweise kitschig klingt dies gegenüber Nabokovs Konkretion! — Doch hören Sie weiter:

Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben darum, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Antwort steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes  und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und das O all unseres Redens und Fragens bildet, allen Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht.
Thomas Mann, Die Geschichten Jaakobs, zit. n. d. Erstausgabe Bermann-Fischers,Stockholm 1948. S. 9

Ist das im Vergleich mit Nabokovs Schwärze der Vergangenheit eines Nochnichtgelebthabens nicht sogar geschwätzig, der eines baldigen Nichtmehrlebens? Welch einen Schatten Manns Formulierung in Nabokovs helles Dazwischen wirft! — als wäre dieses genauso schwarz. — Genau da setzt Nabokovs nichtsentimentaler Widerspruch ein, ein enormes Veto des Lebens:

Ich lehne mich auf gegen diesen Zustand. Ich verspüre den Wunsch,

eben nicht eine vor-individuelle Geschichte als eine Genese der, sagen wir, Kulturart zu schreiben, um sich selbst in einer höchst vermeintlichen Sicherheit des gemeinsamen Herkunftswissens zu wiegen, sondern

meine Auflehnung nach außen zu tragen und die Natur zu bestreiken. Ein um das andere Mal habe ich in Gedanken enorme Anstrengungen unternommen, um auch nur den allerschwachsten persönlichen Lichtschimmer in der unpersönlichen Dunkelheit auf beiden Seiten meines Lebens wahrzunehmen. Daß an dieser Dunkelheit nur die Mauern der Zeit schuld sind, die mich und meine zerschundenen Fäuste von der freien Welt der Zeitlosigkeit trennen, das ist eine Überzeugung, die ich freudig mit den buntesten Wilden teile. Im Geist bin ich in entlegene Gegenden zurückgereist – und der Geist ermattete dabei hoffnungslos –, auf der Suche nach irgendeinem geheimen Ausgang, nur um zu entdecken, daß das Gefängnis der Zeit eine Kugel und ohne Ausweg ist.
Erinnerung, sprich, S. 20

Thomas Mann hingegen bemüht sich um Einverständnis,

so daß die Erinnerung, wenn auch wohl belehrt darüber, daß die Brunnenteufe damit keineswegs ernstlich als ausgepeilt gelten darf, sich bei solchem Ur denn auch national beruhigen und zum persönlich-geschichtlichen Stillstand kommen mag.
Thomas Mann, Die Geschichten Jaakobs, ebda., S. 10

Wo bei Nabokov Schwärze, unendliches Nichts, gegen das er die alleine persönliche Erinnerung an die “außerordentlichen Visionen dazwischen” setzt, spricht Mann nicht nur vom komplett abstrakten, überdies administrativen  “Nationalen”, sondern beginnt auch noch, das einzig mit übertragenen Geschichten gefüllte Nichts uns nahezu familiär zu machen:

Von dort nämlich [von Uru, dem “Ur der Chaldäer”, ANH] war vor längeren Zeiten (…) ein sinnender und innerlich beunruhigter Mann nebst seinem Weibe (…) und anderen Zugehörigen ausgezogen, um es dem Monde, der Gottheit von Ur, gleichzutun und zu wandern (…)
Thomas Mann,
Die Geschichten Jaakobs, ebda., S. 11

Achten Sie, Freundin, auf die Funktion seines vertraulichen “nämlich”s, das rhetorisch eine Nähe des Schongewußten herstellt, das gewußt aber in Wahrheit nicht ist, sondern so nur vorgestellt wird. Kein Auge, das noch lebte, hat das Erzählte je gesehen, indessen sich Nabokov auf seine früheste, nämlich konkrete Erinnerung bezieht:

Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt), sehe ich das Erwachen des Bewußtseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis schlüpfrigen Halt bieten. Zählen und Sprechen hatte ich sehr früh und mehr oder weniger gleichzeitig gelernt, doch das innere Wissen, daß ich ich war und meine Eltern meine Eltern [waren], hat sich anscheinend erst später eingestellt und hing unmittelbar damit zusammen, daß ich ihr Alter im Verhältnis zu meinem begriff. Nach dem hellen Sonnenlicht und den ovalen Sonnenflecken unter den sich überlagernden Mustern grünen Laubes zu urteilen, die mein Gedächtnis überfluten, wenn ich diese Offenbarung denke, war es vielleicht am Geburtstag meiner Mutter im Spätsommer auf dem Land, und ich hatte Fragen gestellt und die Antworten abgewogen. All das ist genau, wie es dem biogenetischen Grundgesetz zufolge sein soll; der Anfang reflektierenden Bewußtseins im Gehirn unseres entferntesten Verwandten ist ganz gewiß mit dem Erwachen des Zeitsinns zusammengefallen.
Erinnerung, sprich, S. 22/23

Hiergegen ist schon — ich begreife dies aber jetzt erst — Manns Bild des Brunnens falsch, bzw. unangemessen gefühlig, als wäre hinter uns die Zeit ein Schlauch oder Schacht hinab, der von mehr oder minder festen Wänden gehalten, und seien es die von Organen, anstelle daß sie, wie Nabokov sieht, die schwarze, allumgebende Unendlichkeit und das, was in dem Schlauch oder Schacht, die Helligkeit unseres Lebens ist: unsererjeweiligen – Leben.

Dieses im Wortsinn klarzustellen, es besonders zu erleuchten, schien mir soeben nötig zu sein, da mich → das gestern gelesene Bild dieses – meines eigenen Lebens – kurzen Lichtspalts zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels nicht und nicht mehr verläßt — ganz sicher nicht nur, weil angesichts meines unterdessen erreichten Alters der eigene Zeithorizont (Andreas Steffens) zunehmend schmal wird, sondern weil die im Wortsinn gegenwärtige Pandemie ein sehr viel schnelleres Übertreten, als vorher anzunehmen war, aus meines Lebens  “außerordentlichen Visionen” des Lichts in des Nichtses unbegreifbare Schwärze im zweitenmal Wortsinn wahrscheinlich macht.  

Sehr, sehr unheimlich ist mir dies.

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Nabokov lesen, 33. (Ada 0.1 | Erinnerung, sprich 0.1)

 

 

→ D o r t ins Arbeitsjournal integriert.

 

 

 

 

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