„Radiernadel der Jahre“: Nabokov lesen, 13. Die Erzählungen I,5.

Der Tod gewöhne sich dermaßen daran, furchtlose Männer in
wilden Gebirgen und Wüsten zu verfolgen, daß er sich ihnen
auch unter allen möglichen anderen Umständen nähere, zum
Spaß und ohne ihnen besonderen Schaden zufügen zu wollen,
und da treffe er sie denn zur eigenen Überraschung schlafend an.

 

 

Bevor ich den zweiten Band der fast durchweg meisterhaften Sämtlichen Erzählungen Nabokovs vorstelle,  nunmehr die dritte der nach meinem Dafürhalten poetologisch herausragenden Geschichten des ersten, zumal einer, die formal auffällig mit einer meiner eigenen verwandt ist, dieser freilich, mit allerdings geringerem Komplexionsgrad, lange vorausgelaufen; trotz der formalen Grundidee ist sie „konservativ“ erzählt, weshalb es niemandem Mühe bereiten dürfte, ihrem Gang zu folgen — vorausgesetzt, Freundin, Sie lassen sich nicht vom ersten Satz irritieren, der nämlich mit „Z  w  e  i  t  e  n  s“ beginnt:

Zweitens, weil ihn jäh ein wahnsinniges Verlangen nach Rußland gepackt hatte. Drittens schließlich,
S.711

„schließlich!“, in einem zweiten Satz!!,

weil er jenen Jugendjahren nachtrauerte und allem, was mit ihnen zusammenhing –
a.a.O.

was nun auch eine Antwort, eine ziemlich gute, auf den >>>> letzten Kommentar der Mâconière wäre (und es nämlich ist):

dem wilden Groll, der Ungeschlachtheit, der Inbrunst und den blendend grünen Morgenfrühen, wenn einem das Unterholz mit seinen Goldamseln betäubend in den Ohren lag.
a.a.O.

Ahnen Sie nun schon das erste Wort des Abschlußsatzes der Erzählung? Da müssen Sie gar nicht nachdenken, gell? Ecco. – Wie ich es in Handschrift oben notierte: Man kommt nicht heraus. Der sich hier erinnert, wird in seiner Erinnerung für ewig bleiben, in und durch die Kreisform einer wohl nicht ewigen, doch lebenslangen Wiederkehr. Sie gibt der Prosa auch den Titel, Der Kreis, wobei Nabokovs, bzw. seiner Erzählfigur Erinnerung derart fein ist, daß ich sie fast ziseliert nennen möchte. Denn nicht nur hat sie nach so vielen Jahren den „tüpfeligen russischen Sonnenschein“ wieder vor den Augen, sondern spürt selbst den allerfeinsten Blättern nach, der Bewegung ihrer zarten Ränder:

Im Wald setzte er sich auf den dicken Stamm einer Birke, die unlängst von einem Gewitter gefällt worden war (und die von dem Schreck noch an allen ihren Blättern zitterte).
S.719, Kursivierung durch mich

Die hohe Sinnlichkeit der Beschreibungen bei gleichzeitiger – aus Rückschausmelancholie gespeister – Wärme unterscheidet Nabokovs Text allerdings von dem meinen, nämlich meiner erstmals 1987 erschienenen Erzählung „Kette“, die sich heute in Wanderer findet. Deren Komplexionsgrad (sie endet nicht nur mit dem {Wieder}Beginn, sondern ihre einzelnen Partien hängen wie, eben, Kettenglieder ineinander) kühlt sie im Gegenteil unerbittlich aus; hinzu kommt die, sagen wir, „perverse“ Thematik. Nabokovs dreiundfünfzig Jahre zuvor geschriebene Geschichte meidet dagegen den Ästhetizismus, der dennoch, f o r m a l, den unentrinnbaren Sog verursacht, aufgrund dessen es gar nicht anders geht, als auch diesen Text sofort noch einmal zu lesen. Bei meinem hingegen wird man froh sein, einen Ausschlupf aus der Bondage zu finden, zu der die dennoch-Zweitleser schon aus Selbstschutz auf analytische Distanz gehen werden. Die genau ich herstellen wollte. Eben keine Identifikation, sondern Abwehr jener Wärme, die Th. Mann in Bezug auf Walküre I dem Kuhstall zuschlug.
Dies bedeutet nun aber nicht, daß Nabokov im wie auch immer begründeten Sentimentalen bleibt, sondern er verhindert es zum einen durch seine ihres Sprachspielcharakters wegen unaufdringliche Ironie,

Wassilij streifte ein dickes Wurmsegment über den Haken, achtete darauf, daß dessen Spitze nicht herausragte, und ließ den Rest überhängen; dann würzte er den Unglückswurm mit glückbringender Spucke (…)
S.717, Kursivierung durch mich,

zum anderen  vermittels eines von mir >>>> dort schon erzählten Tricks, der über Innokentij, die Erzählfigur, den Autor selbst blendet und als ihren Regisseur kenntlich macht – was deshalb so trefflich funktioniert, weil Nabokov hier ohnedies auktorial schreibt:

Danach kamen noch einige zufällige Begegnungen, und schließlich … Na schön, dann wollen wir mal. Fertig? An einem heißen Tag Mitte Juni …
An einem heißen Tag Mitte Juni gingen Mäher sensenschwingend zu beiden Seiten des Pfades, der zum Herrenhaus führte, und das Hemd eines jeden blieb abwechselnd bald am rechten, bald am linken Schulterblatt kleben.
S.721

Und Tanja, die ich >>>> dort ebenfalls schon erwähnte, erscheint dem jungen Burschen – „erscheinen“ ist hier durchaus emphatisch gemeint. Das rechtfertigt mich, das Zitat zu wiederholen:

Im bunten Dunst (…) flimmerten junge Leute, rennende Kinder, jemandes schwarzer, mit grellen Mohnblumen bestickter Schal, ein weiterer Foxterrier und vor allem, vor allem jene Augen, die da durch Licht und Schatten glitten, jene Züge, die, obwohl noch unbestimmt, ihn bereits mit verhängnisvoller Faszination bedrohten, das Gesicht von Tanja, deren Geburtstag heute gefeiert wurde.
S.723

Erzählt wird der Beginn einer möglichen, aber letztlich halt unmöglichen Liebesgeschichte zweier junger Menschen verschiedener Klassenzugehörigkeit. Doch schon schaudert es Innokentij angesichts der Adelsfamilie der jungen Dame, „der Sache des Volkes untreu“ zu werden, obwohl er

nicht viel Freude aus der Gesellschaft seiner neuen Freunde bezog. Es ergab sich so, daß er zum Zentrum ihres Lebens nicht wirklich zugelassen wurde, daß er an dessen grüner Peripherie verharren mußte, daß er an den Vergnügungen im Freien teilnehmen durfte, niemals jedoch ins Haus gelassen wurde.
S.725

Das, selbstverständlich, schürt sein Minderwertigkeitsgefühl – kein guter Humus für die Liebe eines fast noch Knaben zu einem fast noch Mädchen – und

machte ihn zornig; er sehnte sich danach, zum Mittag- oder Abendessen eingeladen zu werden, nur um die Genugtuung zu haben, hochmütig abzulehnen; und allgemein blieb er ständig auf der Hut, mürrisch, sonnengebräunt und ungepflegt, und die Muskeln seiner zusammengepreßten Kiefer zuckten – und dauernd hatte er das Gefühl, daß jedes Wort, das Tanja zu ihren Spielgefährten und Gefährtinnen sagte, einen kränkenden kleinen Schatten in seine Richtung warf.
a.a.O.

Die vielleicht insgesamt unbegründete Kränkung durch sowieso nicht Tanja selbst – tatsächlich s i e wollte mehr von ihm, als aber er zu geben fähig war –, sondern von Innokentijs Minderwertigkeitsängsten verursacht, denen allerdings die gesellschaftlich reale Situation entsprach, wirkt noch Jahre später, als er der unterdessen jungen Frau im Exil wiederbegegnet. Als Arzt eigentlich in Chamonix tätig, verbringt er diensthalber ein paar Stunden in Paris und begegnet in einem Treppenflur Tanjas Mutter, die ihn sofort in die Wohnung bittet. Wenig später tritt Tanja selbst herein,

alle (deren) Züge von der Radiernadel der Jahre klarer fixiert worden (waren), sie hatte ein kleineres Gesicht und gütigere Augen (…) und erinnerte sich  ohne die mindeste Verlegenheit an jenen fernen Sommer (…).
S.728

Und nämlich, weil Tanjas kleine Tochter mit ihrer Mutter russisch spricht,

ertappte er sich bei dem gehässigen und einigermaßen unsinnigen Gedanken: „Aha, jetzt ist kein Geld mehr da, um den Kindern Fremdsprachen beizubringen!“ — denn in diesem Augenblick machte er sich nicht klar, daß dieses Russisch im Falle eines in Paris geborenen, eine französische Schule besuchenden Kindes in jener Zeit des Exils den müßigsten und größten Luxus darstellte.
S.729

Aber dann wird Tanjas Erinnerung an Innokentij mürbe, indes sie auf eine perfide Weise nicht ohne psychologische Wahrheit ist, die nämlich dabei blieb,

er habe ihr die vorrevolutionären Lieder radikaler Studenten beigebracht, etwa jenes über „den Despoten, der in seinem reichen Schloßsaal feiert, während die Hand des Schicksals schon begonnen hat, die schrecklichen Worte an die Wand zu schreiben.“
S.729

So kehrt sich Innokenntijs früher Klassenkomplex ganz unversehens gegen ihn, der ja nun a u c h ins Exil gehen mußte. Dagegen weiß er nun nur noch ein Verstummen zu setzen, das ich eines der Verklärung nennen möchte – in genau der ihn der letzte Satz für alle Zeit fest- und gefangen halten wird, und zwar — „E  r  s  t  e  n  s“,

weil Tanja so bezaubernd und so unverwundbar geblieben war wie in der Vergangenheit.
S.730

Womit, Ersehnte, ich dieses Buch nun zuklappe, um Sie dem zweiten Band zuzuwenden. Nachzutragen ist nur noch, daß auch diese Erzählung von Dieter E. Zimmer übersetzt worden ist, und wiederum aus der englischsprachigen, 1973 erschienenen Übersetzung von Vladimir und Dmitri, seines Sohnes, Nabokov.

 

 

 

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