Heidesand. Im Arbeits- und Nachsinnjournal des Donnerstags, den 19. Dezember 2019.

[Arbeitswohnung, 10.55 Uhr
Schoeck, Notturno op. 47]

Weihnachten, meine seit Kinderzeit und Jugend über Jahrzehnte, der Lichtsymbolik wegen, liebstes Fest, geht mir mit zunehmendem Alter zunehmend verloren. Das hängt nicht nur damit zusammen, daß mein Sohn nun erwachsen ist (er hängt an dem Fest wie vordem immer ich), denn die Zwillinge sind es ja noch keineswegs, aber wohl damit, daß sich mir der Begriff „Familie“ de facto sehr ausgedünnt hat. Ich bin und bleibe zwar, und von Herzen gerne, der quasi erste Ansprechpartner, aber die tatsächlich miteinander verbrachte Zeit ist fahl geworden; dieses Jahr etwa nur ein einziges Mal gemeinsam >>>> auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, was sich wohl auch nicht mehr ändern wird, weil ich übermorgen bereits wieder contessahalber fürs quasi ganze Wochenende unterwegs sein werde und dann ja fast schon Heiligabend ist. Ich kann überdies von meiner Arbeit nicht wegdenken, und daß wir unterdessen einen Winter haben, der ein bis in den späten März fast durchgehender November ist, tut ein übriges. Heute allerdings scheint die Sonne in Berlin, allerdings bei Temperaturen, die den Frühling vorausspüren lassen.
Jedenfalls, ein kleiner Schock für mich, hatte ich vergessen (!!), das Lebkuchen-Hexenhäuschen zu kaufen, das ich sonst jedes Jahr für die Familie besorgte. Der Zwillingsbub sprach mich drauf an, es ging mir durchs Herz. Doch als ich dann in der Bäckerei stand, die es traditionell alljährlich anbietet, waren alle Häuschen ausverkauft. Es war ein kleiner Schock, und wie dies nun den Zwillingen erklären? – Ich tat’s, ja, und sie nahmen es auch einigermaßen gelassen. Betrübt, aber gelassen.
Es sind dies, spüre ich, Zeichen.
Keine schönen.
„Ich habe dieses Jahr überhaupt keinen Heidesand von Dir geschickt bekommen“, klagte überdies die Freundin.
Immerhin das konnte ich noch ändern. Und bin nun seit zwei Tagen dabei, sofern ich nicht >>>> Nabokov lese, zu backen. Mein Heidesand hat einen Ruf. (Auf einige Plätzchen drücke ich je ein großes Salzkorn; nicht jeder mag das, also eben nur auf einige). – Die Contessa rief an, ich erzählte. „Oh!“ rief sie aus. „Das sind auch meine Lieblingskekse.“
Somit zwei weitere Stücke Butter gekauft, italienisches Mehl habe ich gut auf Vorrat. Und die nächsten Lagen.

 

 

Je knapper der Horizont der eigenen, verbleibenden Zeit wird, desto nüchterner, spüre ich, werde ich. Die Zeit früher, diese Zeit, des Adventes der Sonnenwende, war ausgefüllt mit Hoffnungen. Sie beseelten, machten zuversichtlich, man schaute in die Kerzenlichter wie durch die Starre des Winters, dessen Eis sich in den Flammen erwärmte und völlig verlor. Ich sah mit den Augen von Kindern. Sie gaben mir meine einstigen eigenen Kinderblicke zurück. Ich habe das geliebt.
Aber es gibt gar kein Eis mehr, Schnee ohnedies nicht. Im dauernden Nebel sind auch Kerzen verloren, und in der Wärme haben sie wenig symbolischen Sinn. Es ist bezeichnend, daß ich immer noch nicht heize – nicht wie die dreivier Jahre nach der Jahrtausendwende, als ich mir beweisen wollte, daß ich auch durch die Kälte ohne Wohlstandshilfe komme, sondern jetzt einfach deshalb, weil zu heizen völlig unnötig ist. Der kurze morgendliche Weg zur Dusche, der tatsächlich kalt ist, weil ich ja immer bei offenem Fenster schlafe, rechtfertigt zu heizen nicht, wenn es danach reicht, sich einen Pullover und die Fellweste überzuziehen und einen Schal umzubinden; beim Backen reicht sogar ein TShirt.
Wahrscheinlich aber, wenn ich nicht noch mit Kohle heizen würde, stellte ich die Heizung trotzdem an, und weil man sich an Temperierungen gewöhnt, dann auch dauerhaft. Aber es ist für die Arbeitswohnung – glücklicherweise, denke ich –, damit ein Aufwand erfordert, ein sozusagen Engagement, zumal der Ofen doch einigen Schmutz macht. Der mir momentan erspart bleibt. Die Situation hat also auch Vorteile, solche, die wir gemeinhin nicht mehr merken. Sozusagen hole ich mir „die Natur“ zurück. Was mir eine sehr eigene Befriedigung verschafft. Noch anders wäre es, hätte ich einen Kamin oder einsehbaren Holzofen, der überdies Geräusche macht, Geknister, Zischen zuweilen – als sozusagen g r o ß e Flamme, in die wir sinnend schauen — etwas, das ich wieder genießen will, wenn ich zum Jahreswechsel zu Parallalie nach Umbrien gereist sein werde, wo ich vorhabe, die Béarts zuende zu schreiben, an deren nächstem Segment ich tatsächlich ein bißchen weiter herumgebaut habe, und mit an des Freundes Übersetzung von Boitos Re Orso zu feilen. Zuvor allerdings, hier, der Heilige Abend, Weihnachten, dann der Zwillingsgeburtstag, sowie die ersten der geheimnisvollen Rauhnächte, auch wenn wir deren Mysterium, also der Tage „zwischen den Jahren“ und direkt danach, noch weit mehr vergessen haben als das des Licht- und Lichterfests.

Ja, heute ist („wirklich“) Frühling draußen. Ein Leser schrieb mir, er habe mir ein Päckchen per Einschrieben gesandt; hier kam nicht einmal eine Benachrichtigung an. Wir whatsappten gestern, er ging heute früh zur Post. – Doch, es sei anzuliefern versucht worden, nur sei ich nicht da gewesen. Man hab mich aber benachrichtigt. Nein, hat man nicht. Also nun meinerseits zur Post, aber möglicherweise ist die Sendung schon wieder zurückgeschickt worden.
Auch Katharina Schultens schrieb, sehr schön. Phyllis Kiehl hatte im Radio ihre Klagenfurter Lesung gehört und war quasi von den Socken: „Wer diese oszillierende Potenz nicht aushält, gehört nicht auf den Jurorenstuhl.“ Ich konnte nicht anders, als ihr, Schultens, davon zu erzählen; ihre Mail an mich war darauf die Reaktion.

So bin ich in der Welt denn doch, auch wenn ich außer der Nabokovserie derzeit poetisch nicht sehr inspiriert bin. Immerhin gab es ziemlich gute Nachrichten >>>> wegen der Erzählungen. Ich erzähle sie aber noch nicht, bin sogar zu vorsichtig geworden, um mich zu freuen. Eine, ich sag mal, linde Bitternis ist unter alles gebreitet, hat sich wie eine Isolationsschicht zwischen die Erde und meine Füße geschoben, ein nicht Teppich, nein, dazu ist sie zu dünn, aber sagen wir Gewebe: eine Gaze dauernder, doch unterdessen nur noch, ecco, linder* und deshalb aushaltbarer Vergeblichkeit – die Leinwandbindung vielleicht der mir noch bleibenden Jahre.

Ihr ANH

*: lind, übrigens, ist ein altes Wort für „schön“;
„Linda“ also bedeutet die Schöne.

________
[13.15 Uhr
Busoni, Fantasia contrapuntistica für zwei Klaviere]

Die Sendung lag noch dort, also bei der Post. Wo ich in der Weihnachtsschlange allerdings eine Dreiviertelstunde warten mußte – was mir indes wenig ausmachte, denn ich hatte den Nabkov dabei und las.

Zurück, öffnete ich :

Werner Bliß, ein Künstler, dem ich auch persönlich bekannt wurde – seit fünf Jahren steht rechts meines Schreibtischs auf dem oberen Board der Verstärkeranlage neben dem Kunstwerk des Körpers einer einstigen Geliebten ein kleines Kunstwerk auch von ihm –, ist seit Jahren ein Leser Der Dschungel und nimmt darauf auch in der Karte Bezug, die er seinem offenbar ganz frisch erschienenen ersten Gedichtband beigelegt hat. Was er schreibt, möchte ich nicht öffentlich machen, nicht so sehr einer mir wohl auch wenig eigenen Bescheidenheit halber, sondern um nicht übergriffig zu sein. Bedanken möchte ich mich allerdings schon. Denn überdies hat er einen kleinen Geldbetrag beigelegt, der mir nun in der Tat helfen wird, zweidrei böse harrende Rechnungen zu bezahlen, was ich bislang nicht konnte, weil eine befreundete Veranstalterin mich seit Monaten mit der Überweisung eines restlichen Honorarbetrages hinhält. Das ist nervig, zumal ich jemanden so ungern „mahne“, die ich sehr, sehr mag und von der ich mir überdies vorstellen kann, daß ihr die Zahlung ebenso wehtut wie mir, sie nicht zu erhalten. Aber ich habe aus solchen Gründen in vorausgegangenen Jahren schon mehrfach auf Teilbeträge verzichtet; dieses Jahr kann ich es einfach nicht. (Angeblich sei sie heute aber, schrieb sie mir vorhin, zur Bank gegangen). – Na gut, und einen Teil des Geldes werde ich für neuen Talisker verwenden, weil die jetzige Flasche, meine letzte, schon fast leer ist.
Aber dies beiseite.

Statt dessen in die Gekämmte Zeit. — Ich schlug irgendwo auf, und das Gedichte ist schön:

erzähl mir
liebster
erzähl mir

vom loslösen
vom fallen
vom streifen

vom auftropfen

vom aufheben
des buchenblatts
inmitten der eichen

vom liegenlassen
des makellosen

Spüren Sie, Schönste, die Zartheit der Zeilen?

[Ernst Křenek, Konzert für zwei Klaviere und Orchester]

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3 Responses to Heidesand. Im Arbeits- und Nachsinnjournal des Donnerstags, den 19. Dezember 2019.

  1. Avatar Ute Stefanie Strasser sagt:

    Ihr Text hat mich diesmal nicht überfordert, er ist ganz wunderbar !
    Übrigens habe ich vor einigen Tagen unseren Besuchern bei Kaffe und Kuchen als adventliche Erzählung das Erste Blumenstück (Protagonist: Bruno Pomposiewitz) aus den Wolpertingern vorgelesen. Wir haben uns sehr amüsiert und ein wenig gegruselt. Sie sehen, lieber Autor, Ihre Texte leben !

  2. Avatar werner bliß sagt:

    Lieber Herr Herbst,

    war ich doch froh, dass die Sendung schließlich und glücklich dort landete, wo sie hingehörte.
    Es war mir eine Herzensangelegenheit. Darf ich doch einmal „austeilen“, wo ich doch so viel von Ihnen „einstecken“ darf. Nicht nur aus aus Ihren Werk*, überall sprüht nicht nur Ihr Geist, auch Ihre Herzenswärme, die Sie ins Offene tragen …
    * dessen Favoriten:
    – Das bleibende Thier, Bamberger Elegien
    – Meere
    – Traumschiff
    und mehr und alles, was sonst noch von Ihnen im Bücherschrank wartet, gelesen zu werden.
    Auch wäre ich nie Ulrich Bechers grandiosen MURMELJAGD begegnet, nie Christopher Eckers Wunderwerk FAHLMANN, nie auch dem FRIEDHOF DER KLAVIERE von José Luís Peixoto…

    Herzlichst aus Hausach

    Ihr

    Werner Bliß

  3. Sie mögen es glauben oder nicht, aber bei aller Ehrung, die Ihr Kommentar mir gönnt, ist mir dessen l e t z t e r Satz ganz besonders wichtig.
    Ihr ANH

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