Arbeits- und Raunachtsjournal. Montag, der 28. Dezember 2008.

7.37 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Um mich daran zu erinnern: es sind nun die >>>> Raunächte. Vielleicht darf ich ihnen einen Teil der Schuld daran geben, daß meine Arbeitsdisziplin völlig dahin ist, weil sie dafür sorgen, daß mich die Geister konfrontieren; andererseits ist auch das Cello nicht schuldlos daran. Ich habe vor vielen Jahren einmal gesagt, spielte ich ein Instrument, ich täte nichts anderes mehr. Das war in seiner Übertreibung – ich sagte, erinner ich mich, sogar, ich würde autistisch werden – ganz sicher eine Vermeidungs-Rationalisierung, um mich nicht neuer zusätzlicher Arbeit auszusetzen. Aber sie hat sich in diesem ganzen Jahr als nicht völlig unwahr erwiesen. Ich werde ruhig am Cello, so sehr am gänzlichen Anfang ich da auch bin; ich kann aber nicht mal sagen, daß ich dann „ich“ sei; es ist etwas anderes. Gestern gelangen mir Klänge, tiefe, vibrierende, mit einem schönen Ton. Jeden Tag mache ich nun die Luftübungen, die mir >>>> Sho-shan-nah per Mail aufgelistet hat; manchmal muß ich dabei lachen, so ulkig schwer sind sie. Bin ich woanders und habe keinen Bogen dabei, guck ich nach herumliegenden Stecken und übe, während ich mich unterhalte, daran, ich guck dabei schon kaum mehr hin. Gestern, im Kinder-Kiezcafé, wohin wir mit den Geburtstagskindlein gezogen waren, nahm ich einen Löffelstiel. Bei fast allem, das mich schmerzt, denke ich jetzt an mein Cello und bleibe ruhig. Es ist mir vorstellbar, und das ist neu, daß ich nicht mehr schreiben werde. (Ich tu’s dennoch, aber wenigstens zur Zeit ist dieses unbedingte Müssen raus).

Steuer. Ich werde nachher beim Finanzamt anrufen und erklären, weshalb ich nicht und warum und wann dann usw. Keine Zeile weitergekommen mit >>>> dem Gedicht. Abends Film I mit meinem Jungen und seiner Mama geguckt, die wieder einschlief; wieder brachte ich ihn zu Bett, wieder löschte ich die Lichter am Terrarium, wieder ging ich hierher davon. Es war kalt. Film II dann hier, >>>> Braveheart, mit einem schönen Liebes-Mythos darin, der sogar das Zeug hatte, sich zu verdoppeln. Ansonsten so schmutzig, wie das Mittelalter halt war: vielleicht, daß man es deshalb „das dunkle“ nennt? Beeindruckend die Primitivität, der Schlamm, ja Schlick in den Forts, eben nicht nur bei den Bauern; beeindruckend, weil es zeigt, welch eine Veränderung von Welt die Einrichtungen der Hygiene mitgebracht haben. Das ist alles auch ans Klima gebunden, das ein so anderes als das römische ist. Um ein Uhr nachts war William Wallace hingerichtet, aber Robert the Bruce schüttelte den intriganten Vater ab und zog vor den vereinigten freien Schotten her. Da ging ich zu Bett. Ich träumte, ich müsse den Oberon in Brittens A Midsummer Night’s Dream nach Shakespeare singen; es war schon fast der Schluß der Oper, ich hatte keine Ahnung, wie ich auf die Bühne gekommen war. Ich war in Straßenkleidung, man schob mich durch die Kulissen nach vorn an die Rampe. Da stand ich dann, ganz ungeschminkt, das Haus war voll besetzt. Ich öffnete den Mund, aber es kamen nur Krächzlaute. Doch man hörte das nicht, das Orchester spielte für einen Britten viel zu laut, spielte wie Wagner, ich machte nur den Mund auf und zu, und das Publikum klatschte begeistert, weswegen man mich dann erst recht nicht hörte. Wie eine Marionette stand ich da, die stumm wie ein Karpfen die Lippen bewegt. Dann zog man mich wieder weg. Ich schimpfte, wollte mich beschweren, daß man mir nicht mal ein Kostüm gegeben hatte, ich lief los, die Garderobe zu suchen, und mitten in den Gängen hinter der Bühne wachte ich auf auf meiner Couch. Der Mobilchenwecker klingelte. Um halb sieben fand ich, er habe genug geklingelt.

Es ist sehr kalt morgens jetzt immer. Ich heize ja abermals nicht. Das ist, glaub ich, nun der vierte Winter, in dem ich nicht heize, sondern mich nackt aus dem Bett dreh und als erstes in Klamotten schlüpfe, zwei Pullover übereinanderziehe, darüber nun auch die Lammfellweste, die von meiner Mutter zurückblieb, und darüber noch die häßliche, aber hochwarme Alpakajacke. Das Wasser in der Pavoni erhitzen, währenddem den Laptop hochfahren lassen, währenddem eine Runde Pinkeln im Stehen, das Bettzeug in die Couch pressen, ein wenig Ordnung herstellen, die Pavoni zischt, den latte macchiato bereiten und mich an den Schreibtisch setzen. Morgenzigarette. So geht das nun wieder mal täglich. Ab neun ans Cello, sowas um elf an den Schreibtisch und Fußbad darunter, dann duschen, eincremen, neu kleiden, wieder an den Schreibtisch. Wenn ich meinen halb-fünf-morgens-Rhythmus nicht wieder hinbekomme, k a n n ich auf diese Weise bis zum Mittagsschlaf literarisch nichts schaffen, aber der ist in den vergangenen zwei Wochen auch immer entfallen. Es kann auch an den Raunächten liegen, daß ich derzeit >>>> dielmann wieder mal nicht erreiche. Stattdessen, gestern, eine SMS der >>>> Feuerwindin: sie komme bereits morgen (also heute) zurück und werde dann anrufen; evtl. sähen wir uns dann heute abend. Die Schaumentstiegene, wiederum, küßt labend jeden Tag aus der Ferne. Bei allem Ungück ist doch zugleich so viel Glück, daß ich gar keine Möglichkeit habe, >>>> mich zu vertrauern, sondern eine seltsame Festigkeit entwickle, für die es gar nicht (mehr) nötig ist, daß ich sie über meine Literatur definiere. Es scheint so zu sein (ich habe derzeit den Eindruck), als ginge d i e s e r ihrer Aspekte verloren, als würde er obsolet. Dabei spielt selbstverständlich mein Sohn eine riesige Rolle, aber die Einzelaspekte ergeben ein Netz, sie wirken aufeinander, miteinander und auf mich. Mir geht überdies >>>> diadorims Bemerkung nach, wo ich wüßte, was ich täte, erzählte ich erwartbar. Es ist dieses ans sich unschöne Wort, das für mich große Kraft und dadurch das Kennzeichen von Wahrheit hat. Und die BAMBERGER ELEGIEN scheinen zu warten: darauf, was ich sein werde, wenn ich mit ihnen weitermache. Ich war vollkommen sicher, als ich sie in der Ersten Fassung schrieb, noch in der Zweiten war ich es; dann kam ich formal ins Trudeln, schließlich persönlich. Alles, was ich jetzt daran täte, wär Herumgetaste aus einem Zwischenreich, das zu neblig ist, um wirklich formen zu können: aus den Raunächten, in denen die Tiere im Stall die Zukunft zu besprechen beginnen:

Gute ˇ Geister hingegen, verirrt ˇ irrlichternd, weil
nirgends mehr Grün ist, so daß die Verführung nicht weiß, ˇ wo die
lockeren Fruchtbarkeitstänze hineintun an sternübersäten
Rauhnächten – die ˇ lockten die Flammräder an; ˇ lockten
lodernd zusammen, als riefen sie: Hier lang!- Das Rad, an den Rainen,
krachte, zerbarst, ˇ Glutfetzchen flogen und stieben, und Asche,
düngende, legte sich zu einem Tanzkreis, den harschigen Schnee
aufschmilzend, aus… ˇ so, daß der Boden den Kobolden Feen
weich genug wurde und warm, für Begattung, im Glutkreis, der Äcker –
Aussaat, der späteren, vorsäend, naß von der Schmelze und Bambergs
heutiger Nacht, die noch Herbst ist und trocknet nur langsam im Gold,
das schnelle Böen im Wald nebenan von den Bäumen gerissen
und es als Laub in den Garten herübergeweht ˇ haben –
trocknendes oben, die knistrigen Rähmchen erbuntender Spiegel
letztheißer Sonnen am Mittag, ermattend wie sie – aber unten
naß und bereits fast ein Humus, so küssen sie dort, schon zerfallend,
dunkel die Erde – und wie ˇ riechts nach Geschlecht da… todnah…
Zehnte Bamberger Elegie, Vierte Fassung.

1. Ist es schlimm, bzw. falsch, daß in Braveheart >>>> die historischen Fakten nicht stimmen? Wie sind die großen Menschheitsträume entstanden?
2. J e d e künstlerische Bewegung ist Abwehr.
3. Haben Marion und William Wallace nicht ihr dauerndes Liebesglück genau darin, daß ihm Dauer nicht gegeben ist? Es ist ein weiterer Liebesmythos, der seine Kraft letztlich aus den ersten Augenblicken (das Erkennen bei Tristan & Isolde nach Einnahme des Liebestranks, bzw. ἀναγνώρισις in Ernst Blochs Interpretation der Wiederbegegnung von Elektra und Orest) bezieht und aus dem Tod: von ihm leitet sich diese Ewigkeit her, die wir im Alltag so gar nicht herstellen können.
4. Meine derzeitige Unproduktivität hat die „Entschuldigung“, daß ich ja immer weiter an Der Dschungel schreibe. Insofern bleib ich nicht „werklos“.

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