Zur „Islamfrage“. Das Arbeitsjournal des Freitags, den 27. April 2018. Darinnen auch Zur Diffamierung. Mit Andreas Steffens, Ulrich Becher ff, der Toleranz im andalusischen Kalifat vor Isabella, sowie der MDU und einer Erwähnung Federicos am Rande.

[Arbeitswohnung, 6.48 Uhr
Jarrett, live in Wien 2016]

Es ist s c h o n interessant, wie persönlich manche Leute andere diffamieren wollen, in diesem Fall mich. Daß ich in dem strittigen Beitrag sehr bewußt nicht genannt habe, um wen es geht, spielt für sie keine Rolle. Wenn ich denselben Menschen in anderem Zusammenhang verteidige, gar lobe – nein, Freundin, ich verlinke dies nicht, sondern bleibe diskret -, wird selbstverständlich genauso draufgeschlagen, dann sogar auf ihn wie jetzt auf Bruno Lampe. Die „Dynamik“ ist also typisch. Kanaillen wie dieser Kommentator nehmen, um mich zu treffen, jederandernfrau und -manns Verletzung kältestschnäuzig als Kollateralschaden hin. Es ist nicht falsch, wenn Die Dschungel dies dokumentiert.
Dabei ist schon der Hauptvorwurf, ich ließe andere Meinungen nicht „zu“, restlos absurd. Ich habe gar nicht die Macht, sie zu unterdrücken oder gar zu verbieten, und täte es auch dann nicht, hätte ich sie – wovor mich die Musen bewahren mögen! Das heißt aber nicht, daß ich nicht hier – auf immerhin meiner eigenen Webpräsenz – keine Positionen verträte. Ja, ich vertrete sie, vertrete sie mit aller, wie ich gestern in einer Antwort schrieb, Leidenschaftlichkeit, die mir eigen, und vertrete sie mit Argumenten. Ich gebe Beispiele, analysiere; nichts davon wird aufgenommen. Sondern als Gegenmeinung höre ich fast nur geschmackliche Wertungen, ohne daß sie ihrerseits zumindest beispielhaft begründet würden. Es stimmt, eine „einfache“ Leserin, ein „einfacher“ Leser kann ihre/seine „Meinung“ haben, etwas kann ihr oder ihm einfach nicht gefallen, das geht auch mir oft so; hingegen für ein öffentliches Urteil reicht das nicht. Dabei „darf“ ich durchaus schreiben, daß mir etwas gefällt oder nicht, auch öffentlich, aber dann müssen auch Gegen„meinungen“ inkauf genommen werden, möglicherweise substantiiertere. An genau solchen Stellen schwenken Leute wie der oben indes auf Diffamierung um.

Es wird zunehmend schwer, gegen den Mainstrom zu schwimmen; die Konsensgesellschaft nimmt die Form einer Zwangsgemeinde an; sie wird – auf „soziale“ Weise – totalitär. Nichts kann, in einer Massengesellschaft, der Politik gelegener kommen als ein solcher Pop, wie ja auch nichts der Kulturindustrie gelegener kam und kommt. Unbehagen an solchen Zeitläuften wird, wenn es sich ausdrückt, nach ganz rechts oder ganz links gedrängt oder für das einzelner Verwirrter erklärt, im übrigen weiter konsumistiert. Und die jeweiligen Ingroups komprimieren sich nach Art einer, sagen wir, gegenderten Männerbündlerei. Imgrunde nix Neues unter sei’s der Sonne, sei es dem Regen. Präzises Hinsehn ist nicht erwünscht.

Etwa beim Islam. Selbstverständlich haben wir mit ihm ein Problem, nämlich schon dort, wie sich jetzt nicht mehr unterdrücken läßt, wo er den tradierten, schon Kindern eingeimpften Antimosaismus – ich lehne das Wort „Antisemitismus“ ab, weil schon dieses unscharf ist: auch Araber sind Semiten – in unsere Gesellschaft, nun jà, „zurück“?trägt. Und jetzt stellen Sie sich einmal, Freundin, vor, was es bedeuten würde, kämen kluge islamische Führer auf die Idee, eine „MDU“ (statt CDU) zu gründen, eine Muslimisch Deutsche Partei und träten mit ihr zur Wahl an. Möglicherweise hätten wir recht schnell auch sie und nicht nur die AfD im Bundestag sitzen, die gesetzgebende Hauptvertretung der Nation. Da „sei nun zwar vor“ das dogmatisch-islamische Einheitsverständnis von Religion und Staat; dennoch wäre solch ein Schachzug von gefährlichster Raffinesse – wobei wir daran zu denken nicht vergessen dürfen, daß, wie ganz zurecht auch Becher schreibt … ach schade! ich finde die Stelle nicht wieder, habe sie leider nicht angestrichen, jetzt fast dreimal das halbe Buch durchgeblättert … egal! — daß im Spanien, genauer: Andalusien des Zehnten Jahrhunderts Moslems, Juden und Christen gemeinsam eine Kultur entwickelten, deren, aber den Begriff gab es noch nicht, Toleranz fürs Mittelalter, namentlich das christliche, einzigartig war, aber rund 500 Jahre später durch Isabella von Kastilien und ihre, ja, Inquisitoren  nahezu komplett vernichtet wurde. Eine christliche Ausnahme stellte Federico II dar, über den ich vielleicht doch noch meinen Roman schreiben werde, zumal auf ihn, Friedrich, auch Becher – der mir unterdessen fast unheimlich nahe – hinweist  (die Stelle h a b ich mir angestrichen, klar): “ … mit Riesenabstand die bedeutendste deutsche Kaiserfigur der Historie …“.

 

In der Tat hat Andreas Steffens recht, wenn er auf der Trennung von Religion und Staat auch gegenüber dem Christentum beharrt:

Was ist Toleranz? Sie ist Menschlichkeit überhaupt (Voltaire, Toleranz, 724). Ihre Wirklichkeit liegt jenseits aller religiösen Unterschiede. Begründbar ist sie nicht m i t, sondern g e g e n Religion.
Schärfer noch: Das Thema des >Nathan< ist die Gefährdung der Humanität durch Religion. Das einzige Sicherungsmittel dagegen ist die strikte Privatisierung des Glaubens, die Trennung von Macht und Religion, Staat und Kirche. Die individuelle Freiheit z u m Glauben beruht auf der Freiheit des Staates, der sie garantiert, v o m Glauben. Nur eine weltanschaulich neutrale Ausübung staatlicher Macht schützt sie vor der in jeder Macht lauernden Verlockung zur Unmenschlichkeit.

Steffens, Es genügt nicht, ein Mensch zu sein (Typoskript)

Mithin haben an staatlichen Orten – Schulen, Regierungsgebäuden usw. – auch christliche Insignien nichts zu suchen. Die sogenannte Kopftuchdebatte hätte sich, würde sie wahrhaftig geführt, auch gegen das Kreuz zu richten, auch gegen die Kipa oder sonstige – im öffentlichen Dienst getragene – religiösen Zeichen, weil sie nämlich i m m e r, so oder so, religionsautoritär indoktrinieren. Das haben Muslima und Moslems, die in der offenen Gesellschaft mitleben und in Deutschland bleiben wollen, ebenso zu akzeptieren wie Christen und Juden, und sie haben die Gleichstellung der Geschlechter insbesondere in der schulischen Ausbildung zu akzeptieren, ebenso wie Ehen, die sie führen, auch weltlich geschlossen werden müssen, ansonsten sie ohne rechtliche Grundlage sind. Ein Staatsakt vor dem Standesamt ist Geflohenen genauso zumutbar wie allen anderen Bürgerinnen und Bürgern; im übrigen schützt er besonders die Kinder, in diesem Fall mit Nachdruck die Mädchen – es hatte ja guten Grund, die Schulpflicht einzuführen, weil eben nicht alle Eltern in erster Linie das Wohl all ihrer Nachkömmlinge im Auge haben. N i c h t hinnehmbar sind in die offene Gesellschaft eingekapselte Parallelgesellschaften, in denen wider Verfassung und allgemeines (allmendes!) Bürger- wie Strafrecht die Scharia waltet, andernfalls wir auch Mafia„recht“ zulassen müßten oder die Beschneidung von Frauen und und und.
Was ansonsten gelebt und geglaubt wird, ist jedem selbst überlassen. Ich meinerseits tendiere zu dem, was Becher einen „atheistischen Pantheismus“ nennt (Murmeljagd, 401), wobei das Wort „Atheist“ insofern problematisch ist, als so die römischen Urchristen bezeichnet wurden. Aber die Vorstellung gefällt mir, daß in jedem Baum ein Geistwesen lebt, quasi als seine Seele, und manchmal sehe ich so eines auch, oder höre es doch, und daß wir uns bei jedem Tier, das wir, um zu essen, töten, entschuldigen müssen, anstelle „bis zu den Waden in verendenden Hühnern zu stehen“. Der Paganismus bringt uns etwas zurück, das wir vor allem durch die Monotheismen verloren haben: die Achtung vor dem Geschöpf und, was wahrscheinlich nur Menschen aufbringen, erfinden nämlich können, die Liebe zu ihm – ein Schöpfungsakt ganz selbst und darum einer der Kunst. Hier hatte Beuys einmal recht. Dennoch gehört auch mein Heidentum nicht in ein öffentliches Amt und schon gar nicht in die Lehre.

Ihr ANH

P.S.: Noch etwas zweites geht in mir um, ein Aufsatz Wolf Singers zur Willensfreiheit. Ich werde morgen auf ihn eingehn.

P.P.S., 15.25 Uhr: Was wir nicht in der Hand haben.
[Kaikhoshru Sorabji, Opus clavicembalisticum]

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3 Kommentare zu Zur „Islamfrage“. Das Arbeitsjournal des Freitags, den 27. April 2018. Darinnen auch Zur Diffamierung. Mit Andreas Steffens, Ulrich Becher ff, der Toleranz im andalusischen Kalifat vor Isabella, sowie der MDU und einer Erwähnung Federicos am Rande.

  1. franzsummer sagt:

    Diesesw Buch zähle ich zu den schönsten Leseerlebnissen der DDR-Zeit, die ich erleben durfte, vielleicht kennen Sie es sogar.
    https://www.kopp-verlag.de/Federico.htm?websale8=kopp-verlag&pi=A0511474&ci=%24_AddOn_%24

  2. @Franzsummer:
    Nein, das kenne ich noch n i c h t! Wird sofort bestellt. Danke.

    Ah, ich bekomme sogar Ihre, die DDR-Ausgabe:

  3. sponge_bot sagt:

    vielleicht kann ich die sub-ebene ( ihresfalls des pop ) vielleicht noch – mitmachen, weitermachen noch weiter mitmachen, bang 4…

    elementaritäten, an wörtern ist so gleich nichts zu erkennen, was an klAR ERKENNBAREN – texturalitären entitäten, siehste baby es ist immer dein problem, so du dies zulassen musst, stimmts oder habe ICH recht.
    höre grad dinamohum fz an why ore not really a type waitin f t yello snow

    musikperzeption unterscheidet sehr plausibel von sprechsprachschriftperzeption.
    somit erübrigt sich eigentlich synkretismus, egal wie ausgeprägt indivirduell verschaltet, synapsiert.
    protestkultur als mainstreamfänomen ?

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