III, 374 – „b-moll“

Immer mehr im Sog der Versicherungsbedingungen, in diesen über zweihundert Seiten, in denen es um alles geht, was einem Menschen passieren kann, der Geld, Reichtum und Besitz hat und wahrscheinlich nicht mal ein natürlicher, sondern nur ein juristischer Mensch ist, es sei denn, es handelt sich um die geringe Prozentzahl von Menschen, die soviel besitzen, daß sie mit Nina Hagen singen können: “da geht die sonne unter”, denn es geht bis ins Einzelne mit Vorschriften für Alarmanlagen und sonstigen Schutz und Trutz. Ein feste Burg ist unser Gott.

Als Normalmensch traute man sich wohl nicht an solche Tausendklauseln heran. So ganz ohne die Fähigkeit, sich überhaupt nur vorzustellen, einen Anwalt zu nehmen.

Die ganzen Einzelheiten sind so spannend und einer Heiligen Schrift gleich (nunja mutatis mutandis) wie der chinesische Roman, den ich gerade ausgelesen, der, wie mir die wirklich kluge und tolle Übersetzerin in Anmerkungen und im Nachwort nahelegt, ein Kompendium dessen ist, was China eigentlich ist mit all dem Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus. Es ins Einzelne zu treiben, etwa über die Trigramme des I Ging, ginge für mich zu weit. Es läßt sich leicht lesen, immer wieder Kämpfe mit Dämonen, eine Art Hindernislauf über 108.000 Meilen, und je weiter man sich von China entfernt, um so leichter die Kritik an dem, was in China stattfindet. Belehrt mich das Nachwort.

Und so weiter man von Europa entfernt, desto einfacher, den hiesigen Kontinent im Fernen Osten karikierend zu korrigieren: Wieland, Brecht, auch Döblin reiste auch gern dort, Thomas Mann ließ sich bezaubern: vertauschte Köpfe.

Aber nachvollziehen lassen sich diese ganzen Verweise auf Daoismus, Buddhismus und I-Ging nicht wirklich, es bleiben für mein eher oberflächliches Lesen nur Zeichen, die vielleicht durchaus etwas andeuten, aber dennoch nicht das Gefühl auslöschen, eine wirklich tolle (in jederlei Hinsicht) Geschichte gelesen zu haben. Und es bleibt Sun Wukong, der Affenkönig, der Anarcho, auch wenn er am Ende in all der Confusione zum Buddhing relativiert wird im Dao. Was für Kämpfe mit Dämonen! Um des Himmels willen! Religiös insofern, was man ohne die Anmerkungen als Westler ohnedies nicht unbedingt merkt, und voller Spannung. Weil: Hindernis folgt auf Hindernis auf dieser Reise. Cliffhanger ante litteram.

Eigentlich war der Film, den ich am Samstag sah, kein Hindernis, “Das Konzert” von Radu Mihaileanu. Wie üblich Baci Baci Benino Benone (Ulysses irgendwo am Anfang, wo sindbad the sailor und tindbad the tailor und findbad the failor) mit den Dazugekommenen. Und ein weißhaariger Ingenieur mit einer revolutionären Soundtechnik: “Wahrscheinlich werden Sie es nicht einmal merken.” Es ging um den in den Raum projizierten Klang, der nicht flächig von vorn sich propagiert, sondern sich im Raum als Raum ansiedelt, kurz ein jeder, egal wo er sitzt, sitzt in der Mitte des Klangs.

Am Ende des Films konnte ich tatsächlich nicht behaupten, am Rande des Klangs gesessen zu haben. Was aber hauptsächlich am abschließenden Violinkonzert lag. Hatte sogar etwas nasse Augen, was ich immer für ein Anzeichen ansehe, daß mich ein Film mitgenommen hat. Erst hinterher ein Unwohlsein.

Der Film ist ein fürchterlicher Klamauk um die vermeintlichen Verhältnisse in einem sich von der Sowjetunion nährenden Rußland. Ein am Ende Tschaikowkis Violinkonzert aufführendes Orchester, das aus Hooligans besteht und nur deshalb mit Applaus die Probe besteht, weil die Violinistin projiziert wird auf die jüdische Violinistin des Konzerts von 1980 in Moskau (?) unter demselben Dirigenten, das mittendrin unterbrochen wurde mit dem Wort “Verräter”, damals unter Breschnew als antijüdische Maßnahme. Dann das eingeblendete Bild der Mutter der Pariser Violinistin: in Sibirien, wie sie das Violinkonzert in der sibirischen Kälte pantomimisch weiterspielt. Bis daß der Tod uns von dieser Welt scheide.

Nein, kein guter Film, weil er nichts rüberbringt, außer mal wieder Tschaikowski. Klamauk, Zigeuner, geschäftemachende (!) Juden. Alles ins scheinbar chaotisch Harmlose gehievt, in dem Geist nicht wirklich blüht. Fast sieht man vorm inneren Auge biersaufende Deutsche, Holländer, Briten auf Mallorca in der Hochsaison, auch wenn ich nie dort gewesen bin. Er hatte immerhin dieses Verdienst:

Hörte mir das Konzert noch einmal an zu Hause. Mit einem Nachschlag des geliebten Klavierkonzerts Nummer eins b-Moll. Diesmal Lang Lang.

Gestern ein Schwalbenpräludium im späten Nachmittag, während Tauben gurrend die niederen Luftbreiten wie Karavellen durchsegelten, bevor dann die Mauersegler ihr himmelweit Schreien, und schreiben….


III, 372 – Findevogel

Dieser Beitrag wurde unter Hauptseite, Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.