Mit dem moralischen Imperativ aller Kunst. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 25. April 2018. Darinnen Ulrich Becher, verletzt indes, am Rande.

[Arbeitswohnung, 6.25 Uhr
France musique contemporaine:
Luigi Ceccarelli, Birds for bass and magnetuc tape]

Das beschäftigt mich seit gestern abend sehr. Empfahl einem befreundeten Kollegen, sich u-n-b-e-d-i-n-g-t Bechers Murmeljagd (ich bin jetzt auf S. 510) zu besorgen, er werde zu lesen nicht mehr aufhören können. Woraufhin er mir antwortete, „nach Deiner ersten Jubelarie“ „dieses Hai-Buch“ zu lesen versucht zu haben. Es sei ihm unmöglich gewesen. „Dieser österreichische Ton ist mir sowas von zuwider.“
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Sofort kochten Wut und, ja, Verletzung in mir hoch, und ich brach das Gespräch sofort ab. – „Zuwider„..! Es war nicht zu fassen. Ich meine, die Verleihung eines mir aber ohnedies obskuren, weil allein auf Vermarktung fokussierten Preises für propagandahaft-hämische, so hetzerische wie billige Provokationen kann jemandem, sollte sogar, zuwider sein – hier noch einmal der Link auf Barenboims Erklärung -, aber „der österreichische Ton“? Wie liest der Mann? Was kann einen von mir geschätzten Kollegen dazu bringen, derart abfällig über ein ohne jeden Zweifel Kunstwerk zu schreiben? Wie kann er nicht sehen, von welchem Rang es ist? – Schlimmer aber, wie kann jetzt ich ihn noch für voll nehmen? Worüber ich bei ihm hinwegsah, auch wohl sehen wollte, die Ansammlung von Gestelztheiten, Ungeschicklichkeiten in seinen Texten, dieses SPD- und Lehrerhafte in ihnen oft, bekommt plötzlich etwas genau-so-Gewolltes, das es sich in sich selbst allzu bequem gemacht hat, anstelle bewundernd eine Eleganz zu konstatieren, an die man selbst vielleicht niemals heranreichen wird. Dieses „zuwider“ streicht die notwendige künstlerische Demut durch, die wir gegenüber großer Kunst zu zeigen haben – nicht einmal deretwegen; ihr selbst ist unsere Hochachtung wurscht. Sondern um der Seriosität und Leidenschaft unserer eigenen Arbeit willen: Wie sollen wir die Höhen jemals erreichen, wenn wir sie nicht einmal sehen? Und warum soll ich mich nun noch um dieses Anderen Arbeit bemühen, wozu sie überhaupt noch wahrnehmen?

Also das geht wirklich in mir um, auch, übrigens, daß mir aufgrund solcher Vorfälle ganze Freundschaften wertlos werden können – genauso wie ich die beiden mit dem Echo-Preis ausgezeichneten Rapper auch dann ablehnen würde, sollten sie, wie mein Sohn mir versicherte, ihre widerlichen Aussagen tatsächlich rein der Provokation halber unter die Leute gebracht haben – ein Kalkül, das ja, erschreckenderweise, völlig aufgegangen ist und eben deshalb ausgezeichnet wurde. Wer ans Mieseste im Menschen appelliert und es recht tüchtig füttert, der ernährt es – und sich trefflichst damit mit. Im Gegenteil habe ich als deutscher Künstler-nach-Auschwitz (und französischer Künstler nach Algerien, US-Künstler nach dem Genozid an der indianischen Bevölkerung usw.; es trifft quasi jede Nation) die Verpflichtung, darauf zu achten, daß meine Arbeit politisch nicht mißbraucht werden kann: genau dies hat ein Teil ihres Charakters zu sein. Ob es mir gelingt, ist eine andere Frage; ich kenne die Zukunft und ihre Verführungsmechanismen nicht. Doch der Versuch, Widerstand also, hat ein wesentlicher Bestandteil selbst meiner Stilistik zu sein.

Ich bin, liebste Freundin, ziemlich erschüttert.

Immerhin sind wir – Lektorin, Verlag und ich – unterdessen mit dem Umschlagbild des Ungeheuers Muse einig; jetzt brauchen wir noch die Einwilligung des Künstlers: Omar Galliani. Ich habe gestern und heute einen Brief an ihn entworfen, den ich Freund Schulze ins Italienische zu übersetzen bitten werde, warte nur noch auf Cristofero Arcos Placet. Die „Sache“ eilt, weil bereits nächste Woche des Verlages Herbstvorschau in Druck gehen wird. N i c h t mehr eilen tut die Ausgabe Zweiter Hand von Thetis: Die i s t jetzt im Druck und wird ab Mai im Buchhandel sein; quasi zeitgleich mit, endlich, der Wiener Fassung der Aeolia; beides etwas verspätet, aber nun jà; zur Leipziger Messe wären die Bücher eh nicht dagewesen.
Und schließlich kamen vorgestern auch die Fahnen meines Aufsatzes zu Katharina Schultens‘ neuem Gedichtband an, die ich sofort bearbeitet, leicht ergänzt und an den nun zufriedenen Herausgeber der Magazinausgabe retourniert habe. Er erhofft sich von meinem Text eine Diskussion; ich selbst denke eher, er werde (ver)schweigend zur Kenntnis (nicht) genommen werden. Es geht auch in der Lyrikszene seinen sozialistischen Gang – bis die Mauer irgendwann fällt. Meist geschieht dies, wie an der Postmoderne zu sehen war, ohne viel Tamtam, schleicht sich ganz so nach und nach ein, wie unser Geschichtsbild durch Einschliff entstand und entsteht. Irgendwann ist’s Usus, dies und das zu glauben (gleich diese und jene innere Überzeugung als eine innere Gewißheit zu haben, die nicht mehr befragt wird).

Ich muß mich heute dringend, dringend um das Familienbuch der Contessa kümmern. Mein Geld hab ich ja längst bekommen, nun muß ich endlich liefern. Und bei den Agenturen, die immer noch schweigen, wegen des Liebesromanes nachhaken. Finanziell immerhin bin ich sicher bis in den August; für danach muß ich mir etwas, wobei es natürlich nicht bleiben kann, „überlegen“. Denn daß ich Geld mit den Gedichtbänden verdienen werde, ist nicht nur „eher“ ausgeschlossen.
Noch bin ich nicht beunruhigt, hadere momentan allerdings sehr mit der Vorstellung, allein zu bleiben in der Zukunft. Das tut ein wenig, Freundin, weh. So probier ich mich drüber an nächsten Gedichten.

Ihr
ANH

[Messiaen, Quator pour la fin du temps
Radio France contemporaine]

(Sportpause heute).

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19 Kommentare zu Mit dem moralischen Imperativ aller Kunst. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 25. April 2018. Darinnen Ulrich Becher, verletzt indes, am Rande.

  1. Ute Stefanie Strasser sagt:

    Sehr geschätzter Autor,
    ich kann ihre WUT und Ihre VERLETZUNG nicht nachvollziehen, der Kollege sagt doch nur, dass er aufgrund einer sehr persönlichen Antipathie das Buch von Becher nicht lesen könne – es „schmeckt“ ihm nicht. Nicht alles, was große Kunst ist, ist jedem zugänglich, nicht jedem schmeckt jeder edle Wein. Fängt nicht hier an, was man Toleranz nennt ?

  2. @Ute Stefanie Strasser:
    Toleranz schon – die aber nicht bedeutet, daß man von etwas nicht schockiert sein kann, wie in diesem Fall ich es bin. Ich erkenne als Künstler auch dort große Kunst, wo sie nicht meiner Ästhetik entspricht, ich erkenne ihre immanente Wahrhaftigkeit und vor allem die Faktur. Deswegen werde ich ihr nicht notwendigerweise anhängen. Was mich aufbrachte, war das Wort „zuwider“. Es kann mir etwas nicht liegen, etwa ein Sprechduktus, aber deswegen ist mir weder das Sächsische, Thüringische, Bayerische, Österreichische oder Schweizerische und, sagen wir, Mjawastische gleich „zuwider“ – ein mit „widerlich“ direkt verwandtes Wort. Dies auf Kunst und Künstler angewandt, ist sehr nahe an „Ratten und Schmeißfliegen“, ein Vokabular, das wir, gegen Menschen gemünzt, aus schlimmsten politischen Verhältnissen kennen. Hätte der Kollege gesagt, „liegt mir nicht“, hätte ich einfach nur den Kopf geschüttelt und wäre zur Tagesordnung übergegangen.

    • Niemand sagt:

      Sollte es am Ende wirklich so sein, dass Sie einen Kollegen kennen, der Ihnen widersprochen hat? Ganz enorm. Scheint zumindest ein mutiger Kerl zu sein. Ein Freund war es ja wohl nicht, aus ihrer Sicht. Schade. Obwohl man ja sagt, dass einem nur wirkliche Freunde die Wahrheit sagen.

      Murmeln Sie weiter.

  3. CHerberger sagt:

    Allerwertester, Herbst,
    ich erinnere mich daran, dass es in Ihrem hiesigen Schreibuniversum (welches meine weekly soap ist, eine Art Katastrophentourismus treibt mich immer wieder her) durchaus (häufig) Stimmen gab, die ihren Unmut, Abneigung, ja, sogar Ekel bezüglich Ihrer Texte und Bücher verkündeten. Diese Stimmen aber wurden von Ihnen (keineswegs verstanden) sondern (oft übel) beschimpft, als Banausen, Verächter, Ahnungslose dargestellt.
    Wer also Ihre „Kunst“ nicht versteht oder mag, ist mindestes plemplem, begreift, Ihre, (wahre) Dichtung nicht und hat somit kaum eine Daseinsberechtigung. Und nun lese ich: Wer nicht mag, was Sie mögen …
    O-Ton, Ihrer, Allerwertester:
    Sie erkennen als Künstler auch dort große Kunst, wo sie nicht Ihrer Ästhetik entspricht, Sie erkennen ihre immanente Wahrhaftigkeit und vor allem die Faktur. Deswegen werden Sie ihr nicht notwendigerweise anhängen.
    Was aber ist mit jenen, die zugeben, dass Ihre Kunst nicht deren Ästhetik usw…, Sie wissen schon. Da gefällt einem ein altes Buch nicht, das Sie lesen. Na und? Sind Sie das Maß? Oder ist der Kollege erfolgreicher als Sie? Wahrscheinlich.
    Was ich sagen will: Ihre unreflektierte Doppelmoral kotzt mich an.

    • Dito, Herr Herberger, Sie mich auch. Zumal Sie nicht genau lesen. Es ging nicht um „gefallen“ – was eh kein Kriterium ist.
      Aber wenn es Ihrem Masochismus sadistische Erleichterung verschafft, dürfen Sie gerne weiter hier schreiben; so gelangen Sie vielleicht zur Neutralität.

  4. Zoo-e sagt:

    „Also das geht wirklich in mir um, auch, übrigens, daß mir aufgrund solcher Vorfälle ganze Freundschaften wertlos werden können…“
    Zwei Ableitungen braucht es dann, um zu den „schlimmsten politischen Verhältnissen“ zu kommen.
    So war er nie Ihr Freund – denn ich lege keine Äußerung eines Freundes zweimalig böswillig aus, um zur schlimmsten aller möglichen Bewertungen zu gelangen. Wahrscheinlich kann er sich darüber hinaus glücklich schätzen, in Ihnen keinen Freund mehr zu vermuten, dem er „wertlos“ wird, wenn er Ihre Sicht der Dinge nicht teilt (die zudem noch in „Demut“, die er großer Kunst gegenüber zu zeigen hat – nicht sollte! – besteht, wobei die Definitionshoheit, was große Kunst ist, Ihnen vorbehalten bleibt). Denn die „wertlose“ Freundschaft beinhaltet auch das Unwert-Urteil über den wertlosen Freund. Wobei das „Unwert“-Urteil über Menschen ebenfalls aus dunklen Zeiten stammt.
    Ich mach mal mit und bin auch erschüttert. Aber nur ein wenig.

    • @Zoo-e:
      1) Es geht nicht um ein Unwert-Urteil. Ich habe nicht gesagt, der Freund sei unwert, nur, daß, wenn jemand „zuwider“ zu etwas sagt, das ich hoch achte, keine Basis für Freundschaft mehr da ist, wohlgemerkt zwischen ihm (oder ihr) und mir. Das ist nicht schlimm; für ein zivilisiertes Miteinander reicht’s ja dann noch. Es gibt Leute, die Michael Jackson schätz(t)en; es ist sogar die Mehrheit. Mit denen muß ich aber nun wirklich nicht befreundet sein.
      2) Nein, mir bleibt die Deutungshoheit n i c h t vorbehalten, sondern es gibt Kriterien, deren ein paar ich >>>> dort genannt habe. Wer über Kunst aber urteilend spricht, hat die Kriterien zu nennen, ästhetische Kriterien. Daß etwas „österreichisch“ sei, gehört nicht zu ihnen. Kunst ist keine Angelegenheit des Gefallens, oder wir verlieren jeglichen Maßstab der Bewertung. Es muß auch nicht alles Kunst sein, was gefällt. Auch mir gefallen Bücher, die weißGöttin nicht Kunst sind, ebenso Filme, Bilder usw. Es gibt auch schlichtweg Unterhaltung (in ihrer schlimmen Form „Entertainment“ genannt), die eine/n sentimental ziemlich gut, meist auch nostalgisch streichelt, aber deswegen noch lange nicht Kunst ist.
      3) Im übrigen kann man selbstverständlich anderer Meinung sein als ich. Zeigen Sie mir mal jemanden, der, wie ich es tu, in seinem oder ihrem Weblog so viel Freiheiten der Meinungsäußerung zuläßt, ohne sie zu „moderieren“. Meist wird auf meine Kriterien aber gar nicht eingegangen – auch Sie tun es in Ihrem Kommentar nicht, sondern heben auf ein Herumgemenschel ab, das sich um klare Kriterien gradezu herumdrückt.

      Im übrigen muß hier niemand lesen; jeder und jedem steht frei, es zu lassen. Nur treibt’s die Leut halt immer wieder her.

      • franzsummer sagt:

        „Im übrigen muß hier niemand lesen; jeder und jedem steht frei, es zu lassen.“

        Allerdings laden Sie in Ihrem Blog auch ausdrücklich zur Kommunikation ein. Sie müssen auch nicht antworten, aber tun es meist. Und teilen auch selbst tüchtig aus. (In meinem Blog lasse ich das ausdrücklich nicht zu, weil ich keine Lust drauf habe. Das ist halt der Vorteil, wenn man es als Hobby betreibt).

        Ich möchte das aber nicht kritisieren, finde es sogar reizvoll, mich hier über (literarische) Themen auszutauschen. Immer wenn es persönlich wird, versuche ich mich zurück zu halten. So halte ich es für eine Privatsache, wer sich wen als Freund auswählt oder nicht oder ähnliches.
        Eine Freundin im Internet schrieb mal, sie habe Freunde in allen politischen Richtungen, das gehe von extrem links bis extrem rechts, nur achte sie darauf, bei realen Treffen eine Anwesenheit der jewelingen“Feinde“, weil es eh nur auf Streit hinaus läuft.
        Das verblüffte mich dann doch, und ich habe mich entschlossen, es auch mit ihr nicht dazu kommen zu lassen, mich real zu treffen. Ich könnte das einfach nicht.
        Aber da gilt ja, jeder wie er mag.
        Das Buch ist übrigens angekommen, lag dann auf dem Tisch, und meine Katze hat sich draufgelegt, als wäre es ihres.
        Ich habe so ca 30 Seiten gelesen – und bin bisher leider enttäuscht, prall von Geschwätzigkeit (in meinen Augen), von Belangslosigkeiten gemixt mit guten Sätzen dazwischen, tatsächlich etwas von einem „österreichischen Ton“, wo über Tod beispielsweise nur so nebenbei erzählt, wenn man zum Champagnerglas greift. Aber natürlich ist es viel zu früh, sich da echt ablehnend zu äußern. Ich bleib erst mal dran.
        Es hat knapp zwei euro gekostet, von Schöffling & Co., in einem einwandfreien Zustand, vermutlich aus einem Antiquariat, dahin gekommen aus der Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Freiburg (laut Stempel, ich hoffe doch nicht, geklaut 🙂
        Nie würde ich mich aber gegenüber einem Fan, der sich outet, äußern, es wäre mir zuwider.
        Insofern verstehe ich schon Ihre Entrüstung.

        • franzsummer sagt:

          sorry, der „jeweiligen Feinde“ natürlich

        • @Franzsummer:
          Ja, zur „Kommunuikation“. Zu der gehört aber nicht der despektierliche, mir bewußt an die Ehre gehende und insgesamt meine Person diffamierende Ton CHerbergers. Ja, auch sowas „darf“ hier geäußert werden, klar – nur schieße ich dann scharf zurück.

          Von den ersten von Ihnen gelesenen Seiten wird ein Großteil von einem Brief gefüllt, den ein National“sozialist“ an den Erzähler schreibt; das ist nun eindeutig Rollenprosa und dient zur Charakterisierung, vielleicht auch Typisierung des genannten Herrn. Zudem erzählt ein Mann, der durch zig Existenzgefährdungen gegangen ist und hat, wie er es sehr viel später ausdrückt, „zu viele Tode gesehen, das macht vergnügungssüchtig“ (S.509), ein ehemaliger Soldat also, als Kampfflieger selbst abgeschossen und die Bruchlandung knapp überlebt, zudem aktiver Widerstandskämpfer; daß der „über Tod beispielsweise nur so nebenbei erzählt, wenn man zum Champagnerglas greift“, scheint mir für das Weiterleben fast schon notwendig zu sein – vor allem, weil auf diese Weise eine Distanz erzeugt wird, die einen auktorialen Roman überhaupt erst ermöglicht, d.h. einen, in dem der Erzähler autonomes Subjekt und nicht, wie bei Céline, in den inneren Haßtrieben uneinsichtigst gefangen bleib. Hier spielt möglicherweise auch des Erzählers aristokratische Herkunft – ich meine der Ich-Figur Trebla -, also Erziehung, eine Rolle – von jener er sich freilich gelöst hat, als Schwarzes, in seinem Fall Rotes Schaf der Familie. – Dies nur, um Ihnen, Herr Schwarzsummer, vielleicht doch den Einstieg etwas zu erleichtern. Daß gerade Wiener dafür bekannt sind, mit dem Tod flirtend umzugehen – oder zynisch im Sinne von Freuds Witz -, werden Sie wissen. Sie können es auch so sehen: Bechers Lust an Formulierung und Sprachspiel konnte selbst die ständige Bedrohtheit durch den Tod nicht in die Knie zwingen, im Gegenteil erhebt er sich über sie, die Drohung, mit einem schon geradezu schwindlig machenden Humor, dem sich beigesellt, daß Becher ein Causeur ist, ein Plauderer also – eine Charakterisierung, die im romanischen Raum völlig anders bewertet wird als im sei’s grübelnden, sei’s groben deutschen. In mir bewirkt die Haltung Achtung – gerade angesichts des Themas.
          Der Autor war übrigens von seiner Herkunft Berliner. Es ist an alleden Stellen zu merken, wo er Dialektales wiedergibt, etwa wenn Hans Pfiffke, genannt Pfiff, spricht.

          Gestern fand ich >>>> dort eine gute Site zur Murmeljagd, auf der sich Herr Dieter Häner sogar die Mühe eines Personenverzeichnisses gemacht hat. Außerdem gibt es den ausgesprochen dringenden Entwurf eines Briefes an den Bruder zu lesen, worin Becher sein Vorhaben skizziert. Das Schreiben beginnt so:

          Derzeit versuche ich, einen Roman zu schreiben über die Phobie, die die Menschen unseres Jahrhunderts gepackt hat, über die krankhafte feindselige Angst, die sich nach ‚Hiroshima’ ins Kosmische potenzierte. Doch trat dieserart Phobie schon seit 1914 immer offener zutage, und im Hitlerismus offenbarte sie sich, das kann man ebenso getrost wie untröstlich feststellen, als eine Art gewaltiger Tollwut-Epidemie.

          • franzsummer sagt:

            ja danke.
            Die ersten 32 Seiten hatte ich schon im Großen und Ganzen verstanden, denke ich mal. Jemand, der sich begeistert den Nazis anschloss, schreibt an einen Freund einen Brief, dass er doch zurückkommen solle ins nun gesegnete Österreich. Der aber rettet gerade eine Frau aus den Fluten, die sich dort hineinstürzte, weil ein anderer wohl in einem KZ zu Tode kam.
            Der Fliegerheld aus dem 1. Weltkrieg wurde einst von Pola Negri entjungfert, das kann aber auch nicht wahr sein. Ich habe erfahren wie Pola Negri jetzt heißt, und wen sie geheiratet hat. Dazu kommt noch eine Information, dass der behandelnde Arzt am Heuschnupfen leidet wie der Held selbst, der darüber nachdenkt, wie es sich mit Sippenhaft verhält bei den Nazis, falls er sich als Gegner zu erkennen gibt… unwichtiges und wichtiges ist da fast konfus verflochten. Das kann schon sein, dass am Ende ein Gesamtbild entsteht, das deutlich macht, was da überhaupt los war, eine Tollwut-Epidemie nämlich.
            Aber ich werde natürlich nicht hier jeden Leseschritt kommentieren 🙂
            Smile, ich schrieb ja, ich bleibe dran. Mir sind auch die damaligen Verhältnisse in Österreich bekannt durch eine neulich gerade gesehene Fernsehdokumentation.
            Das hilft sicherlich beim Verständnis.

  5. Ute Stefanie Strasser sagt:

    Nochmal kurz – geschätzter Autor,
    1) ich stehe verblüfft vor diesem Schlagabtausch auf rasanter Talfahrt … denk mir: könnt jetzt noch lange immer so hin und her gehen, würd aber vermutlich nicht konstruktiver werden
    2) zum Wort „zuwider“: ich verbinde das eher mit „widerständig“ und „Widerstand“ in dem Sinne, dass mir etwas entgegensteht (eine Wand, eine Mauer, ein Zaun), das mir den Zugang zu einem, sagen wir großartigen Musikstück verhindert. Ein hochemotionales Geschehen ist das und ich komme nicht dagegen an. Sie sehen, meine Assoziationen gehen in eine ganz andere Richtung. Lieben Gruß aus Österreich im Sonnenschein !

  6. Bruno Lampe sagt:

    Auf Bücher zu reagieren, ist schon eine heikle Angelegenheit. Man hat immer Angst, ihnen nicht gerecht zu werden. Und wenn dann noch jemand kommt und sagt: Das mußt Du unbedingt lesen! Dann wird’s allemal heikel. Wie kann man dessen Lesegefühl, weil man es als solches empfindet und nicht als Leseerkenntnis, nachempfinden? Gibt es eine Leseerkenntnis? Eher schon glaube ich an einen Leseschauder. An den unbedingt. Erst gestern erlebte ich wieder einen solchen: Leopold Schefer! Unglaublich. Österreichisch? Eher ein Argument eines irgendwie anderweitig Genervten. Man sollte ihm den „Gaulschreck im Rosennetz“ verschreiben von Herzmanovsky-Orlando. Österreichischer geht’s nimmer. Oder zur Strafe 1500 Seiten Bernhard.

    • Ute Stefanie Strasser sagt:

      Es gibt ein nettes Büchlein von Sigismund v. Radecki, es heißt: „Das müssen Sie lesen!“ und handelt vom Widerstand gegen solches Ansinnen.

      • Auch ich bin gegen Zwangslektüren. Die Schulen zeigen, wohin sowas führt.
        Hier in Der Dschungel gibt es Empfehlungen – allerdings mit aller Leidenschaft und allem Feuer, das mir innewohnt, gegeben. Temperament in Kunst und Kultur ist rar geworden, aber überträgt sich. Wie ich >>>> dort schrieb: Menschen und besonders die Lehrer:innen unter ihnen müssen brennen für etwas. Wenn ich etwas empfehle, glaube ich mit jeder Faser meines Körpers daran.

    • Die eigene Begeisterung über ein Buch anderen vermitteln zu wollen, machte mich oft so atemlos, zumal mir die intellektuellen Mittel fehlen, ästhetische Kriterien hieb+stichfest darzustellen, daß ich es inzwischen insofern sein lasse, als Lob nur noch innerhalb der eigenen Aufzeichnungen geäußert, aber nicht mehr an den Mann / die Frau gebracht wird, auch nicht auf Nachfrage.
      Dennoch bin ich froh, wenn MIR weiterhin enthusiasmierte Leseberichte zufließen, wie hier „Murmeljagd“, welches ich seit Jahr und Tag auf dem SUB (Stapel ungelesener Bücher) bereits etwas Schimmel ansetzen sah.

      • Lieber Martin Kolbeck,
        ich denke, daß bei Begeisterung für ein Buch sie auch dargestellt werden „darf“, wenn die, sagen wir, Beweis- oder Belegführung nicht „hieb- und stichfest“ ist; es ist halt Begeisterung. Problematisch wird es bei Ablehnung eines Buches; hier gehört – bei öffentlicher Stellungnahme – die Argumentation hinzu. Sonst ist der Gefälligkeit, auch einfacher Häme oder dem Schadenwollen aus persönlichen Motiven Tür und Tor geöffnet – wie es sich bei einigen Amazon-Leserkritikern deutlich beobachten läßt. Auch strategische Belange spielen die Rolle von Rädern, zwischen denen manch Buch zerrieben werden soll. Begeisterung aber ist davon frei
        So, wie ich gestern abfällig über Endō und vor allem Knausgård schrieb, hätte ich’s gewiß nicht getan, gälte nicht jener als einer der wichtigsten Gegenwartsschriftsteller Japans und wäre nicht dieser so über alle Maßen gehypt. Daß ich hier gegen ihre Bücher, bzw. bei jenem gegen ein Buch öffentlich die Stimme erhob, kann keinem von beiden mehr schaden. Bei einer jungen unbekannten Autorin, einem ebensolchen Autor schriebe ich so niemals, sondern schwiege statt dessen – es sei denn, ich sähe in ihren Texten eine deutlich politische Gefahr, etwa Rassismus, rigorosen Nationalismus, brutale Frauenfeindlichkeit usw.
        Kurz, Begeisterung braucht keinen Ausweis, ein Verriss indessen sehr wohl.

  7. den-gübts-hür-nüch sagt:

    Der einzige Mensch, der Sie ernst nimmt, sind Sie selbst. (Meinung)
    Hören Sie zu? Kapieren Sie, was andere sagen? Lesen Sie nur, was Sie hören wollen? (Fragen!)
    „Zeigen Sie mir mal jemanden, der, wie ich es tu, in seinem oder ihrem Weblog so viel Freiheiten der Meinungsäußerung zuläßt, ohne sie zu „moderieren“. (Zitat, Scherz, oder?)Hahahahahaha.
    SIE lassen KEINE Meinung zu, die Ihrer nicht entspricht. Siehe Ausgangsposting.
    TestTestTest: „Meere“ ist ein sprachlich unangenehm antiquiert formuliertes Machwerk ist, dessen ausuferndes Geschwafel mich ermüdet. (Meinung!)
    „Katastrophentourismus“ weiter oben gefällt uns. (Meinung)
    Wir sehen hier einem rücksichtslosen, verwirrten Menschen beim Gespräch mit sich selbst (Bruno und Co.) zu. (Erfahrung)
    Seien Sie froh, dass Madame la Contessa von Sp. aus Dü. Ihnen die Kohle(n) bezahlt. Andere in Ihrem Zustand müssen ins Seniorenheim. (Mitleid)
    Dort allerdings wären Sie als Pausenclown der Superstar. (wohlwollender Tipp!)

  8. Och’chen @ den-gübts-hür-nüch. Fühlen Sie sich jetzt besser?

    Dennoch, weitere so persönlich despektierliche Beiträge wie der jetzige von Ihnen werden gelöscht. (Wollte eigentlich Satz für Satz reagieren, aber er ist es nicht wert.)

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