Training, Dichtung, Alkohol. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. Juni 2019. Und leider auch Rauch.

[Arbeitswohnung, 10.19 Uhr]

Sonnenwendfeuer, flamm auf!

 

 

 

„Kommst Du auch?“ sms’te mir mein Elfenbeinverleger gestern vormittag. Er meinte die Gartenmesse genannte Zusammenkunft der kleinen unabhängigen Verlage im Literarischen Colloquium.
Ich war seit Tagen ohne Sport gewesen, hatte erst bewußt eine Pause eingelegt, weil ich nach dem letzten Training Schulterprobleme bekam und den Körper ruhigstellen wollte, dann fand ich ins Training nicht mehr hinein – auch weil ich enorm viel Arbeit auf dem Schreibtisch hatte und im Kopf sowieso. – Jetzt aber, himmlisches Sonnenwetter, der herrliche Hang zum Wannsee hinab, vielleicht ein paar Gespräche, die lohnten oder auch nur freundlich würden … kurz, ich entschied mich zu fahren, das Rad zu nehmen, bewußt als Wiedereinstieg ins Training – – anstelle zu joggen, wozu es derzeit entweder zu heiß ist, oder ich müßte es morgens gegen sechs tun. Was ich momentan nicht schaffe; laufe ich aber erst um sieben, dann ist es halb zehn/zehn, bis ich endlich am Schreibtisch sitze, und zerstöre mir damit die Arbeitsstruktur. Ich bin ja nie wirklich Nachtarbeiter gewesen; sowie es dämmerig wird, hört jede Inspiration in mir auf. Deshalb böte es sich an, in der warmen Jahreszeit abends zu laufen, nur daß es da momentan immer noch um 27 Grad sind. Glückseligerweise.
Eine Alternative wäre, im Studio das Laufband zu nehmen. Nur hab ich dazu nun wirklich nicht Lust – es käme mir bei d e m Wetter geradezu blasphemisch vor.

Also die Radtour. Meine Beine dann aber, am späten Abend, merkte ich d o c h.

Wiewohl, der Nachmittag hat sich auch anders „gelohnt“; eine Lesung aus meinen Gedichten wurde vereinbart, und ich traf meinen alten Lektor Delf Schmidt, mit dem ich nun in dieser Woche wieder einmal essen gehen werde. Wir haben viel zu erzählen. Auch weiß er ja noch gar nichts von Elvira M. Gross, die sozusagen seine Nachfolge angetreten hat, also bei mir, und die ich rasend gern mit ihm bekannt machen würde. Wer weiß, was sich für sie, aber auch ihn da ergäbe. Überdies sind sie beide hoch frankophil.
Weitere, neben meinem Elfenbeinverleger, getroffen, alte Bekannte, die schon mal näher waren. Auf die Musik mochte ich aber nicht mehr warten, sondern schwang mich gegen halb acht auf das Fahrrad zurück.

Viel, sehr viel getan in den vergangenen Tagen, Lust aufs Arbeitsjournal aber nicht gehabt – was, letztres, damit zusammenhängt, daß ich, sowie ich mit dem Sport aussetze, in ein graues Loch falle, noch, bislang, nur subdepressiv und nicht g ä n z l i c h lähmend, aber sehr wohl spürbar. Was wiederum dazu führt, daß ich mich nicht zum Sport aufraffen kann, sondern mich, wenn es gut geht, in die Arbeit versenke.

Noch g i n g es gut. Ich habe enorm viel geschafft. Vor allem etwas für ein Projekt diaphanes´ fertigbekommen, das mich schon lockte, als ich von ihm las. >>>> Dort ist es beschrieben. – Nur hatte ich nicht wirklich gleich eine Idee, sah also die alten Skizzen durch und fand einen für die Erzählbände von Elvira verworfenen Text, den ich nun noch einmal prinzipiell neu mir vornahm und um nahezu zwei Drittel auf die von diaphanes verlangten exakt eintausend Wörter herunterkürzte. Das verändert die Erzählung komplett, verlangt andere Anschlüsse, auch neue, für mich selbst unerwartete Wendungen. Die präzise Wortvorgabe (vor allem auch: was ist ein Wort, wie werden Komposita, aber auch rhetorische Satzzeichen gezählt? usw.) erinnert in ihrer Wirkung an die Vorgabe eines bestimmten Versmaßes.
Nahezu drei Tage schlug ich mich damit herum, dann war ich fertig. Und zufrieden. Und weil Elvira sich gewünscht hatte, daß in den zweiten Erzählband, >>>> Wölfinnen also, auch noch eine ganz neue Erzählung hineinkommt, schliff ich an einem kürzlich entstandenen Entwurf und bekam genauso ein leichtes, aber streng durchkomponiertes Gebilde hin, wie es mir vorgeschwebt war. Dieses wurde gestern rund; jetzt, schätze ich, geht es allenfalls noch um hie und da ein einzelnes Wort. Zum Entwurf selbst hatte mir Elvira geschrieben, sie sehe die Personen nicht. Das war vor allem zu ändern. Sie brauchten jede eine so angedeutete Charakterisierung, daß sie w u r d e n. Daß ich aber nicht ganz falsch lag, darin hatte mich Cristoforo Arco bestätigt, dem ich, als er neulich hier war, den von Elvira kritisierten Text vorgelesen hatte. „Die Geschichte“, sagte er und betonte Geschichte, „findet im K o p f des Lesers statt, das ist der Trick.“ – Eine Geschichte zu erzählen, o h n e sie zu erzählen, so daß sie dennoch geschieht.
Sie hatten b e i d e recht, Elvira wie er, auch wenn sich ihre Wahrnehmung widersprach. Genau dem mußte ich folgen.

Vorhergegangen war die Überarbeitung, vielmehr geradezu Neufassung der „Fenster von Sainte Chapelle“. Schon vor drei Wochen >>>> schrieb ich Ihnen davon. Erinnern Sie sich?
Es war frappierend schließlich, in welch einen Schreibrausch ich unversehens geriet, „wie“, schrieb ich Evira in einer Email, „seit Monaten, vielleicht dem Traumschiff nicht mehr. Wußte wieder, wer ich bin, w a s, war mir gewiß.“ – Nur machte dies alles andere wieder schwierig, vor allem die Auftragsarbeiten, die ich deshalb beiseite schob. Die spezielle Form der Sensibilität, derer das poetische Arbeiten furchtbar innig bedarf, steht völlig g e g e n diese, die pragmatisch gelöst sein wollen und müssen. Was nun wieder die Subdepression verstärkte, was seinerseits die Unlust verstärkte, Sport zu treiben – eine wirklich blöde Dynamik.
In Phasen intensiver poetischer Arbeit müssen andere Verbindlichkeiten zurückgedrängt, das heißt verdrängt werden, sonst kommt man poetisch zu nichts. Künstlerische Konzentration beinhaltet auch Leerläufe, mitunter lange, denen man sich aussetzen (können) muß, ohne die scheinbar freie Zeit mit anderem zu füllen. Es funktioniert nicht zu sagen, gut, mir fällt grad nichts ein, also mache ich diesen und jenen Auftrag fertig, bis es sich ändert. Handelt man derart gesund-pragmatisch, ändert es sich nämlich nicht. Nur ist den Auftraggebern so etwas kaum zu erklären, es muß sie auch gar nichts angehen; sie fordern mit Recht i h r e Arbeit ein und daß sie erledigt werde, zumal wenn längst bezahlt.
Das künstlerische Handwerk ist wirklich nicht wirklich moralisch, Konflikte mit Künstlern sind vorprogrammiert. Es gab denn auch einen, wenn auch nur kleinen mit meiner Contessa. Doch der einzige Blick, der letztendlich zählt, ist, was bleibt nach meinem Tod zurück? Bleibt unabhängig von mir | das W e r k am Leben?

Gut, die Chapelle war geschafft, ich nahm mir eine zweite, von Elvira bereits akzeptierte, aber mit heftigen Lektoratseinwänden versehene Geschichte vor und schrieb auch diese um, allerdings weniger radikal als die andere; hier waren lediglich einzelne Spuren zu verdeutlichen und Ballast abzuwerfen. – Gelang mir a u c h. So daß ich nun an den kritisierten Entwurf gehen konnte. Für etwas mehr als eine Woche ist das ziemlich gut viel. Und beste Zeit, den Sport tatsächlich wieder aufzunehmen. (Alle, nahezu alle Freunde meines Alters klagen über körperliche Unzulänglichkeiten, unter denen sie zunehmend leiden. So auch gestern im LCB. Daß sie nicht mehr richtig laufen könnten, Radfahren schon gar nicht, um von Joggen besser zu schweigen. Und so weiter. Sie alle, nahezu, haben den Körper in ihren Jahren zugunsten der Arbeit mißachtet. Oft kam dazu der Alkohol, und kommt weiter. Dazu auch bei ihnen depressive Verstimmungen von chronischem Charakter. Jedesmal dachte ich: Gut, daß du so viel Sport getrieben hast. Treibe ihn weiter!)

[À propros Alkohol. Es ist schon erstaunlich, wobei erst einmal auch erschreckend, daß ich tatsächlich über Jahrzehnte allabendlich eine ganze Flasche Wein getrunken habe, manchmal sogar mehr – unterbrochen nur von dem strikten einen Monat alkoholfrei pro Jahr, meinen hier in Der Dschungel „Ramadan“ genannten Auszeiten. – Der Göttin sei für sie Dank! Denn nur ihrethalben kann ich mir erklären, daß ich seit Wiederaufnahme des Trainings ganz ohne jede Schwierigkeit meinen Weinkonsum erst auf ganz Null heruntergefahren, dann auf Dauer so reduziert habe, daß ich zuhause kaum noch Alkohol trinke, schon gar nicht eine Flasche pro Abend – ohne, außer daß ich nicht an Gewicht zunehme, irgendeine Entzugserscheinung. – Ich habe jetzt auch laufend Bilder berühmter Kolleginnen und Kollegen vor Augen, alle gezeichnet vom Alkohol.
Sorgen allerdings macht mir derzeit wieder meine Raucherei, eine Sucht, die in den Griff zu bekommen mir tatsächlich extrem schwer fällt. Dabei hatte ich sie vermittels der eCigarren längst ausgeschlichen, Mist! Vor allem auch Mist, weil Konstantine, von der unter anderem meine letzte, so sehr schön leichte Erzählung spricht, mir nach dem Rigoletto bedeutet hatte, ich röche allzu sehr nach den Zigarren. Das ging mir ziemlich in die Knochen. Denn dieser wundervolle Abend hätte durchaus anders enden können, als dann ward.
Zumal ich den Geruch ja selber nicht mag, ihn an mir und um mich selbst bemerke. Dennoch. Die Sucht hat mich weiter im Griff. Wobei sie gerade für mich extrem gefährlich ist. Was ich gehofft hatte, daß das Laufen sie mir gleichsam von selbst nehmen würde, hat sich nicht bewahrheitet, jedenfalls bislang. Aber zu rauchen, hilft mir gegen die Einsamkeit, oder sagen wir Sehnsucht, die ständig in mir ist und sich, ahne ich, nie mehr erfüllen wird. Und stellt sie aber dann ihrerseits h e r – eine Abwärtsspirale, die ich endlich durchbrechen (wollen!) muß.]

Und noch eine neue Geschichte ist mir eingefallen, bzw. die Ahnung einer solchen, die aber bereits einen Titel hat. Über diesen Text denke ich grad nach, ohne daß er aber schon ausführbare Gestalt hat. Es ist eher ein Klang, eine Art Duft, dem ich nachspüre. Wozu ich aber a u c h wieder Zeit brauche und sie mir nehmen, i h m sie lassen muß, was erneut mit meinen Auftragsarbeiten kollidiert. Immerhin habe ich gestern die alte Dame angerufen, deren Autobiografie ich schreibe, und mich für mein Schweigen entschuldigt.
Sie war völlig gelassen, sozusagen lächelnd, habe sich nur etwas Sorgen um mich gemacht. Ich möge mir die Zeit nehmen, die ich brauchte, sie selbst sei nicht im mindesten beunruhigt.
Sehr erleichtert drückte ich auf das Trennen-Feld meines Ifönchens, werde um zwölf zum Krafttraining gehen, Rücken, Bauch und Beine heut, und dem „Mondschein mit Wölfin“ nach- oder besser vorausspüren, der da in mir umgeht. Auf meinem Mitteltisch blühen die letzten Pfingstrosen dieses Jahre zu meiner Orchidee, die sich nach nahezu anderthalb Jahren mit unversehenen Blüten neuerlich geschmückt hat, etwas, woran ich gar nicht mehr glaubte.

 

 

Ihr ANH

Zu Johanni, morgen:
Wir öffnen die Herzen, wir heben die Hände,
wir grüßen des Jahres fruchtbringende Wende,
wir grüßen des Lichtes gesegneten Lauf:
Sonnwendfeuer flamm auf nun, flamm auf!

Goethe, Feuerspruch

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