Chapelle fff. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 1. Juni 2019. Außerdem Opern, doch Käse und Brot noch vorher.

[Arbeitswohnung, 9.48 Uhr[
War schon draußen, italienisches Brot und Käse besorgen, der bereits „läuft“. Wobei es solchen, der wirklich bereit ist, noch nicht gab; nun werden die Ziege und der Chaource noch etwas lagern müssen, selbstverständlich nicht im Kühlschrank. — So früh bin ich schon hinaus, weil ich auf eine eingeschriebene Sendung warte, mit der ab elf zu rechnen ist. Ich habe einfach keine Lust, am Montag in der Postfiliale schlangezustehen.

Die Tage sind voller Chapelle. Erst einmal Elvira M. Gross´sämtliche Lektoratseinwände bearbeitet und sozusagen abgehakt; aber jetzt gehe ich noch einmal komplett durch die Erzählung, zweiphasig, erst – nämlich momentan – am Screen, danach erneut im Ausdruck auf dem Papier. Schon jetzt ergeben sich in der Darstellung fast Erdrutsche, und nicht nur stilistisch. Wichtig war auch, das Pfingstwunder noch einmal deutlich zu, sozusagen, erden.
Ein Beispiel, bisherige Fassung:

„Lassen Sie uns still sein, zweidrei Sätze lang still“, sagte ich auf Japanisch und sah das von den Päonienblättern geformte Wort.Wir schwiegen.
Dann sagte er auf Aramäisch und sah doch, wie ich, immer nur ins Kirchenschiff: „Sie sind spä­ter gekommen als sonst. Sie waren an Pfingsten nicht da. Ich war so traurig. Jeden Morgen, seit dreißig Tagen, habe ich nach Ihnen geschaut. Seit ich die Gabe verlor. Erst jetzt, bei Ihnen, habe ich sie wieder.“
„Ich bin erst seit neun Tagen in Paris“, erklärte ich auf Englisch.
„Es tut weh“, das nun in Russisch, „wenn sich einem Menschen die Zunge zerteilt, jede Stunde und Minute mehr. Ich habe gedacht, jetzt werde ich geprüft, aber ich wußte nicht, weshalb. Ich esse gern, das stimmt, ich trinke sehr gerne, aber das wissen Sie längst.“
Ja, das wußte ich. Ich wußte ebenfalls, auf welche Weise er Frauen bewunderte, die schön sind.
„Ist das nicht reinen Herzens a u c h?“ fragte er spanisch. „Ist es denn nicht dafür gemacht? – O bitte“, nun wieder französisch, „verzeihn Sie, daß ich derart zweifle! Wen sonst soll ich’s fragen, der mir antworten kann?“ Er seufzte.
Ich wußte, welches Anliegen er hatte. Aber ich drängte ihn nicht. Es war ihm schon erfüllt.
Ganz begriff er das aber noch nicht.

Und in der nunmehrigen Fassung, allerdings auch das erst einstweilen:

„Lassen Sie uns still sein, zweidrei Sätze lang still“, sagte ich, und zwar auf Japanisch. Dabei sah ich die herabgefallenen Blütenblätter der Päonie vor mir und hörte das Wort, zu dem sie sich auf dem kleinen Küchentisch der Nonchalante angeordnet hatten. Vor allem aber hörte ich das Rauschen einer kräftigen Brise, als erfüllte sie das ganze Haus. Auch der Priester schien es zu hören und flüsterte etwas. „Feuerworte“, verstand ich, „paroles de feu“ – als er aber, obwohl er doch nur leer, ganz wie ich, durchs Kirchenschiff schaute, mich direkt wieder ansprach, und jetzt auf Aramäisch: „Sie sind spä­ter gekommen als sonst. Sie waren an Pfingsten nicht da. Ich war so traurig. Jeden Morgen, seit dreißig Tagen, habe ich nach Ihnen geschaut. Seit ich die Gabe verlor. Erst jetzt, bei Ihnen, habe ich sie wieder.“„Ich bin grade mal neun Tage in Paris“, erklärte ich auf Englisch.
„Es tut weh“, das nun er auf Russisch, „wenn sich einem Menschen die Zunge zerteilt, jede Stunde und Minute mehr. Ich habe gedacht, jetzt werde ich geprüft, aber ich wußte nicht, weshalb. Ich esse gern, das stimmt, ich trinke sehr gerne, aber das wissen Sie längst.“
Ja, das wußte ich. Ich wußte ebenfalls, auf welche Weise er Frauen bewunderte, die schön sind.
„Ist das nicht reinen Herzens a u c h?“ fragte er, wieder auf Spanisch. „Ist es denn nicht dafür gemacht? – O bitte“, nun wieder auf Französisch, „verzeihn Sie, daß ich derart zweifle! Wen sonst soll ich’s fragen, der mir antworten kann?“ Er seufzte.
Ich kannte sein Anliegen. Aber ich drängte ihn nicht. Es war ihm schon erfüllt.Ganz begriff er es aber noch nicht.

Dazu nämlich Apostelgeschichte (Lukas, frz. „Luc“, 2, 2):

Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen.
(Luther)

Sowie in der französischen Bibelübersetzung (Actes des Apôtres 2,6):

Alors leur apparurent des langues qu’on aurait dites de feu, qui se partageaient, et il s’en posa une sur chacun d’eux.

Oder ich habe jetzt in die Verwandlungsszene zu Beginn der vorhergehenden „Orgie“ Ovid eingebaut.
Vorher also:

Nur war dieser Kopf eine Kippfigur. Hielt ich eine der Kar­ten nämlich schräg, wurde aus dem Reptil ein Apfel, der ein kurzes gespaltenes Stielchen hatte. Als ich das merkte, war ich vom Cocktail aber schon ziemlich hinüber. Nicht nur von dem, sondern auch von den nächsten. Hähne und Schwänze, schwirrte es mir durch den Kopf … – welch eine Begriffs-Aphroditik! Noch schwerer schienen indes die beiden Heilpflanzen auf mich einzuwirken, als die mir Edith, die sich gleich wieder entzog, erst BettyB zugeführt hatte und indirekt dann, weil die bei ihr war, La Lune.

Und jetzt:

Nur war dieser Kopf eine Kippfigur. Hielt ich eine der Kar­ten nämlich schräg, wurde aus dem Reptil ein Apfel, der ein kurzes gespaltenes Stielchen hatte. Als ich das merkte, war ich vom Cocktail aber schon ziemlich hinüber. Cocktails, schwirrte mir durch den Kopf, Schwänze von Hähnen, die Federn erst wie schlanke, rankende Pflanzenblätter gespreizt, indes sich ihre Enden weiter und weiter auseinanderfächerten und zu einem bunten schlängenden Blattwerk wurden, aus dem hier und dort Edith lugte, doch irre schnell – und mit geschmeidigem Bast umzieht sich der schwellende Busen – aufs neue überwuchert, grünend erwachsen zu Laub die Haare, zu Ästen die Arme, bis aus dem wipfelverdecketen Antlitz ein völlig andres heraussah … verdammt, BettyBs! – und daneben, war diese nächste, genauso umgekehrte Daphne nicht La Lune?

Nämlich:

Wie sie kaum es erfleht, faßt starrende Lähmng die Glieder,
und mit geschmeidigem Bast umzieht sich der schwellende Busen.
Grünend erwachsen zu Laub die Haare, zu Ästen die Arme;
fest hängt, jüngst noch flink, ihr Fuß an trägem Gewurzel!
(…)
Paean hatte geendet. Der Lorbeer nickte mit jungen
Zweigen dazu und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.

Ovid, Daphne. Dtsch. v. Reinhart Suchier

 

*

Ansonsten sind noch zwei Musikkritiken zu schreiben, einmal zur Tango Night von Jazz at Berlin Philharmonic, zum anderen über die Premiere von Massenets „Don Quichotte“ an der Deutschen Oper. Ich finde nur, der Chapelle wegen, gerade nicht rein. Wobei, daß ich mit beidem nicht direkt-aktuell bin, insofern nicht schlimm ist, als Faustkultur, mein Auftraggeber, ohnedies immer ein paar Tage braucht, bis ein Text dort erscheint.

Bestens zufrieden bin ich hingegen mit meinem Sport; nahezu sämtliche Ziele, die ich anfang April bei der Wiederaufnahme hatte, sind erreicht; jetzt geht es eigentlich nur noch darum, Fitness und Werte zu halten. Ich fühle mich in meinem Körper wieder komplett wohl, etwas, das mich nicht nur hochgestimmt sein läßt, sondern auch – für meine Temperamentsverhältnisse – ungewöhnlich ruhig. Es macht mir nicht mal was aus, oder nur wenig, daß in Deutschland nach wie vor so gut wie keine Rezensionen zu dem ersten Erzählband erschienen sind und daß es wahrscheinlich so bleiben wird. Ich finde es sogar nicht ganz ohne Komik. Wie ich gestern meinem Elfenbeinverleger sagte, wir trafen uns auf ein Plauderstündchen im Sigismondo: „Was soll’s schon? Die Bücher sind da, und irgendwann wird’s auch allgemein registriert sein. Jetzt mache ich mich deshalb nicht mehr verrückt“ – wobei ich der Wahrheit zu Ehren hinzufügte, daß meine, sagen wir, Abgeklärtheit nicht zuletzt mit meiner Contessa zu tun habe, die mir mit ihren Aufträgen meine ökonomischen Sorgen fast gänzlich genommen hat. Überdies wissen Sie ja, liebe Freundin, von meinen Hochzeitsreden und welche Freude es mir bereitet, mir dieses neue Berufsfeld, als zusätzliches, aufzuschließen. Ich meine, wenn dann noch die hellen Anzüge passen …

[12.15 Uhr]
Soeben ein Anruf Marius Felix Langes, mit dem ich für morgen zu einer Aufführung seiner Kinderoper „Schneewittchen“ in Leipzig verabredet war; wir wollten zusammen hinfahren. Nun ist er wegen der Urauführung eines nächsten Oper verhindert, Salzburger Festpiele dieses Jahres, und auch mir selbst ist es eng geworden, weil sich gestern Cristoforo Arco angekündigt hat. Den ich halt gerne sähe, abgesehen von der drängenden Arbeit. Nun sind wir, Lange und ich, für Salzburg verabredet; vielleicht, daß ich Evira überreden kann, mitzukommen. Denn ich muß für unser Endlektorat ohnedies in der Zeit nach Wien.

Gut, wenn ich dies gleich eingestellt haben werde, geht’s auf die Laufpiste. Danach Chapelle ff und abends ein Treffen mit einer Freundin im Pratergarten, dem das Wetter so wohlgesonnen ist wie ihr und mir.

Herzlich,
ANH

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3 Kommentare zu Chapelle fff. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 1. Juni 2019. Außerdem Opern, doch Käse und Brot noch vorher.

  1. Bruno Lampe sagt:

    ܐܳܪܳܡܳܝܳܐ das wäre, wie ich gerade kopiere aramäisch auf aramäisch (http://sfarmele.de/?eingabe=aram%C3%A4isch&deviceDesktop=&radio=sfarmele&page=main&schriftart=suryoyo)… flackerte tatsächlich sehr pfingstlich, dito по-русски (russisch, im sinne von russische sprache) ecc. en espanol… eine idee

  2. Pingback: WANDERER hat sich „gehalten“. Womit ich nicht gerechnet habe. (Wie sollte einer auch, und eine.) Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 4. Juni 2019. | Die Dschungel. Anderswelt.

  3. Pingback: Training, Dichtung, Alkohol. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. Juni 2019. Und leider auch Rauch. | Die Dschungel. Anderswelt.

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