Nichtarbeitsbemerkung. Dienstag, den 12. November 2019, nach der Rückkehr.

Lieber R. B.,

ich will, nein m u ß mich eben kurz melden, weil ich noch immer nicht abgegeben habe. Es hat mich eine harte Schwermut erfaßt, die mich zu arbeiten hindert, insgesamt. War übers Wochenende in Bolzano, was etwas Distanz brachte, aber zurück erwischt’s mich grad erneut. Deshalb bitte ich um noch etwas Geduld – eine, die ich mit mir selber haben muß, auch wenn mir sowas in gar keiner Weise entspricht. Was den dunklen Zirkel noch erschwert.

Danke.
Ihr ANH

Und an die Lektorin:

Deutschlandfunk heute mittag. Danach schreibe ich Dir davon und erzähle auch von Bozen. Aber „Aufwind“, na jà… es ist wohl mehr ein Durchhaltemodus, eine Art Klammer, die ich um mich lege und legen m u ß, um nicht durchzudrehen. Anders als bei Dir (…) wallt das Düstere sofort zurück, wenn ich in die Arbeitswohnung komme und die Luft der Fremde, also die freie Distanz wieder dahin und der Zuspruch der Freunde, die an meine Arbeit glauben, verhallt ist. Sie wissen ja genauso wenig weiter wie ich selbst, sehen die Situation und können nichts tun, als mir zu raten, mich um einen Mäzen/eine Mäzenin zu kümmern. Andere Förderungen, etwa Preise, werde ich nicht mehr bekommen, das ist nun deutlich. (…) Da ist wirklich viel Unrecht, nur daß ich es (…) immer nur schlucken kann. Bloß ist der Magen irgendwann zu voll, um n o c h mehr schlucken zu können, und er wird so schwer, daß es einen hinabzieht. Dazu dann hier allein sein. Nein, ist nicht schön. Manche vor mir wurden über solch Existieren verrückt, sogar im klinischen Sinn. Nur bin ich dazu zu klar.
(…) Vorhin noch die Nachricht, daß die Seminare für START, mittels derer ich einen Teil meiner Einkünfte erzielte, von fünf auf zwei zusammengestrichen wurden. Ein Literaturpreis würde helfen, meinetwegen auch ein Stipendium, obwohl sowas für einen bald Fünfundsechzigjährigen auch wieder peinlich, mit einem Werk wie meinem sogar erniedrigend wäre. Aber selbst sowas ist ja nicht mehr im Bereich des auch nur Möglichen. Und auch mit den Lesungen ist es nun wahrscheinlich vorbei; da läuft nur, was jetzt schon ausgemacht wurde, also nichts mehr. Ab Januar wird bereits auf die Frühjahrsprogramme geschaut. (…)
Immerhin hilft mir Musik – und Nabokov zu lesen, auch wenn’s ein Den-Kopf-in-den-Sand stecken ist. Das seh ich halt genauso klar.

A.

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Responses to Nichtarbeitsbemerkung. Dienstag, den 12. November 2019, nach der Rückkehr.

  1. Avatar PHG sagt:

    Lieber A.,
    es schmerzt mich, Sie immer wieder so zu sehen. Sie müssten sich halt so weit bringen, auf den ganzen Markt und alles was damit an verweigerter Anerkennung zusammenhängt, zu scheißen, um sich für Ihr Schreiben zu erhalten bzw. zu retten. Sie sind in der Welt, um zu schreiben. Punkt. Nichts davor, nichts danach. Sie müssen schreiben. Nichts sonst darf Sie kümmern. Um alles andere sollen sich andere kümmern.

    Geben Sie nicht auf.
    Wünscht sich, PHG

  2. Lieber PHG,
    haben Sie großen, großen Dank. Ich berappele mich grad auch wieder – wozu, auf für mich fast unerwartete Weise, ausgerechnet >>>> Nabokov seinen Teil, einen riesigen, hinzutut. Dazu trägt, sagen wir perverserweise, bei, daß er bis „Lolita“ ungefähr so unbekannt war, wie meine Arbeit es nach wie vor ist. Dabei hatte er da schon Romane geschrieben, die nunmehr in den Kanon gehören. (Eine andere Frage, freilich, ist, was außer „Lolita“ und vielleicht noch „Erinnerung, sprich“ tatsächlich eine nennenswerte, nicht nur spezialisierte Leserschaft erreicht hat; ähnlich Döblin, den man so ungerechter- wie bizarrerweise quasi nur als den Autor des Alexandersplatzromanes kennt.)

    • Avatar PHG sagt:

      Stimmt. Und jenseits von Lo-li-ta! existiert bei Nabokov noch ein ganz anderer Planet, der niemals von Normal-Lesern besiedelt werden wird.

      Ansonsten: Bleib erschütterbar & widersteh! wie ein Hamburger Lüriker mal sagte.

      Nachtgrüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.