Kein Arbeitsjournal, weiterhin. Freitag, den 1. November 2019.

Das habe ich noch nie getan: vor Trauer nichts essen, gar nichts. Heute vierter Tag. Zu arbeiten ist komplett unmöglich. Wozu auch? Es ist Ich kann tun, was immer mir möglich, da ist kein Horizont mehr. Und eben stellte ich, als ich mich des Datums versichern wollte, mit einem kleinen Schock fest, daß heute bereits Freitag ist. Bis vor einer Minute hatte ich ihn, diesen Tag, erst für morgen erwartet. Aber ich tu auch nichts anderes, als vor mich hinzustarren. Oder ich höre Musik, und immerhin: Ich kann lesen. Dann erwische ich mich erneut beim leeren Vormichhinstarren und habe keine Ahnung, wie lange es schon währte. Läuft die Musik noch? Ja. Und im Roman, bei welchem Absatz war ich gerade?
Gut, ich habe einen langen Brief geschrieben und ihn sogar hinausgeschickt. Parallel eine Rezension >>>> des wunderbaren Puglieses verfaßt, allerdings über drei Tage mühsam dahin, mir gegen die Sinnlosigkeit Halbsatz für Halbsatz erkämpfend. Daß es gelang, liegt allein an der humanen Wucht dieses Buches. So brachte ich sogar die Kraft auf, das Ergebnis Volltext anzubieten. Aber bin bislang ohne Antwort geblieben.

 

 

 

Auch administrative Arbeit nicht möglich. Ich schlucke Elontril, 150er. Ein Freund brachte die Tabletten vorbei, sofort, als er meinen Zustand mitbekam. Wir verbrachten eine dreiviertel Nacht mit fünf Flaschen Wein. Eine Wirkung des Medikamentes läßt sich allerdings nicht spüren – es sei denn, genau dies ist die Wirkung: keine innere Aufwallung mehr, keine Verzweiflungsparoxysmen, statt dessen stumpfe Stoik. „Duldungsstarre„, fällt mir ein. Und eben Stumpfsein, ja.

Was Ruhe bringt, nicht Stoik, ist, täglich eine Stunde spazieren zu gehen, einfach, wohin es die Füße zieht. Aber nur, wenn die Sonne scheint. Ich brauche so sehr Licht.

Den für >>>> nach Innsbruck geplanten Wienaufenthalt habe ich gecancelt. Er wäre für mich Gift. Imgrunde müßte ich in den Süden verschwinden oder, besser noch, in die Tropen. Aber das Geld fehlt.

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7 Responses to Kein Arbeitsjournal, weiterhin. Freitag, den 1. November 2019.

  1. Ute Stefanie Strasser sagt:

    Von dieser Trauer zu lesen ist traurig, vor allem, weil man nicht weiß, wodurch sie ausgelöst wurde !!!

  2. Mayr-Danisz sagt:

    Der Polarstern wird Dich aus der Dunkelheit führen und die trübe Tage erläuchten ja auch wieder, vorausgesetzt, Du greifts nicht sofort zu den Sternen… Bleib weilen. Uns geht es gerade nicht anders! <3 LG aus Wertheim 🙂

  3. Kaleb sagt:

    Das nennt man depressive Episode. Und es ist – aller Pharmazie zum Trotz – nicht heilbar. Aber überwindbar.

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