Verschiebungen… Das Arbeitsjournal des Montags, den 6. August 2018.

[Arbeitswohnung, 8.45 Uhr
Michael Wollny, Schubertiaden]
… m e i n t, also „Verschiebungen“ meint, daß sich meine lange Zeit fast ritualisierter Abläufe komplett umgeschichtet hat. Ob es „nur“ an den Medikamenten liegt oder eben auch daran, daß ich neuerdings auf nächtliche Hitze anders reagiere als sonst, die mich sonst gar nicht beeinträchtigen konnte, jedenfalls liege ich neuerdings nachts oft wach; bereits vor dieser für mich grandiosen Sommerhitze drückte sich das seit der OP darin aus, daß ich allnachts fast pünktlich um halb drei erwache und dann etwa eine Stunde nicht mehr in den Schlaf zurückfinden kann. Im Beipackzettel des Blutverdünners ist sowas als Nebenwirkung angegeben.
Nun kam die Hitze hinzu. Sie steht in der Arbeitswohnung, nicht das lindeste Lüftchen geht. Um eines herzulocken, lasse ich neuerdings meine Wohnungstür nachts offen, schrecke dann aber hin und wieder hoch, weil Nachbartüren gehen, auch das Hausflurlicht durch meinen kleinen Ern ins Arbeitszimmer fällt usw.
Nein, Freundin, mich sorgen tue ich nicht, daß jemand mich klauen sollte oder aus welchem Grunde sonst hier einbrechen; und wenn man mich draußen schnarchen hört, nun jà. Die Leute werden sich schon das Richtige denken: Der Mann braucht irgendwie Kühlung.
Dann aber kam vorgestern nacht eine heftige Magenattacke hinzu, über deren Ursache ich mir nicht klar bin; möglicherweise hing sie mit der Löwin zusammen, die jetzt wieder in Paris ist, und daß mir der Aufenthalt dort seit unserer Trennung … tja, ich sag mal: „verboten“ – etwas, das ich durchaus als einen Einschnitt erlebe. – Wir hatten am Nachmittag vor der Magenattacke telefoniert. Kann gut also sein, vielmehr schlecht. Dabei hatte ich selbst, bewußt, nichts gespürt, war – und bin weiterhin – komplett gelassen, nur ist es eben nicht das Bewußtsein und also auch die Haltung nicht, mit der mein Magen sich verbündet.
Helfen tut, meistens, Wärme. Jedenfalls irgendwann. Innen heißer Kamillentee mit Fenchel, außen heiße Wärmflasche. Dann warten, vielleicht drüber einschlafen. Was nun aber eben nicht ging. Und sowieso: Heiß genug war’s ja in der Wohnung. Dazu dann eine Wärmflasche.??
Also quasi wachgelegen – man krümmt sich dann dauernd um den eigenen Bauch (das kann ich schon in der Dichtung nicht leiden) -, und eben nicht nur „quasi“, sondern bis längst die Sonne draußen stand. Und daraufhin den ganzen Sonntag über im Anderthalbstundenturnus immer wieder hingelegt, jetzt mal wirklich eine Stunde geschlafen, wieder aufgewacht und aufgestanden, nach anderthalb Stunden erneut hingelegt, abermals geschlafen – – . So ging das bis frühnachmittags. Da auch erst flauten die Magenschmerzen ab. Zum Arbeiten kam ich bei alledem kein Stück.
Aber: Sollte ich laufen? Es stand auf dem Programm.
Hin- und hergewartet, ich wollte auch auf keinen Fall im Heißen joggen.
Um fünf brach ich auf. Es war angenehm windig. Die zwölf Kilometer liefen sich bei 26 Grad C. geradezu leicht.
Wenigstens etwas geschafft! So ging der Tag nicht völlig leer dahin.
Nur daß ich heute nacht abermals um halb drei wach war und abermals nicht wieder einschlafen konnte.
Jetzt hatte ich die Faxen dicke. Na gut, die Hitze ist dein Element, Herbst, dann verhalte dich danach. – Hatte nicht HC gestern nacht die neuesten Fahnen des Ungeheuers Muse geschickt und geschrieben, Elviras Korrekturen bereits eingearbeitet zu haben, ich möge bitte kontrollieren? Und hatte nicht sie selbst, kurz bevor sie ins Wasser sprang, um sich kühlzuschwimmen, mir eine SMS geschickt, ob ihre Sendung angekommen sei und ich sie schon angesehen hätte?
Ich bin Tagarbeiter, auch dies hängt mit Licht und Wärme zusammen. Aber nun, Verschiebungen, wollte die Wärme es anders. Also Lampen an und frisches Wasser ins Glas, Eiswürfel dazu, das Zenbook hochfahren, auch das Netbückerl hochfahren. Und auf dieses Elviras letzte Pdf, auf jenes HCs. – Aber was’s das??! — Kein Internet.
Mist.
Zum Router geschaut. Tatsächlich. WLan geht, Netz nicht.
In solchen Fällen hat es sich immer wieder als geradezu segensreich herausgestellt, daß ich die Anbieter von Festnetz und Mobilnetz trenne und einen kleinen Speedport habe, der den mobilen Netzempfang in WLan-Daten umwandelt.
So konnte ich tatsächlich arbeiten und tat es anderthalb Stunden. Um kurz nach vier war ich fertig und schickte die neue Fassung hinaus. Dann knipste ich sämtliche Glühbirnen aus, legte  mich wieder hin und —— schlief. Keine Spur von Bauchattacke, keine Spur von Unrast. Komplett zufrieden. Sogar ein leichtes Winden ging.
Seit kurz nach sieben bin ich wieder wach. Und weiterhin zufrieden.

>>>> Bestellen
(Eine Rezension dieser sehr schön erzählten CD wird folgen.)

Guten Morgen, liebste Freundin:

 

 

 

 

 

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10 Kommentare zu Verschiebungen… Das Arbeitsjournal des Montags, den 6. August 2018.

  1. Die Magenprobleme sollten Sie untersuchen lassen (Magenspiegelung), wenn man zu lange wartet, kann es schnell zu spät sein.

    Ansonsten rate ich dringend, wieder etwas zu schreiben, ohne dabei die dämliche Frage nach dem „Wozu“ zu stellen. Schriftsteller schreiben, weil sie Schriftsteller sind. Ein anderes Wozu gibt es nicht. Man schreibt nicht, weil man Kohle machen will oder hofft, als Genie erkannt zu werden. Damit beleidigt man die Göttin. Und wenn man das tut, so verlässt sie einen. Aber das scheinen Männer nicht zu begreifen. Nicht mal, wenn sie schon allein sind.

    Also schreiben Sie, möglicherweise verschwinden dann auch die Magenprobleme, so sie psychisch verursacht waren.

  2. @κανένας:
    Die Magenprobleme sind zigfach untersucht, stets ohne physischen Befund, begleiten mich seit meiner Kindheit. Ich habe schon oft drüber geschrieben, zuletzt >>>> dort. Und Sie lesen nicht genau. Warum lesen Menschen, sogar Frauen, nicht genau? Ich schrieb doch, die Magenattacken seien vorüber – auch wenn ich zur Zeit eben nicht schreibe. (Übrigens dürfen sich diesbezüglich gerne wiedermelden, wenn Sie alles, was ich veröffentlicht habe, gelesen haben; vorher fehlt jeder Ihrer Ermahnungen das Recht.)

    Indessen noch zur „Göttin“:
    Ob „Männer“ „das“ nicht zu begreifen scheinen, kommt seltsam altklug daher. Vielleicht ist es ihnen, den Männern, einfach wurscht – oder erleichtert sie am Ende sogar -, wenn sie die Göttin verläßt. — Dieser Gedanke ist Ihnen ganz sicher noch niemals gekommen, gell? Es hat seinen Grund, daß mein demnächst erscheinender Gedichtband vom Ungeheuer Muse spricht:

  3. elfi yathe sagt:

    Jetzt bin ich nicht ganz sicher: Bisher hatte ich Sie für einen Frauenfreund gehalten und Sie deshalb geschätzt. Nun klingt es gar nicht mehr so. Vielleicht sind Frauen ja in Wahrheit Ihr Problem? Und war da nicht auch was mit der Mutter?

    Wie schade!

    PS: Und wenn Magenprobleme gerade seit einem Tag vorüber sind, dann sagt das gar nichts.

  4. Geschätzte Elfi,
    ein „Frauenfreund“ zu sein, bedeutet ja nun nicht, jede Frau zu mögen. Es gibt auch in den Reihen des weiblichen Geschlechtes miese Charaktere – ob sie nun schuld dran sind oder nicht. Hier gilt dasselbe wie bei Männern.

    Zu Ihrem PS: Das ist richtig, sagt aber ebenfalls nichts, nicht einmal darüber, ob es gesicherte – also eindeutige – Ursachen gibt. Gesichert scheint mir hingegen zu sein, daß meine Magenattacken ein Verarbeitungsmodus sind – nur halt kein sehr hilfreicher. Ich schrieb andernorts, sie begännen immer dann, wenn ich eine Situation akzeptieren muß, die ich akzeptieren nicht will. Insofern sind sie, scheint mir, ein Ausdruck von agierender Hilflosigkeit.
    Umso interessanter, daß, wenn ich von ihnen schreibe, dies in anderen Menschen, in diesem Fall Frauen, Aggressionen auslöst. Haben Sie eine Idee, weshalb das so ist?

  5. elfi sagt:

    Es wirkt so aggressiv. Das ist vielleicht der Grund. Also, im Umgang mit Ihrem eigenen Körper, meine ich. Sie wirken einerseits hilflos. Das zieht durchaus an. Dann aber kommt an so vielen Punkten die Aggression raus. Da ärgert man sich dann über Sie. Vielleicht merken Sie das gar nicht. Allein schon, wie Sie hier im Verlauf des Chats über die Stufen Göttin, Muse als Ungeheuer, Frauenfreund zum angeblichen „miesen Charakter“ des weiblichen Geschlechts gelangen, das führt dazu, dass man denkt, der versteht aber auch gar nichts, soll er doch ….

    Naja, eigentlich ‚Non gratum anus rodentum‘.

  6. @elfi:
    Interessant. Anziehend ist also, hilflos zu sein und es zu bleiben? Wer sich gegen Hilflosigkeit anstemmt, wirkt dagegen aggressiv, und das ärgert die Leser:in(nen): Es ärgert sie, daß er die Hilflosigkeit nicht hinnimmt.
    Pardon, was ist das für ein defätistisches Menschenbild?
    Ich habe auch nirgendwo geschrieben, das weibliche Geschlecht habe einen miesen Charakter, sondern daß es auch unter Frauen miese Charaktere gebe. Das möchten Sie ernstlich bestreiten? Von „der Göttin“ indes sprach nicht ich zuerst, sondern >>>> κανένας (im Griechischen „Nichts“, bzw. „Niemand“; welch bezeichnendes Anonym!) hielt sie mir vor, woraufhin ich sie dann von mir abstreifte.

    Aber in der Tat bin ich nicht bereit und werde es hoffentlich auch niemals sein, mich in Hilflosigkeit zu ergeben. Ich werde immer kämpfen. Wenn andere Menschen das ärgert, werden sie damit leben müssen.

    (Und was im Umgang mit meinem Körper wirkt auf Sie aggressiv? Ja, was meinen Sie, weshalb ich mit 63 so gute biologische Werte habe? Mein metabolisches Alter wurde vor knapp einer Woche mit 51 gemessen – trotz meiner jahrzehntelangen schweren Raucherei. Das ist schlichtweg ein Ergebnis harten Trainings – aber dieses ist geradezu ein Ausdruck meiner Achtung vor und Liebe zu meinem Körper, nicht etwa aggressiven Verhaltens ihm gegenüber. Dieses vielmehr wäre – seine Vernachlässigung. – Der Vorteil am Sport ist, daß wir hier tatsächlich selbst bestimmen können, was wir erreichen; er ist eine fantastische Disziplin der Selbstermächtigung, wo andere sich unserer fremdzuermächtigen versuchen. Hier zeigen wir selbst, was wir leisten, und sind nicht drauf angewiesen, daß es Mächtigere tun – was in aller Regel nur dann geschieht, wenn sie einen Vorteil davon haben.)

    • elfi sagt:

      Ach so, Sie haben so „tolle Werte“, na dann. Mein Eindruck war, dass Sie sich ständig über Ihren körperlichen Zustand beklagen, Medikamente schlucken usw. Dann hab ich mich wohl geirrt.

      Ihr Dschungel scheint ein Organ der Selbstermächtigung zu sein.

  7. phyllis sagt:

    …. Und was könnte daran falsch sein, ein Organ der Selbstermächtigung auszubilden? Ich hab‘ auch eines… und an guten Tagen sogar zwei bis drei.

  8. Stromberg sagt:

    Das mit der Verantwortung für den eigenen Körper wird leider allzu oft unterschätzt und fahrlässig gehandhabt. Erst wenn das Körper-Raumschiff einen Defekt erleidet, den Raum nicht mehr geschmeidig durchmessen kann, dann befinden wir uns in einem Körper-Gefängnis. Ihnen alles Gute!

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