Laufende, joggende Tage. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 14. Februar 2019. Darinnen Das Leben als Roman (ff): Wider historische Erbschuld. Wozu ein Amselhahn singt.

[Arbeitswohnung, 8.17 Uhr
Maderna, Dimension III]
Bereits 1/2 Februar durch, kaum zu fassen. Auch dies ein Wortsinn. Das Buch, Band I, ist nun in Druck, das schnelle Hin & Her zwischen Lektorin, Verleger und mir, am Ende voller „letzter Drücker“, hat aufgehört; hinzugekommen ist eines, aber weniger ständig, zwischen der neuen, jugendlich engagierten Pressedame, Evelyn Bubich, und mir, mit der ich nicht sofort ins Du fallen mochte – „fällt“ man denn da? Bei meiner Contessa ist das Du Geschäftston, die mich übrigens immer mehr einbindet. Drei Buchprojekte haben wir unterdessen, dessen eines, das bislang letzte, bereits unter Vertrag ist und bis Mitte April beim Verlag abgegeben werden muß. Hinzu kommt, daß ich auch in ihre anderen Projekte mehr und mehr mit einbezogen werde. Mensch-ANH!, dachte ich vorgestern (auch, weil ich einer bin) oder noch den Tag davor, jetzt mußtest Du Dich, um ab nächstem Jahr Zahlungen zu bekommen, an die Rentenverwer-faßt-das?sicherungMeinSohnspottetständig wenden, da gehst Du auf einen neuen B e r u f zu, Zweitberuf nicht nur der Auftritte halber als Redner, nein, eingebunden auch in logistisch durchaus verzwicktes, bisweilen zumal europaweites Organisieren, das Dir „auszuruhen“ wahrlich nicht erlaubt! Ich muß mein bißchen Italienisch schmieren, sollte eigentlich auch meine Tanzkenntnisse auffrischen. Denn es geht aufs Parkett. Hier kann selbst „der Aristokrat“ nun nicht schaden; vielleicht kommt der kleine Julian v. Kalckreuth somit zum Recht – einem des Kindes, das sich nicht länger versteckt. (Verstecken muß, muß das heißen). Die, sagen wir, Erbschuld ist wenn nicht abgetragen, so doch ein Werk dagegengestemmt, ihr den Zugriff auf meinen Sohn zu verweigern.
Solche Gedanken steigen immer wieder mal auf, indes ich zur Zeit komplett von Bruno Maderna gefangen bin, einmal wieder. Musik kommt in Wellen. „Zwischendurch“ eine neue CD von ACT, die mir „for promotion only“ ins Haus, also den Briefkasten fiel und mich schon beim ersten Hören … nein, „fesselte“ ist falsch, aber mich band, erregte; ich wußte nach dem ersten Stück, daß ich sie besprechen wolle. Und würde. Ich tat es. – Bereits abgegeben, die Bezüge, auch Bedenken, durchwogten mich brodelnd. Ich schrieb am Stück, ließ liegen über Nacht, korrigierte nochmal, hörte zwei weitere Male, bestätigte mich: „Liege ich richtig?“ Und selbstverständlich die Frage, die jede Kritikerin, jeder Kritiker sich zu stellen haben, wenn sie öffentlich werden: Begehe ich Unrecht?
Übrigens, als Aristokrat sollte ich dazu übergehen, mich selber zu siezen. Mit meiner Herkunft auf Sie, mit der Dichtung auf Du, dies mag angehn. Wobei ich mich ja auch mit Deters, Arndt und Daniello sieze, das hält die Balance. (Ich habe mich auch mit der Bongartz gesiezt, auch lange Zeit mit der Löwin. Es wäre einmal über die solch einem Sie eingeschriebene Lockung zu schreiben. In einem pornografischen Text, den ich für den zweiten Erzählband, WÖLFINNEN, vorgesehen habe, bestimmt es die Climax der Fantasie. Ausgerechnet in einem Pornokino als Handlungsort. Na gut, „Handlung“ … Wobei die Lektorin ihn, den Text, sowieso erstmal „zulassen“ muß. Auch in mir selbst spricht etwas dagegen, ihn in das Buch aufzunehmen. Aber nur ein bißchen: eine Überlegung der „Klugheit“. – Geschrieben habe ich das Ding vor bald zwei Jahrzehnten für Claudia Gerkes „Mein heimliches Auge„: seinerzeit „linkserlaubte“ Pornografie.)

[Maderna, „Ausstrahlung“ für Mezzosopran,
Flöte, Oboe und Orchester (1971)]

Sich selber siezen aber auch, weil ich mir, seh ich zurück, ganz objektiv ein Fastfremder bin: Tat ich dieses, jenes „wirklich“? Wie so oft in den letzten Monaten während der Überarbeitungen, während des Lektorates: Das habe ich geschrieben?? Kann nicht sein! Aber wer schrieb es d a n n? – Oh, seltsame Momente! – und je weniger sie „selten“ sind.
„Das Leben als einen Roman betrachten“ hieß eine immer aufs nächste fortgeführte Serie dieses Literarischen Weblogs und hat unterdessen längst Einzug in den Unis und in „fremde“, anderer, Bücher gehalten. Jetzt gucke ich auf vierundsechzig Jahre in einen Roman wie zurück, und sein „Held“ wird zur Figur. Der Blick ist ohne Sentimentalität, muß ich sagen, eher erstaunt, bisweilen, ecco, befremdet. Zumal jetzt – mit dieser, läßt sich’s so sagen?, Wende. Erste Knospen an den Ästchen draußen, ich kann es von meinen Fenstern aus sehen, schaue ich in den zweiten Hinterhof hinab. Morgens melden sich bereits die Vögel.
Was mich aufs Vögeln bringt, über das ich auch immer wieder nachdenke, ebenfalls mit dieser mir eigentlich gar nicht eigenen Distanz. Über die Ruhe, die jenetwegen über mich gekommen ist. Ist es ein Betrachtungsmodus? Insofern war es recht spannend, den Pornotext zu überarbeiten. Plötzlich siehst du Strukturen und wo sie begannen, Strahlen insofern, Strecke noch nicht. Nein, Herr Lanmeister, Strecke noch nicht.

Erste Lesungen für das neue Buch. Schauen Sie, Freundin, in die Spalte rechts, ein bißchen nach unten müssen Sie scrollen. Aber weiterhin keinerlei Besprechungen der Gedichte. Als gäbe es sie nicht. Ich gebe zu, das wurmt. Immerhin gehen die Übersetzungen zur Béart voran, wenn auch nicht allzu rapid. Und manchmal steigt der Gedanke an den Roman über Friedrich neu auf. Von Friedrich? An ein politisch-europäisches Buch in der Ästhetik der Andersweltbücher. Wobei „Europa“ den ganzen Mittelmeerraum mit einschließt, Nahost und die nordafrikanische Küste, sagen wir: Karthago. Auf Sizilien, Segesta, steht noch ein Tempel von dort. Selbst zum Schwarzmeer müßte ich schauen, Drachenzähne im Acker, Drachenwagen fahren gen Himmel wie auf Buraq der Prophet des Islams. Wo nichts als kalte Leere ist, also im Weltall. Idiotische Idee, den Himmel ausgerechnet dahin zu legen, ins Lebensfeindlichste überhaupt. Und doch welch triumphierender Trick! welch eine Umwertung der Realität, welche Aufladung! Wie menschengemäß erfunden und gestaltet durch die Jahrhunderte, nie nachlassend, selbst die Gegner drauf bezogen! Melodien, Melodien. Bewußt, also schöpfend, gesetzte Intervalle, Akkorde, sagen wir: alleine ein Dreiklang. – David Ramirer, der strenge Bachist, hat Pettersson entdeckt. „WAS für eine Musik!“ schreibt er mir.
Es ist ein gutes Gefühl, wenn meine Texte etwas bewirken, und sei es nur, daß etwas vor dem Vergessenwerden bewahrt wird, auch wenn wir noch nicht wissen, ob Tulpe draus oder Buche, ob vielleicht nur ein schnell wieder niedergetretenes Gras wächst oder ganz eine Dschungel herauswuchern wird. „Dein Aug steht der Mandel entgegen.“ Da steht es und steht.

Wovon, Freundin, Ihnen schreiben? Auch von den neuerdings wieder dauerkribbelnden Füßen? und daß sie manchmal anschwellen, unangenehm, vor allem mit meiner o p t i s c h e n Körperästhetik komplett unvereinbar, aber ich rauche auch wieder Cigarillos, idiotische Sucht, daß ich tatsächlich die mir seit drei Monaten verschriebenen Kompressionsstrümpfe besorgt habe, auch aus Furcht, ja Furcht, und dafür das alte Rezept zerreißen lassen und mir ein neues besorgen mußte, und aber siehe: sie helfen. Echt peinlich. Dennoch, fast kein Kribbeln mehr. „Es ist im System“, sagte die Ärztin. Manche Sätze gleichen Brandings, sind es. Man hört sie zischen, diese Sätze; es ist der Moment, da sich das glühende Eisen ins Fleisch des älter gewordenen Lebensjahrs brennt. – Aber nur, sage ich mir, bis ich wieder zu laufen beginne. Stets mit dem Herbst erlahmt mir die Sportdisziplin; ahne ich Frühjahr, reibt sie den Schlaf aus den Augen. (Ein Blick hinaus: grau, ja, wieder mal grau. Aber es liegt da etwas in der Luft. Schon, wie die Spatzen quasseln. In Berlin, immerhin, stehen Sie noch nicht auf der Liste der gefährdeten Arten. Und daß ein Amselhahn flötet. „Amselhahn“ – anwendbar das feine Wort „Cock“, blackbird cock, blackbird’s cock ? — auch: „blackbird tap“, wobei letztres auch „Zapfhahn“ bedeutet, ausgerechnet. Geben Sie zu, darin liegt einige Komik. – Das Wort jedenfalls, den Amselhahn, habe ich zum ersten Mal bei Daniela Danz gelesen, mit der ich in zwei Wochen nach ziemlich langem Nichtsehn wieder zusammentreffen werde. Sogar zusammen l e s e n werden wir da, zusammenlesen, u n s.)

Übermorgen geht es mit den Lebenserinnerungen der alten Dame weiter, drittes „Interview“ in Hamburg, aus der Tonaufnahme in der Woche darauf zu übertragen und in erste weitere Form zu bringen, indessen ich heute mit dem Familienbuch der Contessa weitermachen werde, das ich bis Mai zum Abschluß gebracht haben will und muß. Dazwischen liegen die ersten Reisen dieses Jahres, zu Ostern für eine Woche nach Wien, dann einmal immerhin nach Italien, an den Lago di Garda für die und mit der Contessa; dazwischen werden die Buchmesse Leipzig und erste Lesungen aus WANDERER liegen, wohl auch die ersten Kritiken zum Buch erscheinen. Nach Karlsruhe und Heidelberg wird mich, zum Segen des Bandes, die Lektorin begleiten. Um den Monatswechsel wird er da sein. Vorbestellen Sie ihn einfach schon.

Großes Glück, immer. Wenn mein Sohn zum Essen kommt.

Männergespräche, Sohn mit Vater, Vater mit Sohn.
Unfaßbar, eigentlich.
Einen erwachsenen Sohn haben.
Unglaublich. Ein rasendes Wunder, feuerndes Wunder.
Daß jemand übernimmt, irgendwie. Anders, „natürlich“ völlig anders. Aber doch.

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Und sonst, fragen Sie? Frauen? – Nun jà, ich sage dazu nichts. Nur daß mein Schweigen lächelt.

Ihr unholdsferner ANH

[Maderna, „Aura“ für Ochester (1972)]

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Ach so – (Nachtrag 15.2.:) hat sich, siehe >>>> dort, erledigt:

Von einer Frau Sabrina Tschernitz erreichte mich gestern bei Facebook folgendes:

pozdravljeni, Delam v mednarodno organizacijo, ki zagotavlja posojila denarja za vse resne ljudi. ali potrebujete posojilo?

DeepL übersetzt es so:

Grüße, Ich befinde mich inmitten einer internationalen Organisation, die es ermöglicht hat, Sie wegen Ihrer Ressentiments gegen das Judentum zu verurteilen. Wie könnte man es essen?

Soviel zum „Ribbentrop“ auch hier. Wobei das „essen“ einen perfiden Witz hat. Doch brachte nicht mal der mich in Harnisch. Gelassen schrieb ich über DeepL zurück:

Przepraszam, nie mówię po polsku. Jest to tłumaczone przez DeepL. – Co sprawia, że myślisz, że mam pretensje do innych religii? Dowiedz się kim jestem. Moje książki są dobrze znane. A potem przepraszam. ANH

nämlich auf Deutsch:

Es tut mir leid, ich spreche kein Polnisch. Dies wird von DeepL übersetzt. – Was lässt Sie denken, dass ich Vorurteile gegen andere Religionen habe? Machen Sie sich kundig, wer ich bin. Meine Bücher sind bekannt. Und dann entschuldigen Sie sich.

Keine Antwort daraufhin. Wozu ich nicht mal denke, quod erat demonstrandum.

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7 Responses to Laufende, joggende Tage. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 14. Februar 2019. Darinnen Das Leben als Roman (ff): Wider historische Erbschuld. Wozu ein Amselhahn singt.

  1. „ob tulpe oder buche“ – kann ich noch nicht sagen, aber ein samenkorn ist es mit festempfundener sicherheit… und die musik von pettersson wächst ja beim hören von sekunde zu sekunde in derart viele richtungen (oft gleichzeitig), dass ich diese organische qualität sicher noch oft erleben möchte & werde.
    es sei ihnen dank auch hierorts dafür, dass sie ihn immer wieder mit ihren ohren erwecken; ich mache das nun auch.

    viele grüße aus wien!

  2. Avatar Bruno Lampe sagt:

    Nur, daß es nicht polnisch ist, sondern Slowenisch (klang sowieso eher nach Jugoslawien) laut google translator, und da ergibt sich: Hallo, ich arbeite in einer internationalen Organisation, die Kredite für alle ernsthaften Menschen bereitstellt. Benötigen Sie einen Kredit?

  3. Ach du Scheiße, lacht. D i e Nummer wieder. Da wird, schätze ich, ordentlich Blutgeld zu waschen versucht.

    („Polnisch“ gab DeepLs Spracherkennungsprogramm an.)

    • Avatar Bruno Lampe sagt:

      deepL hat nur wenige Sprachen, die einzige slawische ist Polnisch, außerdem sitzt Frau Sabrina, laut Facebook, in Maribor… na, wenn das nicht Slowenien ist, freß ich einen Besen. Per il resto: who knows.

      • Indessen hat DeepL auch ein Spracherkennungsprogramm, das sich anklicken läßt. So kam ich auf Polnisch. Wobei Slowenien doch sehr für die Blutgeldthese spricht: dafür also, daß FB genutzt zu werden versucht, Geld zu „waschen“.
        Wie auch immer, ich habe mein „P.S.“ jetzt >>>> gestrichen, allerdings sichtbar.

  4. Pingback: Der katastrophische Groove: Bartolomey/Bittmanns Dynamo. Bei Faustkultur von Alban Nikolai Herbst. | Die Dschungel. Anderswelt.

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