気 und Lancôme oder Die Aufladung. Bamberger Elegien (108). Aus der zweiten Elegie in der Vierten Fassung (3).

(…)
Wie aus der wolkenzerrissenen Bamberger Nacht nun die Sonne,
Anahit, meine Geliebte, heraufsteigt. Doch drehn wir uns drunter.
Alle die schlummernden Dächer und Wipfel, die über dem Hainpark
rotgelb erwachen. Das geozentrische Weltbild, darum
wir uns drehn, Junge, die Astronomie, ja, die Physik.
Innere Astronomie aber auch, die vom Menschen gemachte,
magisch, dem Menschen beschworen, besungene Inkarnationen
spiritueller Enthobenheit, g i l t: S i e ist das Nahe,
nicht die Mechanik. – Ein Lyriker, abends, als wir das rote
Bergglühen Innsbrucks bestaunten, er zuckte die Achseln und sah nichts:
„Ist nur Natur. Das beeindruckt mich nicht.“ Er begriff nicht, daß Himmel
innere sind – denn Auf|ladung ist das Geheimnis, aus dem

die Verklärung ihr Brot backt
das Format des Gefreiten
der einem Befehl nicht gehorcht
und sich erschießen läßt
Standrecht und Stolz

seiner eigenen Sterne
hinter der Stirne
in die ihn ein einziger Blick
dem Analyse nicht zukam
hineinhielt zur Exekution

Die Polin wandte sich um
als man den Leichnam
fort
schuf die tief
aus Liebe Undankbare –

tat ein Mädchen, Lilly,
Vater, tat später
Lilien
auf das Feld des
unbekannten Soldaten

Täten wie der tat die Nüchternen auch? und verrechnen
nicht erst zuvor Sinn mit Erfolg, projektiertem, und rechnen
instrumental Relevanzen voraus? Was nimmt denn das Licht
fiebernder Lockung vom Meer ab? und wer hört die Teiche erglühn
moorhaft im zaubrischen Grün, wessen Antlitz ergibt sich dem gerne?
Wer noch? Sie schneiden doch alle nach 気 mit Skalpellen, anstelle
daß sie aus Bäumen Basiliken bögen. Wem bläst denn noch Pan
unter dem Dach solcher Kapellen die Syrinx? wie Segel
blähten die Äste ihr gotisches Blattwerk um Himmelfahrt spitz,
Erdwinden fügig, dem Elysium letzter verheißender Inseln,
blitzender, z u: ferne von Zukunft erzählender Sterne,
so schon vergangen, so v o r aller Zeit in die blankenden Achsel-
höhlen die Arme zum Richten des Haars hebender Ištars
(Ištaratu) gestreut wie Lancômes funkelndstes Makeup zur Nacht,
glitzender Puder an Holderneck-Strings, Schatten betonend,
Eyeshadow’s Duft, wenn ein Gesicht sich hinabbeugt, uns Mondstaub
unter die Herzen zu flüstern: die hastigen Küsse verkühlten
unter den Haupt|sätzen der Thermodynamik; wie Hagel,
apokalyptischer, schlug sie uns leck. Ištar erstarrte.
O wie es wahr | wurde, daß Götter nie sind und nicht waren!
Jobsuche ist und ist Rente, ist Präservativ und Retorte,
Regen ist Niederschlagsmenge, und Planwirtschaft ist und Kalkül,
ist demokratische Vorsorgewaltung, Verwaltung, Gewerkschaft,
Straßenverkehrs- und Steuerrecht sind, ist Erstehungsgebühr,
bruttosoziale Entladungen, laufend, Entschleierung, Häutung,
aber die Aufladung b l e i b t das Geheimnis –

(…)

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2 Responses to 気 und Lancôme oder Die Aufladung. Bamberger Elegien (108). Aus der zweiten Elegie in der Vierten Fassung (3).

  1. Avatar wolfskappe sagt:

    „Vorsorgewaltung“ ist ein wundervolles Wort.

  2. Pingback: Laufende, joggende Tage. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 14. Februar 2019. Darinnen Das Leben als Roman (ff): Wider historische Erbschuld. Wozu ein Amselhahn singt. | Die Dschungel. Anderswelt.

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