Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 15. Mai 2019, nämlich Stella Goldschlag I. Mit einer kleinen privaten Erklärung.

[Arbeitswohnung, 5.15 Uhr
Durch den späten Lauf nach den, wie ich merkte, doch einigermaßen heftigen Gardatagen (weniger die Arbeit selbst, die sie füllte, diese eigentlich gar nicht, sondern das viele Essen, der viele Wein jeweils am Abend) erschöpft, aber auch meiner derzeitigen Lektüre wegen, die mir ziemlich nahe geht, bereits um 22 Uhr zu Bett gegangen und tatsächlich sofort eingeschlafen, kam ich um fünf bereits hoch – was ihrer, der Lektüre, halber auch nötig ist; Lektüren muß es heißen.
Ein kurzfristig hereingekommener, noch v o r Garda, Auftrag des WDRs. Im weiteren Sinn geht es um Würgers Roman, wogegen ich erst leicht protestierte: „Aber dann machen Sie doch auch wieder Werbung für das Buch!“ – Nein, sondern es gehe um eine poetologische Stellungnahme prinzipiell. Was mich dann tatsächlich reizte, auch wenn ich weiß, damit einmal erneut, so schrieb ich’s gestern meiner Lektorin, in ein Haifischbecken zu springen. Zum Vergleich diene mir Wydens bereits 1999 bei Steidl herausgekommene Recherche. So daß ich eben, bevor ich meinen Ansatz finde, beide Bücher lesen und mich erneut mit etwas beschäftigen muß, das lebenslang nicht nur meine Literatur, sondern auch meine Haltungen – persönliche wie ästhetische – herkunftshalber bestimmt hat und offenbar weiterbestimmt. Meine oft harsch wirkenden Positionen, gerade auch gegenüber „dem“ Pop, haben genau hiermit zu tun, nämlich mit der Abwehr massenpsychologisch wirkender Strukturen, ebenso meine Ablehnung des Massensports usw., also etwas, das mir „gerne“ als elitär nachgesagt wird, oder vorgesagt und behauptet. Wyden bestärkt sie jetzt wieder, obwohl ich mit zunehmendem Alter „weicher“ geworden, zumindest versucht habe und versuche, es zu werden. Und die Hunderte Emigrationsgeschichten, von denen er erzählt, die Weigerung, die Fliehenden oder um Flucht bemühten Menschen aufzunehmen, auch und gerade der seinerzeitigen (und wieder jetzigen) USA machen mich ebenso wütend, wie es mich erschüttert, „Begründungen“ zu lesen, die in unseren eigenen Tagen auch und gerade in Europa neu zu hören sind. Etwa schon auf der Seite 82:

Nach seiner – Außenminister Samuel Breckenridge Longs – Ansicht war die Einladung eine Einladung zu weiterem Chaos: „Sie wäre die perfekte Bresche, durch die Deutschland die Vereinigten Staaten mit Agenten vollstopfen könnte.“
Wyden, Stella

Wir müssen nur „Deutschland“ durch den IS und „Agenten“ durch „Terroristen“ ersetzen und haben den Ton unserer in diesem Fall europäischen Tage.
Daneben das Geschäft, das mit den in Todesangst lebenden Menschen getrieben wurde (und ebenfalls weiterhin wird), die Aussonderung nach bedeutenden und unbedeutenden Menschen und die schwere Schuld, die sämtliche Beteiligten, gerade auch die Alliierten auf sich geladen haben, nachdem sie spätestens seit 1942 von der so mörderischen wie zugleich industriehaften Vernichtung der europäischen Juden und sämtlicher Widerständigen wußten bis hin zur Weigerung des US-amerikanischen stellvertretenden Kriegsministers John J. McCloy, die Bahnlinien nach Auschwitz zu bombardieren. „Die Flugzeuge werden anderswo gebraucht.“

Und wozu Menschen fähig sind, vormals gute, scheinbar gute Deutsche, die ihre Nachbarn dann fortgetrieben sehen, oft gepeitscht, niedergeschlagen, teils am Wegesrand ertränkt, einerlei, ob Alte oder Kinder. Daß dergleichen auch in unserer Gegenwart geschieht, weiter geschieht, hat spätestens der gegenseitige Völkermord auf dem Balkan gezeigt.
Die häßlichgeile Lust am Unglück der anderen.
Wenn wir die Strukturen weiterbedienen, die solches ermöglicht haben, bedienen wir das Unheil weiter, füttern es mit eigener Hand. Dieses eben nicht zu tun, war und ist das politische Credo meiner Arbeit.Und wir bedienen, daß Menschen in der hohen Not selbst zu Ungeheuern werden.

Das geht in mir um. Am Dienstag werde ich meinen Text abgeben und ihn am Mittwoch im Studio einsprechen müssen.

Nicht „nur“ das geht in mir um, sondern auch Privates, seit einiger Zeit schon. Es ist dieses, was mich nun schon lange – von Jahren kann ich beinah sprechen – davon abhält, meine Arbeitsjournale weiterhin so intensiv und wahrhaftig-offen zu gestalten, wie ich es früher getan habe. Es geht um, sagen wir, Herzensdinge, die mich aber auch von poetischer Arbeit abhalten, weil sie drängen und heraus und nicht „sublimiert“ werden wollen, heraus eben auch müßten, um mir die für meine Arbeit nötige Luft zu geben. Aber ich würde, ließe ich dem Lauf, mir nahe Menschen verletzen, in ihren Gefühlen verletzen und vielleicht sogar ihre Lebensumstände beschädigen, die sie sich gewählt. Ich bin in dieser Hinsicht vorsichtig geworden. Und also schweige ich und mach meine inneren Katastrophen, oder, Freundin, Kataströphchen, mit mir im stillen ab. Nur eben, daß mich das lähmt.
Indessen hab ich nun entdeckt, in WordPress – anders als früher bei Twoday – auch private Tagebücher führen zu können, auf die nur Zugriff hat, wer über das entsprechende Paßwort verfügt. Diese Möglichkeit will ich fortan nutzen, dort weiterschreiben so klar und offen, wie Sie, liebte Freundin, es von mir einst gewohnt gewesen sind. Dann werden eines Tages meine Nachlaßverwalter das Paßwort erfahren und entscheiden können, was mit diesen Texten geschehe: ob sie endgültig gelöscht oder ob für eine Zeit archiviert werden sollen, zu der alle Beteiligten ihrerseits verstorben, so daß bei Veröffentlichung niemand mehr belastet wird. Richard Ellmann hat es bekanntlich mit Joyces „Giacomo Joyce“ so getan. Und ich selbst kann mir das Ventil verschaffen, das mein Innendruck braucht. Denn das Problem bleibt bestehen und wird fortwirken; es ist nur halbwahr, oder viertels, daß die Zeit die Wunden alle heile. Sie macht sie allenfalls irgendwann erträglich.

Ihr ANH

P.S.: Abgesehen von Thomas Hummitzschs im TIP nicht eine einzige Besprechung der „Wanderer“ in Deutschland, so wenig wie für „Das Ungeheuer Muse“ . Das ANH-Verschweigen hält an. Meine Gedichte insgesamt sind, nach sechs Lyrikbänden, bei Lyrikline nicht einmal auch nur erwähnt. So wird es denn wohl bleiben. – Allerdings hat kürzlich Ralf Schnell einen wunderbaren Vortrag zur „Aeolia“ an der Uni Trier gehalten. Der Literaturbetrieb ignoriert selbstverständlich auch das – und nicht, weil er nicht drum wüßte. „Wissen“ tun sie alle, die in ihm umgehn, genau.

P.P.S.: Mit zunehmendem Alter verliert „das Gefühl“ die Radikalität; es bleibt absolut, aber richtet sich ein. Wollen hingegen tut es nach wie vor – soweit ein Wille „tun“ denn k a n n.

P.P.P.S: Daß es um Strukturen geht, auch und gerade künstlerisch, hat von allen Denken am schärfsten Adorno gedacht. Wie sehr ich mich von ihm auch gelöst habe, dies bleibt mir als ständige Mahnung.

*

15.15 Uhr:
Das heutige Trainingsprotokoll erzählt am Ende eine, nun jà, nicht ganz lustige Geschichte.

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5 Responses to Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 15. Mai 2019, nämlich Stella Goldschlag I. Mit einer kleinen privaten Erklärung.

  1. xo sagt:

    „Aber ich würde, ließe ich dem Lauf, mir nahe Menschen verletzen, in ihren Gefühlen verletzen und vielleicht sogar ihre Lebensumstände beschädigen, die sie sich gewählt. Ich bin in dieser Hinsicht vorsichtig geworden. Und also schweige ich und mach meine inneren Katastrophen, oder, Freundin, Kataströphchen, mit mir im stillen ab. Nur eben, daß mich das lähmt.“ es verbirgt sich auch noch eine andere perspektive in der beschreibung: es lähmt nicht nur dich, sondern, sie manipulieren dich, sie greifen eigentlich in deine art zu sein ein und das ganz bewusst, nur dann fühlen sie sich mächtig. sie begründen es immer mit ihren verletzungen, aber du machst kaum kenntlich, wen du wirklich meinst hier, du bist autor, du darfst alles sagen. ich löse mich von solchen strippenzieher*innen hinter den kulissen inzwischen, weil ich die manipulation spüre und ich auf sie gut verzichten kann. sie merken ja selbst, wie unwichtig sie sind, sonst träten sie vor den vorhang. schwierig wird es, wenn gefühle im spiel sind, klar, aber, alban, du bist völlig ok, so wie du bist und es angehst, halte dich an menschen, die das sehen und stützen und damit klar kommen und sich gegebenenfalls gegen deine darstellung wehren, das ist ja ebenso erlaubt. aber leute, die dir den mund verbieten wollen mit dem hinweis darauf, dass sie sich sonst beschädigt fühlen, die haben jede option, sich davon nicht gemeint zu fühlen, es nicht zu wichtig zu nehmen, ihre perspektive hier zu vertreten oder sich abzuwenden, wenn dazu zeit und lust fehlt. klar riskierst du das, aber dass du das riskierst, hat dich auch immer ausgemacht. wenn sie sich auf der anderen seite dafür dir wirklich zuwenden und selber öffnen und das die lähmung sozusagen ausgleicht oder dir mehr gibt, als nimmt, würde ich sagen, dann ist es ok, wenn sie es aber nur fordern und dafür wenig reingeben, ist es das nicht, ganz und gar nicht. und, sehr richtiger satz: „Die häßlichgeile Lust am Unglück der anderen.“ wer liebt, will den anderen glücklich sehen, in seiner seinsweise, auch wenn sie der eigenen nicht entspricht. das ist alles andere als einfach. aber wenn beide das wollen, nähert man sich so an. sonst bleibt es auf beiden seiten verzicht. so kommt es mir vor. interessant: der stella/würger fall, ich bin gespannt. hab derzeit aber so viel an den hacken, kann mich kaum auf anderes einstellen gerade, leider. die klage nicht bei lyrikline zu sein, die kenne ich von vielen. es ist ein sehr universelles und wichtiges tool, das kann ich schon verstehen, aber vorsagen lassen, wen sie wie warum fragen, lassen sie es sich auch nicht. die meisten aufnahmen entstehen während des poesiefestivals, es gibt ein kuratorisches format, wo sie dichter und dichterinnen fragen, die dann lyrik aussuchen, die noch nicht dort zu finden ist. sprich, sie bemerken schon auch ihren eigenen radius, der nicht alles abdeckt und sieht. aber letztlich ist es weniger eine frage des ausschlusses, als eine frage, was gerät gerade in ihr eigenes blickfeld. die entscheidungen für andere und anderes sind strukturell entscheidungen gegen andere, ja, aber nicht intentional, auch wenn es sich so anfühlt und anfühlen muss. und natürlich hat das netz eigentlich platz für alles, aber es sind dennoch nur drei leute, die die tonaufnahmen betreuen.

  2. xo sagt:

    wenn man eins nicht kann und wirklich nie nie nie nie nie tun sollte: autor*innen den mund verbieten, dann verbietet man ihnen, zu sein, der sie sind und sein wollen und stasi ist over! das habe ich ja immer gemocht, dass du für die freiheit des wortes einstehst, dass du es dabei auch mal nicht triffst, dass es das ist, was du siehst, das bedingt die tatsache, dass wir alle keinen auktorialen blick haben können. du irrst, du irrst auch mal gewaltig, aber wer dir das nicht zugestehen mag, der irrt gewaltiger.

  3. @Xo:
    Meine Entscheidung ist tatsächlich meine; niemand hat mir geraten oder mich gebeten. Ich möchte die Menschen, die ich liebe, schützen – und die ich „nur“ mag, (fast) genauso.
    Im übrigen aber hast Du völlig recht.

  4. xo sagt:

    ah, ok, hatte ich anders verstanden, weil du schriebst, dass es dich lähmt und da schrillen bei mir alle bellen.

  5. Pingback: Nach einem unvermuteten Erfüllungstraum das Arbeitsjournal des Freitags, den 17. Mai 2019. | Die Dschungel. Anderswelt.

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