Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 26. Februar 2020. Mit Thorsten Casmir, Peter H. Gogolin, André Heller und David Ramirer.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
David Ramirer: Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier Buch II]

Die Musik schickte mir → Ramirer selbst, ich höre sie momentan laufend wie zuvor seine eigenen Variationen auf Bachs Präludium C-Dur, die ebenfalls, doch leider bislang nur als mp3, ankamen und über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde. Noch hat andres, Freundin, Vorrang. Hier nur schon einmal die Erklärung, die Ramirer selbst für die Rückseite der CD (auf die ich nun warte) vorgesehen hat:

*

Gut gearbeitet, sehr gut. Béart XXXI fertigbekommen, Nabokovlesen 24 begonnen, dazu die fastjuristische Auseinandersetzung wegen des üblen Artikels in 54books, der mir allerdings keine, wie eine enge Freundin befürchtete, schlimme Nacht bereitete, denn als ich zu Bett ging, wußte ich bereits, am nächsten Tag in die Tjost zu wollen — nicht zuletzt übrigens, weil das Impressum die Adresse einer Rechtsanwaltskanzlei angibt, ob „rein“ praktischerweise oder um indirekt zu drohen, sei dahingestellt. Oder auch nicht dahingestellt. Nach wie vor bin ich psychisch so veranlagt, auf Drohungen nie mit Rückzug zu reagieren, im Gegenteil. Sie fordern mich heraus. Deshalb der gewählte Begriff „Tjost“. Und ich wußte, mir gleich nach dem Erwachen — das ich derzeit völlig meiner inneren Uhr überlasse; sie weckt mich tatsächlich fast generell zwischen 6.30 und 7 Uhr — im Netz die nötigen Gesetzestexte zusammenzusuchen und nicht nur zu, sagen wir, „studieren“, nein, sie auch auswendig zu lernen.
So geschah’s. Schon konnte ich meinen Brief formulieren — „Schriftsatz“ in der Sprache des formalen Rechts.
Nun war vorhergegangen, daß ich wegen des Artikels Samuel Hamen angeschrieben hatte, der bei 54 books als Teammitglied genannt wird. Ich hatte → seine klasse Rezension schlichtweg nicht mit dem nicht nur, journalistisch, schlampigen Artikel zusammenkriegen können. Er seinerseits antwortete mir am Morgen, intervenieren zu wollen. So daß sich meine Mail an Redaktion und Anwaltskanzlei mit einer Mail des Anwalts an mich sprichwörtlich überkreuzte — ein Wunder, daß die zwei auf ihrer Fahrt a) von hier nach dort, b) von dort nach hier nicht karambolierten. Bei der Geschwindigkeit wäre es ein Totalschaden geworden, an beiden Autos, und keines hätte jemals ihr Ziel erreicht. Doch offenbar blieb jede von ihnen auf ihrer Seite der Hochtempostraße.
Und also: Der Anwalt fragte, ob es genüge, wenn er den Text → aus dem Artikel herausnehmen lasse; das nämlich wolle er tun. Da konnte er meine Forderung nach Gegendarstellung, bzw. Richtigstellung noch gar nicht gelesen haben. Die hatte ich unterdessen aber schon in Der Dschungel öffentlich gemacht, und weil ich aus diesem Weblog nichts lösche, schon um die Produktionstherorie nicht zu verfälschen, die sich in Der Dschungel → eben auch abbilden soll, bestand ich darauf, daß der Beitrag erhalten bleibe, mit allerdings einem vorgeschobenen Notat über die erzielte Vereinbarung. Das wiederum fand der Anwalt in Ordnung, und so ist’s nun protokolliert.
Es ist mir enorm wichtig. Zu oft mußte ich mir anhören, ein Dichter habe stille zu sein auch bei ihm geschehenem Unrecht, selbst bei übler Nachrede und objektiven Beleidigungen. Er schade sich nur selbst (und seinem Verlag), wenn er aufbegehre. Er solle sich deshalb ducken — ducksen nenne ich das und habe es niemals getan, dafür dann fast durchweg Ärger mit meinen Verlagen bekommen. Klar, die haben Angst, in Sippenhaft zu kommen. Für kleine Verlage wäre das tödlich, möglicherweise. Und größere Häuser stehen in der Zwickmühle, weil eine Kritikerin oder ein Kritiker die eine ihrer Autorinnen mit Elogen begießen, zugleich indes einen anderen Autor mit Eimern voller Kotze überschütten könnte. Dennoch will man auf die Elogen nicht verzichten, ja braucht sie, um zu verkaufen, braucht den Kritiker also, die Kritikerin. Mir ist das schon klar. So und so ein auch ökonomisches Corpsgeistproblem.
Nun hatte ich es aber mit einem Juristen zu tun. Diese Leute sind nicht verschwurbelt wie viele im Literaturbetrieb. Sie sind klar und faktisch. Also läßt sich mit ihnen auf das einfachste sprechen und verhandeln. Ähnlich Ärzte, ähnlich Physiker und Mathematiker. Heute wären das meine Fächer, die ich studierte: Jura, Medizin, Physik.
Später fragte mich, auf Facebook, → Gogolin, ob mir diese Lösung-jetzt denn genüge? Ja, tat es, insofern es mir nicht im mindesten darum ging, mir irgendeine finanzielle Entschädigung zu erpressen. Ich wollte den Müll aus dem Netz haben, Punkt, und das war erreicht. Vielleicht auch ein Zeichen für andre gesetzt. Ich hatte und habe von dem gesamten Mobbing und fiesem Gequassel die Schnauze absolut voll. Vor allem geht es mir auch darum, wie ich dem Anwalt schrieb, daß mir

die ständig unterschobene Nähe zur politischen Rechten widerlich (ist). Es entbindet solche Attacken rhetorisch von jeglicher Argumentation.

Wenn ich in Bezug auf Gendercorrectness von einer Meinungsdiktatur spreche, handelt es sich mitnichten um eine auch nur ungefähre Nähe zur, z. B., AfD, egal, ob auch dort dieser Begriff verwendet wird. Genauso wenig bedeutet, wenn ich von Ehre, Würde, Heimat schreibe, daß ich ein Nazi sei oder mit der Rechten auch nur „sympathisierte“. Ich überlasse ihr einfach nicht diese Begriffe, lasse mich von ihr nicht meiner Werte enteignen.

Übrigens ist, so erfuhr ich in dem Messengergespräch mit Gogolin, sein hinreißender, wahrhaft europäischer Roman → Calvinos Hotel neu aufgelegt worden, und zwar — in festem Umschlag gebunden. Sie wissen, Geliebte, daß ich über dieses Buch einmal schrieb. Jetzt sähe ich meine Rezension gerne, etwas umformuliert und erweitert, bei Faustkultur und werde dort also nachfragen. Andernfalls wird sie hier in Der Dschungel eingestellt werden. — Nicht uninteressant, übrigens, daß der ehemalige, in die Insolvenz gegangene Verlag Kulturmaschinen, mit dem ich selbst soviel Mieses erlebt, als eine Art Autorenverlag → neu gegründet worden ist.  Mir behagt das nicht, weil ich sehr an Namen glaube, an etwas ihnen außerhalb des Funktionalen mythisch Eigenes; praktisch verstehen kann ich es dennoch.
Da ich nun einmal bei Büchern bin — vorhin erreichte mich ein Päckchen des Hanser Verlages, darinnen → André Hellers „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“, eine Sammlung von Erzählungen, deren Über-, also der Buchtitel mir allerdings schon ein bißchen zu klebrig ist . Aber ich wußte nicht einmal, daß es ein neues Buch von ihm gibt. Wie also kam der Verlag nun auf mich? Wahrscheinlich hat man meine Rezension → zu seiner Rosenkavalier-Inszenierung gelesen oder liest hier, wie so viele aus dem Betrieb, sowieso mit, und also war bekannt, welche Rolle Heller für mich einmal gespielt hat. Freilich, da war ich noch ein junger Mann, beinah noch ein Jüngling. Dennoch, Spuren werden Prägungen. Es sind gute Narben. Und da ich alle seine bisherigen Bücher gelesen habe, weiß ich, welch vorzüglicher Erzähler er ist. Also werde ich ganz sicher auch über diese Neuerscheinung schreiben.

 

Meine Gute, wie viel hab ich noch vor!

 

Zwischendurchgelesen, ja, zusammengeschrieben, habe ich Ernst Kretschmers „Der Falke und Die Nachtigall“, einen Roman, den mir Dielmann zusammen mit Thorsten Casmirs grandiosem „Ohnsgrond“, erschienen ein Jahr nach dem → Wolpertinger, schickte, weil er wohl weiß, daß mich Federico II nach wie vor beschäftigt. Ohnsgrond ging komplett unter, auch weil Casmir, kurz nachdem sein Buch heraus war, an einer Krankheit verstorben ist, die damals noch etwas Ungefähres und Anrüchiges hatte, so daß der tatsächliche Grund für Casmirs Ende nicht genannt werden durfte. In seinem Roman aber ist er, dieser Grund, allgegenwärtig. Und immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten fiel das Buch mir ein, so daß ich nun den Entschluß faßte, nach bald mehr als zweieinhalb Jahrzehnten eine poetische Rezension darüber zu verfassen. 
Ich stand auf, ging an die große Bücherwand, schaute unter C (bei mir ist die Belletristik nach den Namen ihrer Autorinnen und Autoren geordnet), aber fand nichts. Der typische „Fall“ wohl: Verleihe nie ein Buch, denn du weißt, wie deine eigene Bibliothek entstanden ist. Also schrieb ich dem Verlag, und das grün in wunderschönes Leinen gebundene Buch kam her, nur die hellrote Längsbinde fehlt:

 

 

Die Lektüre steht nun aus. Auch hier geht Nabokov vor (habe soeben „Gelächter im Dunkel“ begonnen). Aber erwartungsvoll, zitternd fast freu ich mich drauf. 

Weniger Freude bereitete der Kretschmer; ich → verlinke nur der Fairness halber drauf, hatte anfangs erwogen, auch hier eine Kritik zu schreiben, weil es hin und wieder ein Aufflackern von Schönheiten gibt, etwa die „Leichtigkeit (…), in der ich dankbar erstaunte“ (Hervorhebung von mir) oder die „Mischung aus Mißtrauen und Frechheit“ sizilianischer Straßenkinder. Doch zunehmend, abgesehen von den sowieso gängigen Konjunktivfehlern, verschwurbelt die Geschichte sich zu am Ende sogar pubertärstemKitsch. Ein einziges Beispiel möge genügen:

„Ich kenne Euch von überall her“, sagte er, „bin Euch gefolgt, seit Ihr geboren wart, und weiß, was ihr jemals gelesen und jemals geschrieben habt.

Bitter allein schon das, aua, „wart“.

Ich war dabei, als Ihr die Macht der Schöpferkraft entdeckt und das Wunder ihrer Welt erfahren habt, die nicht wirklich und doch wahr wie die Wirklichkeit ist.“
Falke, 243

Ach, Freundin, Sie mögen Buttercreme genauso wenig wie ich … Hier, ein Mundwasser zum Spülen, und seien wir dankbar, daß Kretschmer nicht auch komponiert. Axel Dielmann hat einmal zu den besten Lektoren gehört, die mir begegnet sind; es ist mir schleierhaft, wieso er bei diesem Buch nicht durchgegriffen hat. Nun fliegt es in den nächsten Buchspender.

*

Der Abend regnete heran, und ich chattete mit einer Frau, die ich am Sonnabendabend treffen werde: ein eleganter Flirt bisher. Gesehen haben wir uns schon einmal, nur einmal, auf der → vorletztjährigen Leipziger Buchmesse, also im März 2018. Damals hieß sie Mariclaire. Sie sah mich, und ich sah sie. Sie kam heran (ich les jetzt nicht nach) und hakte sich unter. Nein, wir kannten uns wirklich nicht. Und nun flanierten wir durch die Gänge, ein wenig mondän sie, herrlich schön, Juristin, ich sag’s ja. Dann war lange Schweigen. Und jetzt die Nachricht bei Facebook. Von jemand anderem, die mir den Brief einer Zoey ankündigte, wie ihr Name heute ist. Der lag auch schon im Postfach. Bei Facebook siezen wir uns; Zoë indessen wählte das Du der, wie sie schrieb, „letzten irren Gentlemen“. Und dann:

Meere hat mich, wie soll ich es nennen? – verstört. So daß ich meine Gedanken teilen muß. Das aber bitte nur unter uns, und zwar gerade, weil ich Dich nicht kenne und es doch so, glaube ich, tu. 
Z.

Da’s sich nun traf, daß ich am nächsten Sonnabend ohnedies in ihrer Nähe sein würde, werde, was auch immer …  lag denn auch das Treffen nah, und liegt. Wobei ich selbstverständlich Schweigen über ihre beigelegte Sendung bewahre. Das werden Sie, Freundin, verstehen.

Worauf ich aber hinauswill: Wir waren noch am Plaudern, als Freund Sascha mich anrief. Möge ich nicht gegen halb neun zu ihm herüberkommen? Er habe einen ausgezeichneten portugiesischen Rotwein da — und eine Flasche Talisker. Da ich selbst finanziell grade so mau, konnte meine Schreibtischhockerei nicht siegen, und der Abend → ward zur langen Nacht. Sie protuberanzte — es stimmt der Begriff, den ich begriff — aus sämtlichen Drüsen des Geistes. Es gab auch vieles zu erzählen. Und ich las die letzten vier Béartentwürfe vor. Eine Wonne zu erleben, wie sie „funktionierten“, ich meine: wie ihr Klang übersprang. Und dann geschah, was hinterm Link erzählt ist. Obwohl ich gehen so recht nicht mehr konnte; ich eiertanzte also heim, die Betonung indes liegt auf „tanzte“.

Ihr, Sie Schöne,
ANH

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