„Laetatus sum“: Vor dem Chaos stand der Anfang, und die Schöpfung ward nach ihm. Ein Festival des Konzerthauses Berlin. Mitte Februar bis Anfang März 2026

             Es ist nicht einfach, ein neues Festival zu kreieren – und nach einem Festival fühlte es sich auch nicht an, dieses „Vom Anfangen“ des winterlichen Konzerthauses Berlin. Sondern eher nach einer Reihe. Für ein Festival fehlte der Rummel, der Klamauk, Populismus-Drumherum. Reihen dagegen sind konzentriert, nicht so sehr „Event“, und insofern keine Publikumsmagneten. Umso erstaunlicher nun, wie viele Menschen kamen. Das ließ sich als Nagelprobe verstehen und war schließlich der Ausweis für Joana Mallwitzens, einer Fee Morgana der Musik, und ihres Intendanten, Tobias Rempe, Unternehmen, neue Hörerschichten an- und in ein neues Heim zu locken. Was gelang. Und immer mehr gelingt: Es fühlen alle sich gleich wohl, gleich von Anfang an. – Schwellenangst? Iwo! Auch so gesehen war der Titel dieses Festivals treffend: Keine Veranstaltung der Reihe, die nicht ganz, zumindest fast ausverkauft gewesen wäre. Für Mallwitzens Dirigate direkt bekommt man eh kaum noch Karten, wann und wo egal.
Woran ich merkte, dass es neue Hörer waren, sind … alte, junge, völlig wurscht? Bei Sinfonien wird plötzlich zwischen den Sätzen geklatscht. (Über sowas hab ich mich früher mokiert; jetzt merk ich erst die Arroganz. Mallwitz hingegen … „inkludiert“ ist ein falsches Wort dafür. Sie „nimmt die Hörer auf“. Die Musiker lieben sie sowieso: Ihr Zauber steckt sie alle an, das Publikum dann mit. Eine gute Morgana, nicht die böse der späten, patriarchalen Verfälschung.)
Dabei ging es gar nicht los mit ihr. Mit Mahlers „himmlischer“ Sinfonie zwar, unter Jonathan Nott, dieser scheinbar kindlich-naiven Vierten – wie ungewöhnlich, ja sensationell sie interpretiert werden würde, ahnte ich noch nicht – … doch danach gleich, und von selbem Umfang, Neue Musik? Das war schon mal gewagt. Und Hochachtung dafür. Nott hat sich als langjähriger Musikdirektor der Bamberger Sinfoniker einen Ruf erarbeitet, besonders junge Leute lieben ihn; bis 2004 war er Chefdirigent der Jungen Deutschen Philharmonie, in Japan ist er Star.
Was er hier nun aber tat – das Konzerthausorchester tun ließ –, machte mich staunen. Wie oft schon hatte ich diese Sinfonie gehört? Nein, meiner liebsten war sie nie, eine einzige Interpretation ausgenommen, Georg Soltis von 1961 mit dem Concertgebouworkest. Als Studioaufnahme zählt die aber nicht: Zu vieles läßt sich im Nachhinein revidieren, ja neu mit Schnitt und Reglern technisch dirigieren. Hier indessen war alles „live“. Welch eine Dynamik im Saal! Unvermutete Tempiwechsel, Bruchteile von Sekunden nur und dennoch: Alles wie zum ersten Mal gehört. Und auch schaurig – von wegen, das Stück sei sonnendurchströmt …! Hier übernahmen die Schatten die Führung; es genügte, leicht die Dissonanzen anzuheben, um ihr Flirren zu vernehmen. Was für ein Leben, schaurig und schön!
Und ach, hätte Nott doch nicht im Nachhinein – im sogenannten „Nach(t)gespräch“ – alles so zerquasselt, was er uns hatte erleben lassen! Das Talent der Mallwitz teilt er nicht, elegant zu konversieren, muß er auch nicht, es reicht, wenn er seine Ideen den Musikern vermittelt. Und das hat er gekonnt und so auch dirigiert.
Wenn es drauf ankommt, klingt dieses Orchester unterdessen schmiegsam wie Seide und muß den Vergleich mit der von Daniel Barenboim geformten unmittelbar benachbarten Staatskapelle wahrlich nicht mehr scheuen, egal, ob dort ein Thielemann das Sagen heute hat.
Aber vielleicht war es eben das, was mich nicht wirklich bereit für die beiden Folge„nummern“ machte – der, sowieso schon verdächtig, ziemlich gehypten Cymin Samawaties „Vom Anfangen“, einem, damit’s ins Festival auch paßt, schnell mal zusammenkomponiert wirkenden Schmock, dem allerdings die „geklauten“ Mahler-IV-Zitate zu einem Scheinadel verhalfen, der als Adapter dann auch funktionierte. Sie waren einfach hineincollagiert, Aura-Erschleichung. So werden Spielfilmmusiken gebaut. Ständig sind die Module zu spüren, die Absicht – in „Amphiphilie“ die Botschaft sogar – überblendet die Faktur. Die in diesem Stück freilich akzeptabel ist, mehr aber nicht. Der Kaiser geht nicht nackt, doch in Regenbogenwäsche: ein „ey, ich find dich echt gut, ey“-Kitsch, der antiautoritär improvisiert werden darf. Abendländische wird mit andrer Musik schlichtweg verschnitten. Das tut zwar den Ohren gut, wenn nicht grade rumgelärmt wird, doch beim Kunsthandwerk bleibt es; Adorno hat so etwas „kompositionsfremde Bastelei“ genannt. Von einem Eötvös, von Gubaidulina oder Saariaho, die uns zum Staunen bringen und mit auf Sternenreisen nehmen, um Lichtjahre entfernt.
Zumal ich auf Seda Keskinkılıçs Libretto gar nicht erst eingehen mag. Drei Verse daraus sind genug:

Gemeinsam wächst uns neue Haut
in alten Spreewasser
(…)
die Geburt, die uns umhüllte

Nun jà, es ist schon große Musik aus noch schlechteren Stanzen entstanden.
Doch wenn ich das Programmheft lese, frage ich mich, in welcher Vergangenheit diese Librettistin denn lebt: „Vielleicht ist das Leben von migrantisch gelesenen“ – gelesenen! – der Mensch ist ein …. – Text???? – „… migrantisch gelesenen Personen irgendwann weniger von harter, unterbezahlter Arbeit, weniger von Diskriminierung und ständigem „Anderssein“ geprägt? Vielleicht zerfließt irgendwann das zählebige Ideal einer (…) „homogenen, christlichen weißen Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, Frauen sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern und andere Lebensrealitäten schlicht nicht vorkommen (…).“
… „sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern“ – wie tun sie das denn wohl? Indem sie sich dauernd spreizen?
Von der, sanft formuliert, unglücklichen Formulierung aber mal abgesehen („sich vor allem um die Kinder kümmern“ ist ja wohl gemeit) … — Du meine Güte, aus welchem, für Deutschland, Jahrzehnt schreibt diese Frau? Zumal mit islamischem Hintergrund … In solchen Herkunftsländern herrscht ein Patriarchat, gegen das das unsere schon in den Fünfzigerjahren ein Sandkasten war, geschweige denn das heutige mit der gesamten Frauenrechtsgeschichte der letzten Jahrzehnte im Nacken. So gesehen, ist Keskinkılıçs Bemerkung schlichtweg infam. Die Kulturschickeria aber bejubelt’s, der Große Saal war ganz ebenso begeistert. 

Nun jà, geschadet hat es ja auch nicht, und der grandiose Mahler w a r. Als Auftakt also hat dieser Abend nicht nur „gepaßt“, sondern ergab die perfekte Berliner Dramaturgie.

             Die setzte sich gleich fort, tags darauf zur wenn nicht „Völker“-, so doch Kulturverständigung der „Arab Song“ – eine schon lange, wenn auch nicht am Konzerthaus bestehende Reihe. Das Konzept sah eben auch eine Öffnung zur freien Berliner Kulturszene vor, deutlich Mischung „U“ und „E“, was die Morgana schon mit ihren „Night Sessions“ begonnen hat. Abermals zahlte es sich aus. Es trafen sich sämtliche „Eingeweihte“, selbstverständlich auch andere Gäste, jedenfalls war’s brechend voll.
Großartig vor allem die syrische Sängerin Basma Jabr, Mohamad Fityan an der Ney – und für mich als eine wahre Entdeckung der Pianist Tarek Yamani, der seine libanesische Herkunftsfolklore in ausgedehnte, brillant blitzende Improvisationen verwandelt. Die angeblich als „hypnotisch“ angekündigten Beats der marokkanischen Gnawa-Musik allerdings versetzten mich keineswegs in Trance, sondern ließen mich das Konzert schließlich fliehen. Ich reagier auf den Stechschritt allergisch, ja nehme schon beim “Klatscht jetzt mal alle” Reißaus.
Gefüllt wie hier war es überall, ich schrieb es schon, wenn nicht sogar ausverkauft – nämlich auch solche Konzerte, die nun wirklich nicht im Mainstream schwimmen. Hans Werner Henzes „Voices“ von 1973 etwa – hier beklemmend virtuos vom Ensemble unitedberlin unter Vladimir Jurowskis Leitung dargebracht, gesungen, auch im Sprechgesang, von Alice Lachner und Peter Tantsits. Der Mann muß diese Lieder internalisiert haben, andernfalls hätte er ihnen, als kurzfristig „eingesprungen“, eine solche Präsenz kaum verleihen können.
Wobei instrumental das Ensemble selbst da noch Klangmagie erzeugte, wo entweder die vertonten Texte doch arges Zeitkolorit mit zu schleppen haben, weil Henzes sozialistische Botschaften heute schmerzhaft naiv wirken, wenn man sie gutwillig aufnimmt, und nach kompletter Verblendung, ist man erbost. Bloß historisierend immerhin wirken seine klanglichen Zitate des Groschenopern-Weils. Trotzdem sind die Stücke, als Zyklus insgesamt genommen, alles Hören weiterhin wert und haben aber ganz gewiß die aus dem Off eingespielten Radio-Interviews nicht gebraucht. Henze hat sowas in der Partitur nicht vorgesehen, schon gar nicht als, wie sie wirkten, persönliche Rechtfertigungen für eine damals ästhetische Sonderrolle. Ärgerlich, sowas.
Nichts dergleichen dann beim Konzert drei Tage später. Das Chaos-Quartett hatte ein, meint das Programmheft jedenfalls, „chaotisches“ Medley collagiert – von einer Transkription des Chaos aus Haydns „Schöpfung“ über Bachs Kunst der Fuge und Ligetis zweitem Streichquartett bis zu Beethovens Großer Fuge B-Dur. Die war von den Zeitgenossen schon als derart chaotisch empfunden worden, dass sie der Komponist aus op. 130 herauslösen und, mit der Werkzahl 133, völlig isolieren mußte.
Heute kaum noch nachvollziehbar. Dachte ich. Denn jetzt … – Ich kann es gar nicht begründen. Doch schon der Bach klang in meinen Ohren falsch, erst recht die Große Fuge. Nur stand ich damit ganz allein, vermutete, angestrengt lauschend, dass die Dissonanzen an der zweiten Geigerin lägen; die Finger, spekulierte ich, griffen um Zehntelmillimeter dauernd daneben. Doch hörte es eben nur ich. Wie konnte das sein? Ich weiß bis jetzt keine Antwort, aber bin mir bewußt, unversehens in die Lage der Hörer der Uraufführung dieses Stückes versetzt gewesen zu sein … Banausen, habe ich immer gedacht – … und war nun selber einer. Was für ein Erlebnis! Nein, kein schönes. Aber eines, das prägt.
Denn, seltsam, der vorgetragene Ligeti war zum Niederknien, Jean-Féry Rebel frappierend gut und makellos der Schnittke. – Das Rätsel wird mir bleiben.

             Und fügte sich vor ein nächstes. Das einer Sinfonie. Der Plan des Festivals, vom Anfang über das Chaos zur geordneten Schöpfung zu gelangen, sah diese Schöpfung zwar auch vor, dirigiert von Mallwitz, nämlich die von Haydn – für mich ein neues Stück, auf das ich mich auch nicht vorbereiten, sondern von dem ich mich, Mallwitzens wegen, überraschen lassen wollte. Abgesehen von Glenn Goulds Einspielung der letzten Klaviersonaten Haydns, war mir dieser Komponist stets zu, heute sagen wir: „bürgerlich“ gewesen, zu wenig, empfand ich, radikal, zu angepaßt und eingepaßt. Meistens bekam ich das Gähnen, egal in welchem Konzert. Gould gilt da einfach nicht, Gould ist Gould, egal, was er spielt.
Doch nun, bei dieser Morgana? Es war ein ausgesprochen guter Schachzug für das Festival, dass sie Schuberts Achte sozusagen dazwischenschob, in Cannes wird sowas „hors compétition“, außer der Reihe, genannt. In diesem Fall gilt das gleich doppelt. Die sogenannte „Unvollendete“ ist nicht nur Anfang und Ende zugleich, ohne ein Ende aber zu haben – und damit eigentlich „chaotisch“ –, sondern das Musikstück, das Mallwitzens Wunsch, Dirigentin zu werden, überhaupt erst initiiert hat. Da war sie noch ganz jung; ich weiß nicht mehr, ob sogar noch Kind, erinnere mich nur noch an ihren Satz in einer Filmdokumentation. Es spielt auch keine Rolle, das Faktum alleine reicht.
Und nun, in einem dieser begnadeten „Expeditionskonzerte“ stellte sie sie vor – eine Insel des Staunens, der Rätsel, der Ruhe. Und der Leidenschaft. „Diese Frau ist nur Musik“, flüsterte ich लक्ष्मी, meiner Begleiterin, zu.
Jedenfalls hätte ich, ohne diesen Schubert, Haydns Oratorium insgesamt nur lächerlich gefunden. Was ich noch nicht wußte, sondern nur lauschend herunter von meinem Rangplatz auf das Orchesterpodium schaute, von dem zum davor stehenden Klavierflügel wechselnd, unddabei frei erzählend, Frau Mallwitz die Rätsel aus der Geschichte grub, die dieses Stück bis heute ebenso, dachte ich, umwehen wie die Dirigentin der Persönlichkeitsbordun ihres Zaubers, einem Halo aus Körpersprache und … – ach, wäre das Wort nur nicht derart abgenutzt! –: Engagement. Prallvoll erneut der Saal, der große diesmal dieses Hauses. Makellos ihr Dirigat, pure Klangkunst das Orchester.

So bekam ich auf Haydns kindliche Schöpfung endlich wirklich die Lust. Auch hörte ich lockende Legenden sich um den Anfang seines Oratoriums ranken, in dem ein jeder spielen dürfe, was er wolle. Spannend, habe ich gedacht. Und wirklich, langweilig war es keine Minute. Mehr Gutes aber kann ich nicht sagen. Die Spiellust war zu spüren und übertrug sich auch, der Mallwitz’ Freude am Haydnschen Witz, – aber einem, der halt auf Schondeckchen liegt. Selbst seine Exzentritäten sind gefaßt. Man überzieht, sehr wohl, doch immer nur ein bißchen, hier grunzt ein Walfisch, dort schwirrt das Bienchen, und selbst am Anfang das Chaos wirkt gerahmt. Welch Unterschied zu Mozart dann, denken Sie an seine beiden moll-Klavierkonzerte oder den Untergang Don Giovannis oder den Streit um die Zensur von Figaros Hochzeit.
– Schlimm allerdings wird es bei der Ordnung, harmonia mundi non harmonia est: Denn zwar, am Schluß des Stückes gehen Eva und Adam Hand in Hand, doch werden gleich gewarnt, besser nicht zu wissen, was sie nicht wissen sollen. Wer darf bestimmen, was ich nicht wissen soll? Und warum soll ich es nicht wissen? – Doch wird es noch viel schlimmer, nämlich für die Frau: „O du, für den ich ward!“ singt sie. „Mein Schirm, mein Schild, mein All! Dein Will ist mir Gesetz.“ Gesetz! Ich faßte es nicht. Und warum ist das so? Deshalb: „So hat’s der Herr / bestimmt, und dir gehorchen bringt mir / Freude, Glück und Ruhm.“ Salbungsvoller hätte auch Ali Khamenei es formulieren nicht können, die Steine schon zur Hand. Gut, dass er nicht mehr da ist. Der Haydn freilich ist es noch. So nehme mir’s die Fee Morgana nicht übel: Das Stück ist nicht zu retten.
Auch das indes tat’s dem Festival selbst keinen Abbruch, denn vorher hatte es noch einen Abend der wirklichen, nämölich leiblichen Schöpfung gegeben: „Ex utero – Eine neue Marienvesper“. Begleitet wie geleitet von Lee Santana an der Theorbe und Juliane Laake am Violone (einer Vorform des spätren Kontrabasses) führte das Sangkunst-Oktett The Present ineinander verschränkte Kompositionen aus viereinhalb Jahrhunderten auf, die sich aller der Leiblichkeit Mariae widmen, → geradezu sizilianisch empfunden:
Im Zentrum die Kompositionen Chiara Margarita Cozzolanis, einer Mailänder Benediktinerin des 17. Jahrhunderts, die mittlerweile zwar zu den wichtigsten Komponisten und (wenigen) Komponistinnen ihrer Zeitzählt, deren Musik aber besonders von ihrer eigenen Kirche abgelehnt und bekämpft wurde. Irgendwann gab diese Frau wohl auf, lesen Sie’s nach.
Hier aber war sie selbst wie vor dem Morgenstern gezeugt, wiedergezeugt: „Ex utero ante luciferum genui te“ – allein für diese Zeile geb ich den ganzen Haydn weg. Und für diese Vertonung.

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ANH, März 2026

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