Franz Mon. 6. Mai 1926 – 7. April 2022.

Danke.

 

 

 

 

 

 


Es ist einfach nur noch schaurig. Die Anatomie des Krieges (3), nunmehr – in Selinskyjs gestriger (16.3.) Ansprache vor dem US-Kongress – nicht nur die Sprache der Helden, (2)

sondern entsetzlicherweise auch ihre — “Musik”:

Nämlich der pure Kitsch. Der unter diese grauenvollen Bilder gelegt ist. Soll er sie uns erträglich machen und denen o h n e ein feines Gehör angenehm sogar?
Vor dem gesamten Kongreß.

Es ist ein brutalster Schlag ins Gesicht → solcher Trauer:

]

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[Wir müssen uns nur die Bild-/Tonmonteure vorstellen,

die im Studio diese Aufnahmen mit einem solchen Kitsch
unterlegen. Und schon “verstehen” wir den Krieg: nämlich
auch als → Kulturindustrie, die dem Markt selbst das Ent-
setzen
aufzuschlotzen gibt und hier der Kriegsrhetorik dient.]

Wes Kriegsgeistes Kinder auch Frauen sind. Absolut widerlich: Die Berliner Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) über hier angekommene ukrainische Flüchtlingskinder.

[→ Videoquelle]

“Sie trauern nicht um ihre Eltern und haben keine Angst, weil sie haben ja keine mehr.” 

Setzt diese komplett empathielose die Frau vor die Tür. (Auch hier die verschluderte Sprache: “weil sie haben ja nicht.” Selbst der Bezug ist falsch, sonst sonst wäre ja grob tautologisch gesagt, sie hätten keine Angst, weil sie keine Angst hätten, was nur, wenn sie keine Angst hätten, wahr ist, erklärend indes eine Nullaussage. Falsche Grammatik ist falsches Denken. Neu nur, daß es auch falsches – oder fehlendes – Einfühlen blanklegt.)

(Und hatte sogar “das Vergnügen” …)

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[Quelle: Tagesspiegel, 11.3.:]

 

Dieses ist zurückzuweisen, und zwar scharf. Der Ukraine Außenminister Dmytro Kuleba an Deutschland.

Wobei deutlich zu spüren ist, aus welcher Panik hier gesprochen wird, einer berechtigten Panik, die den Vorwurf selbst als Drohung entschuldigen mag:

Entweder wird Deutschland eine führende Nation
bei der Unterstützung der Ukraine und im Kampf
gegen das russische Böse. Oder Deutschland be-
kommt eine neue historische Schuld für verlore-
ne Leben und zerstörte Städte.

Dabei ist schon die Wendung “das russische Böse” nationalistisch infam, ja verheerend. Dieser Angriffskrieg gründet nicht auf einem russischen, sondern, wenn, dann dem putinschen Bösen[1]Von einem “Bösen” zu sprechen, ist selbst schon — zumal semireligiöse, also Glaubens- — Ideologie, die alles durchsteicht, was uns verstehen lassen könnte, um ein weiteres solches … Continue reading – und seiner Vasallen. Die deutsche Regierung sollte sich, bei allem Verständnis, gegen solche Töne verwahren. Erstens macht sich kein Land historisch schuldig, wenn es in einen Krieg nicht eintritt, den zwei andere Länder führen, und schon gar nicht, zweitens, wenn es dies nicht tut, um seine eigene Bevölkerung – und Bevökerungen sehr vieler anderer Länder – vor einem gleichen Schicksal zu bewahren, das jetzt die ukrainische Bevölkerung trägt. Und nicht nur vor einem gleichen, sondern einem, das außer bislang in Hieroshima und Nagasaki noch keine tragen mußte auf der Welt, und deren Folge- und Folge- und Folgegenerationen sowie die gesamte Fauna und Flora der, im Fall des Falles, halben bis dreiviertel Welt.

Worum es geht, ist klar, wobei auch hier Kukebas aggressiver Ton mehr als unangemessen ist:

Es mag Ihnen so scheinen, als hätten Sie bereits
eine Heldentat vollbracht, indem Sie eine Rei-
he wichtiger Entscheidungen getroffen haben.
Gebt uns mehr Waffen, damit wir uns verteidi-
gen können. Helft uns, unseren Himmel zu
schützen. Helft dabei, dass man uns Kampf-
flugzeuge zur Verfügung stellt. Gebt uns
stärkere Panzer, Flug- und Raketenabwehrwaffen.

Es ist uns Deutschen darum aber schon seit langem nicht mehr getan, “Heldentaten” zu vollbringen; diese Terminologie wird in diesem Land aus guten, eben historischen Gründen Göttinseidank abgelehnt. Das kann Kuleba seelisch vielleicht nicht verstehen und darf es, aus Notwehr, in der jetzigen Situation seines Landes wahrscheinlich auch nicht. Aber eine deutsche Zurückhaltung indirekt mit den Schrecken des deutschen Nationalsozialismus auch nur in Verbindung zu bringen, ist nicht nur grob stillos, sondern eine geschichtsrevisionistische Ungeheuerlichkeit. Die jetzige Bundesrepublik Deutschland hat diesen Angriffskrieg, anders als Hitlers Drittes Reich den seinen, nicht begonnen. Und schon meine Generation, ich bin siebenundsechzig, hat mit dessen – faktisch – nichts zu tun, erst recht nicht haben es die folgenden Generationen bis zu der meiner Kinder. Und eben weil wir dennoch für die deutsche Geschichte nicht wegen einer Erbschuld, die gibt es nicht, sondern aus freiem Willen die Verantwortung übernommen haben, lehnen wir die Terminologien von “Helden” ab, sowie des Ruhms oder gar einer “Ehre” des Vater- sowie Mutterlands.

In Friedenszeiten jedenfalls hätte Kuleba für diesen seinen Aufruf eine deutliche Watschn verdient, und zwar mit dem Handschuh. Auch, ihm vor die Füße zu spucken, wäre angebracht, ihm, nicht den leidenden und kämpfenden Ukrainerinen und Ukrainern. Im übrigen gilt, à propos Schuld, das, was ich → d o r t schrieb.

Миру Україні,
ANH

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[Zitatquelle:

Claudia Thaler in → ZEIT online Ukraine-Liveblog, 9. 3. 2022, 13.48 Uhr]

References

References
1 Von einem “Bösen” zu sprechen, ist selbst schon — zumal semireligiöse, also Glaubens- — Ideologie, die alles durchsteicht, was uns verstehen lassen könnte, um ein weiteres solches Unheil überhaupt verhindern; die Terminologie schreit mit Schaumvor dem Mund.

Die neuen Fliehenden. Video, geteilt von Zeit online. (Kommentiert in “Gender”sprech).

[… nein, die Sprecherin hat k e i n e  Sprachbehinderung.
Aber jetzt geht es um etwas anderes als den Unfug
eines vermeintlich “gendercorrecten” Sprechens.]

[Daß allerdings trotz des Unheils auf ihn, den Unfug,
bestanden wird, ist eine Peinlichkeit für sich. Oder
das Elend einer aufoktroyierten Prägung. Man darf ge-
spannt sein, ob die (Achtung, generisches Mascu-
linum!, wobei das Pluralpronomen ja feminin
ist) Ideologen nun auch die Geflohenen zwingen
werden, ihr Ukrainisch zu gendern.]

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Quelle: → Zeit online, 4.3.22

Welch eine schöne alte Sprache in neuem Gewand! (Lederstrumpf II).

 

deren geringe Kleider er sich erinnerte, an Pflöcken hängen gesehen zu haben” (!):

Es waren mehrere Jahre verflossen, seit Wildtöter nicht mehr in einem Gemache gewesen war, welches eigens zum Aufenthalt von weiblichen Wesen seines Stammes und seiner Farbe diente. Der Anblick weckte in seiner Seele eine Aufwallung von Erinnerungen aus der Kindheit, und er verweilte in dem Gemach mit einer Art Rührung, die ihm lange fremd geblieben. Er dachte an seine Mutter, deren geringe Kleider er sich erinnerte, an Pflöcken hängen gesehen zu haben, wie die, welche nach seiner unmittelbaren Überzeugung der Hetty Hutter gehörten, und dachte an eine Schwester, deren natürlicher und sich entwickelnder Geschmack für Putz sich ungefähr in ähnlicherweise, wie der Judiths, obwohl natürlich in geringerem Grade, kund gegeben hatte. Diese kleinen Ähnlichkeiten öffneten eine lang verschlossene Quelle von Empfindungen und als er das Gemach verließ, war seine Miene trüb. Er sah sich nicht weiter um, sondern kehrte langsam und nachdenklich nach dem Torhof zurück.

Nathaniel Bumppo, genannt The Dear Slayer, in James Fenimore Cooper, Lederstrumpf I, zitiert nach Klassiker bei Null Papier) (German Edition), S.40), Kindle-Version. Deutsch von  Richard Zoozmann

>>>>> Lederstrumpf I

Nachlektorat: Wolpertinger oder Das Blau, Elfenbeins Berliner Neuausgabe. Vom Verleger. An den Verleger.

Weil indes der beharrlich die Augen geschlossen hielt und sich auch sonst nicht aus seiner Schlafstellung löste, kam der Lauscher um die Ahnung nicht herum, der Fette sei vermöge, durch die zugeklappten Lider zu schau­en.
Wolpertinger oder Das Blau, dielmann 1993 (Erstausgabe), S. 97

 

 

Lieber Alban,
ich habe noch mal recherchiert, es geht um diesen Satz:
„… kam der Lauscher um die Ahnung nicht herum, der Fette sei vermöge, durch die zugeklappten Lider zu schauen.“

Es findet sich kein Hinweis bei Adelung, keiner bei Grimm, keiner im Duden, der diese Konstruktion im Sinne von „sei in der Lage“, „sei fähig“ nachweist, dann müsste „vermöge“ ein Adjektiv sein. Es gibt nicht einmal einen einzigen Internettreffer in dieser Konstruktion, zumindest finde ich keinen. Ich habe gesucht: „Ich bin vermöge“, „er ist vermöge“ usw.: nichts.
Das sagen Adelung und Grimm:
Ich denke nach wie vor, Deine Formulierung ist falsch (was ja immer bloß eine Meinung ist). Vor allem aber stolpert man beim Lesen. Besser und richtig ist: „… der Fette vermöge durch die zugeklappten Lider zu schauen“. Aber natürlich lasse ich’s so stehen, wenn du selbst nach dieser Argumentation dabei bleiben willst. (Will halt nichts unversucht lassen …)
Herzlichst
Dein Ingo
Guten Morgen, lieber Ingo,
hab Dank für die ausführliche Argumentation, und ich würde mich ihr beugen, habe aber zugleich das Gefühl einer durchgestrichenen Evidenz: Wenn meine Formung auch tatsächlich durch nichts gedeckt zu sein scheint, ist mir “er sei vermöge” doch geradezu als unmittelbare und so bleibende Stanzung im Sprachblut, daß ich den Satz noch dreißig Jahre später fast emblemhaft in der Erinnerung habe — so, wie Günther Steffens einmal schrieb, es gebe Sätze, die seien bereits bei ihrer Erfindung Zitat. – Verstehst Du? Etwas tatsächlich Falsches möchte ich aber nicht stehen lassen. Insofern: Habe ich ein bißchen Zeit, um über eine Alternative nachzudenken, die für mich eine ähnliche Kraft besitzt? Sowohl “er sei fähig” wie “er vermöge” — hier, weil aktivisch, indes “er sei vermöge” etwas von einer verliehenen Gabe hat; genau dieser Gaben-Charakter ist mir wichtig ((Wer vergab das Vermögen??? Ecco!) — sind mir zu banal/profan, sie gehen an dem sozusagen transzendenten Mitwirken komplett vorbei. Schriebe ich statt dessen aber “habe die Gabe”, wäre ich für mein Empfinden wieder zu deutlich, zu eindeutig, zu wenig ambivalent – gerade bei einer Figur wie Dr. Lipom.
In den sich erhobenen Sonntag nach einer etwas schwierigen Nacht ohne Magen:
Dein Alban

 

[Die Berliner Neuausgabe des Elfenbein-Verlages wird im November 2020 herauskommen. Vorbestellungen dort.]
 
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