“Zeitenwende”. An einen Redakteur.

 

(…)

haben Sie großen Dank für Ihren Brief vom 28. Juli, tatsächlich Brief, dergleichen hier kaum noch eingeht, von <lacht> Rechnungen und Mahnungen einmal abgesehen. Ein gutes Gefühl, so etwas einmal wieder öffnen zu dürfen – und dann noch eine solch ehrenvolle Einladung. Die ich gerne annehme, auch wenn ich die in diesen Wochen so oft ausgerufene „Zeitenwende‟, daß sich von einem Herbeibeschwören sprechen ließe, viel früher diagnostiziert habe, nämlich für spätestens die Neunzigerjahre. Was danach gekommen ist, scheint mir einer fast strikten, sagen wir, Geschichtslogik zu folgen, wobei auch hier davon abgesehen, nämlich ausgeklammert werden muß, daß es sich bei solchen Diagnosen um reichlich europa-, bzw. westzentralistische Perspektiven handelt. Den, um Sie zu zitieren, „Beginn eines neuen Zeitalter‟, einer gar „neuen Ära in der Menschheitsgeschichte‟ kann ich etwa für Afrika, weite Areale Asiens, aber auch Südamerika nicht sehen. Und daß sich geopolitisch Hegemonien verschieben, kommt mir mitsamt allen Brutalitäten wie geradezu eine ihrer, der Menschheitsgeschichte, Konstanten vor. Eine Zeitenwende jetzt hätte stattgefunden, wäre die in den vergangenen Wochen so häufig geschmähte und sogar beschuldigte Friedensbewegung weltweit erfolgreich gewesen, der ich zeitweise – wenn auch höchst, wie meine Bücher zeigen, skeptisch – zugehörig war und innerlich verpflichtet bleibe.

(…)

Was zu befürchten bleibt: Ukraine-Dialoge XV. Nadeschda von Meck | ANH (Whatsapp). Sowie die – in “РИА Новости” – Ausweitung der Begriffszone: Sergejews Verkündung des Völkermords.

 

Montag, 11. April 2022, 23.5 Uhr

Nadeschda von Meck
Alban, lieber, geschätzter Alban, nehmen Sie dieses” furchterregende” → Youtube-Video über die Simulation eines Atomkrieges aus der Dschungel.Anderswelt “raus”! Putin beansprucht und bemächtigt sich einer zutiefst inhumanen und widerwärtigen Eskalations-Dominanz, das genau ist sein „Trieb“, ohne jeden Zweifel… schwerste Psychopathologie. Aber nehmen Sie dieses grauenvolle YT-Video raus! Sie laufen publizistisch in eine Falle… wem könnte es nutzen? Dass Sie es sichtbar veröffentlichen und zugänglich machen? nutzt er und nur er…Und bitte jetzt keine Diskussion über Authentizität und „nahe an der Wahrheit bleiben”.

Dienstag, 12. April 2022, 9.11 Uhr

ANH
Ich k a n n das nicht herausnehmen, denn es ist das, was uns droht. Und zwar, je bestialischer dieser Krieg werden wird, und das wird er. Das Video “nutzt” Putin nur insofern, als es dringendst vor einem NATO-Eingriff warnt. Sollte der erfolgen, werden wir den Atomkrieg h a b e n – und damit das Ende des gesamten Planeten. Wenn wir diesen retten wollen, und damit Milliarden Menschen, werden wir dem Massenmord in der Ukraine schuldhaft zusehen müssen; greifen wir ein, machen wir uns an der gesamten Menschheit schuldig. Oder man findet eine Möglichkeit, das, was der Aborigine → in dem kleinen Filmausschnitt sagt, in die Wirklichkeit umzusetzen, nämlich den Tyrannenmord. Man muß “nur” herausbekommen, wo sich Putin aufhält, und dann den militärischen Satellitengürtel nutzen. Wenn etwa sich der österreichische Kanzler mit Putin treffen konnte, ist der Aufenthaltsort ja bekannt. Eine gezielte Rakete … – Und selbstverständlich werden auch dabei Zivilisten umkommen, und wir tragen die Schuld – doch eben nicht so viele, wie wenn der Ukrainekrieg weitergeht, geschweige denn all die Milliarden der Welt. Ja, wir werden uns schuldig machen, haben es schon getan. Habecks historischer Satz → “Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus” war von Anfang an wörtlich zu nehmen. Deshalb i s t er ja historisch.

Nadeschda von Meck
Danke für Ihre Antwort. Was mir missfällt, ist, daß das Video meiner Kenntnis aus dem April 2020 stammt. Am besten → Carlo Masala kontaktieren.

ANH
April 20, mag sein. Aber das ändert die Situation nicht – wobei, daß bereits 2020 USA-Plan”spiele”, die einen von Rußland ausgehenden Angriff im Blick haben, computergeneriert wurden, halte ich eh für logisch, auch für weit frühere Zeitpunkte. Das Bild würde sich aber auch nicht ändern, ginge die nukleare Aggression von den USA aus, ebenso wenig, wenn von Indien oder Großbritannien. Es kann de facto n i e m a n d ein Interesse an einem nuklearen Krieg haben, allenfalls jemand wie Putin, der die Position vertritt, wenn ich untergehe (bzw,. wenn Rußland untergeht), dann die ganze Welt.

***

Siehe hierzu auch den heutigen, entsetzlich aufschlußreichen → NZZ-Kommentar Timothy Snyders. Für russischsprachige Leserinnen und Leser verlinke ich direkt auf denrussischen Originaltext, auf den er, Snyder, sich bezieht. Die deutsche Überetzung (vermittels deepl) → d o r t. Aber Vorsicht! Der Text ist allerschlimmste – völkisch-faschistische – Propaganda. Doch es ist wichtig, sie zu sehen, das Ausmaß zu sehen, um das es geht.

 

Ukraine-Dialoge XIV: Bereit für den Atomkrieg? Monika Maron | R.I.v.Steglitz | P.H.E.Gogolin | ANH. (Die Sprache der Helden, 5).

[Der vollständige Kommentarbaum → dort bei FB.]

26. März 2022, 12 Uhr

Reni Ina von Stieglitz
(…) Und all die, die den Krieg mit kreischender Stimme herbeirufen, sollten sich an Hiroshima, an den Vietnamkrieg erinnern und sich mal historische Aufnahmen ansehen!! Und all die Stellvertreterkriege, die danach kamen!! Niemand kann so ein Elend wollen. Wenn es noch einen Funken Verstand gibt, lasst diesen Funken lebendig werden in der Welt. Lasst uns nicht handeln wie dumme Jungs auf dem Schulhof. Nach dem Motto: Haust Du mir eine rein, haue ich Dir doppelt eine rein!!

Monika Maron
Es i s t schon Krieg.

ANH
In übertragenem Sinn, etwa “Wirtschaftskrieg”, stimmt das, konkret ist die Aussage, bezogen auf die EU-Länder, falsch. Wäre hier Krieg, würde hier gekämpft, fielen Bomben, schlügen Maschflugkörper ein. Zumal stehen in der Ukraine keine europäischen (NATO-)Kampfverbände unter Waffen, geschweige daß sie in Gefechte verwickelt wären. Allerdings gibt es einige Deutsche, die dort als Söldner kämpfen, darunter → ziemlich unangenehme Typen, aber sie kämpfen da nicht in bundesdeutschem oder irgendeinem sonst europäischen Auftrag, sondern als Privatpersonen.

Monika Maron
Ist ein Krieg, der nicht in Deutschland stattfindet, kein Krieg?

ANH
Doch, das ist er. Aber so gesehen, ist immer Krieg. Deshalb ist die Aussage, es sei schon Krieg, ohne weiterführende Information. Da Sie ihn aber in den Kommentarbaum unter einen Beitrag zum Ukrainekrieg geschrieben haben, wäre er als Kommentar zu diesem also entweder tautologisch, oder er sollte insinuieren, daß h i e r bereits Krieg sei. (Ich schreibe dies weniger Ihretwegen, die sehr genau weiß, was ich meine, sondern für andere Leserinnen und Leser, die indirekte Beeinflussungsversuche nicht so schnell durchschauen. Zur, ich schreibe einmal, “Mechanik” rhtorischer Manipulationen habe ich → dort ausführlicher geschrieben.)

Reni Ina von Stieglitz
@ Monika Maron: …was für eine Frage! Und wie könnte die Lösung aussehen?

Monika Maron
@ Reni Ina von Stieglitz: Warum maßen sich einige Leute an, das für die Ukrainer zu entscheiden? Die Ukrainer wollen nicht kapitulieren. Und bisher bietet Putin mehr als die Kapitulation nicht an.

ANH
Wo hat Frau von Steglitz der Ukraine die Kapitulation empfohlen? In diesem Kommentarbaum jedenfalls nicht. (Niemand von uns hat das Recht, sowas zu “empfehlen”. W a s wir allerdings sagen dürfen, ist, daß w i r – jeweils eine einzelne, ein einzelner – sie für klüger hielte. Was ich übrigens n i c h t tue. Ich finde nur problematisch, daß Männer zwischen 18 und 60, die nicht kämpfen wollen, nicht fliehen dürfen und also gezwungen werden, wie sowieso, daß es auf “Männer” gemünzt ist, als wären nicht Frauen ebenso gut, vielleicht ja sogar besser im Kampf. Mich stört dieses patriarchale, zusammen mit dem “heldischen” “Denken”. Aber auch darüber habe ich schon deutlich geschrieben und habe indes keine Lust, auch das zu verlinken. Wer will, findet es in Der Dschungel sehr schnell.)

Monika Maron
Es müssen nicht alle Männer mit der Waffe kämpfen. Außerdem kämpfen auch Frauen, 20% habe ich gelesen. Aber daß die Mütter mit den Kindern fliehen, ist doch das Vernünftigste, was Menschen tun können, ihre Zukunft schützen. Ich habe übrigens nichts gegen Helden.

ANH
Es gibt keine Helden, und die es gab, sind entsetzlich. Das wissen Sie selbst. Die Kämpferinnen und Kämpfer in der Ukraine sind Menschen, die in Notwehr kämpfen. Und es ist grandios, mit welchem Mut und welcher Bereitschaft sie sich verteidigen. Helden aber sind sie nicht. Wer den Begriff “Held” verwendet, macht sich zum Täter. (Franz Schubert war gewiß kein Held, Johann Sebastian Bach auch nicht – lesen Sie nur mal seine demütigenden Bettelbriefe oder hören Kagels “St. Bach Passion” -, aber beide haben für die gesamte Menschheit höhere Werte geschaffen als, wer fällt mir ein?, na gut, der “rote Baron” oder Montgomery oder Alexander der “Große”. Herakles war ein Meuchelmörder, Odysseus nicht minder, Achill ein Menschenschlächter wie Hektor, sein Gegner. Und und und. Wenn wir uns jetzt wieder dieser Sprache bedienen, ebenso wie, wenn wir “Nation” – jede ist → auf Krieg gegründet – für einen Wert halten, werden wir Kriege fortsetzen und fortsetzen. Ich selber bin, das wissen Sie, ein höchst kämpferischer Mensch und in meinem Leben sehr viele Risiken eingegangen, auch solche, die den Tod riskierten, aber Krieg lehne ich ab, werde also niemals Krieger sein. Und bin dafür sehr dankbar. Sie, Frau Maron, sind gerade dabei, sich schuldig zu machen, s c h w e r schuldig – wenn auch, was ich sofort zugestehe, aus guten, weil menschlichen und also nachvollziehbaren Gründen.)

Monika Maron
Held ist kein Beruf. – Und wenn Sie mir nun bitte noch erklären wollten, womit ich mich schwer schuldig mache?

Peter H. E. Gogolin
Zumindest mich machen Sie sehr ärgerlich mit diesem Heldengerede, liebe Frau Maron. Ich weiß nun nicht, ob Sie von den Medien noch sonderlich wahrgenommen werden, aber falls nicht, so könnte man das sicher auffrischen. Wie wäre es mit einem Artikel in der ZEIT “Ich habe nichts gegen Helden – Monika Maron zum Ukraine-Krieg”. Das würde doch was bringen, oder hatten Sie das eh schon vor?

ANH
Ich finde Gogolins, mit dem ich sehr befreundet bin, Anwurf nachvollziehbar, aber unangemessen, weil ebenfalls eine ironische Attacke. Sowas bringt uns nicht weiter. – Weshalb aber Sie sich aus meiner Sicht schuldig machen, steht oben schon in meiner Antwort auf Ihr rhetorisches “Es ist schon Krieg”. Solche Aussagen – in diesem Zuammenhangshof – lassen (oder sollen es lassen) etwas fühlbar werden, das noch nicht ist – als etwas, das aber werden solle. Da ich meinerseits dagegen kämpfe, daß es werde, nämlich ein – aus NATO-Verpflichtung – gesamteuropäischer und sehr schnell atomar geführter Krieg, werde ich mit Recht alle schuldig nennen, die ihn riskieren wollen.

Monika Maron
In der Ukraine ist Krieg. Das habe ich gemeint, der Rest ist Ihre Interpretation. Ich gehe davon aus, daß Sie und Ihr Freund Putin auch das Baltikum , vielleicht auch Polen überlassen würden, weil es ja sonst einen Atomkrieg geben könnte. Ich denke, es ist nicht so einfach mit der Schuld und der Unschuld.

Peter H. E. Gogolin
Ich bekenne, ich war ironisch zu Frau Maron, doch finde ich das nicht unangemessen. Für mich ist die Ironie die Verkleidung, die das Licht der Vernunft wählt, wenn im dräuenden Dunkel der Kampfarena die ernsten Argumente aufeinander einschlagen.
PS: Keine Angst um Polen, liebe Frau Maron, Präsident Biden hat es doch heute → zur “heiligen” Pflicht erklärt, Polen zu verteidigen. Putin soll nicht einmal daran denken, auch nur einen Zentimeter auf NATO-Gebiet vorzudringen. Da ist also alles gut, sonst bekommen wir am Ende noch “heilige Helden” oder Helden, die ihre heilige Pflicht tun. Und Gogolin in Polen, das Land meiner heiligen Herkunft, wäre dann genauso verwüstet wie der Rest der Welt. Das wollen wir doch alle nicht, oder?

ANH
Daß in der Ukraine Krieg herrscht, haben wir alle gewußt. Wenn Sie es uns noch einmal schreiben, hatten Sie einen anderen – bewußt ungenannten – Grund, als zu informieren, daß er sei. Sie wollen rhetorisch manipulieren. Insofern ist “der Rest” nicht meine Interpretation. — Und, nein, es ist s c h w e r mit der Schuld, deren Gegenteil, im Fall eines Atomkriegs sowieso, ganz sicher nicht Unschuld ist – ein Wort, das einen völlig anderen (Mit)Bedeutungshof als “Schuld” hat. “Unschuld” per se ist sexuell belegt, “Schuld” nicht (es sei denn, es liegt eine strafbare Handlung vor); Sie sind in Ihren Begriffen leider nicht präzise. – Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, zur Vermeidung eines Atomkriegs würde ich nicht nur Polen, sondern auch Deutschland Putin überlassen, sogar ganz Europa – allein schon, um das Leben meiner Kinder zu schützen, das im Fall des Atomkriegs vorbei wäre. Es ist dies Vaterpflicht, und Mutterpflicht genauso. Außerdem hieße solche “Überlassung” ja nicht, keinen Widerstand mehr zu leisten. Der, und zwar auch bewaffnet (ich bin kein Pazifist), ginge selbstverständlich weiter, aber eben “konventionell”. Und von mir mitgetragen. Ein Atomkrieg aber wäre das Ende j e d e r Menschlichkeit, jedenfalls in großen Teilen der Erde. Wie die dann aussähe, haben uns zahllose Dystopien schon vor Augen geführt, woran auch ich selbst mitgewirkt habe. Meine Vorstellungskraft ist zu plastisch, selbst meine, ich schreib mal, “Vorhersagen”, vor allem in dem → Thetisroman, waren zu erschreckend genau, um auch nur das Risiko eines Atomkriegs für eine “quantité négligeable” zu halten. Wie es offenbar Sie tun. Sollt’ ich mich da irren, bät ich um Verzeihung.

Sonntag, 27. März 2022, 8.52 Uhr

Monika Maron
Wenn Sie sogar über meine Motive besser Bescheid wissen als ich, können wir das hier beenden.

ANH
Das können wir so oder so. (Ich weiß über Ihre Motive v i e l l e i c h t besser bescheid, vielleicht auch sehr viel schlechter oder auch gar nicht. Also nehme ich Ihre Wörter beim Wort. Was Poeten halt so tun. Doch nebenbei: Es gab durchaus schon Menschen, die über meine Motive besser bescheid wußten als ich oder mir halfen, sie erst zu erkennen. Insofern ist Ihr Argument neuerlich rhetorisch. – Im übrigen habe ich geschrieben: “Sollt’ ich mich da irren, bät ich um Verzeihung.” Insofern mein “Bescheidwissen” schon selber infrage gestellt.) Festhalten können wir, daß Sie einen Atomkrieg inkauf nehmen würden. Und nochmals g e f r a g t: Oder irre ich mich da?

Monika Maron
Sie irren sich.

ANH
Gut.

Ukraine-Dialoge XIII: Wenn wir’s dann noch schaffen. Elfenbeinverlag | ANH

 

 

Freitag, 25. März 2022, 12.53 Uhr

Elfenbein Verlag
Wie geht es → der Verwirrung?

ANH
Du, ich bin ziemlich verzweifelt, kann an nichts mehr denken und auch über nichts mehr schreiben als den Ukrainekrieg – und biete momentan all meine Kraft auf, um gegen den von jetzt so vielen gerade Künstlern geforderten NATO-Eintritt anzuschreiben, der mit hoher Sicherheit einen atomaren Krieg bedeuten würde oder, um es sehr böse zu sagen: Wenn die Ukraine untergeht, gehen halt wir alle unter.
In meinem Leben habe ich noch nicht solche Angst gehabt, nicht um mich, aber um meine Kinder. Gegen diese Gefahr ist alles, was ich schreibe, überarbeite und versuche von ungeheurer Lächerlichkeit, sinnlos, banal, ein luxuriöser Pups. Wenn ich nicht jeden Tag gegen diesen Kriegsvirus anschriebe, hinge ich in tiefster verstummter Depression.

Elfenbein Verlag
Ich verstehe Dich. Du musst anderes schreiben. Mach das. Ich kann die “Verwirrung” auch in der alten Fassung wiederauflegen. Bin sowieso davon überzeugt, dass man an Altem nicht herumdoktern soll, sondern Neues wagen. Aber bitte denke positiv: Dum spiro, spero.

ANH
Bitte, bitte nicht die alte Fassung! Sie ist teils unerträglich! Ich habe nur noch hundert Seiten vor mir und schon so viel Zeit hineingesteckt, konnte nur nach diesem Kriegsausbruch nicht mehr weiter – mit nichts. Ich kriege es nicht einmal mehr hin, die dringend nötige Coronahilfe-Abrechnung zu machen. Aber auf keinen Fall die alte Fassung! Wenn d i e neu herauskommt, werde ich ein für alle Mal zu schreiben aufhören. Daß sie als alte Fassung im Antiquariat zu kriegen ist, ist in Ordnung, gehört zur Geschichte. Als Neuausgabe aber wäre es ein Armutszeignis, das durch mein gesamtes Werk einen Strich macht.

Elfenbein Verlag
In Ordnung, dann warte ich weiter. Gib Dir einen Ruck, ich mache ja auch alles weiter. Denk an Martin Luther, an den Apfelbaum.

ANH
Ich versuche es heute mit Lexotanil, ein Mittel, daß mir bei schweren Depressionen fast stets geholfen hat. Ich muß es vorsichtig dosieren, da das Suchtpotential extrem ist. Aber pro Woche eine halbe Tablette geht, vor allem, weil sich das, sind die Emotionen erst mal gedämpft und nur noch die kalten Verstandeskräfte da, bei mir immer als ein selbst weitergaloppierendes Phänomen herausgestellt hat. Selbst nach meinem Suizidversuch anfang der Achtziger reichten insgesamt ein oder zwei Tabletten hin, mich in kürzester Zeit wieder auf Reihe zu bringen. Ich habe dann zwar keine Gefühle mehr, aber kann strikt vor mich hinarbeiten.

Elfenbein Verlag
Es tut mir alles sehr leid, lieber Alban. Denk an Deine Kinder. Sie brauchen Dich. Mit Optimismus. Das ist auch Teil unserer Vaterrolle. Und unter uns: Es wird keinen Atomkrieg geben. Vorher werden sich die Russen schon von Putin befreien.

ANH
Doch. Es wird ihn geben bei Intervention. 1) Hat Putin bisher alles getan, was er angekündigt hat, 2) Sprach Lawrow heute davon, der Westen habe Rußland den “totalen Krieg” erklärt, 3) hat Putin bereits 2018 vor einem Presseclub die eigene Märtyrerbereitschaft bekundet, und zwar 4) immer und immer wieder mit Bezug auf die Offenbarung des Johannes. Wer da in den Krieg reingeht und, wie mein PEN-Präsident tat, sagt: Putin werde es schon nicht tun, geht ein Risiko ein, das nur noch verbrecherisch genannt werden kann.
Meine Kinder: Mit लक्ष्मी und meinem Sohn habe ich abgesprochen, daß sie so schnell wie möglich ihre Reisepässe gültg bereitliegen haben müssen und möglichst auch schon ein 3-Monats-Visum in ein Land ihrer Wahl. Bei लक्ष्मी und den Zwillingen wird es Indien, nämlich Agra, sein, wo ihre Tante am College lehrt, oder Kolumbien, wo ihre beste Freundin lebt; bei Adrian wahrscheinlich ebenfalls Südamerika. Wo er hingeht, werde auch ich dann hingehen. Wenn wir’s dann noch schaffen.

Ukraine-Dialoge XII: Luftschutzbunker für Pferdchen ODER Was Krieg mit unsern kleinen Kindern macht, auch wenn er – direkt – noch nicht da ist. Ricarda Junge | ANH (Whatsapp)

[Hier noch als Nachtrag von 10.53 Uhr:
FAZ online zu → Für&Wider eines
NATO-Eintritts in den Ukraine-Krieg.]

 

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Dienstag, 23. März 2022, 21.35 Uhr

Ricarda Junge[1]Zu ihrem schriftstellerischen Werk insgesamt siehe → Wikipedia. Für ihren Lebenserwerb arbeitet sie als Lehrerin.
(…) Das Mey-Video mag ich sehr, habe ich letztes Jahr mit meiner sechsten Klasse im Unterricht besprochen. Passt jetzt wieder sehr gut. Kenne das Lied noch aus meiner Kindheit.

ANH
Ich kannte es noch nicht. Was mir hier gefällt – und es ist ja tatsächlich nicht meine Musik – ist, daß keine und keiner von den allen wirklich singen kann – aber genau das gibt dem Video die Kraft und macht es uninteressant, ob es sich um “gute Musik” handelt.

Ricarda Junge
Ich verstehe, was du meinst. Ich mag Reinhard Mey ja sehr. Ich glaube, ursprünglich richtete sich das Lied gegen die Einführung der Wehrpflicht in West-Berlin. Das Lied begleitet mich, seit ich denken kann. Wir hatten es zu Hause auf Schallplatte.

ANH
Manche Lieder gewinnen plötzlich eine erneute, und zwar extreme Relevanz – genauso, wie es auch mit Verdis Requiem unter Barenboim vergangene Woche geschah. Du kennst meinen Text dazu?

Ricarda Junge
Den Text kenne ich, klar!

ANH
Auch Stings “Russians” gehört dazu, das auch nicht “meine” Musik und dennoch, jetzt, grandios ist. Ich habe es vorhin in einer gesondert auf die Ukraine gemünzte Version neu eingestellt.

Ricarda Junge
Heute war ich mit L*** auf dem Spielplatz, sie hatte ihre Pferdchen dabei und schleppte plötzlich lauter Steine an. Was willst du mit den Steinen? – Ich baue meinen Pferden einen Luftschutzbunker.

ANH
Was dieser Krieg mit unseren Kindern macht ..! – Habe gerade ein sehr wichtiges Gespräch mit meinem Sohn geführt, der erst nur kurz vorbeikam, dann drei Stunden blieb. Er und alle seine Freunde wollen von dem Unheil nichts wissen, drängen es weg. Keine und keiner von ihnen wollen eine Waffe in die Hand nehmen. Ich habe ihm gesagt, er müsse mit allen sprechen, und sie sollten sich einen Plan zurechtlegen für den Fall aller Fälle; jeder müsse seinen Reisepaß gültig bereitliegen haben und möglichst auch ein 3-Montats-Visum für das Fluchtland ihrer Wahl. Das ist dann immer noch unsicher genug, aber sie müssen im Fall der Fälle nicht zu planen anfangen, wenn bereits die Panik herrscht, sondern können gleich auf ihre Vorbereitungen zurückgreifen. Sonst sind sie in der Situation der deutschen Juden, die so lange nicht glauben wollten und dann eben n i c h t mehr rechtzeitig herauskamen.

Ricarda Junge
Meine Große will auch nichts davon wissen. Ich bin ebenso besorgt wie du.

ANH
Die ganze Generation will es nicht. Aber das ist die Chance, und deshalb muß sie überleben. I h r ist es egal, ob jemand Deutscher, Franzose, Ukrainer, Russe, Afghane oder sonstwas ist. D a s ist unser Erbe, das diese jungen Menschen so sind, und es war eben n i c h t falsch, ihnen diese Werte zu vermitteln. Sondern sie tragen die Hoffnung weiter und werden sie ihre eigenen Kindern lehren. Deshalb müssen sie auf jeden Fall überleben. Wir – jedenfalls ich, Du bist noch so jung – haben unseren Teil getan, und es kann nur noch darum gehen, daß dieses Erbe weiterwirkt. Mein eigenes Schicksal ist da völlig schnuppe.

References

References
1 Zu ihrem schriftstellerischen Werk insgesamt siehe → Wikipedia. Für ihren Lebenserwerb arbeitet sie als Lehrerin.

Ukraine-Dialoge XI: Einschätzungen aus Rußland. Autor und Übersetzerin zu de Zayas und Baud sowie ein Beitrag Olga Martynovas. Tatiana Baskakova | ANH (3).

Sonnabend, 12. März 2022, 8.01 Uhr

ANH
Ich denke jeden Tag, quasi dauernd, an Sie. Hier ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung von heute früh.

A.

11.52 Uhr

Baskakova
Danke, Albano,

ich fühle Ihr Nah-Sein und Ihre Erreichbarkeit! Auch Olga Martynova schrieb mir und schickte ihren → Artikel.
(…)
Herzlich, Tania

Dienstag, 15. März 2022, 11.08 Uhr

ANH
Liebe Tania, da ich in Der Dschungel erst später darauf eingehen werden – und noch nicht weiß, wie – schicke ich Ihnen hier zwei PDFs[1]Interview Baud, → Interview de Zayas, die, glaube ich, jede und jeder kennen sollte, um Hintergründe des furchtbaren Kriegs zu verstehen, die Sie auch gerne weiterverteilen dürfen.. Sie sind in dieser Schweizer online-Zeitung erschienen. – Über einen Leser, mit dem ich korrespondiere, kam ich auf diese Dastellungen. Besonders die eine ist ausgesprochen akribisch. Beide Autoren waren bei der UNO beschäftigt, einer sogar bei der NATO. Beide sind Wissenschaftler, Forscher.
In der Hoffnung, daß es Ihnen nach wie vor einigermaßen gut geht, bleibe ich in unverbrüchlicher Freundschaft
Ihr Albano

12.20 Uhr

ANH
Postskiptum: Wegen Baud müssen wir aber auch vorsichtig sein. Ich schicke Ihnen hier noch die deutsche Übersetzung der französischen Wikipedia über ihn. Also seine Bewertungen kritisch sehen; wichtig sind aber die Fakten (also Daten).
A.

18.15 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

das Interview mit Jacques Baud scheint mir höchst tendenziös und unglaubwürdig. Z.B.: «Ja, in unseren Medien wird es so dargestellt, dass die Russen alles zerstören würden, aber das stimmt offensichtlich nicht». Ich sah schon Unmengen von Photos mit den zerstörten Städten, getöteten Kinder, Strömen von Flüchtlingen. Ich ruf täglich zweimal meinen nahen Freund in Kiev an und frage ihn, ob in der Nacht Bombardierungen waren (in Kiev war es bis jetzt relativ ruhig.). Ich las ein Tagebuch von meiner Bekannten, einer ukrainischen Übersetzerin (auf Deutsch publiziert), die in einem kleinen Städchen in der Naehe von Kiev wohnte und die vor zwei Tagen gezwungen war, wegen der Bombardierungen diesen Ort zu verlassen.
Über die Krim (in 2014) hatte Putin am Anfang gesagt, es seien dort keine russische Soldaten gewesen, um aber später zu erklären, daß — doch — die Armee dort benützt wurde. Ich kenne auch persönlich die Leute, die nach 2014 die Krim verlassen haben und in die Ukraine gingen.
S. 14: «Daraufhin hat Putin einen Artikel geschrieben, indem er die historische Entstehung der Ukraine erklärt. Er hat kritisiert, daß man zwischen Ukrainern und Russen unterscheidet usw. …Ich habe den Artikel gelesen, er ist absolut sinnvoll». Das ist Unsinn. Es sind verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen. Die ukrainische Kultur wurde in den Dreißiger Jahren fast völlig eliminiert. Daher stammen diese — unrechten — Maßnahmen gegen die russische Sprache in der heutigen Ukraine. Mariupol, Charkiw, Cherson sind Städte mit russischsprachiger Bevölkerung, dort protestieren die Leute jetzt gegen Putin.
Ich selbst war in der Ukraine in 2014, ganz kurz vor dem Krieg (dann noch in 2015, 2018). Damals gab es dort (in Kiev) gar keinen Haß gegen Russen, ich hatte einen Leseabend dort, las auf Russischen, man fragte mich etwas auf Ukrainisch oder auf Russisch, egal, ich verstand die Menschen, antwortete aber auf Russisch, es war ganz normal. Ein Teil von Russland werden wollte aber niemand. Die Rechtsextremisten allerdings existieren dort, gewiss. Ihre politische Wirkung aber ist nichtig. Sie werden sich jetzt, nach dem Krieg, verstärken, denke ich.
Und der Artikel von Dr. Alfred de Zayas? Ich verstehe sehr gut seine und Ihre Sorge: der Atom-Krieg darf nicht beginnen. Das Problem ist, dass die Ukrainer nicht bereit sind, das Opfer dafür zu werden, ihre Verwandten und Kinder zu verlieren. Und wer bin ich, um ihnen etwas zu raten oder nur diese Erlösungs-Variante zu propagieren, zu publizieren? Eine Bürgerin eines Staates, der ihr ganzes Leben zerstörte und jetzt noch zerstört?
Mir geht es gut genug, und ich schätze Ihre Freundschaft sehr und die Möglichkeit, mit Ihnen ganz offen zu sprechen,
Ihre Tania

18.29 Uhr

ANH
Liebe Tania,
ja, ich finde Bauds Wertungen und Persektiven ganz wie Sie hoch problematsísch, habe das eben in Der Dschungel auch geschrieben.
Und was Sie erzählen, glaube ich sofort. Interessant an Bauds Text sind aber die – hierzulande nahezu unbekannten – Fakten der Daten usw. Seine Sicht auf Putin ist selbstverständlich ebenfalls problematisch; nur hat bisher die Abläufe noch niemand so deutlich herausgearbeitet. Das heißt, alles wegstreichen, was bei Baud Ideologie, Parteinahme, auch Verschweigen ist und immer nur das lesen, was reine Information ist. In d i e s e m Sinn ist der Text wichtig.
(Ich muß immer wieder an meinen Stiefvater, einen Völkerrechtsjuristen, denken, der als eingefleischter CDU-Mann immer nur linke Zeitungen las, und zwar mit dem Argument: “Da merke ich, wo ich betrogen werde; bei meinen eigenen Leuten aber nicht.” Er bildete sich seine politische Meinung fast ausschließlich über die ihm kenntlichen Fehler des Gegners. In d i e s e m Sinn habe ich auf Bauds Text hingewiesen. Übrigens ist, aber das werden Sie in meinem Beitrag verlinkt finden, auch der englische → Guardian hier kritisch. – Worum es im Westen geht, ist, daß man auch sehen muß, Mitschuld an dem Krieg zu tragen, nämlich über die NATO und übers aktive Wegsehen. Bei Putins gräßlichem Tschetschenienkrieg hat niemand Sanktionen verhängt, obwohl da nachweislich Völkermord stattfand. Sondern irgendwie war er dem Westen ganz recht; es ging ja u.a. gegen Islami.
Doch ganz unabhängig davon, deshalb mein letzter Absatz, und wer immer Schuld und Mitschuld hat – daß dies alles auf dem Rücken der jetzt furchtbar leidenden ukrainischen Bevölkerung ausgetragen wird sowie auf dem der Russinen und Russen, die sich gegen Putin stellen, ist nicht zu ertragen. Die nationalistischen und teils revisionistischen Äußerungen Kulebas sind es aber auch nicht. Wann immer nach “Ruhm” gerufen wird – nach “Sieg”, nach “Helden” -, ist etwas ganz, ganz schlimm.)
Ihr Alban

18.37 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

falls Sie es nützlich finden, könnten Sie meinen Brief — mit meinem Namen — veröffentlichen. Nur mit einer Bemerkung, daß es ein Privatbrief, geschrieben vor der Publikation, war (weil Sie selbst schreiben, Sie glauben diesem Interview nicht gänzlich, — meine Antwort würde sonst überflüssig).
Und ja, ich verstehe, was Sie mit Mitschuld des Westens meinen, das Interview selbst aber scheint mir nicht sehr original — es ist die übliche Argumentation von Putin selbst.
Ihre Tania

ANH
Das finde ich ganz, ganz großartig. Aber nicht als Kommentar, sondern als Fortsetzung auch unseres Ukraine-Dialoges, wovon es ja schon zwei Stücke gibt. Das wäre dann der dritte, und er bezöge sich auf den heutigen Beitrag. So wird auch zugleich der Erkennnisprozeß-selbst prozessual thematisiert, was, wie wohl kaum jemand so gut weiß wie Sie und Elvira, meinem poetologischen Ansatz insgesamt entspricht.
Und, selbstverständlich: Wenn ich den Beitrag fertiggebaut habe, schicke ich ihn Ihnen zur, wenn nötig, Korrektur oder auch für Ergänzungen. Vor allem will ich Ihnen ja auf keinen Fall schaden; Sie können einfach besser als ich abschätzen, was erscheinen darf und was nicht.
Einverstanden?

Baskakova
Ich bin einverstanden, dann warte ich auf den Entwurf.

Tania

Mittwoch, 16. März 2022, 22.25 Uhr

Baskakova [unkorrigierte Umlaute nach Email]
Lieber Albano,

Mit dem Text der Publikation ist (fast) alles gut. Nur Umlaute habe ich hinzugefuegt (in E-Mails kann ich sie nicht benuetzen). Und ein Datum korregiert.
Ich schicke Ihnen einige meine Photos. Wenn Sie moechten, koennen Sie sie einmontieren.
Herzlich, Tania

_____________________________________
[Bilder von oben nach unten:

1 Ein Haus in Kiev, Jaroslawiw Wal 15-b, dekoriert mit vergrö-ßerten alten Photos.
2 Baskakova mit dem ukrainischen Übersetzer aus dem Deutschen → Mark Belorusez. (Ukrainisch-Belorussisch-Russischer Übersetzerworkshop „Günther Aichs Mädchen aus Viterbo“, organisiert durch die Goethe-Institute in Kiew und Minsk, Kiew 13-15.6.2015 / Minsk 18.-20.11.2015.
3 Kiev, 3.7.2018. Zwei junge Schauspielerinnen lesen aus Jewhenija Bjelorussez‘ → Glückliche Fälle. (Ins Deutsche übersetzt von Claudia Dathe, Matthes & Seitz, Berlin, 2019)
4 Plakat (Ausschnitt) der Ankündigung zu Tatiana Baskakovas Vorstellung ihrer russischen Übersetzung des Romanes Hundsnächte von Reinhard Jirgl, Kiew 2008.]

References

Ukraine-Dialoge X, nämlich zur Tragik: Anatomie des Kriegs (2), auf den Menschenrücken ausgetragen. Dazu Jacques Baud sowie – im Strom des kollektiven Guten Meinens – das Totschlag”argument” Verschwörungstheorie . Schelmenzunft | ANH (2).

 

[¡ACHTUNG! Die hier beigefügten Dokumente, vor allem Jacques Bauds,
sind mit Vorsicht zu rezipieren. Siehe
wikipédia.fr[1]Wobei Wikipedia sich hier auch selbst rügt: “Cet article ne cite pas suffisamment ses sources (août 2009). Si vous disposez d’ouvrages ou d’articles de référence ou si vous … Continue reading (→ dort die deut-
sche Übersetzung). Doch die faktischen Daten, die anderswo aber kaum
je genannt werden, lassen sich überprüfen. Und man darf nicht vergessen,
daß “Verschwörungstheorie” unterdessen ein Narrativ-für-sich ist, das die-
jenigen, die es verwenden, von einer tatsächlichen Gegenargumentation
komplett freistellt. Auch insofern wäre es – und ist‘s –  n a i v anzunehmen,
Desinformation finde nur auf einer der beteiligten Seiten, in diesem Fall
Putins, statt. Machen wir’s uns bitte bewußt, daß auch wir in fast restloser
Unklarheit leben. Bei uns ist Propaganda nur feiner, weil sie der spür-
baren,
geschweige denn physischen Unterdrückung von Menschen
schon lang nicht mehr bedarf. ¡ACHTUNG!]

Sonntag, 13. März 2022, 21.50 Uhr

Schelmenzunft
Mit → das Beste zur Einordnung des Krieges, das ich bisher gelesen habe.

Montag, 14. März 2021, 12.14 Uhr

ANH
Mir gefällt dieser Artikel g a r nicht, vor allem, weil er außer acht läßt, daß in der Ukraine Krankenhäuser, psychiatrische Institutionen, Kinderheime usw. bombardiert werden, flächendeckend geradezu, zivile Wohngebiete sowieso. Da einen blinden Fleck zu haben, kann nur einem – ausgerechnet! – leninistisch orientierten Marxisten passieren – wobei ich schon “passieren” falsch finde; der Autor verschweigt es ganz bewußt. Ich kann mich, was die Vorwürfe gegenüber der NATO anbelangt, an nicht einen Einsatz erinnern – der NATO, wohlgemerkt, nicht der USA -, in dem flächendeckend die Zivilbevölkerung unter Beschuß und Bambardement genommen worden ist, in dem zudem mögliche Schäden an AKWs entweder inkauf genommen wurden oder sogar beabsichtigt waren. Schon gar nicht hat die NATO jemals in der militärischen Krise mit einem atomaren (Erst)Schlag gedroht. Nicht einmal den USA-allein, sonst immer mal für ein militärtaktisches Völkerrechtsvergehen gut, ist dergleichen nachzusagen. Ebenso wenig sieht dieser – im Ernst: zugleich dumme wie gemütlose – Autor das tatsächlich mafiose Machtnetz, dessen Genese mit Mussolinis Fascismo verglichen werden kann und wahrscheinlich sogar muß – wie es soeben sehr eindrücklich Inosemzewgetan hat.

Schelmenzunft
Habe ich mir gedacht. A(ber) auch → dieser hier gibt ziemlich genau das wieder, was sich in meinem Inneren als wahrscheinlichstes Narrativ gespeichert hat.

ANH
Danke, das interessiert mich s e h r. Und nein, ich gehöre eben nicht zu denen, die “Rußland” (dem ja nun schon gar nicht) die alleinige Schuld geben; daß aber Putin ein Völkerrechtsverbrecher war und ist, steht wirklich schon seit langem fest; er ist, kurz gesagt, ein Massenmörder. Der Skandal ist, daß man ihn dennoch hofierte und bei ihm (siehe Krim) geradezu “ein Auge zugedrückt” hat – wie auch bei den Völkerrechtsbrüchen der USA n a c h Vietnam. Nur, wie ich schon schrieb, waren dies militärische Rechtsbrüche, die aber nicht flächendeckend Zivilisten ins Ziel nahmen. Wenn Ihnen etwas anderes bekannt ist, wäre ich für Belege, möglichst mit Links, dankbar.
Eine gute Übersicht verschafft Peter Wahl, ich habe es eben in Der Dschungel eingestellt.
Wogegen ich mich wirklich verwahre, ist, zu unterstellen, ich ließe mich vom, sagen wir, “Mainstream-Narrativ” leiten. Jeder meiner bisherigen Beiträge sagt etwas ganz, ganz anderes. Bis hin dazu, daß ich fast einen meiner Verlage verloren hätte (jedenfalls empfand ich es so), weil ich die NATO-Osterweiterung als einen der Gründe dieses Krieges nannte. Und ebenso wenig bin ich bereit, davon zu sprechen, es führe “Rußland” diesen Krieg. Putin tut es, mitsamt seiner faschistischen Entourage. Und jetzt auch noch der tschetschenische → Menschenschlächter Kadyrow.

Mit allerdings marxistischen Positionen werde ich in keinem Fall koalieren – mit nichts, was autoritäre Befehlsstrukturen in den gleichsam Genen angelegt hat und zumal mit Menschenbildern operiert (der “gute Arbeiter”), die mit Wirlichkeit nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Ich bin ein – und da tatsächlich dann – F e i n d der politischen Ideologien … – jeder. Daß ich auch mit dem Arbeiter mitleide und auf seiner Seite stehen, und der der “Arbeiterin”, wenn sie bombardiert werden und ihre Kinder verlieren, die vor ihren Augen von Granaten zerrissen werden, ist gleichzeitig gar keine Frage. Mit j e d e m Menschen leide ich da mit, ohne einen Unterschied. Selbst wenn es Putins Kinder träfe, würde ich leiden – die ja nun gar nichts für ihren Massenmördervater können. Und lebenslang, wenn sie dennoch überleben, an dieser Last zu tragen haben werden. WeißGöttin, daß ich weiß, wovon ich hierbei rede!

Dienstag, 15. März 2022, 7.39 Uhr

ANH
In der Tat, einer der besten Texte[2]Gemeint ist die oben verlinkte Darstellung Jacques Bauds., die ich bislang zum Ukraine-Nexus gelesen habe. Ich werde ihn heute ein zweites Mal lesen, um mir einige der Daten einzuprägen, und eine → PDF daraus erstellen. Auffallend ist allerdings, wie oft wiederholt wird, daß Putin ein nüchterner, strategisch abwägender Mann sei – was ich, vor allem dieses “nüchtern”, mit seinen geradezu apokalyptisch-(nach Johannes)-messianischen Äußerungen nicht recht zusammenbringe; das klingt dann s c h o n sehr nach Mussolini.

11.44 Uhr

ANH
Aber mitgedacht werden, zu Baud, muß auch, was → wikipédia.fr zu ihm schreibt; → dort die deutsche Deepl-Übersetzung. Den übermittelten Fakten, ich meine D a t e n, nimmt das selbstverständlich nichts. Nur unsere Schlüsse müssen wir, wie immer, ganz für uns selber ziehen. (Wobei das Wort “Verschwörungstheorie” mittlerweile, auch dessen bin ich mir bewußt, eine rhetorische Keule geworden ist, mit der sich allein durch Nennung jedes nicht dem kollektiv gewordenen Narrativ folgende Argument argumentlos aus der Welt bringen läßt.)

15.18 Uhr

Schelmenzunft
Hier noch ein „Seitenstück“ dazu aus dem Guardian.
Ihr Schelmenzunft

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Die sich zunehmend abzeichnende, für die bombardierten Menschen höchst infame Tragik auch dieses Krieges wieder läßt sie in Massen zu schwer leidenden “Spiel”figuren von Interessen werden, die auf keiner Seite Rücksicht kennen, sondern eben nur diese | und ihre, “wenn es denn sein muß”, Durchsetzung um jeden Preis, und sei es Tausender, Zehntausender Toter und Versehrter, ob Säuglinge, Alte, Kinder – ganz gleich, ob Mädchen, ob Bub, ob Frau oder Mann. Und wir, die es durchschauen noch immer nicht können, meinen, mit Recht eine der politischen Seiten zu wählen, sei es aus Solidarität, sei es aus Skepsis oder einer Menschlichkeit, die den Interessen aber fehlt, auf deren Seite wir uns stellen. Obwohl wir jene doch nur, die Menschlichkeit, meinen. Der Tragikbegriff trifft.

References

References
1 Wobei Wikipedia sich hier auch selbst rügt: “Cet article ne cite pas suffisamment ses sources (). Si vous disposez d’ouvrages ou d’articles de référence ou si vous connaissez des sites web de qualité traitant du thème abordé ici, merci de compléter l’article en donnant les références utiles à sa vérifiabilité et en les liant à la section «Notes et références»
2 Gemeint ist die oben verlinkte Darstellung Jacques Bauds.
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