Barbara von Nathusius (1922–1998) zugeeignet
Am Tage des pakistanischen Schnees war ich elf Jahre alt geworden und der Vater wieder einmal aus Haus und Land verschwunden. Und diesmal für immer. Wer konnte damals ah-nen, daß er sich knappe zehn Jahre später als einer der Rebellen von Houston outen würde? Sollte jedenfalls meine Tante etwas davon gewußt haben, so bewahrte sie mich vor einer Wahr-heit, die ich, glühender Anhänger der seinerzeit projektierten Raumfahrt, kaum ertragen hätte. Nun waren Vaters häufige Abwesenheiten meiner Tante sowieso lieb geworden, da sie ihr erlaubten, ungestört ihren Verführungskünsten nachzukom-men. Ich erinnere mich, daß keiner meiner Klassenkameraden vor ihr sicher gewesen ist. Von wenigstens sieben Freunden weiß ich, wie sie der Unschuld enthoben wurden, auf daß sie sich zu reifen, selbstbewußten Männern entwickeln konnten. Meine Tante war versessen auf Knaben. Daß jemand jung war, reichte ihr allerdings nicht: es gehörten Schönheit, Charme und eine sehr frühreife Form ironischer Intelligenz dazu, die sie in ihren kindlichen Liebhabern vielleicht erst anzufachen wußte. Brachte ich einen Jungen mit heim, nahm sie ihn stets dreivier Minuten beiseite und führte ein Gespräch, das ihn nicht nur prüfte, sondern, sofern er die Prüfung bestand, auch verdarb. Meine Tante konnte Blicke werfen, die jede Naivetät des Zimmers verwiesen. Mich verwiesen sie darum auch; denn immer wandten sich meine Freunde nachher von mir ab, um mit missionarischem Eifer älteren Schulkameradinnen nach-zustellen. Und hörten erst damit auf, hatten die Mädchen das Stigma ihrer Unberührtheit verloren, indes ich meine puber-tären Weichlichkeiten weder überwinden wollte noch konnte. So muß Langeweile oder ein Akt des Mitleids die Tante end-lich bewogen haben, sich auch meiner Reifung anzunehmen.
Übrigens gab es Gerüchte. Sie war deshalb in der Familie nicht sonderlich beliebt. Wurde ihr solches Gerede hintertra-gen, dann lächelte sie … ich kann nur sagen: jahrhundertealt. Sie war unfaßbar schön. Noch heute sind meine und sicher-lich die Träume all jener von ihr erfüllt, auf die das Auge dieser Frau fiel. Schon gar wird niemand je ihre Schenkel vergessen. Sie sind um unser aller Wangen liegen geblieben.
Am Tage des pakistanischen Schnees beschloß wahrschein-lich ihr Überdruß, die masturbative Pickelei von mir abzu-lösen. Ich erfaßte es unmittelbar aus einem Blick, den mir die Tante zuwarf. Dennoch, sie ließ mich fünf Tage zappeln. Ich war zu weich, zu verklemmt und ängstlich, um sie nicht gleichzeitig zu verärgern. Tatsächlich wurde ich wohl erst durch die erotische Initiation sowie von den Fotografien ei-ner Mondseite aufgeschlossen, zu welcher bis dato Liebende niemals hinaufgeschaut hatten noch jemals hätten hinauf-schauen dürfen. Nur dem verdanke ich, daß sich die Tante zu mir hinabbeugte und ein erstes Mal meine Vorhaut übers Schwänzchen zurückstreifte. Nicht mit den Fingern. Mit den Lippen. Was ihre Zunge dabei tat, raubte mir die Besinnung. Als hätte mich etwas vergiftet, betäubt, gelähmt. Sie pflegte mich, der ich zu Bett lag, so hingebungsvoll wie spöttisch. Sie wollte, daß ich genoß, wie sie ihre Verführung um mich zu-sammenzog. Mein Unterleib pochte, bis er schmerzte. Konnte ich ahnen, daß meine permanent laufende Nase Ausdruck ei-ner Verschiebung war? Am Tag, da Farah Diba für den Schah bereitlag, saugte meine Tante aus mir die Kindheit heraus. Dann beugte sie sich vor, leckte sich noch einmal die Lippen und küßte mich zum Schlafen auf beide geschlossenen Lider.
Ich habe darüber niemals gesprochen. Erst über drei Jahr-zehnte später darf ich das Schweigen brechen und meiner Be-wunderung Ausdruck geben. Denn letztes Jahr ist die Tante gestorben. Noch im Wohnstift ist sie eine mehr als charmante Frau gewesen. Der Meteoritenschwarm aus Leberflecken, der sich über ihre alternden Hände hingestürzt hatte, war darüber völlig vergessen. Zu ihrer Beerdigung erschienen um die ein-hundert Männer. Es gab weit und breit keine Frauen. Zum großen Teil kannte ich die Leute nicht, außer den sieben Ka-meraden der Schulzeit. Wir sahen uns nur an und gingen, ohne miteinander gesprochen zu haben, auseinander, nach-dem wir der Tante unsere Seelen mit Händen voll Erde ins Jenseits hinterhergeworfen hatten.